Buchrezensionen

Linn Ullmanns sechster Roman meisterlich und viel mehr als “Autofiktion”

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«Die Unruhigen»

Ingmar Bergman und Liv Ullmann als überforderte Eltern

Linn Ullmann ist als Scheidungskind weltberühmter Eltern groß geworden. In «Die Unruhigen» erkundet sie die Sommerwochen bei Ingmar Bergman und die Restzeit bei der ewig hadernden Liv Ullmann. Bis der Vater als seniler alter Mann stirbt. Die Mutter nennt das Buch zurecht ein Meisterwerk.

19.06.2018

Linn Ullmann. Foto: dpa​

Von Thomas Borchert

Am besten man wüsste bis zum Ende nicht, dass hier ein weltberühmtes Elternpaar von der Tochter mit Erinnerungen an eine zerrissene Kindheit vorgestellt wird. Als Rettung vor dem Schlüssellochgucken. Wie die Norwegerin Linn Ullmann (51) diese schwer zu unterdrückende Form von Neugier fast vergessen macht, ist Teil ihrer Meisterschaft in «Die Unruhigen» mit Ingmar Bergman, in Cannes zum «besten Filmregisseur aller Zeiten» gekürt, der kaum minder berühmten Schauspielerin Liv Ullmann und sich selbst als Hauptpersonen.

Linn Ullmann: Die Unruhigen, Roman, aus dem Norwegischen von Paul Berf, Luchterhand Verlag, München, 412 Seiten, 22,00 Euro, ISBN: 978-3-630-87421-0. Foto: ​Random House/dpa

«Ich hätte gern ein Buch ohne Namen geschrieben. Oder ein Buch mit sehr vielen Namen. Oder ein Buch, in dem alle Namen so alltäglich sind, dass man sie auf der Stelle vergisst», schreibt sie zu Beginn ihres sechsten Romans in einer glasklaren, unprätentiösen Sprache und nennt die berühmten Namen sowie auch den eigenen nicht ein einziges Mal. Sich lässt sie abwechselnd als «ich» und «sie» auftreten. Die Autorin schafft auf den 400 Seiten das ganz Schwere: Man klappt das Buch zu als fesselnde, nachdrücklich und zugleich unsentimental, auch witzig zum Nachdenken über die eigene Geschichte anregende Meditation zum alle prägenden und immer komplexen Verhältnis zwischen Kindern und Eltern.

In diesem Fall kennt alle Welt den Rahmen: Der große Ingmar Bergman und die schöne Liv Ullmann, so sieht es die Welt eben, verliebten sich bei den Dreharbeiten zu «Persona» 1965. Die Tochter kam ein Jahr später zur Welt und konstatiert nüchtern über ihren damals 48- jährigen Vater: «Ein Kind mehr oder weniger. Er hatte acht aus früheren Beziehungen und war als dämonischer Regisseur (was immer das bedeuten soll) und als Schürzenjäger bekannt (ziemlich eindeutig, was das bedeutet).» Die Beziehung zur 21 Jahre jüngeren Mutter hielt, bis die Tochter drei war. Zu den Vereinbarungen des weiter zusammenarbeitenden und lebenslang befreundeten Ex-Paares gehörten jedes Jahr ein paar Sommerwochen für Tochter Linn beim Vater auf der kleinen Ostseeinsel Fårö, wo der Filmemacher 2007 gestorben ist.

Ansonsten aber lebte natürlich auch dieses jüngste wie alle anderen Bergman-Kinder bei der Mutter. Eine endlose Reihe von Kindermädchen sowie auch eine kürzere, aber genauso wenig populäre mit Geliebten der Mutter zieht sich durch das Buch, wenn die Schauspielerin wieder zu Engagements in Oslo, New York oder Los Angeles unterwegs ist. Die Tochter wird vor Sehnsucht halb verrückt. Linn Ullmann erinnert sich im Buch an ihre Jahre als 11- bis 15-Jährige, erst als vollkommen bedingungslos liebendes Kind, dann als Teenager mit den ersten sexuellen Erfahrungen und mit langsam weiterem Horizont auf der Suche nach einem Zuhause und festem Boden unter ihren Beinen (die sie viel zu dünn findet). Eine Herkulesarbeit ist das beim ziemlich entrückten, mit unverrückbar festem Stundenplan am Künstlertum arbeitenden Sommer-Vater und der ewig unsicheren, mit sich hadernden, auch in den eigenen vier Wänden kräftig schauspielernden Mutter.

Ein durch raffinierte Montagen und den zurückgenommenen, dabei aber unglaublich treffsicheren Grundton vollbrachtes Kunststück des Buches ist die Kombination der eigenen kindlichen Perspektive auf die nie gemeinsam erreichbaren Eltern mit dem erwachsenen Blick auf beide als Persönlichkeiten für sich. Wärme und das Streben nach Klarheit durch kühle Beobachtung widersprechen einander hier nicht. Dieses Kunststück möchte man ja selbst auch gern besser schaffen.

Der hochinteressante Teilzeit-Vater kommt ungleich besser weg als die immer mit den schnöden Alltagsproblemen kämpfende Vollzeit-Mutter. Er bekommt auch viel mehr Platz. Denn Auslöser für dieses grandiose Erinnerungsbuch war ein gescheitertes Projekt der erwachsenen Tochter mit dem betagten Bergman: Er wollte eins über das Altwerden als harte Arbeit schreiben, fühlte sich aber schon zu schwach und vereinbarte eine Interviewserie mit der als Autorin bestens selbstständig etablierten Linn. Vom Scheitern auch dieses Vorhabens, weil Bergman einfach zu schnell weiter abbaute, bis zu seinem noch mal von ihm selbst akribisch durchgeplanten Begräbnis auf Fårö erzählt die Tochter im Wechsel mit den Kindheitsgeschichten und gibt Dialoge im Wortlaut wieder.

Das bringt wieder ein gänzlich anderen Blick auf das Eltern-Kind-Verhältnis mit dessen fast zunehmender Umkehrung. Genial erzählt sie die Geschichte von einer Bruchstelle: Als Linn mit 30 in Oslo frisch geschieden und der Vater mit knapp 80 verwitwet ist, lädt der die Tochter nach Stockholm zum Heilig Abend ein, den er eigentlich nie feiert: «Eine Woche zuvor hatten Papa und ich telefoniert und waren im Gespräch über die Einsamkeit des jeweils anderen gestolpert.»

Ist alles so passiert oder auch im Genre Autofiktion ausgedacht? Zu der sich gerade im Land des Autofiktions-Weltmeisters Karl-Ove Knausgård aufdrängenden Frage hat Linn Ullmann in vielen Interviews unterschiedlich geantwortet: Sie habe sich schon nach Kräften angestrengt, immer «wahr» und getreu der eigenen Erinnerung zu schreiben. Aber wann und wie sei Erinnerung wahr? Einiges sei auch erfunden, ein Aufenthalt in Frankreich zum Beispiel. Mutter Liv sagte nach dem Erscheinen des Originals im norwegischen Fernsehen: «Als ich es las, hab ich es ein Meisterwerk genannt. Ich hab aber auch gesagt, dass ich nicht so dargestellt bin, wie ich es mir wünschen würde. Manches ist erdichtet, manches ist Lüge. Und eine ganze Masse ist Wahrheit.»

Im Buch hat sich die Tochter auf solche Anwürfe schon mit einem klugen Satz gewappnet: «In Wahrheit kann man nicht sonderlich viel über das Leben anderer Menschen wissen, und erst recht nicht, wenn diese Eltern es darauf angelegt haben, ihr Leben in Geschichten zu verwandeln, die sie anschließend mit einer begnadeten Fähigkeit dafür erzählen, sich nicht im Geringsten darum zu scheren, was wahr ist und was nicht.»

Rezension von Platonows fantastisch finsterem “Tschewengur”

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Platonow zum Zweiten: Wilder Ritt in die Apokalypse

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Das Cover des Romans „Tschewengur“ von Andrej Platonow. (Foto: Suhrkamp / DPA)

 

Thomas Borchert

Nach dem Schaufeln der Proletarier am eigenen Massengrab in der kommunistischen Baugrube jetzt eine Reise nach Tschewengur. Die Bolschewiken liquidieren hier für das klassenlose Paradies erstmal alle Bürgerlichen. Wie wunderbar, dass Suhrkamp ein Jahr nach der „Baugrube“ auch „Tschewengur“, das zweite Hauptwerk von Andrej Platonow (1899-1951) aus dem postrevolutionären Russland der 20er Jahre, neu herausgebracht hat.

Die im Untertitel angekündigte „Wanderung mit offenem Herzen“ ist ein wilder, immer wieder hypnotisch anziehender, genauso witziger wie Grauen erregender literarischer Ritt an der Seite mythisch verklärter Paradiessucher – mitten hinein in die Apokalypse. Read the rest of this entry »

Streitschrift gegen westliche Arroganz

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„Hört endlich zu!“

Frank Richter streitet für offene Ohren und bleibt vage

Wie man Anhängern von Pegida von AfD vorbehaltlos zuhören kann, hat der Sachse Frank Richter in Dresden mit Erfolg vorgeführt. In „Hört endlich zu!“ bleibt er als Rezeptgeber nach überzeugenden Analysen unverbindlich.

Von Thomas Borchert, dpa

Quelle: Dietrich Flechtner
Frank Richter

Berlin. Frank Richter hat sich einen Namen gemacht als kluger und zeitweilig erfolgreicher politischer Mittler im Dresden der Pegida-Demonstrationen. Den Imperativ im Titel seiner Streitschrift „Hört endlich zu!“ begründet der Theologe mit Grundsätzlichem wie auch Persönlichem. Richter sieht im ganzen Land eine „Schneise geistiger Verwüstung“ durch neoliberale Wahnvorstellungen von ewigem Wachstum. Bei einem verregneten Wahlkampfauftritt von Angela Merkel („eine müde und traurig wirkende Frau“) vor 300 Ostdeutschen im Städtchen Barth fühlte er sich von der entpolitisierenden Visionslosigkeit der Kanzlerin „intellektuell beleidigt“. Read the rest of this entry »

Der neue Clemens J. Setz: “Bot”

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Clemens Setz als digitalisierter Eulenspiegel

Clemens J. Setz - «Bot - Gespräch ohne Autor»
„Bot – Gespräch ohne Autor“ von Clemens J. Setz. (Foto: Suhrkamp Verlag / DPA)

 

Thomas Borchert

Intelligente Fragen gegen den Strich sind Kraftnahrung für alle Wahrheitssucher. Clemens J. Setz serviert sie in „Bot – Gespräch ohne Autor“ mit Witz und digitaler Raffinesse vor jedem der hier gesammelten Einträge aus seinem elektronischen Tagebuch.

„Kann man vertraut werden mit einer Maschine?“, lässt der 35-jährige Österreicher sich fragen und einen melancholischen Absatz über das Verschwinden eines „kleinen Zahnrades an privater Poesie aus der Welt“ folgen. Read the rest of this entry »

Rezension: “Schnörkellos ohne Schielen auf voyeuristische Neugier”

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Reemtsma-Sohn erzählt von der Entführung des Vaters
Von Thomas Borchert, dpaprodukt-10004130

Die Entführung des Hamburger Multimillionärs Jan Philipp Reemtsma 1996 erzählt nach mehr als zwei Jahrzehnten der Sohn noch mal neu. Johann Scheerer, bekannt als Musiker und Musikproduzent, war damals 13 und hat seine Erlebnisse schnörkellos und ohne Schielen auf voyeuristische Neugier aufgeschrieben.

München/Hamburg (dpa) – Der 13-jährige Johann wacht auf mit der Ankündigung seiner Mutter in ungewohnter Stimmlage, man müsse «jetzt gemeinsam ein Abenteuer bestehen»: «Jan Philipp ist entführt worden. Die Entführer wollen zwanzig Millionen Mark.». Als 35-Jähriger hat Johann Scheerer die 33 Tage bis zur Freilassung seines Vaters Jan Philipp Reemtsma nun in Buchform erzählt. Sie werden ihn so oder so umbringen, geht es ihm in diesen Frühlingswochen 1996 immer und immer wieder durch den Kopf, während der Vater verzweifelte Briefe aus seinem Verlies schickt, zwei vereinbarte Geldübergaben durch Tölpeleien der Polizei scheitern, Freunde der Familie als Helfer entnervt das Handtuch werfen und die Kidnapper mit der Verstümmelung ihres Gefangenen drohen. Read the rest of this entry »

Rezension von Håkan Nessers Krimi “Der Fall Kallmann”: So lala

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Nesser schickt drei Lehrer auf Mörderjagd

München/Stockholm. Der eigenwillige Lehrer Kallmann stirbt beim Treppensturz. Håkan Nesser lässt in seinem neuen Krimi drei Schulkollegen nach dem möglichen Urheber fahnden und selbst erzählen. Der Nesser-Mix mit anspruchsvoller Psychologie ist diesmal zu lang geraten.

Nesser schickt drei Lehrer auf Mörderjagd
Der schwedische Schriftsteller Hakan Nesser auf der 64. Frankfurter Buchmesse. Foto: Arno Burgi

Håkan Nesser war selbst mal Lehrer, immerhin 20 Jahre lang, ehe für das tägliche Brot der Erfolg seiner Schweden-Krimis reichte. Im neuen, „Der Fall Kallmann“, schickt der Bestsellerautor drei Pädagogen an der Schule in ihrer Kleinstadt hoch im kalten Norden auf die Suche nach einem Mörder.

Oder erstmal nach einem Mord, denn keiner weiß, ob beim tödlichen Treppensturz des schon immer geheimnisvollen, bei den Schülern höchst beliebten Kollegen Eugen Kallmann jemand nachgeholfen hat. Read the rest of this entry »

Buchbesprechung: Was macht das Internet aus der Seele?

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Über die Seele von Assange und anderen Internetgeschöpfen

Drei Porträts von Männern, die nur durch das Internet leben: Julian Assange, der Enthüllungs-Hacker, ein angeblicher Bitcoin-Erfinder und ein rein digitales Geschöpf. Andrew O’Hagan berichtet spannend und stellt die wichtigste Frage: Was macht das Internet aus der Seele?

28.11.2017, 10:19 Uhr
  • Wikileaks-Gründer Julian Assange. Foto: dpa​

  • Das Cover des Buches «Das geheime Leben». Drei Porträts von Männern, die nur durch das Internet leben: Julian Assange, der Enthüllungs-Hacker, ein angeblicher Bitcoin-Erfinder und ein rein digitales Geschöpf. Andrew O’Hagan berichtet spannend und stellt die wichtigste Frage: Was macht das Internet aus der Seele? Foto: Fischer Verlage/dpa​

Von Thomas Borchert

Julian Assange, Schöpfer der Enthüllungsplattform Wikileaks, wirkte auf ihn vom ersten Moment an wie ein «hyperventilierender Chatroom», voller Verachtung für seine Helfer. Der australische Landsmann Craig Wright, vielleicht und vielleicht auch nicht Schöpfer des digitalen Kryptogeldes Bitcoin, hatte dieses «Cyberpunk-Glitzern» in den Augen, wenn mal wieder unklar war, was er über seine Identität erlogen hatte und warum.

Ronald Pinn schließlich, nach seinem Drogentod über das Internet neu erfunden, ist nun «als Mann mit Cyberwährung überall willkommen». Der Tote bekommt, nur durch Netzaktivitäten seines Digital-Schöpfers, nach und nach auch eine Postanschrift, einen Personalausweis mit neuem Gesicht, natürlich immer mehr «Freunde» auf Facebook, und auch Maschinenpistolen. Read the rest of this entry »