
Schweden wendet sich von den Rechtsextremen ab
14.9.2026
Von: Thomas Borchert
Schwedens Mitte-links-Lager liegt hauchdünn vorn, die rechtsextremen Schwedendemokraten büßen Stimmen ein. Doch auf die Sozialdemokratin wartet nun eine äußerst schwierige Regierungsbildung.
Schwedens Wählerschaft hat nach vier Jahren mit Rechtsextremen an der Macht die Weichen für eine Regierung hinter der Sozialdemokratin Magdalena Andersson gestellt. Und das trotz des mit voraussichtlich 28,1 Prozent schlechtesten sozialdemokratischen Abschneidens seit Einführung der Demokratie im Land. Bei klaren Verlusten für die aus Nazi-Gruppen entstandenen Schwedendemokraten (SD) fiel der Vorsprung des Mitte-links-Lagers mit 176 Mandaten gegenüber 173 für die bisherige Rechtsregierung allerdings denkbar knapp aus. Theoretisch kann die Auszählung von späten Brief- sowie Auslandsstimmen bis Mittwoch noch ein Kippen zugunsten des bisherigen Premiers Ulf Kristersson mit seinem Rechts-Bündnis bringen.
Sehr wahrscheinlich aber dürfte der Rückgang der SD von 20,6 auf 17,6 Prozent das bürgerliche Regierungslager die bisherige Mehrheit kosten. Kristerssons konservative Partei und zwei kleinere Koalitionspartner hatten sich für den Fall des Wahlsiegs willig der Forderung von SD-Chef Jimmie Åkesson gebeugt, der zentrale Ministerposten statt der bisherigen Rolle als machtvolle, aber eben doch nur als Mehrheitsbeschafferin im Reichstag verlangte. Als Åkesson in der abschließenden TV-Debatte hetzte, Schweden drohe durch „Stimmenfang bei Muslimen“ in die Hände der Sozialdemokratie zu fallen, widersprach ihm aus dem Bürgerlager niemand.
Zu den teils paradoxen Überraschungen bei diesem Wahlgang gehörte, dass entgegen allen Vorhersagen Kristerssons „Moderaterna“ mit 19,9 Prozent (plus 0,8) die SD als zweitstärkste Kraft im Land überholen konnte. Vorher hatte Åkesson, dessen Partei seit ihrem Antritt bei Reichstagswahlen zehnmal in Folge zulegen konnte, dem Premier fast gnädig den Amtsverbleib zugestanden, egal wie sehr man die Konservativen abhängen würde. Am Wahlabend gab es dann lange Gesichter ob des eigenen Abstiegs und für Åkesson die vollkommen neue Aufgabe, eine Niederlage schönzureden: „Wir mussten als Teamplayer der Regierung Federn lassen.“ Dass alle drei Partnerparteien zulegen konnten, ließ er unerwähnt.
Stabile Mehrheit zu finden, wird schwierig
Das größte Paradox mit gewaltigen Fragezeichen haben die Wähler:innen aber den Sozialdemokraten beschert. Strahlend stellte sich Parteichefin Andersson in der Wahlnacht vor die Kameras, obwohl ihre Partei mit minus 2,3 Prozentpunkten als einzige neben den SD verloren hatte. Ok, man müsse die Restauszählung noch abwarten, aber: „Wir haben unser entscheidendes Wahlziel wohl erreicht. Ich kann die Führung des Landes übernehmen und bringe Schweden in eine neue Richtung.“
Kein Wort fiel dazu, dass ihre Partei im Endspurt des Wahlkampfes eingebrochen ist und die in den Oppositionsjahren seit 2022 stabil hohe Führung für das Mitte-links-Lager so gut wie verspielt hat. Noch vor ein paar Wochen galt der Vorsprung allseits als uneinholbar. Die Linkspartei mit einem Plus von 1,5 Prozentpunkten auf 8,2 Prozent und die Umweltpartei mit 6,1 Prozent (plus 1 Prozentpunkt) legten denn auch zu. Die liberale Zentrumspartei schnitt mit 7,1 Prozent (plus 0,3) auch gut ab. Abgestürzt ist am Ende aus diesem Lager nur die Sozialdemokratie.
Umso heftiger bereitet jetzt Kopfschmerzen, dass die Linkspartei und das neoliberale Zentrum überhaupt nicht miteinander können. Erstere verlangt ultimativ die Aufnahme in eine Koalitionsregierung, Letzteres lehnt das genauso ultimativ ab. Vom Streit über Steuersenkungen oder -erhöhungen für die Reichen und die gar nicht Reichen ganz zu schweigen. Während das rechte Regierungslager für einen gemeinsamen Wahlsieg angetreten war, präsentierten die Sozialdemokraten ausschließlich die eigene Spitzenkandidatin als Garantin für eine „neue Richtung“ mit der Entmachtung der SD als Kernziel. Der Rest würde sich dann schon finden. In Stockholm ist man sich einig: Die Sicherung einer stabilen Mehrheit wird ein höchst mühseliger und langwieriger Prozess mit ungewissem Ausgang für Andersson und das ganze Land.
Minderheitsregierungen mit wechselnden Mehrheiten sind eher der Normalfall im Norden Europas. Ob Magdalena Andersson dieses Ziel erreichen kann, gilt in Schweden nicht nur wegen der noch ausstehenden Stimmenauszählung als offen. Als Schreckgespenst steht die mit 143 Tagen quälend lange Regierungsbildung unter ihrer Ägide 2021 im Raum. Zehn Monate später wurde sie abgewählt.