Wie teuer ist die Schmusekatze? Finnische Schüler berechneten im Projektunterricht die Kosten für die Haustierhaltung. Foto: dpa
Finnlands Schulen setzen auf fächerübergreifenden Projektunterricht. Die einstigen Vorreiter bei der Pisa-Studie drohen im Ländervergleich abzurutschen.
Die Fünftklässler an der Hiidenkivi-Gesamtschule in Helsinki haben zehn Wochen Projektunterricht über „Verbraucherfertigkeiten“ hinter sich –von den 27 Schülern in der Altersgruppe knapp über zehn Jahren als Thema selbst gewählt. Dreimal pro Woche je eine Doppelstunde ging es dabei um die Beantwortung von Fragen, die sie gemeinsam mit den Lehrern unter anderem für Mathe und Kunst als wichtig geortet hatten: Wie berechnet man die Kosten für den Hund oder die Katze zuhause, wofür geht das eigene Taschengeld drauf, wofür das der Großen in der 9. Klasse, und was steckt hinter dem Aufkleber „Fair Trade“ auf den Bananen? Man studiert gemeinsam Zeitungsartikel und geht zu Interviews in Geschäfte.
„Mansplaining. Die Statue“: Auch online wird über das Phänomen diskutiert. Foto: Screenshot: Twitter (@SadDiego)
Schwedische Gewerkschafter kämpfen mit einer Hotline dagegen, dass Frauen durch männliche Belehrung diskriminiert werden. Es gibt auch einige negative Reaktionen.
Der Wahlsieg eines Frauendemütigers in den USA über seine besser qualifizierte Konkurrentin war als überraschende Fanfare einfach Zufall. Aber was für einer. Schwedens größte Angestelltengewerkschaft Unionen hat diese Woche eine „Mansplaining-Hotline“ für alle eröffnet, die Hilfe gegen ein bestimmtes männliches Verhalten am Arbeitsplatz suchen: Wenn sich der Chef oder auch ein Kollege herablassend, belehrend sowie endlos schwadronierend zu einem Thema auslässt, das die Untergebene oder Kollegin eigentlich selbst besser beherrscht. Mansplaining, zusammengesetzt aus dem englischen „man“ und „explaining“, hat sich auch bei den Skandinaviern als Begriff für diese Belästigung oder Diskriminierung bei der Arbeit durchgesetzt.
Virtuoser Berlin-Roman mit sexbesessener Identitätssuche
01.11.2016
Gerhard Falkner auf der Frankfurter Buchmesse 2016. Foto: Arno Burgi
Arno Burgi
Gerhard Falkners Romandebüt im reifen Alter ist ein fantastisches Berlin-Porträt – vor allem der Vorwende-Zeit. Seinen sexbesessenen Ich-Erzähler schickt er auf eine wilde, sprachlich genussreiche, manchmal etwas zu virtuos konstruierte Suche nach Identität.
Von Thomas Borchert, dpa
Berlin (dpa) – Der Einstieg macht neugierig und verspricht handfest einiges zum Nachdenken: “Wenn man verliebt ist und gut gefickt hat, verdoppelt die Welt ihre Anstrengung, in Erscheinung zu treten.”
Für seine wilde Natur ist die Insel bekannt. In jüngster Vergangenheit zog die Politik nach. Foto: Íslandsstofa/ Promote Iceland
Die Aussischten für die isländischen Wahlen am heutigen Samstag lassen sich mit den Wetterverhältnissen des Landes vergleichen: Es wird stürmisch.
Die handfeste Aussicht auf eine Ministerpräsidentin von der Piratenpartei klingt genauso wild, wie ein Wetterbericht für Island: In Reykjavik Herbststurm mit eimerweise Regen, um die Ecke am Nationalpark Thingvelllir der erste schwere Busunfall mit Touristen bei Schnee mit Glatteis. Und hinter noch ein paar Bergen im einsamen Reykholttal strahlender Sonnenschein mit Aussicht auf eine kleine rotgrüne Holzkirche.
Das norwegische Nobel-Institut in Oslo. Foto: imago
Das Nobelpreiskomitee bleibt seinen Gewohnheiten treu: Freudig überraschen, Kritik abbürsten
Die Vorliebe der Osloer Nobeljuroren für Überraschungen hat krachende Kritik an Preisvergaben der letzten Jahre und hässlichen internen Streit unbeschadet überstanden.
Dass der Friedensnobelpreis kurz nach dem Nein der Kolumbianer beim Referendum über das Abkommen zur Beendigung des Bürgerkrieges in dieses Land gehen würde, galt als unwahrscheinlich: Der prestigeträchtigste Preis der Welt gegen einen gerade erst erklärten Volkswillen? Schwer vorstellbar. Aber dann erklärte Komiteechefin Kaci Kullmann Five verblüfften Journalisten, die Südamerikaner hätten „ja nicht gegen den Frieden gestimmt, sondern nur gegen ein bestimmtes Abkommen“.
Literatur: Wie die Stones Partner entsorgt und Kunst kreiert haben
Rund eine halbe Millionen Besucher kamen zum Gratiskonzert der Rolling Stones auf Kuba. Foto: Alejandro ErnestoFoto: Alejandro Ernesto
von Thomas Borchert
06.10.2016 – 12:12 Uhr
München (dpa) – Noch ein Buch über die Rolling Stones. Jeder weiß doch, dass sie seit Ewigkeiten kein nennenswertes Album mehr zustande bekommen haben und bei Konzerten vor allem abkassieren wollen.
Hunderte Bücher sind geschrieben über das halbe Jahrhundert von Mick Jagger und Keith Richards als verbittertem Paar, das einzig Geld zusammenhält. Rich Cohen erzählt diese Geschichte in «Die Sonne, der Mond & die Rolling Stones» über 500 Seiten noch mal so gut, dass sie frisch, lebendig und spannend ankommt, obwohl endlos oft gehört.
Perfekte Mischung aus Unterhaltung und Nutzen: In Kopenhagen entsteht eine Müllverbrennung mit integrierter Skipiste. Unumstritten ist der Bau nicht. Foto: Christoffer Regild
Schildbürgerstreich oder geniale Idee: Die Dänen bauen in Kopenhageneine Müllverbrennungsanlage mit Skipiste auf dem Dach.
Von THOMAS BORCHERT
Die Redaktion der Cumhuriyet wird nach unzähligen Drohungen gegen ihre Journalisten rund um die Uhr bewacht. Foto: dpa
Gegen jeden Widerstand retten sie Menschen, kämpfen für Meinungsfreiheit und gegen archaische Strukturen. Das sind die Träger des Alternativen Nobelpreises.
Die vier Träger der Alternativen Nobelpreise in diesem Jahr spiegeln Bedrohungen von Menschen und ihrer Freiheit an akuten Brennpunkten wieder: Die syrischen „Weißhelme“, ein Netzwerk von 3000 Freiwilligen, kämpfen unter Lebensgefahr um die Rettung von Verschütteten nach Bombenangriffen, dürfen aber in Städten unter Kontrolle des Assad-Regimes nicht ausrücken. Read the rest of this entry »
Zu viel Druck von zu vielen Seiten: Yahya Hassan. Foto: imago/Dean Pictures
Zu viel Druck von zu vielen Seiten: Yahya Hassan. Foto: imago/Dean Pictures
Dänemarks junger Ausnahmedichter Yahya Hassan wird für Schüsse auf seinen Verfolger verurteilt.
Fucking wütend auf meine Elterngeneration“ hat Yahya Hassan als 18-Jähriger unwiderstehlich sprachgewaltig und enorm selbstbewusst die öffentliche Bühne in seinem Land wie ein Superstar erobert. Mit 21 legt Dänemarks meistgelesener Lyriker, Sohn palästinensischer Flüchtlinge, jetzt eine Pause ein – zwangsweise. Ein Gericht in Aarhus verurteilte Hassan am Freitag zu 21 Monaten Haft, weil er einem hartnäckigen jungen Verfolger in den Fuß schoss.
Auf den steilen Aufstieg ist ein genauso steiler Abstieg gefolgt. Der Jubel, als Yahya Hassan die im Populismus erstarrte dänische Debatte um Zuwanderung und Integration wieder antrieb, ist verstummt. Am Ende blieben die 35 Anklagepunkte. Von Zechprellerei über wiederholtes Autofahren ohne Führerschein (dafür mit Haschisch im Blut), Stalking der Ex-Freundin, Schlägereien bis zu Schießen ohne Waffenschein.
„Er ist der wichtigste Dichter unserer Zeit, der (…) die gesellschaftliche Kraft der Literatur in der Gesellschaft bewiesen hat,“ befand der Kulturchef der Zeitung „Politiken“, Jes Stein Pedersen. Gemessen an der Bevölkerungszahl entspricht die Verkaufszahl der Gedichtsammlung Hassans einer deutschen Auflage von 1,8 Millionen. 120 000 Dänen konnten in der poetischen, gnadenlosen und streckenweise herzzerreißenden Abrechnung mit der Elterngeneration in den Migranten-„Ghettos“ lesen: „Denn neulich schlug Vater meine Schwestern nieder auf offener Straße. Er war zurückgezogen ins alte Ghetto. (…) Er ist islamisch verheiratet, aber getrennt lebend bei der Kommune. So dass seine Frau eine alleinstehende Mutter ist bei der Sozialbehörde.“ Und: „Wir hatten keinen Plan, denn Allah hatte Pläne für uns.“
Ganz Dänemark, von rechts bis weit nach links, bestaunte diesen auch im TV-Interview unerschrockenen, sprachgewandten und reaktionsschnellen jungen Mann, der sich einen Dreck um Konventionen scherte. Dann jubelte ganz Dänemark.
Die seit zwei Jahrzehnten dominierenden Rechtspopulisten nickten eifrig, weil ihre Anklagen gegen „muslimische Nassauer“ endlich aus erster Hand bestätigt wurden von einem, an dem keiner vorbei konnte. Die andere Seite freute sich unbändig, weil da eine unverbrauchte „authentische“ Stimme Integration ganz anders anging als mit ausgeleierten Jammerarien. Denn Hassan griff genauso gerne Rechtspopulisten und andere Islamophoben an wie einfache Heuchler: „Was will der dänische Kronprinz eigentlich beim fucking Staatsbegräbnis in Saudi-Arabien? Die enthaupten Menschen genau wie der ,Islamische Staat‘. Aber da haben wir Geschäftsinteressen.“
Nur nutzte das nichts bei denen, die von Hassans „eigener Community“ reden würden: Kurz nach Erscheinen der Gedichte wurde er das erste Mal von einem wegen islamistischen Terrors Vorbestraften zusammengeschlagen. Jugendgangs machten permanent Jagd auf ihn. Wegen Morddrohungen stellte der Geheimdienst dem Dichter zwei Leibwächter zur Seite.
Bei der kläglich gescheiterten Parlamentskandidatur für die von Zuwanderern gebildete „Nationalpartei“ 2015 überwogen schon die Schlagzeilen über kriminelle Aktivitäten. Hassan wurde der Leibwächter überdrüssig, sein Leben schien bald nur noch aus Straßenkampf mit ihn peinigenden Verfolgern und den inneren Dämonen zu bestehen. Auf Facebook präsentierte er sich seinen 129 000 Followern teils als schwer am Kopf blutendes Opfer von Schlägern, teils in Kampfuniform.
Der letzte Facebook-Eintrag im März, nach den Schüssen auf einen 17- Jährigen, und gleich fünfmal: „Ich sitze hier in Haft mit gebrochenem Schlüsselbein und Handgelenk. Hilfe. Muss operiert werden. Brauche Hilfe. Helft mir.“ Vor Gericht sagt Hassan ein halbes Jahr später, nach der Haft werde er viel ändern: „Ich muss wohl einfach von allem weg und aufs flache Land ziehen.“ Mit 21 sind vielleicht noch nicht alle Weichen endgültig gestellt.
Das Karolinska-Institut in Stockholm fällt auf den italienischen „Starchirurgen“ Paolo Macchiariani herein. Foto: rtr
Die Stockholmer Nobelpreis-Juroren sitzen einem Hochstapler auf – Rücktritte und Entlassungen sind die Folge.
Was kann der Stockholmer Medizin-Nobelpreis noch wert sein, wenn die Juroren schon im eigenen Alltag blind auf einen gewissenlosen Kurpfuscher hereinfallen? Vier Wochen vor der Vergabe der diesjährigen Nobelpreise hagelt es Rücktritte, Entlassungen sowie vernichtende Kritik von allen Seiten, weil das Karolinska Institut den italienischen „Starchirurgen“ Paolo Macchiariani jahrelang künstliche Luftröhren transplantieren ließ, obwohl ein Patient nach dem anderen starb und längst Alarm geschlagen war. Erst als eine TV-Dokumentation Anfang des Jahres den Tod von sechs Patienten bei acht Operationen, davon drei in Stockholm, aufdeckte, kam die Lawine ins Rollen. Der heimische Nobelpreisträger Arvid Carlsson sieht das Ergebnis als „das Schlimmste, was je in der Geschichte des Medizin-Nobelpreises passiert ist“. Der Schwedische Rundfunk kommentierte: „Das bringt das ganze Nobelsystem ins Wanken.
Die langjährige Institutschefin und Nobel-Jurorin Harriet Wallberg heuerte den Italiener 2010 an, nachdem ihn mehrere ihrer Stockholmer Fachkollegen, ebenfalls mit Sitz und Stimme in der „Nobelförsamling“, wärmstens als förderlich für das internationale Renommee von „Karolinska“ empfohlen hatten. Macchiarini, ein mediengewandter Experimental-Chirurge, wurde ohne Einstellungsgespräch oder andere zwingend vorgeschriebene Formalitäten eingestellt. Auch als die Eingriffe in Stockholm sowie in Russland durchweg fehlschlugen, reagierte die Institutsleitung auf warnende Stimmen vier eigener Ärzte nur mit Drohungen wegen „Illoyalität“.
Was dank der TV-Dokumentation ans Licht kam, ließ die ersten Warnungen wegen Unwahrheiten in Fachartikeln als harmloses Vorgeplänkel verblassen: Macchiarini hatte Patienten ohne akute Not zu der lebensgefährlichen und rein experimentellen Operation überredet. Teile seines wissenschaftlichen Lebenslaufes waren gefälscht. Schon 2012 ermittelte die italienische Polizei wegen Betrugs und Erpressung von Patienten. Am Ende machte der Chirurg auch noch Schlagzeilen als Heiratsschwindler.
Er schwatzte einer US-Journalistin die Hochzeitsfeier mit Papst Franziskus für den Ringtausch und den Ehepaaren Clinton sowie Obama als Gästen auf. Das Opfer hat es „Vanity Fair“ ausführlich geschildert. Dass er schwedischen Professoren seine „revolutionären“ Luftröhren genauso erfolgreich aufschwatzen konnte, wird dort als Ergebnis von Prestigesucht gesehen. „Die Jagd nach einem Nobelpreis für das Karolinska Institut selbst hat die Führung blind gemacht,“ schrieb „Dagens Nyheter“.
Man denke an „Catch Me If You Can“
Wer einmal mit „Meistermanipulatoren“ zu tun gehabt habe, wisse, wie leicht so etwas geht. Man denke nur an den von Leonardo di Caprio nach einer wahren Geschichte gespielten Hochstapler in „Catch Me If You Can“. Der konnte sich auch zu Jobs als Pilot und Krankenhausarzt durchschwatzen. Das ist keine gute Werbung für die 50 stimmberechtigten Nobel-Juroren vom Karolinska Institut.
Mehrere Mitglieder sind in den letzten Monaten wegen des Macchiarini-Skandals zurückgetreten. Harriet Wallberg wurde am Montag von der schwedischen Regierung als Universitätskanzlerin gefeuert. Einen Tag später bekam sie die Aufforderung zum Rücktritt aus dem Nobelgremium. Andere hoffen, mit einer freiwilligen „Auszeit“ durchzukommen.
Die beiden Mediziner, die Wallberg den italienischen Wunderchirurgen besonders ans Herz gelegt hatten, sind mit Sitz und Stimme dabei, wenn am 4. Oktober am Nobelvägan 1 in Stockholm über den diesjährigen Nobelpreis abgestimmt wird.