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Buchrezensionen

Rezension: “Zazie in der Metro” ist neu übersetzt hinreißend frech und witzig

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Das Cover des Buches “Zazie in der Metro” von Raymond Queneau. (Foto: Suhrkamp Verlag / DPA) 

Queneaus „Zazie in der Metro“ neu übersetzt

 

Deutsche Presse-Agentur
Thomas Borchert

Für Zazie, mit ihren 13 Jahren rotzfrech, abenteuerlustig und einfach nicht umzuhauen, wird es in diesem Buch mehrfach „Zeit, die Fresse vom nächsten Lustmolch mal in Augenschein zu nehmen“.

Dabei hat ihre Mutter mit dem lautmalerisch auffälligen Nachnamen Grossestittes sie doch extra zwei Tage und vor allem Nächte beim tuntig-schwulen Onkel Gabriel in Paris geparkt, um solchen Gefahren vorzubeugen. Auch Zazie ist aber sonnenklar, dass es der Mutter vor allem um freie Bahn für sich mit dem neuen Liebhaber geht. Beim Wiedersehen antwortet die Tochter auf die Frage der Mutter nach dem Spaßfaktor in der Hauptstadt knapp: „Ich bin gealtert.“ Read the rest of this entry »

Rezension: Über “Max, Micha und die Tet-Offensive”

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Zauberberg aus Norwegen:
Johan Harstads munterer Monsterroman

05.06.2019

Ein gewaltiges Unterfangen wie einst Thomas Manns “Zauberberg” und leicht zugänglich: Über 1200 Seiten lässt der Norweger Johan Harstad seinen Ich-Erzähler Max nach Wurzeln und Identität für die Generation der 68er-Kinder suchen. Man muss nicht jede Seite lesen und ist doch überwältigt.

Von Thomas Borchert, dpa

Reinbek/Hamburg (dpa) – Man hat diesen munteren Monsterromans fast geschafft und ist nach 1000 Seiten noch nicht so recht müde, da erfährt Max, dass sein Freund Mordecai sich umgebracht hat.

Von der Trauerfeier stellt der norwegische Autor Johan Harstad auf zehn Seiten in aller Ruhe und abwechslungsreich die knapp 50 Trauergäste von innen, mit ihren Gedanken und Gefühlen vor. Vom Vater “mit dem toten Gesicht, einer Totenmaske” bis zum Kind, das grübelt, wie man sterben kann, ohne alt oder krank zu sein. Mal gibt es einen knappen Satz über nackte Verzweiflung, mal ironisierend verschiedene Varianten der Unfähigkeit zu trauern oder Warmherziges über das hier fast aussichtslose Ringen um Trost. Read the rest of this entry »

Dieser Boyd-Roman macht einfach Spaß

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Sprudelndes Lesevergnügen: William Boyds “Blinde Liebe”

23.04.2019

“Blinde Liebe”: William Boyd erzählt aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert meisterhaft im Stil von Klassikern dieser Zeit. Foto: Kampa Verlag

Die “Blinde Liebe” zwischen dem Klavierstimmer Brodie und der Sängerin Lika ist leidenschaftlich, tragisch und extrem intrigenreich. William Boyd erzählt diese Geschichte aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert meisterhaft im Stil von Klassikern dieser Zeit.

Von Thomas Borchert, dpa

Zürich (dpa) – Wie im Flug vergehen die 500 Seiten von William Boyds neuem Roman “Blinde Liebe”, bis es beim Zuklappen im Erinnerungsgebälk knirscht: Wann hat man zuletzt ein so kristallklar sprudelndes Lesevergnügen serviert bekommen?

Literarisch auf hohem Niveau, spannend, bewegend und federleicht zugleich erzählt der schottische Autor von der Liebe zwischen dem Klavierstimmer Brodie Moncur und der Sängerin Lika Blum an der Nahtstelle zwischen 19. und 20. Jahrhundert. Diese auch geografisch gewaltige Lesereise führt in den Jahren 1894 bis 1906 aus dem Dörfchen Liethen Manor im südlichen Schottland über Edinburgh, Paris, St. Petersburg, Nizza bis auf eine Insel namens Andamanen mitten im Indischen Ozean. Read the rest of this entry »

Wie Heimkehrer aus dem Moskauer Exil die DDR als Statthalter von Stalins Gnaden aufbauten

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«Die Moskauer»

Erschütternde Lebensgeschichten der DDR-Gründerzeit

Heimkehrer aus dem sowjetischen Exil haben die DDR als Statthalter von Stalins Gnaden aufgebaut. Sie selbst waren für immer geprägt von dessen Terrorherrschaft. «Die Moskauer» präsentiert auf schreckliche Weise fesselnde Biografien deutscher Kommunisten aus dieser Zeit.

Andreas Petersen: Die Moskauer – Wie das Stalintrauma die DDR prägte, S.Fischer Verlag, Frankfurt/Main, 361 Seiten, 24,00 Euro, ISBN 978-3-10-397435-5. Foto: S.Fischer Verlag/dpa

Von Thomas Borchert

Man liest es fassungslos: Der jüdische Kommunist Georg Krausz kommt nach seiner Befreiung aus dem KZ Buchenwald 1945 im Handumdrehen wieder hinter Stacheldraht, am Ende im selben Lager, jetzt von den sowjetischen Besatzern drei Jahre eingekerkert als «Jude und amerikanischer Spion». 1952 muss der Journalist Krausz vom Prozess gegen den tschechischen Juden und Kommunisten Rudolf Slánský die antisemitischen Verschwörungstheorien und Wahnvorstellungen Stalins für Leser in der DDR zustimmend ausbreiten. Drei Tage nach dem Todesurteil gegen Slánský wird der schon aus allen Parteiämtern «weggesäuberte» Paul Merker als «verbrecherischer Zionist» verhaftet, weil er für die Entschädigung jüdischer Holocaust-Überlebender eingetreten ist. Stalin hat von seinen ostdeutschen Statthaltern auch so einen spektakulären Schauprozess wie den in Prag verlangt.

Der Historiker Andreas Petersen erzählt in «Die Moskauer – Wie das Stalintrauma die DDR prägte» diese und viele andere erschütternde biografische Geschichten von deutschen Kommunisten zwischen Hitlers Antritt 1933 bis in die ersten Nachkriegsjahre. Im Zentrum stehen die vor den Nazis in die Sowjetunion geflüchteten Kommunisten, die den Stalin-Terror der späten 30er Jahre mit Millionen Opfern überlebten und nach Kriegsende in Ost-Berlin den Aufbau den Sozialismus nach stalinschem Muster lenken sollten. Allen voran Walter Ulbricht (1893-1973) als SED-Parteichef und Vorsitzender des DDR-Staatsrates und der erste, 1960 gestorbene DDR-Präsident Wilhelm Pieck.

«Im Aufbaufuror blieb keine Zeit für Rückblicke auf Terror, Verfolgungen, Denunziation und Angst. Sie schwiegen über Verhaftungen, das Verschwinden der Parteigenossen, Hunderttausender. Kein Wort über die eigenen Verhöre, die Gefängnisjahre und den Verrat, ohne den kaum zu überleben war», erklärt Petersen vorweg nüchtern, was er als Konsequenz aus den oft apokalyptisch schrecklichen Lebensgeschichten deutscher Kommunisten als Staatslenker der ersten Stunde sieht: «Der Schrecken, die Lüge und das Schweigen wurden zum mentalen Fundament des neuen Staates.»

Erwin Jöris hielt sich nicht daran. Nach einer KZ-Haft 1933 bis 1934 emigrierte er auf KPD-Geheiß, schuftete in einem Stahlwerk im Ural, versteckte sich hungernd und vergeblich vor den Massenverhaftungen deutscher Emigranten in Schuppen, denunziert von eigenen Genossen als «Trotzkist». Er wurde 1938 schon vor dem Hitler-Stalin-Pakt wie viele deutsche Emigranten der Gestapo übergeben und überlebte den Krieg als Wehrmachts-Sanitäter. 1946 in Berlin sprach sich Jöris offen gegen die schrankenlose Eingliederung belasteter Nazis in die SED durch die «Moskau-Heimkehrer» aus und attackierte genauso offen den SED-Spitzenfunktionär Kurt Schneidewind. Der hatte ihn im Ural denunziert, war als einziger Deutscher den Verhaftungen entgangen und nun ein ganz Mächtiger. Das brachte Jöris 1950 vor einem DDR-Gericht als «Spion» und «Konterrevolutionär» 25 Jahre Bergwerksarbeit in Sibirien ein. Nach der Entlassung 1955 flüchtete er mit seiner Frau von Ost-Berlin in den Westen und starb 2013 im Alter von 101 Jahren.

Die Stärke des Buches liegt in solchen Lebensgeschichten mit oft schwer fassbaren Schrecknissen im Zickzack zwischen Widerstand gegen die Nazis, Verfolgung samt gegenseitigem Verrat im mörderischen Gewaltsystem unter Stalin und dem anschließenden Zwang zu Verdrängung und Schweigen. Verblüffend oft findet sich auf diesen in schrecklicher Weise immer fesselnden 300 Seiten der Hinweis, dass die jeweilige Leidens- oder auch Tätergeschichte erst nach dem Ende der DDR bekanntgeworden ist. «Panzerschrank-Lebensläufe» nennt Petersen, was die Betroffenen oft auch innerlich unter schrecklichsten Verdrängungen akzeptierten, weil sie entweder nie den «Glauben an die Partei» aufgeben wollten, einfach nackte Angst hatten oder beides kombinierten.

Lotte Rayss, im Moskauer Exil Kindermädchen des später «legendären» Stasi-Auslandschefs Markus Wolf und seines als Filmregisseur ähnlich berühmten Bruders Konrad, musste 16 Jahre im Gulag zubringen. Bei der Festnahme Anfang 1938 erklärten die Häscher, sie könne nur eins ihrer beiden Kinder mitnehmen. Lotte Rayss entschied sich in grenzenloser Verzweiflung für den Säugling Larissa. Die ältere Tochter Lena, Halbschwester von Markus und Konrad Wolf, kam in ein Kinderheim. Der Vater Friedrich Wolf, der das Kindermädchen auch als Geliebte geschätzt hatte, «starb 1952, hochgeehrt und ein glühender Streiter für die junge DDR und eine glorreiche Sowjetunion. Für die Verbannte eingesetzt hatte er sich nicht».

1954 durfte Lotte Rayss nach Ost-Berlin zurückkehren. «Ihre Geschichte aufzuschreiben traute sie sich nicht.» Den Geheimdienstchef hat sie um zwei Jahre überlebt und vor ihrem Tod dem in der Verbannung geborenen Sohn Konrad die eigene Geschichte doch noch diktiert. Den Tod von Markus Wolf «begrüßte sie. Für sie war er die Verkörperung der Verfolgung».

Der neue Julian Barnes enttäuscht

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Erinnerungsarbeit:
Julian Barnes stellt großen Fragen

12.03.2019

Der britische Schriftsteller Julian Barnes erzählt vom Niedergang einer Partnerschaft durch Alkohol. Foto: Christian Charisius

Der britische Schriftsteller Julian Barnes erzählt vom Niedergang einer Partnerschaft durch Alkohol. Foto: Christian Charisius
Christian Charisius

Julian Barnes lässt einen älteren Herrn auf die alles überschattende, gestrandete Liebe junger Jahre zurückblicken. “Die einzige Geschichte” zwischen einem 19-Jährigen und einer 30 Jahre älteren Frau wirft große Fragen auf.

Von Thomas Borchert, dpa

Köln (dpa) – “Würden Sie lieber mehr lieben und dafür mehr leiden oder weniger lieben und weniger leiden?” Mit einer großen Frage startet Julian Barnes seinen neuen Roman “Die einzige Geschichte”.

Der Ich-Erzähler erklärt sie zu der “am Ende einzig wahren”, ehe er die Geschichte seiner ersten, einzigen, trostlos gestrandeten Liebe nach 50 Jahren noch einmal auszugraben versucht. Sie ist für ihn das eine “erzählenswerte Ereignis von Bedeutung” in seinem Leben.

Die einzige Geschichte eben, ein Kind des Zufalls, der in den frühen 60ern beim Tennisturnier in einem verschlafenen Nest südlich von London den 19-jährigen Paul und die knapp 30 Jahre ältere Susan zusammenbringt. Aus dem Mix-Doppel wird ein Liebespaar, von Pauls Eltern aktiver bekämpft als von Susans betrogenem Ehemann, einem hin und wieder auch zuschlagenden Trinker. Auch beide Töchter des Paares, älter als der Liebhaber der Mutter, akzeptieren das Arrangement. Barnes lässt Paul am anderen Ende des Lebens in seinen Erinnerungen graben und nüchtern Funde ausbreiten. Erwachsen werden wollte er damals wohl vor allem, wird er im Abstand von einem halben Jahrhundert schlussfolgern. Read the rest of this entry »

Eine Million Menschen starben bei der Hungerblockade von Leningrad

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Hunger als Waffe: Leningrader „Blockadebuch“ unzensiert

Buch «Blockadebuch Leningrad 1941-1944»
Unzensiert: das „Blockadebuch Leningrad 1941-1944“. (Foto: Aufbau Verlag Berlin / DPA)
Deutsche Presse-Agentur

Hunger als Waffe: Leningrader „Blockadebuch“ unzensiert

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Buch «Blockadebuch Leningrad 1941-1944»
Unzensiert: das „Blockadebuch Leningrad 1941-1944“. (Foto: Aufbau Verlag Berlin / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Thomas Borchert

Fast eine Million Syrer sind allein nach Deutschland geflüchtet. Wer besser verstehen will, warum so viele Kriegsflüchtlinge aus Aleppo kommen, sollte unbedingt das „Blockadebuch Leningrad 1941-1944“ lesen.

Was der Diktator und Massenmörder Assad mit der Einkesselung und Belagerung der Millionenstadt 2016 begann, ließ Hitler die Wehrmacht fast 900 Tage mit klar definiertem Ziel rund um die russische Metropole durchexerzieren, die heute wieder St. Petersburg heißt: „Ein Interesse an der Erhaltung auch nur eines Teils dieser großstädtischen Bevölkerung besteht (…) unsererseits nicht.“ Durch Aushungern sollte die riesige Stadt ausgetilgt werden, was am Ende nicht gelang, aber etwa eine Millionen Menschen das Leben kostete. Es war ein monströses, politisch begründetes Verbrechen, dessen Ausmaß und grenzenlose Perfidie an den Holocaust heranreicht. Read the rest of this entry »

Buchbesprechung: Wie die Nazi-Manager 1949 schon wieder voll da waren

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Auch wieder aktuell?

Bommarius erzählt das wichtige Jahr 1949

Das bunte, fesselnde Panorama eines deutschen Schicksalsjahres hat Christian Bommarius aus Zeitzeugnissen zusammengestellt. Klug und witzig kommentierend zeigt er in «1949 – Das lange deutsche Jahr» das dreiste und erfolgreiche Comeback der Nazi-Seilschaften.

Christian Bommarius, 1949 – Das lange deutsche Jahr, Droemer Verlag, München, 320 Seiten, 19,99 Euro, ISBN: 978-3-426-27761-4​. Foto: Droemer Verlag/dpa

Von Thomas Borchert

Zur gegenseitigen Reinwaschung alter Nazis nach der Niederlage 1945 hat der große Wortkünstler Alfred Polgar den Satz gebaut, der alles sagt: «Viele nämlich, die unter dem Regime des Hakenkreuzes auf einflussreichen Posten saßen, sind von ihren Stühlen nur aufgestanden, um sich selbst Platz zu machen.» Im November 1949 inspirierte dazu den dem Holocaust entronnenen jüdischen Autor als Prozessbeobachter, wie Hitlers berühmte Lieblings-Regisseurin Leni Riefenstahl vor dem Münchner Amtsgericht mühelos den Vorwurf wegwischen konnte, sie habe KZ-Häftlinge als Filmstatisten ausgesucht. Auch der Richter, notierte Polgar, habe fasziniert Riefenstahls selbstbewusst charmanten Ausführungen über ihr ausgezeichnetes Verhältnis zum «Führer» gelauscht. Und dass sie die Tasche schon wieder voller Filmverträge aus aller Welt habe. Read the rest of this entry »

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