Rezension: “Zazie in der Metro” ist neu übersetzt hinreißend frech und witzig

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Das Cover des Buches “Zazie in der Metro” von Raymond Queneau. (Foto: Suhrkamp Verlag / DPA) 

Queneaus „Zazie in der Metro“ neu übersetzt

 

Deutsche Presse-Agentur
Thomas Borchert

Für Zazie, mit ihren 13 Jahren rotzfrech, abenteuerlustig und einfach nicht umzuhauen, wird es in diesem Buch mehrfach „Zeit, die Fresse vom nächsten Lustmolch mal in Augenschein zu nehmen“.

Dabei hat ihre Mutter mit dem lautmalerisch auffälligen Nachnamen Grossestittes sie doch extra zwei Tage und vor allem Nächte beim tuntig-schwulen Onkel Gabriel in Paris geparkt, um solchen Gefahren vorzubeugen. Auch Zazie ist aber sonnenklar, dass es der Mutter vor allem um freie Bahn für sich mit dem neuen Liebhaber geht. Beim Wiedersehen antwortet die Tochter auf die Frage der Mutter nach dem Spaßfaktor in der Hauptstadt knapp: „Ich bin gealtert.“

Den Leser hat die Provinzgöre bis zu diesem letzten Satz auf eine hochkomische Tour de Force durch die französische Hauptstadt der 40er bis 50er Jahre mitgenommen. Zazie führt Wahnsinnsdialoge mit Taxifahrern. Sie gibt den schon erwähnten männlichen Lustmolchen im fortgeschrittenen Alter Zunder, dass es nur so kracht. Ganz klar eine hochliterarische und dabei mitreißend komische französische Version von Pippi Langstrumpf, hieß es schon, als Raymond Queneau (1903-1976) mit „Zazie in der Metro“ einen Bestseller landete. Das Buch wurde umgehend sowie erfolgreich verfilmt – 1960 von Louis Malle und ist in Frankreich inzwischen ein allseits geliebter Klassiker.

Der Übersetzer Frank Heibert hat ihn sich neu vorgeknöpft, um den wild sprudelnden, aber nach 60 Jahren teilweise aus der Zeit gefallenen Sprachwitz Queneaus aufzufrischen. „Waschtinkndiso“ grübelt gleich zum Start der Tuntenonkel Gabriel, als er Zazie am Gare d’Austerlitz abholt. „Was stinken die so?“, wäre die Ausschreibung, wie Heibert in seinem instruktiven Nachwort „Aus dem Sprachlabor des Übersetzers“ als Beispiel erläutert und dazu erklärt: „Queneaus bekanntestes Stilmittel ist die phonetische Notierung von Mündlichkeit.“ Das klingt ein bisschen hochgestochen, nimmt aber nicht den Spaß an den Resultaten.

Man sollte dieses Nachwort am besten zuerst lesen. Es fällt dann leichter, sich auf die Komik der Sprachkonstruktionen einzulassen. Ganz im Geist der Anarcho-Hauptfigur Zazie erklärt der Übersetzer, warum er bei der Übersetzung von Queneaus hemmungslos zotigen Namenskonstruktionen auch in die Vollen gegriffen hat. Etwa bei der offenbar mit ausladendem Busen ausgestatteten „Madame Grossestittes“ und beim Polizisten Ramlère: „Übersetzer müssen ebenso geschmacklos sein dürfen wir ihre Autoren.“

Immer mal lässt Queneau in diesem Feuerwerk von Sprachkomik und grotesken Wochenenderlebnissen aus dem Nichts einen Papagei kritisch konstatieren: „“Du quatscht und quatscht, sonst hast du nichts zu bieten.“ Das stimmt für den Roman voller literarischer Anspielungen und Genre-Parodien nicht. Mittendrin tauchen, von Zazie auch munter, frech und eher beiläufig erzählt, Ungeheuerlichkeiten über den eigenen Vater als einem von den Lustmolchen in ihrem jungen Leben auf. Ob es wirklich stimmt, dass die Mutter deswegen dem Gatten den Schädel gespalten hat, wie dieses Mädchen kurz vor der Pubertät mal eben behauptet?

Nicht alle Anläufe zur Modernisierung von Queneaus anarchischem Witz funktionieren. Wenn der in den 40er und 50er Jahren anrüchige und mit Zuchthaus assoziierte Begriff Homosexualität in der Neufassung zu „Hormosessualität“ wird, löst das eben beim Leser zwangsläufig komplett andere Assoziationen oder eben auch keine aus. Hin und wieder klingt auch die sprachliche Modernisierung ein bisschen gewollt: „…knallt ihre beiden Kürbisse dermaßen kraftvoll und dermaßen köstlich aneinander, dass die beiden Großkotze krachend kollabieren.“ Aber wenn es der Autor im Original auch so krachend hingeknallt hat? Durchgängig wunderbar hat Frank Heibert einen fröhlichen Sprachrhythmus gefunden, der das Lesevergnügen noch mal steigert.

 

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