Dänemark

Dänisch für Fortgeschrittene

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Dänisch für Fortgeschrittene

Die Dänen gehören zu den glücklichsten Menschen der Welt. Wie wird man denn ein glücklicher Däne und will man das überhaupt? Die Staatsbürgerschaftsprüfung jedenfalls ist nichts für Anfänger. Unser Autor Thomas Borchert versucht es.

4. Mai 2017

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Gute Laune in der dänischen Hauptstadt: In Kopenhagen fliegen am internationalen Tag der Kissenschlacht die Federn. Foto: AFP

Vor dem Beitritt zum glücklichsten, in schlechten Jahren zweitglücklichsten Volk der Welt türmen sich überraschende Hürden auf. Als einer von gut dreitausend Kandidaten für die Staatsbürgerschaft hatte ich bei der Prüfung „Dansk 3“ meine Sprachkenntnisse unter Beweis zu stellen. Im mündlichen Teil musste jeder von uns mit einem Minivortrag zur Frage Stellung nehmen: „Wie stehst du zu unserer entspannten Alkoholkultur in Dänemark?“ Alle duzen sich ja und sind offenbar stolz auf ihr „skål“ in allen Lebenslagen als Kulturleistung. In eleganten Wendungen, so jedenfalls die eigene Wahrnehmung, und mit leichtem Akzent bekannte ich, dass sie mir Zuwanderer in 33 Jahren eine Menge Spaß gebracht hat. Getrübt durch ein moderat schlechtes Gewissen als Vater von drei Dänen-Sprösslingen mit einer Dänen-Mutter. Die Jugend hier hat die allseitige Entspanntheit zur trinkfreudigsten in Europa gemacht.

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Sozialdemokraten und Rechtspopulisten Hand in Hand

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01. Februar 2017

Abschiebung: Zurück in den fast sicheren Tod

 Von Thomas Borchert

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Die Titelseite von “Politiken” mit dem von Abschiebung bedrohten Somalier Noor Mohammad Abdi. Ich (Th.B.) kenne ihn gut und hab diese Titelseite als Schock in der Trump-Klasse erlebt.

Dänemark will somalische Flüchtlinge abschieben – ein Schock, auch für unseren Autor Thomas Borchert.

In Dänemark sollen somalische Flüchtlinge keine Zuflucht mehr finden. Die Regierung bereitet ihre Abschiebung vor, obwohl das UN-Flüchtlingshilfswerk, EU-Instanzen und die Nachbarn Schweden sowie Deutschland das Land als hochgefährlich für Heimkehrer einstufen. Bei seiner entgegengesetzten Einschätzung stützt sich Kopenhagen vor allem auf den Bericht einer „Factfinding“-Kommission vor Ort. Die Kommission durfte Ende 2015 allerdings aus Sicherheitsgründen nur einen einzigen Tag in der Hauptstadt Mogadischu bleiben und dort den Flugplatz nicht verlassen. Der nächste Anlauf ein Jahr später brachte die Dänen nur bis Nairobi in Kenia, weil Mogadischu jetzt auch einschließlich Flugplatz als zu gefährlich galt.

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  1. September 2016

„Fucking wütend“ hinter Gittern

Von Thomas Borchert

Zu viel Druck von zu vielen Seiten: Yahya Hassan.  Foto: imago/Dean Pictures

Zu viel Druck von zu vielen Seiten: Yahya Hassan.  Foto: imago/Dean Pictures

Dänemarks junger Ausnahmedichter Yahya Hassan wird für Schüsse auf seinen Verfolger verurteilt.

Fucking wütend auf meine Elterngeneration“ hat Yahya Hassan als 18-Jähriger unwiderstehlich sprachgewaltig und enorm selbstbewusst die öffentliche Bühne in seinem Land wie ein Superstar erobert. Mit 21 legt Dänemarks meistgelesener Lyriker, Sohn palästinensischer Flüchtlinge, jetzt eine Pause ein – zwangsweise. Ein Gericht in Aarhus verurteilte Hassan am Freitag zu 21 Monaten Haft, weil er einem hartnäckigen jungen Verfolger in den Fuß schoss.

Auf den steilen Aufstieg ist ein genauso steiler Abstieg gefolgt. Der Jubel, als Yahya Hassan die im Populismus erstarrte dänische Debatte um Zuwanderung und Integration wieder antrieb, ist verstummt. Am Ende blieben die 35 Anklagepunkte. Von Zechprellerei über wiederholtes Autofahren ohne Führerschein (dafür mit Haschisch im Blut), Stalking der Ex-Freundin, Schlägereien bis zu Schießen ohne Waffenschein.

„Er ist der wichtigste Dichter unserer Zeit, der (…) die gesellschaftliche Kraft der Literatur in der Gesellschaft bewiesen hat,“ befand der Kulturchef der Zeitung „Politiken“, Jes Stein Pedersen. Gemessen an der Bevölkerungszahl entspricht die Verkaufszahl der Gedichtsammlung Hassans einer deutschen Auflage von 1,8 Millionen. 120 000 Dänen konnten in der poetischen, gnadenlosen und streckenweise herzzerreißenden Abrechnung mit der Elterngeneration in den Migranten-„Ghettos“ lesen: „Denn neulich schlug Vater meine Schwestern nieder auf offener Straße. Er war zurückgezogen ins alte Ghetto. (…) Er ist islamisch verheiratet, aber getrennt lebend bei der Kommune. So dass seine Frau eine alleinstehende Mutter ist bei der Sozialbehörde.“ Und: „Wir hatten keinen Plan, denn Allah hatte Pläne für uns.“

Ganz Dänemark, von rechts bis weit nach links, bestaunte diesen auch im TV-Interview unerschrockenen, sprachgewandten und reaktionsschnellen jungen Mann, der sich einen Dreck um Konventionen scherte. Dann jubelte ganz Dänemark.

Die seit zwei Jahrzehnten dominierenden Rechtspopulisten nickten eifrig, weil ihre Anklagen gegen „muslimische Nassauer“ endlich aus erster Hand bestätigt wurden von einem, an dem keiner vorbei konnte. Die andere Seite freute sich unbändig, weil da eine unverbrauchte „authentische“ Stimme Integration ganz anders anging als mit ausgeleierten Jammerarien. Denn Hassan griff genauso gerne Rechtspopulisten und andere Islamophoben an wie einfache Heuchler: „Was will der dänische Kronprinz eigentlich beim fucking Staatsbegräbnis in Saudi-Arabien? Die enthaupten Menschen genau wie der ,Islamische Staat‘. Aber da haben wir Geschäftsinteressen.“

Nur nutzte das nichts bei denen, die von Hassans „eigener Community“ reden würden: Kurz nach Erscheinen der Gedichte wurde er das erste Mal von einem wegen islamistischen Terrors Vorbestraften zusammengeschlagen. Jugendgangs machten permanent Jagd auf ihn. Wegen Morddrohungen stellte der Geheimdienst dem Dichter zwei Leibwächter zur Seite.

Bei der kläglich gescheiterten Parlamentskandidatur für die von Zuwanderern gebildete „Nationalpartei“ 2015 überwogen schon die Schlagzeilen über kriminelle Aktivitäten. Hassan wurde der Leibwächter überdrüssig, sein Leben schien bald nur noch aus Straßenkampf mit ihn peinigenden Verfolgern und den inneren Dämonen zu bestehen. Auf Facebook präsentierte er sich seinen 129 000 Followern teils als schwer am Kopf blutendes Opfer von Schlägern, teils in Kampfuniform.

Der letzte Facebook-Eintrag im März, nach den Schüssen auf einen 17- Jährigen, und gleich fünfmal: „Ich sitze hier in Haft mit gebrochenem Schlüsselbein und Handgelenk. Hilfe. Muss operiert werden. Brauche Hilfe. Helft mir.“ Vor Gericht sagt Hassan ein halbes Jahr später, nach der Haft werde er viel ändern: „Ich muss wohl einfach von allem weg und aufs flache Land ziehen.“ Mit 21 sind vielleicht noch nicht alle Weichen endgültig gestellt.

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01. September 2016

„Christiania“: Schüsse in Kopenhagens Großkommune

 Von Thomas Borchert

Polizisten sichern den Ort des Angriffs ab.  Foto: Jens NOERGAARD LARSEN /afp

Ein Drogenhändler schießt einem Polizisten bei einer routinemäßiger Kontrolle in der „Freistadt Christiania“ in den Kopf.

Die Nachrichten über Schüsse in der „Freistadt Christiania“ klangen für Kopenhagener zum Donnerstags-Frühstück fast wie nach einem Terroranschlag. Erst die lebensgefährliche Kopfverletzung eines Polizisten, der einen Haschisch-Dealer festnehmen wollte. Dann bei der nächtlichen Jagd auf den geflüchteten Täter die Absperrung eines kompletten Stadtteils „mit allen verfügbaren Kräften“, wie die Polizei verkündete.

Sieben Stunden später schlagen Antiterrorspezialisten vor einer Wohnung zu und verletzen den Gesuchten durch Schüsse ebenfalls lebensgefährlich. Das Fernsehen schaltet Sondersendungen. Hier verkündet Dänemarks Justizminister Søren Pind „das Ende des friedlichen Weges“ gegenüber der 1971 gestarteten Großkommune auf einem besetzten Kasernengelände: „Wir haben ihn lange genug ausprobiert. Jetzt hat er uns lebensbedrohliche Schüsse eingebracht. Der mitunter als selbsternannter „Sheriff“ bespöttelte Minister konnte sich nicht nur breiter Unterstützung im Parlament sicher sein. Auch die dänische Öffentlichkeit, seit Jahrzehnten heftig entzweit über Toleranz oder Härte gegenüber dem sozialen Experiment Christiania, dürfte in diesem Fall hinter Pinds noch unkonkreter Kampfansage stehen. Zu oft haben es die 900 „Christianitter“ mit ihrer autonomen Selbstverwaltung das Versprechen nicht erfüllt, selbst mit den hochkriminellen Drogenhandel auf ihrem Gelände fertigzuwerden.

Schwarzarbeit im Drogenhandel

Nicht besser machte es die Christiana-Sprecherin Kirsten Larsen mit ihrem Kommentar, bei dem nichts mehr übrig war von Pioniergeist oder Hippie-Idealen: „Wir sind ganz normale Bürger und können nicht die Verantwortung für Dinge übernehmen, bei denen die Polizei zuständig ist.

Gemeint ist die „Pusherstreet“ im Herzen der 34 Hektar großen „Freistadt“ mit ihren Buden zum Haschischhandel. Während sich sonst die einstigen Kasernenstürmer und der Staat nach und nach halbwegs friedlich auf Kompromisse bei der Legalisierung Christianias einigen konnten, ist die Drogendealerei immer mehr aus dem Ruder gelaufen. Vor allem Rockergruppen organisieren ihn größtenteils von außen und scheffeln Unsummen mithilfe ihrer maskierten jungen Gehilfen in Christiania.

Einer von ihnen zog am späten Mittwochabend eine Pistole, als zwei Zivilstreifen ihn, so die Polizei, „routinemäßig“ festnehmen wollten. Er traf einen Beamten in den Kopf, einen weiteren sowie einen Unbeteiligten jeweils ins Bein. Diese Form von Gewalt ist neu im Dauerkrieg der Polizei gegen die Pusherstreet. Gerade erst im Juni hatte sie bei eine der regelmäßigen Großrazzien alle Verkaufsstände zerstört und eine Menge Händler festgenommen. Einen Tag später waren die Buden neu aufgebaut und andere Maskierte hinter den improvisierten Tresen mit ihrer Ware verkaufsbereit. Vor allem junge Bewohner der „Freistadt“, die nach wie vor selbst über den Einzug neuer Bewohner entscheiden kann, lassen sich zu Schwarzarbeit im kriminellen Drogenhandel locken.

Kenner schätzen, dass die Hälfte der Christiania-Ökonomie an dieser Branche hängt. Die andere wichtigste Einnahmequelle ist der Tourismus. Mehr als eine Million Besucher wandern jedes Jahr durch die etwas verkommene, aber idyllische Anlage im Herzen der dänischen Hauptstadt.

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14. März 2016

Dänemark: Freundliche Revoluzzer

 Von Thomas Borchert

Hat gut lachen: Der Chef von Alternativet, Uffe Elbaek, bekommt wohlwollende Aufmerksamkeit.  Foto: dpa

In Dänemarks Parlament begehrt eine Partei gegen Populisten auf.

Kopenhagen –  Dass prominente Künstler Scham über ihr Land Dänemark bekunden, weil hier Bürgerkriegsflüchtlinge auf Schmuck und anderes von Wert gefilzt werden, versteht Uffe Elbaek „nur zu gut“. Der immer freundliche Chef von „Alternativet“, der jüngsten Parlamentspartei im Kopenhagener Folketing, hat es selbst auch so gesagt, dann aber bereut: „Ich hätte genauer sein müssen. Peinlich sind ja nicht mein Land oder meine Landsleute, sondern die Politik der dänischen Regierung.“

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