Warum Island Nein zur EU sagte

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Island sagt Nein zur EU: Warum der Populismus gesiegt hat

1.9.2026

Von: Thomas Borchert

Beim Referendum lehnt eine knappe Mehrheit neue EU-Beitrittsverhandlungen ab. Für Regierungschefin Kristrún Frostadóttir ist das eine Niederlage – und für Brüssel ein Prestigeverlust

Wackliges Regierungshandwerk zieht gegen zupackenden Populismus heutzutage meist den Kürzeren. Was sich spätestens seit dem britischen Brexit-Referendum herumgesprochen hat, ist jetzt auch Islands Regierungschefin Kristrún Frostadóttir widerfahren. Mit dem Nein beim Referendum über erneute EU-Beitrittsverhandlungen wies eine Mehrheit der Bevölkerung mit 52,8 gegen 47,2 Prozent ihr Werben für Brüssel als Schutzschirm vor aggressiven Autokraten in Washington, Moskau und Peking kühl ab.

Besser kam die Nein-Seite mit ihrem Trommeln für Islands weiter „uneingeschränkte nationale Souveränität“ an: Um Himmels willen nicht die Herrschaft über den Fischreichtum rund um die Atlantik-Insel mit irgendwem in der EU teilen! Und hatte man nicht all die Vulkanausbrüche seit tausend Jahren genauso souverän aus eigener Kraft überstanden wie den keine 20 Jahre zurückliegenden Staatsbankrott 2008?

Für die Union ist das Nein aus dem kleinen Inselstaat mit 400.000 Menschen kein Vulkanausbruch, aber schon ein Prestigeverlust. Liebend gerne hätte man sich nach Westen mit dem politisch stabilen, urdemokratischen und wohlhabenden Island erweitert. Es wäre genauso ein Zeichen vor der Haustür des imperialistisch hungrigen Donald Trump gewesen wie an Russland und China mit ihrem stetig steigenden Interesse an Arktis und Nordatlantik.

Geopolitik schlug bei der isländischen Wählerschaft genauso wenig an wie finanzielle Verlockungen aus Brüssel: Mit ihrer anfälligen Währung ächzt die ganze Insel unter doppelt so hoher Inflation und doppelt so hohem Zinsniveau wie in der EU. Auch warb die Ja-Seite, angeführt von Premier Frostadóttir und der weit stärker europabegeisterten liberalen Außenministerin Katrín Gunnarsdóttir, nur mit angezogener Handbremse: Man stimme ja nur über die Wiederaufnahme der 2013 unterbrochenen Beitrittsverhandlungen ab, also längst nicht über den Beitritt.

Ohne vornehme Zurückhaltung und weniger kompliziert machte die Nein-Seite – die bürgerliche Opposition im Verein mit der Linken und den Fischerei- sowie Agrarverbänden – mobil. Eigentlich gelten die Fischerei-„Oligarchen“ und die ihnen in Wikinger-Treue verbundene konservative Unabhängigkeitspartei zusammen als Inbegriff von Geld- und Staatsmacht auf Island. Aber in der Kampagne bis zum Wochenende galt die Ja-Seite als „Establishment“.

Tapfer bemühte sich die Regierungschefin, ihre Niederlage als glänzenden Sieg für die Demokratie zu verkaufen: „Wir haben wichtige Diskussionen über Islands Rolle in der Welt in Gang gesetzt.“ Ein Ergebnis sei die beeindruckend hohe Wahlbeteiligung von 81 Prozent. „Ich habe Vertrauen in mein Volk“, sagte die vor zwei Jahren ins Amt gekommene Sozialdemokratin. Frostadóttir sah sich insofern bestätigt, als dass die Regierung mit dem Referendum ein Wahlversprechen einlöste und sich nun ohne Bitterkeit an das Ergebnis halten will: „So lange ich regiere, wird es keinen neuen EU-Anlauf geben.“ Rücktrittsgedanken?

Wie stark das Referendum Islands Regierung tatsächlich geschwächt hat, wird sich bei Frostadóttirs Umgang mit dem 2009 eingereichten Beitrittsgesuch an die EU erweisen. Beim Abbruch der Verhandlungen wurde es eingefroren, aber von Reykjavik nicht zurückgezogen. Genau das verlangt jetzt die Opposition.

Was sich nicht ändert, ist Islands Zugehörigkeit zum „Europäischen Wirtschaftsraum“, wodurch es ohnehin die meisten EU-Regeln befolgt. Island wird auch weiterhin ohne eigene Streitkräfte der Nato angehören. Nur in der populistischen Angstmacherei der Nein-Kampagne gab es Rundrufe bei jungen Männern: Sie hätten im Fall eines Ja mit der sofortigen Einberufung zum Wehrdienst zu rechnen

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