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Buchrezensionen

Buchbesprechung: Wie die Nazi-Manager 1949 schon wieder voll da waren

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Auch wieder aktuell?

Bommarius erzählt das wichtige Jahr 1949

Das bunte, fesselnde Panorama eines deutschen Schicksalsjahres hat Christian Bommarius aus Zeitzeugnissen zusammengestellt. Klug und witzig kommentierend zeigt er in «1949 – Das lange deutsche Jahr» das dreiste und erfolgreiche Comeback der Nazi-Seilschaften.

Christian Bommarius, 1949 – Das lange deutsche Jahr, Droemer Verlag, München, 320 Seiten, 19,99 Euro, ISBN: 978-3-426-27761-4​. Foto: Droemer Verlag/dpa

Von Thomas Borchert

Zur gegenseitigen Reinwaschung alter Nazis nach der Niederlage 1945 hat der große Wortkünstler Alfred Polgar den Satz gebaut, der alles sagt: «Viele nämlich, die unter dem Regime des Hakenkreuzes auf einflussreichen Posten saßen, sind von ihren Stühlen nur aufgestanden, um sich selbst Platz zu machen.» Im November 1949 inspirierte dazu den dem Holocaust entronnenen jüdischen Autor als Prozessbeobachter, wie Hitlers berühmte Lieblings-Regisseurin Leni Riefenstahl vor dem Münchner Amtsgericht mühelos den Vorwurf wegwischen konnte, sie habe KZ-Häftlinge als Filmstatisten ausgesucht. Auch der Richter, notierte Polgar, habe fasziniert Riefenstahls selbstbewusst charmanten Ausführungen über ihr ausgezeichnetes Verhältnis zum «Führer» gelauscht. Und dass sie die Tasche schon wieder voller Filmverträge aus aller Welt habe. Read the rest of this entry »

Barrys “Tage ohne Ende” führt zwei postmoderne Helden durch den Wilden Westen

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Viel Drama:
Sebastian Barrys erster Western

16.10.2018

 

Der Ire Barry hat mit

Der Ire Barry hat mit “Tage ohne Ende” einen fesselnden, lyrisch schönen Roman geschrieben. Foto: Alastair Grant
Alastair Grant

Flucht vor dem Hunger macht Thomas McNulty mitschuldig an der Ausrottung der Indianer. Und er findet die Liebe seines Lebens, einen Mann. Der Ire Sebastian Barry hat mit “Tage ohne Ende” einen fesselnden, lyrisch schönen Roman geschrieben.

Von Thomas Borchert, dpa

Göttingen (dpa) – Wenige können so sanft in fast lyrischer Sprache, aber ohne die geringste Beschönigung von Gewalt und Grausamkeit als erdrückenden Grunderfahrungen erzählen wie Sebastian Barry. Und umgekehrt ohne Kitsch vom eigentlich hoffnungslosen, in kostbaren Augenblicken sensationell glückenden Kampf um die Rettung der Seele.

Im neuen Roman “Tage ohne Ende” lässt der irische Autor seinen Landsmann Thomas McNulty vor der großen heimatlichen Hungersnot Mitte des 19. Jahrhunderts nach Nordamerika fliehen. Im “Wilden Westen” entgeht der Teenager dem nicht minder grassierenden Hunger auf der anderen Seite des Atlantik erst als junger Saloon-Tänzer in Frauenkleidern und nach dem Versiegen dieser Einnahmequelle als Soldat. In Uniform macht er mit bei der Ausrottung der Indianer. Read the rest of this entry »

Rezension von Jennifer Egans Roman “Manhattan”

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Die postmoderne Egan überrascht mit spannendem Pageturner

Jennifer Egan erzählt in «Manhattan Beach» vom Kampf der New Yorkerin Anna um ihren Platz als Marinetaucherin im Zweiten Weltkrieg. Die bisher mit experimentierfreudigen Romanen erfolgreiche US-Autorin präsentiert hier geradeaus eine Geschichte mit Krimi-Spannung.

09.10.2018, 06:00 Uhr

 

 

Von Thomas Borchert

Gleich der erste Satz bindet die drei Hauptpersonen untrennbar für den Rest dieses spannenden Romans aneinander: «Anna merkte erst, wie nervös ihr Vater war, als sie das Haus von Mr. Styles erreichten.» Aus der Sicht der elfjährigen Tochter erzählt Jennifer Egan im Eröffnungskapitel von «Manhattan Beach» die eindeutig schicksalhafte, aber für sie unmöglich zu entschlüsselnde Begegnung mit dem reichen, mächtigen Dexter Styles an diesem Strand vor den Toren New Yorks. Dass ihr Vater Eddie, nach dem Börsencrash tief gefallen, als Handlanger für Kleinkriminelle Mitte der 30er Jahre schwer um das Überleben der Familie kämpfen muss, ist schnell klar. Aber was mag er mit reichen Dexter Styles ausgehandelt haben – oder eben auch nicht? Read the rest of this entry »

Mein Lieblingsroman diesen Sommer

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Wechsel zwischen Dur und Moll

Originell und witzig: Dänische Ode an die Freundschaft

von Thomas Borchert, dpa

 

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Die dänische Autorin ChrChristinaHesselholdt_3(c)NadineKunath_klein_hf_iistina Hesselholdt lässt in “Gefährten” drei Frauen und drei Männer über ihr Leben erzählen.

“Gefährten” von Christina Hesselholdt ist eine mitreißende sechsstimmige Ode an die Freundschaft. Die Dänin lässt drei Frauen und drei Männer über ihr Leben und das der Freunde erzählen. Die hochoriginellen Monologe stecken voller Poesie und Witz.

Berlin/Kopenhagen. Eine frische, originelle Erzählerstimme kommt aus Dänemark: Christina Hesselholdts Roman “Gefährten” klingt wie das schwungvoll schöne, ganz und gar neuartige Lied aus dem Radio, das man unbedingt wieder hören möchte.

Auch weil verblüffend schnelle Wechsel zwischen Dur und Moll und raffinierte Rhythmen die Neugier immer wieder neu wecken.

Die Kopenhagener Autorin lässt drei Frauen und drei Männer, befreundet und auch mal liiert, abwechselnd zu Wort kommen. Sie erzählen in Echtzeit aus den Jahren zwischen Mitte 30 und Mitte/Ende 40, grübeln, träumen, assoziieren frei herum, witzeln, trauern, machen sich Gedanken über ihre Partner und Freunde. “Innerer Monolog” der literarische Terminus. Hesselholdt, Jahrgang 1962 und daheim seit langem ein Name, füllt diese gut 400 Seiten von der ersten fast bis zur letzten so zugänglich, abwechslungsreich, sprachlich elegant und voller überraschender Bilder, dass das Fehlen der durchgehenden Handlung immer weniger auffällt. Man muss sich allerdings ein bisschen einschwingen. Read the rest of this entry »

Linn Ullmanns sechster Roman meisterlich und viel mehr als “Autofiktion”

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«Die Unruhigen»

Ingmar Bergman und Liv Ullmann als überforderte Eltern

Linn Ullmann ist als Scheidungskind weltberühmter Eltern groß geworden. In «Die Unruhigen» erkundet sie die Sommerwochen bei Ingmar Bergman und die Restzeit bei der ewig hadernden Liv Ullmann. Bis der Vater als seniler alter Mann stirbt. Die Mutter nennt das Buch zurecht ein Meisterwerk.

19.06.2018

Linn Ullmann. Foto: dpa​

Von Thomas Borchert

Am besten man wüsste bis zum Ende nicht, dass hier ein weltberühmtes Elternpaar von der Tochter mit Erinnerungen an eine zerrissene Kindheit vorgestellt wird. Als Rettung vor dem Schlüssellochgucken. Wie die Norwegerin Linn Ullmann (51) diese schwer zu unterdrückende Form von Neugier fast vergessen macht, ist Teil ihrer Meisterschaft in «Die Unruhigen» mit Ingmar Bergman, in Cannes zum «besten Filmregisseur aller Zeiten» gekürt, der kaum minder berühmten Schauspielerin Liv Ullmann und sich selbst als Hauptpersonen.

Linn Ullmann: Die Unruhigen, Roman, aus dem Norwegischen von Paul Berf, Luchterhand Verlag, München, 412 Seiten, 22,00 Euro, ISBN: 978-3-630-87421-0. Foto: ​Random House/dpa

«Ich hätte gern ein Buch ohne Namen geschrieben. Oder ein Buch mit sehr vielen Namen. Oder ein Buch, in dem alle Namen so alltäglich sind, dass man sie auf der Stelle vergisst», schreibt sie zu Beginn ihres sechsten Romans in einer glasklaren, unprätentiösen Sprache und nennt die berühmten Namen sowie auch den eigenen nicht ein einziges Mal. Sich lässt sie abwechselnd als «ich» und «sie» auftreten. Die Autorin schafft auf den 400 Seiten das ganz Schwere: Man klappt das Buch zu als fesselnde, nachdrücklich und zugleich unsentimental, auch witzig zum Nachdenken über die eigene Geschichte anregende Meditation zum alle prägenden und immer komplexen Verhältnis zwischen Kindern und Eltern.

In diesem Fall kennt alle Welt den Rahmen: Der große Ingmar Bergman und die schöne Liv Ullmann, so sieht es die Welt eben, verliebten sich bei den Dreharbeiten zu «Persona» 1965. Die Tochter kam ein Jahr später zur Welt und konstatiert nüchtern über ihren damals 48- jährigen Vater: «Ein Kind mehr oder weniger. Er hatte acht aus früheren Beziehungen und war als dämonischer Regisseur (was immer das bedeuten soll) und als Schürzenjäger bekannt (ziemlich eindeutig, was das bedeutet).» Die Beziehung zur 21 Jahre jüngeren Mutter hielt, bis die Tochter drei war. Zu den Vereinbarungen des weiter zusammenarbeitenden und lebenslang befreundeten Ex-Paares gehörten jedes Jahr ein paar Sommerwochen für Tochter Linn beim Vater auf der kleinen Ostseeinsel Fårö, wo der Filmemacher 2007 gestorben ist.

Ansonsten aber lebte natürlich auch dieses jüngste wie alle anderen Bergman-Kinder bei der Mutter. Eine endlose Reihe von Kindermädchen sowie auch eine kürzere, aber genauso wenig populäre mit Geliebten der Mutter zieht sich durch das Buch, wenn die Schauspielerin wieder zu Engagements in Oslo, New York oder Los Angeles unterwegs ist. Die Tochter wird vor Sehnsucht halb verrückt. Linn Ullmann erinnert sich im Buch an ihre Jahre als 11- bis 15-Jährige, erst als vollkommen bedingungslos liebendes Kind, dann als Teenager mit den ersten sexuellen Erfahrungen und mit langsam weiterem Horizont auf der Suche nach einem Zuhause und festem Boden unter ihren Beinen (die sie viel zu dünn findet). Eine Herkulesarbeit ist das beim ziemlich entrückten, mit unverrückbar festem Stundenplan am Künstlertum arbeitenden Sommer-Vater und der ewig unsicheren, mit sich hadernden, auch in den eigenen vier Wänden kräftig schauspielernden Mutter.

Ein durch raffinierte Montagen und den zurückgenommenen, dabei aber unglaublich treffsicheren Grundton vollbrachtes Kunststück des Buches ist die Kombination der eigenen kindlichen Perspektive auf die nie gemeinsam erreichbaren Eltern mit dem erwachsenen Blick auf beide als Persönlichkeiten für sich. Wärme und das Streben nach Klarheit durch kühle Beobachtung widersprechen einander hier nicht. Dieses Kunststück möchte man ja selbst auch gern besser schaffen.

Der hochinteressante Teilzeit-Vater kommt ungleich besser weg als die immer mit den schnöden Alltagsproblemen kämpfende Vollzeit-Mutter. Er bekommt auch viel mehr Platz. Denn Auslöser für dieses grandiose Erinnerungsbuch war ein gescheitertes Projekt der erwachsenen Tochter mit dem betagten Bergman: Er wollte eins über das Altwerden als harte Arbeit schreiben, fühlte sich aber schon zu schwach und vereinbarte eine Interviewserie mit der als Autorin bestens selbstständig etablierten Linn. Vom Scheitern auch dieses Vorhabens, weil Bergman einfach zu schnell weiter abbaute, bis zu seinem noch mal von ihm selbst akribisch durchgeplanten Begräbnis auf Fårö erzählt die Tochter im Wechsel mit den Kindheitsgeschichten und gibt Dialoge im Wortlaut wieder.

Das bringt wieder ein gänzlich anderen Blick auf das Eltern-Kind-Verhältnis mit dessen fast zunehmender Umkehrung. Genial erzählt sie die Geschichte von einer Bruchstelle: Als Linn mit 30 in Oslo frisch geschieden und der Vater mit knapp 80 verwitwet ist, lädt der die Tochter nach Stockholm zum Heilig Abend ein, den er eigentlich nie feiert: «Eine Woche zuvor hatten Papa und ich telefoniert und waren im Gespräch über die Einsamkeit des jeweils anderen gestolpert.»

Ist alles so passiert oder auch im Genre Autofiktion ausgedacht? Zu der sich gerade im Land des Autofiktions-Weltmeisters Karl-Ove Knausgård aufdrängenden Frage hat Linn Ullmann in vielen Interviews unterschiedlich geantwortet: Sie habe sich schon nach Kräften angestrengt, immer «wahr» und getreu der eigenen Erinnerung zu schreiben. Aber wann und wie sei Erinnerung wahr? Einiges sei auch erfunden, ein Aufenthalt in Frankreich zum Beispiel. Mutter Liv sagte nach dem Erscheinen des Originals im norwegischen Fernsehen: «Als ich es las, hab ich es ein Meisterwerk genannt. Ich hab aber auch gesagt, dass ich nicht so dargestellt bin, wie ich es mir wünschen würde. Manches ist erdichtet, manches ist Lüge. Und eine ganze Masse ist Wahrheit.»

Im Buch hat sich die Tochter auf solche Anwürfe schon mit einem klugen Satz gewappnet: «In Wahrheit kann man nicht sonderlich viel über das Leben anderer Menschen wissen, und erst recht nicht, wenn diese Eltern es darauf angelegt haben, ihr Leben in Geschichten zu verwandeln, die sie anschließend mit einer begnadeten Fähigkeit dafür erzählen, sich nicht im Geringsten darum zu scheren, was wahr ist und was nicht.»

Rezension von Platonows fantastisch finsterem “Tschewengur”

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Platonow zum Zweiten: Wilder Ritt in die Apokalypse

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Das Cover des Romans „Tschewengur“ von Andrej Platonow. (Foto: Suhrkamp / DPA)

 

Thomas Borchert

Nach dem Schaufeln der Proletarier am eigenen Massengrab in der kommunistischen Baugrube jetzt eine Reise nach Tschewengur. Die Bolschewiken liquidieren hier für das klassenlose Paradies erstmal alle Bürgerlichen. Wie wunderbar, dass Suhrkamp ein Jahr nach der „Baugrube“ auch „Tschewengur“, das zweite Hauptwerk von Andrej Platonow (1899-1951) aus dem postrevolutionären Russland der 20er Jahre, neu herausgebracht hat.

Die im Untertitel angekündigte „Wanderung mit offenem Herzen“ ist ein wilder, immer wieder hypnotisch anziehender, genauso witziger wie Grauen erregender literarischer Ritt an der Seite mythisch verklärter Paradiessucher – mitten hinein in die Apokalypse. Read the rest of this entry »

Streitschrift gegen westliche Arroganz

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„Hört endlich zu!“

Frank Richter streitet für offene Ohren und bleibt vage

Wie man Anhängern von Pegida von AfD vorbehaltlos zuhören kann, hat der Sachse Frank Richter in Dresden mit Erfolg vorgeführt. In „Hört endlich zu!“ bleibt er als Rezeptgeber nach überzeugenden Analysen unverbindlich.

Von Thomas Borchert, dpa

Quelle: Dietrich Flechtner
Frank Richter

Berlin. Frank Richter hat sich einen Namen gemacht als kluger und zeitweilig erfolgreicher politischer Mittler im Dresden der Pegida-Demonstrationen. Den Imperativ im Titel seiner Streitschrift „Hört endlich zu!“ begründet der Theologe mit Grundsätzlichem wie auch Persönlichem. Richter sieht im ganzen Land eine „Schneise geistiger Verwüstung“ durch neoliberale Wahnvorstellungen von ewigem Wachstum. Bei einem verregneten Wahlkampfauftritt von Angela Merkel („eine müde und traurig wirkende Frau“) vor 300 Ostdeutschen im Städtchen Barth fühlte er sich von der entpolitisierenden Visionslosigkeit der Kanzlerin „intellektuell beleidigt“. Read the rest of this entry »

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