Eine Million Menschen starben bei der Hungerblockade von Leningrad

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Hunger als Waffe: Leningrader „Blockadebuch“ unzensiert

Buch «Blockadebuch Leningrad 1941-1944»
Unzensiert: das „Blockadebuch Leningrad 1941-1944“. (Foto: Aufbau Verlag Berlin / DPA)
Deutsche Presse-Agentur

Hunger als Waffe: Leningrader „Blockadebuch“ unzensiert

Lesedauer: 5 Min
Buch «Blockadebuch Leningrad 1941-1944»
Unzensiert: das „Blockadebuch Leningrad 1941-1944“. (Foto: Aufbau Verlag Berlin / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Thomas Borchert

Fast eine Million Syrer sind allein nach Deutschland geflüchtet. Wer besser verstehen will, warum so viele Kriegsflüchtlinge aus Aleppo kommen, sollte unbedingt das „Blockadebuch Leningrad 1941-1944“ lesen.

Was der Diktator und Massenmörder Assad mit der Einkesselung und Belagerung der Millionenstadt 2016 begann, ließ Hitler die Wehrmacht fast 900 Tage mit klar definiertem Ziel rund um die russische Metropole durchexerzieren, die heute wieder St. Petersburg heißt: „Ein Interesse an der Erhaltung auch nur eines Teils dieser großstädtischen Bevölkerung besteht (…) unsererseits nicht.“ Durch Aushungern sollte die riesige Stadt ausgetilgt werden, was am Ende nicht gelang, aber etwa eine Millionen Menschen das Leben kostete. Es war ein monströses, politisch begründetes Verbrechen, dessen Ausmaß und grenzenlose Perfidie an den Holocaust heranreicht.

Ales Adamowitsch (1927-1994) aus Weißrussland und der 2017 mit 98 Jahren gestorbene russische Autor Daniil Granin haben die bis ins Mark erschütternden Leidensgeschichten von Leningradern aus den fast drei Jahren Belagerung zusammengetragen. Die Überlebende Olga Ernestowna Michailowa berichtet von der Selbstvergiftung eines jungen Mädchens, „nachdem es mit ansehen musste, wie seine Mutter den Liebling der Familie, einen Kater, ausweidete“. Es bleibt nicht bei den Haustieren. Die Autoren kommentieren solche vollkommen unerträglichen Erzählungen sparsam und nüchtern: „Der Hunger veränderte die Menschen nicht nur körperlich – er wandelte ihren Charakter und ihre Gewohnheiten, bei manchen ihr ganzes Wesen.“ Eine lebenslange Last für alle Überlebenden.

Noch häufiger legen auf diesen 700 Seiten Alltagsgeschichten Zeugnis von der oft noch schwerer fassbaren Bewahrung der Menschlichkeit ab. Immer und immer wieder erzählen Leningrader, die sich selbst als schon ausgelöscht sahen und nur noch lethargisch den Tod erwarteten, wie Angehörige, Kollegen, Fremde ihnen das eigene letzte Stückchen Brot oder mit Worten und Wärme neuen Lebensmut gaben. Ein Wunder auch dies: „Das menschliche Gehirn starb als Letztes. Wenn Arme und Beine den Dienst versagten, wenn die Finger nicht mehr knöpfen konnten, (…) funktionierte das Gehirn immer noch. Die Menschen schrieben Tagebücher, verfassten Aufsätze über philosophische und andere wissenschaftliche Fragen, übten sich weiter nach Herzenslust im Denken, wichen vor Gegenwind nicht zurück, verfielen nicht in Eitelkeit oder Hektik.“

Dass der allgegenwärtige, entsetzliche Hunger zu Kannibalismus führte, war in der sowjetischen Geschichtsschreibung auch noch ein Tabu, als Adamowitsch und Granin ihre riesige Sammlung von Zeitzeugen erstmals 1981 im eigenen Land und auf Deutsch 1984 in der DDR veröffentlichen konnten. In der jetzt erstmals kompletten Neuausgabe des Aufbau Verlags müssen auch nicht mehr die teils fürchterlichen Fehler des Stalin-Regimes verschwiegen werden, das seinerseits schon in den 30er Jahren in der Ukraine den Hunger als Waffe zur Massenvernichtung eingesetzt hatte.

Über die extrem schwierige Entstehungsgeschichte des Buches, auch im Umgang mit der Zensur und dem allgemeinen Wunsch nach Vergessen berichtet Granin einleitend. 2014 hielt er als 94-Jähriger eine große Rede vor dem Bundestag in Berlin zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar, der 1944 auch Tag der Befreiung in Leningrad war. Er erinnerte die Politiker an ihre Verantwortung mit Geschichten aus dem „Blockadebuch“. Unerträglich grausame waren darunter, aber auch Granins Fazit aus dem eigenen Erleben der Hungerjahre: Dass die Bewahrung von Menschlichkeit sich als beste Möglichkeit zum Überleben erwiesen habe.

Der Aufbau Verlag hat mit der sorgsamen Neuedition des „Blockadebuches“ auch einen leider hochaktuellen Beitrag zur Verteidigung der zunehmend unter Angriff stehenden Menschenrechte geleistet.

– Ales Adamowitsch, Daniil Granin: Blockadebuch Leningrad 1941-1944, Aufbau Verlag Berlin, 703 Seiten, 36,00 Euro, ISBN 978-3-351-03735-2.

Blockadebuch Leningrad

Fast eine Million Syrer sind allein nach Deutschland geflüchtet. Wer besser verstehen will, warum so viele Kriegsflüchtlinge aus Aleppo kommen, sollte unbedingt das „Blockadebuch Leningrad 1941-1944“ lesen.

Was der Diktator und Massenmörder Assad mit der Einkesselung und Belagerung der Millionenstadt 2016 begann, ließ Hitler die Wehrmacht fast 900 Tage mit klar definiertem Ziel rund um die russische Metropole durchexerzieren, die heute wieder St. Petersburg heißt: „Ein Interesse an der Erhaltung auch nur eines Teils dieser großstädtischen Bevölkerung besteht (…) unsererseits nicht.“ Durch Aushungern sollte die riesige Stadt ausgetilgt werden, was am Ende nicht gelang, aber etwa eine Millionen Menschen das Leben kostete. Es war ein monströses, politisch begründetes Verbrechen, dessen Ausmaß und grenzenlose Perfidie an den Holocaust heranreicht.

Ales Adamowitsch (1927-1994) aus Weißrussland und der 2017 mit 98 Jahren gestorbene russische Autor Daniil Granin haben die bis ins Mark erschütternden Leidensgeschichten von Leningradern aus den fast drei Jahren Belagerung zusammengetragen. Die Überlebende Olga Ernestowna Michailowa berichtet von der Selbstvergiftung eines jungen Mädchens, „nachdem es mit ansehen musste, wie seine Mutter den Liebling der Familie, einen Kater, ausweidete“. Es bleibt nicht bei den Haustieren. Die Autoren kommentieren solche vollkommen unerträglichen Erzählungen sparsam und nüchtern: „Der Hunger veränderte die Menschen nicht nur körperlich – er wandelte ihren Charakter und ihre Gewohnheiten, bei manchen ihr ganzes Wesen.“ Eine lebenslange Last für alle Überlebenden.

Noch häufiger legen auf diesen 700 Seiten Alltagsgeschichten Zeugnis von der oft noch schwerer fassbaren Bewahrung der Menschlichkeit ab. Immer und immer wieder erzählen Leningrader, die sich selbst als schon ausgelöscht sahen und nur noch lethargisch den Tod erwarteten, wie Angehörige, Kollegen, Fremde ihnen das eigene letzte Stückchen Brot oder mit Worten und Wärme neuen Lebensmut gaben. Ein Wunder auch dies: „Das menschliche Gehirn starb als Letztes. Wenn Arme und Beine den Dienst versagten, wenn die Finger nicht mehr knöpfen konnten, (…) funktionierte das Gehirn immer noch. Die Menschen schrieben Tagebücher, verfassten Aufsätze über philosophische und andere wissenschaftliche Fragen, übten sich weiter nach Herzenslust im Denken, wichen vor Gegenwind nicht zurück, verfielen nicht in Eitelkeit oder Hektik.“

Dass der allgegenwärtige, entsetzliche Hunger zu Kannibalismus führte, war in der sowjetischen Geschichtsschreibung auch noch ein Tabu, als Adamowitsch und Granin ihre riesige Sammlung von Zeitzeugen erstmals 1981 im eigenen Land und auf Deutsch 1984 in der DDR veröffentlichen konnten. In der jetzt erstmals kompletten Neuausgabe des Aufbau Verlags müssen auch nicht mehr die teils fürchterlichen Fehler des Stalin-Regimes verschwiegen werden, das seinerseits schon in den 30er Jahren in der Ukraine den Hunger als Waffe zur Massenvernichtung eingesetzt hatte.

Über die extrem schwierige Entstehungsgeschichte des Buches, auch im Umgang mit der Zensur und dem allgemeinen Wunsch nach Vergessen berichtet Granin einleitend. 2014 hielt er als 94-Jähriger eine große Rede vor dem Bundestag in Berlin zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar, der 1944 auch Tag der Befreiung in Leningrad war. Er erinnerte die Politiker an ihre Verantwortung mit Geschichten aus dem „Blockadebuch“. Unerträglich grausame waren darunter, aber auch Granins Fazit aus dem eigenen Erleben der Hungerjahre: Dass die Bewahrung von Menschlichkeit sich als beste Möglichkeit zum Überleben erwiesen habe.

Der Aufbau Verlag hat mit der sorgsamen Neuedition des „Blockadebuches“ auch einen leider hochaktuellen Beitrag zur Verteidigung der zunehmend unter Angriff stehenden Menschenrechte geleistet.

– Ales Adamowitsch, Daniil Granin: Blockadebuch Leningrad 1941-1944, Aufbau Verlag Berlin, 703 Seiten, 36,00 Euro, ISBN 978-3-351-03735-2.

Blockadebuch Leningrad

 

 

 

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