-

Month: April 2019

Sipri: USA und China rüsten immer weiter auf

Posted on

Screenshot 2018-08-10 14.57.43

Die USA gaben 2018 4,6 Prozent mehr Geld für das Militär aus als 2017.

Sipri-Bericht

239 Dollar pro Kopf für Rüstung

  • vonThomas Borchert

Die Sipri-Friedensforscher verzeichnen einen weltweiten Anstieg der Militärausgaben.

Die Rüstungsausgaben sind im vergangenen Jahr mehr als doppelt so stark gestiegen wie die Zahl der Menschen auf der Welt. Wie das Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri ermittelt hat, kletterten die Militärhaushalte aller Staaten 2018 um 2,6 Prozent auf die gigantische Summe von 1,82 Billionen Dollar. Für jeden der knapp 7,6 Milliarden Erdbewohner (1,1 Prozent mehr als 2017) entspricht das einer Ausgabe aus der Staatskasse von 239 statt 230 Dollar im Vorjahr. Vor wenigen Wochen hatten die Friedensforscher in der schwedischen Hauptstadt einen Anstieg der weltweiten Rüstungsexporte in diesem Jahrzehnt um fast ein Viertel konstatiert. Read the rest of this entry »

Dieser Boyd-Roman macht einfach Spaß

Posted on

Screenshot 2019-03-12 17.18.18
Sprudelndes Lesevergnügen: William Boyds “Blinde Liebe”

23.04.2019

“Blinde Liebe”: William Boyd erzählt aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert meisterhaft im Stil von Klassikern dieser Zeit. Foto: Kampa Verlag

Die “Blinde Liebe” zwischen dem Klavierstimmer Brodie und der Sängerin Lika ist leidenschaftlich, tragisch und extrem intrigenreich. William Boyd erzählt diese Geschichte aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert meisterhaft im Stil von Klassikern dieser Zeit.

Von Thomas Borchert, dpa

Zürich (dpa) – Wie im Flug vergehen die 500 Seiten von William Boyds neuem Roman “Blinde Liebe”, bis es beim Zuklappen im Erinnerungsgebälk knirscht: Wann hat man zuletzt ein so kristallklar sprudelndes Lesevergnügen serviert bekommen?

Literarisch auf hohem Niveau, spannend, bewegend und federleicht zugleich erzählt der schottische Autor von der Liebe zwischen dem Klavierstimmer Brodie Moncur und der Sängerin Lika Blum an der Nahtstelle zwischen 19. und 20. Jahrhundert. Diese auch geografisch gewaltige Lesereise führt in den Jahren 1894 bis 1906 aus dem Dörfchen Liethen Manor im südlichen Schottland über Edinburgh, Paris, St. Petersburg, Nizza bis auf eine Insel namens Andamanen mitten im Indischen Ozean. Read the rest of this entry »

Wie Heimkehrer aus dem Moskauer Exil die DDR als Statthalter von Stalins Gnaden aufbauten

Posted on Updated on

Bildschirmfoto 2018-10-09 um 19.58.31

«Die Moskauer»

Erschütternde Lebensgeschichten der DDR-Gründerzeit

Heimkehrer aus dem sowjetischen Exil haben die DDR als Statthalter von Stalins Gnaden aufgebaut. Sie selbst waren für immer geprägt von dessen Terrorherrschaft. «Die Moskauer» präsentiert auf schreckliche Weise fesselnde Biografien deutscher Kommunisten aus dieser Zeit.

Andreas Petersen: Die Moskauer – Wie das Stalintrauma die DDR prägte, S.Fischer Verlag, Frankfurt/Main, 361 Seiten, 24,00 Euro, ISBN 978-3-10-397435-5. Foto: S.Fischer Verlag/dpa

Von Thomas Borchert

Man liest es fassungslos: Der jüdische Kommunist Georg Krausz kommt nach seiner Befreiung aus dem KZ Buchenwald 1945 im Handumdrehen wieder hinter Stacheldraht, am Ende im selben Lager, jetzt von den sowjetischen Besatzern drei Jahre eingekerkert als «Jude und amerikanischer Spion». 1952 muss der Journalist Krausz vom Prozess gegen den tschechischen Juden und Kommunisten Rudolf Slánský die antisemitischen Verschwörungstheorien und Wahnvorstellungen Stalins für Leser in der DDR zustimmend ausbreiten. Drei Tage nach dem Todesurteil gegen Slánský wird der schon aus allen Parteiämtern «weggesäuberte» Paul Merker als «verbrecherischer Zionist» verhaftet, weil er für die Entschädigung jüdischer Holocaust-Überlebender eingetreten ist. Stalin hat von seinen ostdeutschen Statthaltern auch so einen spektakulären Schauprozess wie den in Prag verlangt.

Der Historiker Andreas Petersen erzählt in «Die Moskauer – Wie das Stalintrauma die DDR prägte» diese und viele andere erschütternde biografische Geschichten von deutschen Kommunisten zwischen Hitlers Antritt 1933 bis in die ersten Nachkriegsjahre. Im Zentrum stehen die vor den Nazis in die Sowjetunion geflüchteten Kommunisten, die den Stalin-Terror der späten 30er Jahre mit Millionen Opfern überlebten und nach Kriegsende in Ost-Berlin den Aufbau den Sozialismus nach stalinschem Muster lenken sollten. Allen voran Walter Ulbricht (1893-1973) als SED-Parteichef und Vorsitzender des DDR-Staatsrates und der erste, 1960 gestorbene DDR-Präsident Wilhelm Pieck.

«Im Aufbaufuror blieb keine Zeit für Rückblicke auf Terror, Verfolgungen, Denunziation und Angst. Sie schwiegen über Verhaftungen, das Verschwinden der Parteigenossen, Hunderttausender. Kein Wort über die eigenen Verhöre, die Gefängnisjahre und den Verrat, ohne den kaum zu überleben war», erklärt Petersen vorweg nüchtern, was er als Konsequenz aus den oft apokalyptisch schrecklichen Lebensgeschichten deutscher Kommunisten als Staatslenker der ersten Stunde sieht: «Der Schrecken, die Lüge und das Schweigen wurden zum mentalen Fundament des neuen Staates.»

Erwin Jöris hielt sich nicht daran. Nach einer KZ-Haft 1933 bis 1934 emigrierte er auf KPD-Geheiß, schuftete in einem Stahlwerk im Ural, versteckte sich hungernd und vergeblich vor den Massenverhaftungen deutscher Emigranten in Schuppen, denunziert von eigenen Genossen als «Trotzkist». Er wurde 1938 schon vor dem Hitler-Stalin-Pakt wie viele deutsche Emigranten der Gestapo übergeben und überlebte den Krieg als Wehrmachts-Sanitäter. 1946 in Berlin sprach sich Jöris offen gegen die schrankenlose Eingliederung belasteter Nazis in die SED durch die «Moskau-Heimkehrer» aus und attackierte genauso offen den SED-Spitzenfunktionär Kurt Schneidewind. Der hatte ihn im Ural denunziert, war als einziger Deutscher den Verhaftungen entgangen und nun ein ganz Mächtiger. Das brachte Jöris 1950 vor einem DDR-Gericht als «Spion» und «Konterrevolutionär» 25 Jahre Bergwerksarbeit in Sibirien ein. Nach der Entlassung 1955 flüchtete er mit seiner Frau von Ost-Berlin in den Westen und starb 2013 im Alter von 101 Jahren.

Die Stärke des Buches liegt in solchen Lebensgeschichten mit oft schwer fassbaren Schrecknissen im Zickzack zwischen Widerstand gegen die Nazis, Verfolgung samt gegenseitigem Verrat im mörderischen Gewaltsystem unter Stalin und dem anschließenden Zwang zu Verdrängung und Schweigen. Verblüffend oft findet sich auf diesen in schrecklicher Weise immer fesselnden 300 Seiten der Hinweis, dass die jeweilige Leidens- oder auch Tätergeschichte erst nach dem Ende der DDR bekanntgeworden ist. «Panzerschrank-Lebensläufe» nennt Petersen, was die Betroffenen oft auch innerlich unter schrecklichsten Verdrängungen akzeptierten, weil sie entweder nie den «Glauben an die Partei» aufgeben wollten, einfach nackte Angst hatten oder beides kombinierten.

Lotte Rayss, im Moskauer Exil Kindermädchen des später «legendären» Stasi-Auslandschefs Markus Wolf und seines als Filmregisseur ähnlich berühmten Bruders Konrad, musste 16 Jahre im Gulag zubringen. Bei der Festnahme Anfang 1938 erklärten die Häscher, sie könne nur eins ihrer beiden Kinder mitnehmen. Lotte Rayss entschied sich in grenzenloser Verzweiflung für den Säugling Larissa. Die ältere Tochter Lena, Halbschwester von Markus und Konrad Wolf, kam in ein Kinderheim. Der Vater Friedrich Wolf, der das Kindermädchen auch als Geliebte geschätzt hatte, «starb 1952, hochgeehrt und ein glühender Streiter für die junge DDR und eine glorreiche Sowjetunion. Für die Verbannte eingesetzt hatte er sich nicht».

1954 durfte Lotte Rayss nach Ost-Berlin zurückkehren. «Ihre Geschichte aufzuschreiben traute sie sich nicht.» Den Geheimdienstchef hat sie um zwei Jahre überlebt und vor ihrem Tod dem in der Verbannung geborenen Sohn Konrad die eigene Geschichte doch noch diktiert. Den Tod von Markus Wolf «begrüßte sie. Für sie war er die Verkörperung der Verfolgung».

Finnische Linke und Rechtspopulisten sind die klaren Wahlsieger

Posted on

Rechtspopulismus

Finnland polarisiert sich

  • von Thomas Borchert
    Screenshot 2019-04-16 07.23.39.png

    Das Gesicht des Wechsels: Antti Rinne, Chef der Sozialdemokraten.

Die Regierungsbildung wird für die Sozialdemokraten nach dem Erstarken der Rechten schwierig.

Das glücklichste Volk der Welt ist für bessere Krankenhäuser, Schulen, ehrgeizige Klimaziele und mehr Respekt für Arbeitslose nach links gerückt, hat aber zugleich Rechtspopulisten mit ihren Parolen gegen Zuwanderer sowie „Klimahysterie“ stark gemacht. Finnlands bisheriger Regierungschef Juha Sipilä vom Zentrum wird nach der krassen Niederlage bei der Reichstagswahl wohl nicht mehr den aktuellen „UN World Happiness Report“ unterschreiben, wonach seine Landsleute zufriedener sind mit ihrem Leben als alle anderen Völker. Die 5,5 Millionen Finnen haben sich mit der Wahl eine politische Polarisierung beschert, die auch hier bisherige politische Konsensmodelle ins Wanken bringt. Read the rest of this entry »

Schweden: Müssen IS-Waisen für ihre Eltern büßen?

Posted on Updated on

Screenshot 2018-04-09 20.46.43

Kinder von IS-Kämpfern im Hospital von Hosaka.

IS-Rückkehrer

Stockholms Härte gegen kranke IS-Waisen

  • von Thomas Borchert

Kinder getöteter schwedischer Dschihadisten dürfen nicht ins Land. Ein Großvater kämpft für die Rückkehr seiner Enkel und berichtet.

Auf dem Privatfoto aus einem nordsyrischen Gefangenenlager für IS-Kämpfer lächelt Großvater Patricio Galvez noch und hält ein Baby im Arm. Er freut sich, weil er vom fernen Göteborg aus tatsächlich die siebenköpfige Enkelschar im Alter von einem bis acht Jahren in dieser schrecklichen Gefangenschaft aufgespürt hat. Und weil alle am Leben sind, während ihre Eltern als schwedische Dschihadisten kurz vor der endgültigen IS-Niederlage starben. Dass die Regierung in Stockholm ihm jetzt partout nicht helfen will, die Waisen in seinem Heimatland in Sicherheit zu bringen, kann Galvez nicht fassen: „Wenn Schweden wirklich sagt, dass man diese unschuldigen Kinder nicht haben will, ist das barbarisch.“ Read the rest of this entry »

Finnland wählt: Sozialdemokraten, Grüne und Linke im Aufwind

Posted on

Auf Abschiedstour in Brüssel? Finnlands Premier Juha Sipilä.

Finnland wählt

Die Stimmung steht auf Wechsel

  • vonThomas Borchert

Finnlands Sozialdemokraten, Grüne und Linke stehen vor einem Erfolg bei der Wahl am Sonntag.

Die Finnen, auf der jährlichen UN-Rangliste gerade erst wieder zum „glücklichsten Volk der Welt“ gekürt, wollen ihr Land am Sonntag den Umfragen zufolge ein Stück nach links rücken. Wenn die Demoskopen recht behalten, können Sozialdemokraten, Grüne und die Linken bei der Reichstagswahl allesamt mit beachtlichen Zugewinnen rechnen. Ob und wie das aber auch für einen Linksruck bei der anschließenden Regierungsbildung reicht, ist vor allem wegen der im Endspurt stark zulegenden Rechtspopulisten unsicher.

Als ausgemacht gilt in Helsinki, dass die Wähler den bisherigen Regierungschef Juha Sipilä vom Zentrum für die harte Sparpolitik seiner Mitte-Rechts-Koalition abstrafen werden. Der betont bullig auftretende Unternehmer Sipilä liegt in den Umfragen aussichtslos hinten. Er ist nur noch geschäftsführend im Amt, seit er nach dem Scheitern seiner Gesundheitsreform im Reichstag Anfang März das Handtuch geworfen hat – für die Regierung aus Konservativen und Rechtspopulisten bedeutete dies das Ende.

Das war ungefähr zur gleichen Zeit, als Finnland zum zweiten Mal in Folge mit dem ersten Platz auf der Glücksrangliste der Vereinten Nationen international in den Schlagzeilen war. Sie misst die Zufriedenheit von Menschen mit dem Leben im eigenen Land und kombiniert das mit Statistik zu Lebenserwartung, Wohlstand, sozialer Sicherheit und anderem mehr. Garniert wurde die gelassen selbstironische Aufnahme dieses Weltmeistertitels im Land selbst mit der Ablehnung von Sipiläs Gesundheitsreform als schlecht kaschiertem Kostensenkungsprogramm. Read the rest of this entry »

%d bloggers like this: