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Buchrezensionen

Buchbesprechung: Was macht das Internet aus der Seele?

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Über die Seele von Assange und anderen Internetgeschöpfen

Drei Porträts von Männern, die nur durch das Internet leben: Julian Assange, der Enthüllungs-Hacker, ein angeblicher Bitcoin-Erfinder und ein rein digitales Geschöpf. Andrew O’Hagan berichtet spannend und stellt die wichtigste Frage: Was macht das Internet aus der Seele?

28.11.2017, 10:19 Uhr
  • Wikileaks-Gründer Julian Assange. Foto: dpa​

  • Das Cover des Buches «Das geheime Leben». Drei Porträts von Männern, die nur durch das Internet leben: Julian Assange, der Enthüllungs-Hacker, ein angeblicher Bitcoin-Erfinder und ein rein digitales Geschöpf. Andrew O’Hagan berichtet spannend und stellt die wichtigste Frage: Was macht das Internet aus der Seele? Foto: Fischer Verlage/dpa​

Von Thomas Borchert

Julian Assange, Schöpfer der Enthüllungsplattform Wikileaks, wirkte auf ihn vom ersten Moment an wie ein «hyperventilierender Chatroom», voller Verachtung für seine Helfer. Der australische Landsmann Craig Wright, vielleicht und vielleicht auch nicht Schöpfer des digitalen Kryptogeldes Bitcoin, hatte dieses «Cyberpunk-Glitzern» in den Augen, wenn mal wieder unklar war, was er über seine Identität erlogen hatte und warum.

Ronald Pinn schließlich, nach seinem Drogentod über das Internet neu erfunden, ist nun «als Mann mit Cyberwährung überall willkommen». Der Tote bekommt, nur durch Netzaktivitäten seines Digital-Schöpfers, nach und nach auch eine Postanschrift, einen Personalausweis mit neuem Gesicht, natürlich immer mehr «Freunde» auf Facebook, und auch Maschinenpistolen. Read the rest of this entry »

Rezension: Im 4. Erinnerungsbuch von Meyerhoff ein paar Klischees zu viel

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Im Meyerhoff-Sound

Holprig auf die Bühne und treulos in der Liebe

Joachim Meyerhoff ist in den eigenen Zwanzigern angekommen, skrupellos untreu in der Liebe und verzweifelt unsicher auf der Bühne. Sein vierter Erinnerungsroman hat wieder einen speziellen Sound und ein paar Frauenklischees zu viel.
21.11.2017,

Der Schauspieler und Buchautor, Joachim Meyerhoff.

Screenshot 2017-11-21 10.42.49.jpgFoto: dpa​

 

Das Cover des Buches “Die Zweisamkeit der Einzelgänger” von Joachim Meyerhoff. Foto: Kiepenheuer&Witsch/dpa​

 

Von Thomas Borchert

Köln (dpa) – Immer noch junge 23 bis 26 Lenze zählt die Hauptperson in der neuen, vierten Folge von Joachim Meyerhoffs Bestseller-Serie mit der eigenen Geschichte. «Erinnerung ist was für Dummköpfe», lässt er Hanna höhnen, die erste große Liebe seines Lebens und zweite Hauptperson auf diesen 400 Seiten. Sie tickt anders: «Ich sehe es einfach vor mir.» So muss es dem vielfach ausgezeichneten Schauspieler wohl auch beim Schreiben im Nebenberuf gehen. Was er aus seinem Leben beneidenswert reich an bunten Details «einfach vor sich sieht» und wohl auch dazuerfindet, hat Meyerhoff wieder zu einem immer unterhaltsamen Wechselbad von Komik bis Tragik mit munter wechselnder Tonlage bei der Selbstdarstellung und voller Sprachwitz gemixt.

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absolut zu empfehlen: “Justizpalast” von Petra Morsbach

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Morsbach über eine Richterin: Vergnügliches Hohelied auf das Recht

Von Thomas Borchert, dpa

Richter sind auch nur Menschen. Die immer genau hinschauende Petra Morsbach erzählt in ihrem neuen Roman mit der Lebensgeschichte einer Richterin fesselnd, klug und komisch von Funktionieren und Scheitern der Justiz.

Justizpalast

München (dpa) – Diese beruflich souveräne und privat eher gehemmte Richterin verhandelt Komisches wie den Erbstreit um die Rechte am bayerischen Volksliedklassiker «Bayernland hat Oberhand». Es wird eigentlich nur gejodelt, so dass die Nachkommen des Komponisten Anspruch auf den Löwenanteil der üppigen Tantiemen haben? Die Erben des Texters («Hollera – hudiliöö – dolioo») sehen das ganz anders und kämpfen in einem Saal des Münchner Justizpalastes erbittert um Fifty-Fifty. Thirza Zorniger muss bei immer neuen Betrugs- und auch herzzerreißenden Scheidungsfällen richten: «Ein leukämiekranker Bub, der glaubte, seine Krankheit habe die Krise ausgelöst, erklärte unaufhörlich, es gehe ihm gut. Ein anderer holte sein Sparschwein, als die Eltern um Geld stritten, und rief: «Hört auf! Ich zahle!»». Read the rest of this entry »

Buchrezension: Lena Andersson, Unvollkommene Verbindlichkeiten

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Lena Anderssons Roman über die (ewige) Geliebte

25.07.2017

 

Der neue Roman um Ester und ihre Jagd nach der wahren Liebe liest sich wie das Abbild seines Vorgängers. Foto: Luchterhand Verlag/Randomhouse

Der neue Roman um Ester und ihre Jagd nach der wahren Liebe liest sich wie das Abbild seines Vorgängers. Foto: Luchterhand Verlag/Randomhouse

Esters neuer verheirateter Liebhaber ist interessanter als der erste. Aber die Geschichte erzählerisch zu sehr Wiederholung.

Von Thomas Borchert, dpa

München/Stockholm (dpa) – Der Typus ist bekannt: verheirateter Liebhaber fährt zweigleisig und drückt sich um die Entscheidung zwischen zwei Frauen. Die Geliebte erwartet sehnsüchtig, endlos geduldig und durch eine unfassbar rosarote Brille, dass er am Ende seine Frau verlässt und ganz zu ihr kommen wird.

In Lena Anderssons Roman “Unvollkommene Verbindlichkeiten” bringt es die Protagonistin Ester zu einer gewissen Meisterschaft, auch kleinste Indizien ihrer Liaison mit Olof als Zeichen für einen “Durchbruch” zu deuten. Read the rest of this entry »

Sebastian Barry schließt großartige Trilogie ab

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Rezension von Margaret Atwood, “Hexensaat”

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Theaterstück im Theaterstück

Atwood erzählt Shakespeares «Sturm» mit Schwung und Stolpersteinen
Ein Roman über ein Theaterstück im Theaterstück: Margaret Atwood erzählt raffiniert, witzig und mit Schwung, aber auch mit lästigen Stolpersteinen Shakespeares «Sturm» nach. Aus dem Mailänder Herzog Prospero macht sie den kanadischen Regisseur Felix, beide Vertriebene mit Rachegelüsten.
10.05.2017, 08:00 

Das Cover von «Hexensaat», dem neuen Buch von Margaret Atwood. Foto: Knaus Verlag/dpa
Von Thomas Borchert
München (dpa) – Die Nacherzählung von Shakespeare-Theater als Roman habe ihr «großes Vergnügen» bereitet, schreibt Margaret Atwood im Abspann zu «Hexensaat». Man glaubt es ihr aufs Wort, denn vor allem Vergnügen bereitet die Lektüre dieser Version des Dramas «Sturm», wenngleich nicht ohne Stolpersteine. Der unvermindert sprudelnde Einfallsreichtum der ewigen Nobelpreisfavoritin aus Kanada, Atwoods mal entspannter, mal ätzender, dabei immer geistreicher Witz und ihr Jonglieren mit der über fast 500 Jahre mysteriös schillernden literarischen Vorlage über Täuschung, Rachsucht und Magie in der Luft machen einfach Spaß. Nur dass Lesern bei diesem Kunststück der 1939 geborenen Autorin auch die Übersicht verloren gehen kann.
Der Roman ist eine Auftragsarbeit: Acht namhafte internationale Autoren sollen je ein Shakespeare-Drama nacherzählen, demnächst kommt der norwegische Krimiautor Jo Nesbø mit «Macbeth» in Prosa. Das wird ein Psychothriller, darf man vermuten. Margaret Atwood legt sich die Latte beim weit weniger blutigen und lichteren «Sturm» ziemlich hoch. Sie stellt zwei Inszenierungen des Dramas ins Zentrum ihrer Geschichte mit dem Regisseur Felix als Hauptfigur, der zugleich Shakespeares Hauptfigur Prospero im «Sturm» sein soll, das Stück zweimal auf die Bühne bringt und selbst die Hauptrolle spielt. 
Klingt kompliziert? Ist es mit dieser Figur aber nicht: Felix sieht sich bei der ersten Inszenierung fies von seinem karrierebewussten Assistenten Tony ausgetrickst und abserviert ins Nichts. So wie Prospero bei Shakespeare als Herzog von Mailand vom machthungrigen Bruder Antonio auf eine einsame Insel vertrieben wird. Prospero schafft am Ende zusammen mit seiner Tochter Miranda und nicht ohne magische Hilfe die Rückkehr.
Bei Atwood verbringt Felix zwölf einsame Jahre als Einsiedler und hält Zwiesprache mit seiner schon lange toten Tochter Miranda. Er glaubt, er könne Miranda durch Regiearbeit wieder ins Leben zurückholen. Die Chance darauf, auf ein Comeback und auf Rache an Tony bietet sich als Regisseur von Amateurschauspielern im Knast. Bei den Proben sind nur Flüche in der Shakespeare-Sprache wie «oberlausiges Monster» gestattet, «fuck» wird streng geahndet. Ein Riesenspaß erwartet alle und auch den Leser, als der inzwischen zum Minister aufgestiegene Ex-Assistent Tony samt Anhang zur Premiere erscheint. Die Herrschaften werden vom Regisseur Felix mit allerlei Theatertricks sowie unfreiwilliger, massiver Drogeneinnahme in die Knie gezwungen. Die Magie unserer Tage.
Das hat enormen Schwung. Wie eben Shakespeare auf der Bühne. Aber doch erwarten den, der mit dem «Sturm» und dessen Personengalerie nicht vertraut ist, verwirrende und auch streckenweise ermüdende Passagen, etwa mit Diskussionen über die Figurengestaltung zwischen Regisseur und Knast-Schauspielern. Überflüssig auch, weil in Atwoods Nacherzählung allein die Hauptperson Felix alias Prospero zu echtem Leben erweckt wird. Kleiner Lesetipp: Unbedingt zuerst die viel zu diskret am Ende versteckten fünf Seiten Inhaltsangabe von Shakespeares «Sturm» lesen.
Hexensaat
Margaret Atwood: Hexensaat, Knaus Verlag, München, 314 Seiten, 19,99 Euro, ISBN: 978-3-8135-0675-4

Herausragende Neuerscheinung: Platonows “Baugrube”

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Die deutsche Zeitung für Amerika
The German Newspaper for America

 

Platonows geniale «Baugrube» über einen mörderischen Sozialismus

Von Thomas Borchert, dpa

Bauarbeiter schaufeln eine Grube aus und damit vielleicht ihr eigenes Grab: In der grotesken, hier genial eingesetzten Apparatschik-Sprache der Partei hat Andrej Platonow 1930 den Alptraum unter Stalin als Apokalypse beschrieben.

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