Sozialdemokratie will Dänemark”christlich aufrüsten”

Sozialdemokratie im Norden: „Dänemark ist ein christliches Land“
02.08.2026
Von: Thomas Borchert
Für Kampfgeist, religiöse Erweckung und Missionsarbeit unter Muslimen: Die rechtsgerichtete Sozialdemokratie im Nachbarland will – angeführt von Ministerpräsidentin Mette Frederiksen – ihr Land „geistig aufrüsten“.
Die deutsche Fangemeinde für Dänemarks scharfe Migrationspolitik gegen alles Fremde – von der AfD über Kanzler Merz bis zu SPD-Promis – bekommt neue Inspiration geliefert: In Kopenhagen wollen Regierungschefin Mette Frederiksen und ihre sozialdemokratische Partei das wenig religiös geprägte Land der Hygge in eine Festung des Christentums verwandeln.
Allen voran die Theologin Ida Auken, die als Parteisprecherin „für geistige Aufrüstung“ eine evangelische Pfarrstelle in Dänemarks Parlament verlangte. In diesem Sommer, inzwischen zur Kirchen- sowie auch Gesundheitsministerin aufgestiegen, bejubelte Auken mit geballter Faust die Nachricht, dass ihre Forderung nach exklusiver christlicher Seelsorge für 179 Abgeordnete vom „Folketings“-Präsidium abgesegnet wurde. Als habe Dänemark soeben die Fußball-WM gegen einen Erzrivalen gewonnen.
Der entsetzte Sozialdemokrat Bjarke Larsen schrieb in der Zeitung „Politiken“: „Ida Aukens Siegesrausch mit geballter Faust wie eine Kulturkriegerin für Maga (‚Make America Great Again‘) hat mich nicht losgelassen und mir die Stimmung verhagelt.“ Diese sei erst wieder mit dem Parteiaustritt ins Lot gekommen.
Es erinnert an Trumps Maga-Kult
Ihm und anderen Genoss:innen stößt sauer auf, wie Auken die historischen Wurzeln und Erfolge der Arbeiterbewegung bei ihrem Kreuzzug für „geistige Aufrüstung” radikal umdeutet: Sie schreibt der dänischen Volkskirche den „Durchbruch der Demokratie in Dänemark” zu und preist den Apostel Paulus mit Bibelzitaten als Urvater der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau. Auch das erinnert irgendwo doch an Donald Trumps Maga-Kult.
Rückendeckung bekommt sie – Sozialdemokratin nach zwei Parteiwechseln erst seit 2021 – für diesen missionarischen Eifer von Ministerpräsidentin Frederiksen. „Dänemark ist ein christliches Land“, verkündet auch sie und spricht der Kirche eine zentrale Rolle bei der „geistigen Aufrüstung“ zu. Sie sieht keinen Widerspruch zu ihrem seit vielen Jahren unermüdlich wiederholten Mantra gegenüber dem muslimischen Teil der Bevölkerung: Religion sei eine reine Privatangelegenheit, sie habe in Politik und Staat nichts zu suchen.
Frederiksen hatte als Regierungschefin auch keine Einwände, als Aukens Vorgänger im Kopenhagener Kirchenministerium, Morten Dahlin vom damaligen rechtsliberalen Koalitionspartner „Venstre“, verkündete: „Dänische Soldaten sollen für das Christentum kämpfen.“ Ohne „die christliche Verankerung“ fürchte er, dass die jungen Menschen nicht bereit seien, „für Dänemark zu sterben“. Viel höher sei der Kampfgeist ja in Lateinamerika, Nahost und Südasien, wo „der Glaube in der Gesellschaft eine herausragende Rolle spielt“.
Nationalistischer Tenor und martialische Töne
Auf solch martialisches Getöse von rechts reagiert Frederiksen nach demselben Rezept, dass ihr in Europa Bewunderung für „erfolgreiche Eindämmung des Rechtspopulismus“ eingebracht hat. Sie macht sich dessen Prämissen nicht nur zu eigen, sondern nutzt jede Gelegenheit zum Überholen auf der rechten Spur. Meistens geht es gegen Muslime, aber nicht nur.
Als die gerade wieder erstarkende Dänische Volkspartei (DF), der AfD vergleichbar, die Senkung schmerzhaft hoher Benzinpreise durch den Staat verlangte, schaltete die sozialdemokratische Partei große Anzeigen: „Ein Milliardengeschenk an polnische Lkw-Fahrer“ wolle DF da austeilen. Die ja in Dänemark keine Steuern zahlen. So gegen die Allerschwächsten auf dem Arbeitsmarkt zu hetzen, deren erbarmungswürdiges Dasein auch auf dänischen Autobahn-Rastplätzen jeden Tag und jede Nacht zu besichtigen ist, gehört zu Frederiksens Erfolgsrezept gegen ganz rechts.
Während dieser nationalistische Grundton als Mainstream in der dänischen Politik längst Wurzeln geschlagen hat, wird über die Re-Christianisierung der Politik doch noch gestritten. Der sozialdemokratische Ex-Parteichef Mogens Lykketoft erinnert daran, dass das allgemeine Wahlrecht in Dänemark doch wohl eher von der Arbeiter- und Kleinbauernbewegung erkämpft worden ist als von der Staatskirche. Die Stimme des 80-Jährigen taucht aber nur noch am Rande auf, während die jüngere sozialdemokratische Generation reihum Schlagzeilen mit ihrer religiösen Erweckung macht. Frederik Vad, 31-jähriger Parteisprecher für Migrationsfragen, hat just vor einem Kreis konservativer Kirchenleute stärkere christliche Missionsarbeit unter Muslimen gefordert.