Month: August 2026

Islands Bevölkerung stimmt über neuen Anlauf in die EU ab

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Island vor dem EU-Referendum: Die kleine Insel und der große Kontinent

26.8.2026

Von: Thomas Borchert

Island stimmt am Samstag über die Aufnahme von EU-Beitrittsverhandlungen ab. Enthusiastisch werben vor allem jene für den Urnengang, die dagegen sind.

Wenn Donald Trump wieder mal donnernd die Einverleibung von Island in die USA verlangt, meint er eigentlich Grönland. Ländernamen überfordern ihn bekanntermaßen oft. Am Samstag stimmt Islands Bevölkerung im Kern darüber ab, ob man vielleicht doch lieber auf Nummer sicher geht, falls mehr dahinterstecken sollte als eine Namensverwechslung. 300.000 Stimmberechtigte entscheiden per Referendum, ob ihr Land zum zweiten Mal Beitrittsverhandlungen mit der EU führen und eventuell Schutz in Brüssel suchen soll. Umfragen sagen einen sehr knappen Ausgang voraus.

Die sozialdemokratische Ministerpräsidentin Kristrún Frostadóttir wirbt für ein „Ja“, hütet sich aber vor offensivem Trommeln für die Mitgliedschaft. Man solle doch einfach erst mal schauen, „was sich in dem Paket verbirgt“. Danach könne man in Ruhe die eigentliche Entscheidung treffen. Das Paket sind die auszuhandelnden Beitrittsbedingungen.

Nach dem Bankencrash 2008 mit Ruin der Staatsfinanzen im Gefolge hatte Islands Regierung schon einmal den Rettungsanker Richtung Brüssel geworfen, die Verhandlungen aber 2013 abgebrochen. Die kleine Inselrepublik mitten im Atlantik mit unwiderstehlicher Landschaft und wilden Vulkanausbrüchen berappelte sich dank Fischerei und Tourismus-Boom überraschend schnell aus eigener Kraft. Das ließ in Reykjavík die Aussicht auf Teilung von Fischereiquoten mit Ländern als Eintrittspreis in die EU dann doch wieder weniger verlockend aussehen.

Der wirtschaftliche Erfolg stand und steht auf wackeligen Füßen mit einer schwachen eigenen Mini-Währung und hohem Zinsniveau. So treten Frostadóttirs seit 2024 regierende Sozialdemokraten und stärker noch die liberale Partei von Außenministerin Thorgerdur Katrín Gunnarsdóttir weiter für den EU-Beitritt ein. Sie setzen jetzt ihr Wahlversprechen eines Referendums über die Wiederaufnahme von Beitrittsverhandlungen um.

Dass die Union sich ohne Zögern und freudig mit dem wohlhabenden, demokratisch stabilen und rohstoffreichen westlichsten Land Europas erweitern würde, steht außer Frage. Island ist Nato-Mitglied, aber ohne eigene Armee, und als „unsinkbarer Flugzeugträger“ mitten im Nordatlantik ein Leckerbissen, was die strategische Lage angeht. Im Land selbst allerdings kommt die herzliche Aufnahmebereitschaft in Brüssel wohl eher der „Nein“-Seite zugute.

„Wir verlieren unsere nationale Unabhängigkeit“, verkündet man dort und warnt vor „Unterwerfung“ unter die EU-Großmächte Deutschland und Frankreich. Ihr Mantra verkünden die rechten politischen Kräfte im Chor mit Alt-Linken wie Frostadóttirs Vorgängerin an der Regierungsspitze, Katrín Jakobsdóttir von den Links-Grünen. Unterstützung kommt von der mächtigen Fischereilobby und auch dem Bauernverband, dessen Mitgliedschaft eigentlich mit enormen Subventionen rechnen könnte.

Höchst unsichere Aussichten

„Die Nein-Seite mobilisiert damit erfolgreich und macht sich eine auch bei uns nationalistische Grundstimmung zunutze“, sagt die Ex-Chefredakteurin Steinunn Stefánsdóttir. Sie findet die Ja-Kampagne „ausgesprochen zaghaft“. Tatsächlich hütet sich vor allem Premier Frostadóttir penibel davor, der Nein-Seite auf die Füße zu treten: Weder der eine noch der andere Ausgang des Referendums werde Island „entzweien“. Wegen der höchst unsicheren Aussichten wollte sie die „EU-Frage“ bei ihrem Regierungsantritt von der Tagesordnung haben, musste sich aber dem kleinen Koalitionspartner von Außenministerin Gunnarsdóttir beugen.

Die erklärte im Endspurt ihrer Kampagne im TV-Sender RUV als entscheidende Wende für die EU seit Islands erstem Anlauf: „Durch den Brexit ist alles anders. Deshalb stehen wir viel stärker da.“ Man werde jetzt die Hoheit über die Fischereiquoten problemlos sichern können. Das war Geschichtsschreibung auf Trump-Niveau und sollte den nationalen Stolz auf die legendären „Kabeljau-Kriege“ mit den Briten vor mehr als einem halben Jahrhundert triggern. Wenn auch das keine Mehrheit beim Referendum sichern kann, dürfte die Regierung in Reykjavík wohl vor dem Rücktritt stehen.

Sozialdemokratie will Dänemark”christlich aufrüsten”

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Sozialdemokratie im Norden: „Dänemark ist ein christliches Land“

02.08.2026

Von: Thomas Borchert

Für Kampfgeist, religiöse Erweckung und Missionsarbeit unter Muslimen: Die rechtsgerichtete Sozialdemokratie im Nachbarland will – angeführt von Ministerpräsidentin Mette Frederiksen – ihr Land „geistig aufrüsten“.

Die deutsche Fangemeinde für Dänemarks scharfe Migrationspolitik gegen alles Fremde – von der AfD über Kanzler Merz bis zu SPD-Promis – bekommt neue Inspiration geliefert: In Kopenhagen wollen Regierungschefin Mette Frederiksen und ihre sozialdemokratische Partei das wenig religiös geprägte Land der Hygge in eine Festung des Christentums verwandeln.

Allen voran die Theologin Ida Auken, die als Parteisprecherin „für geistige Aufrüstung“ eine evangelische Pfarrstelle in Dänemarks Parlament verlangte. In diesem Sommer, inzwischen zur Kirchen- sowie auch Gesundheitsministerin aufgestiegen, bejubelte Auken mit geballter Faust die Nachricht, dass ihre Forderung nach exklusiver christlicher Seelsorge für 179 Abgeordnete vom „Folketings“-Präsidium abgesegnet wurde. Als habe Dänemark soeben die Fußball-WM gegen einen Erzrivalen gewonnen.

Der entsetzte Sozialdemokrat Bjarke Larsen schrieb in der Zeitung „Politiken“: „Ida Aukens Siegesrausch mit geballter Faust wie eine Kulturkriegerin für Maga (‚Make America Great Again‘) hat mich nicht losgelassen und mir die Stimmung verhagelt.“ Diese sei erst wieder mit dem Parteiaustritt ins Lot gekommen.

Es erinnert an Trumps Maga-Kult

Ihm und anderen Genoss:innen stößt sauer auf, wie Auken die historischen Wurzeln und Erfolge der Arbeiterbewegung bei ihrem Kreuzzug für „geistige Aufrüstung” radikal umdeutet: Sie schreibt der dänischen Volkskirche den „Durchbruch der Demokratie in Dänemark” zu und preist den Apostel Paulus mit Bibelzitaten als Urvater der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau. Auch das erinnert irgendwo doch an Donald Trumps Maga-Kult.

Rückendeckung bekommt sie – Sozialdemokratin nach zwei Parteiwechseln erst seit 2021 – für diesen missionarischen Eifer von Ministerpräsidentin Frederiksen. „Dänemark ist ein christliches Land“, verkündet auch sie und spricht der Kirche eine zentrale Rolle bei der „geistigen Aufrüstung“ zu. Sie sieht keinen Widerspruch zu ihrem seit vielen Jahren unermüdlich wiederholten Mantra gegenüber dem muslimischen Teil der Bevölkerung: Religion sei eine reine Privatangelegenheit, sie habe in Politik und Staat nichts zu suchen.

Frederiksen hatte als Regierungschefin auch keine Einwände, als Aukens Vorgänger im Kopenhagener Kirchenministerium, Morten Dahlin vom damaligen rechtsliberalen Koalitionspartner „Venstre“, verkündete: „Dänische Soldaten sollen für das Christentum kämpfen.“ Ohne „die christliche Verankerung“ fürchte er, dass die jungen Menschen nicht bereit seien, „für Dänemark zu sterben“. Viel höher sei der Kampfgeist ja in Lateinamerika, Nahost und Südasien, wo „der Glaube in der Gesellschaft eine herausragende Rolle spielt“.

Nationalistischer Tenor und martialische Töne

Auf solch martialisches Getöse von rechts reagiert Frederiksen nach demselben Rezept, dass ihr in Europa Bewunderung für „erfolgreiche Eindämmung des Rechtspopulismus“ eingebracht hat. Sie macht sich dessen Prämissen nicht nur zu eigen, sondern nutzt jede Gelegenheit zum Überholen auf der rechten Spur. Meistens geht es gegen Muslime, aber nicht nur.

Als die gerade wieder erstarkende Dänische Volkspartei (DF), der AfD vergleichbar, die Senkung schmerzhaft hoher Benzinpreise durch den Staat verlangte, schaltete die sozialdemokratische Partei große Anzeigen: „Ein Milliardengeschenk an polnische Lkw-Fahrer“ wolle DF da austeilen. Die ja in Dänemark keine Steuern zahlen. So gegen die Allerschwächsten auf dem Arbeitsmarkt zu hetzen, deren erbarmungswürdiges Dasein auch auf dänischen Autobahn-Rastplätzen jeden Tag und jede Nacht zu besichtigen ist, gehört zu Frederiksens Erfolgsrezept gegen ganz rechts.

Während dieser nationalistische Grundton als Mainstream in der dänischen Politik längst Wurzeln geschlagen hat, wird über die Re-Christianisierung der Politik doch noch gestritten. Der sozialdemokratische Ex-Parteichef Mogens Lykketoft erinnert daran, dass das allgemeine Wahlrecht in Dänemark doch wohl eher von der Arbeiter- und Kleinbauernbewegung erkämpft worden ist als von der Staatskirche. Die Stimme des 80-Jährigen taucht aber nur noch am Rande auf, während die jüngere sozialdemokratische Generation reihum Schlagzeilen mit ihrer religiösen Erweckung macht. Frederik Vad, 31-jähriger Parteisprecher für Migrationsfragen, hat just vor einem Kreis konservativer Kirchenleute stärkere christliche Missionsarbeit unter Muslimen gefordert.