Noch ein Kanon zur dänischen Selbstverherrlichung

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Platz acht für den freien Geist

 Von Thomas Borchert

Dezember bedeutet Hochsaison für die „Hygge“ in Dänemark. Viel Beisammensein im Kerzenschimmer, die alkoholselig krachende Weihnachtsfeier im Büro und an Heiligabend Tanz mit Gesang um den Christbaum. Zuwanderer nehmen die allseits bewunderte Dänen-Variante von Lebensfreude und Gemütlichkeit besser nicht auf die leichte Schulter. Sonst fällt ihnen die Hygge beim nächsten schriftlichen Einbürgerungstest böse auf die Füße. Die Kopenhagener Regierung hat sie diese Woche im neuen „Dänmarkskanon“ nach einer Online-Abstimmung zum nationalen Kulturerbe erklärt.

Bertel Haarder, als Kulturminister Initiator der autoritativen Richtschnur für „danskheden“, das richtige Dänischsein, möchte die Hygge samt neun anderen Grundwerten in den Einbürgerungstests wiederfinden. Im Sommer fielen zwei Drittel der Bewerber um die Staatsbürgerschaft bei den 40 Fragen durch. Weder wussten sie, ob der heimische Komponist Carl Nielsen 1865, 1870 oder 1895 das Licht der Welt erblickt hatte, noch war ihnen das Premierenjahr der Kino-Klamaukserie mit der Olsen-Bande geläufig: 1968, 1970 oder 1971?

Haarder empfindet das als alberne Gedächtnisakrobatik, Fragen an Dänen in spe zum „immateriellen Kulturerbe“ aus dem neuen Kanon dagegen als relevant: „Er ist aus der Volksseele erwachsen.“ Deshalb sei er auch viel besser als die fünf bisher von Experten zusammengezimmerten. Dänemark hat seit 2004 zur nationalen Identitätsfindung nach und nach einen Literaturkanon, Kulturkanon, Geschichtskanon, Demokratiekanon und einen Naturkanon bekommen. Sowie als Sahnehäubchen ein kanonisiertes Nationalgericht: Schweinebraten mit Kartoffeln und Petersiliensoße. 2014 wurde es im Regierungsauftrag ebenfalls per Onlinevotum ermittelt, begleitet von der Aufforderung des Lebensmittelministers: „Esst dänisch!“

Unter 2454 Vorschlägen aus der Bevölkerung für die neue Mutter aller Kanons fand sich auch die rote Grütze mit Sahne. Sie schaffte es nicht in die Endauswahl für das wichtigste Kulturerbe. Hier hatten doch erst mal Experten 20 Vorschläge ausgesiebt, ehe das Volk bei Diskussionsveranstaltungen und am Ende per Internet-Abstimmung wieder das Wort bekam. 66.000 Bürger griffen zur Maus und klickten. Wird im Fernsehen bei „X-Faktor“ der dänischen Pop-Superstar gesucht, klicken 300.000 mit.

Diese Abstimmung gewann der Wohlfahrtsstaat, gefolgt von der Freiheit, gegenseitigem Vertrauen, Gleichheit vor dem Gesetz und der Geschlechter-Gleichberechtigung als klassisch dänisch. Hinter der Hygge auch noch in die Top Ten schaffte es das „christliche Kulturerbe“ in diesem areligiösen Land mit gähnend leeren Kirchen. Die Mitmenschlichkeit fiel auf Platz 13 ebenso durch wie das heimische Handwerk und die Fahrradkultur. Chancenlos auch „Dänemark und die Welt“ als Ausdruck eines Denkens über die Landesgrenze bei Padborg hinaus. Alles offenbar nicht ganz so toll und typisch dänisch wie der „frisind“, der freie Geist, auf Platz 8.

Alles für die Assimilierung der Neu-Dänen

Befürworter wie Kritiker meinen, dass sich die ganze Übung vor allem an Zugewanderte mit ganz anders erlernten Grundsätzen richtet. Alles für die Assimilierung der Neu-Dänen, und als Sekundärgewinn ein heiles nationales Selbstbild für die Alt-Dänen. Viele mögen es nicht. „Für mich macht dieser Kanon überhaupt keinen Sinn“, sagte der Philosoph Arno Victor. Er moniert den „etwas kindlichen Glauben an eine wieder homogene Gesellschaft“. Mette Bock, gerade frisch und ohne Zusammenhang mit dem Kanon ins Amt gekommene Nachfolgerin Haarders als Kulturministerin, sah in dem Werk des Vorgängers einen „Traum von Dänemark, wie es sich am Ende des 19. und dann im 20. Jahrhundert geformt hat“. Aber was könnten damit 17-Jährige heute wohl anfangen?

Die sehen auf Platz 6 der Werte-Liste „die dänische Sprache“. Suchen die jungen Leute nach dem Abi mit 18 einen Studienplatz, wirbt auch noch die kleinste dänische Provinz-Hochschule mit ihrem anglisierten Namen a la „University College of Northern Denmark“ in der Hoffnung auf zahlungswillige chinesische Studenten. Das führt dann bei der Bewahrung der heimischen Sprache als immateriellem Kulturerbe schon mal zu einem Fuckup, wie man im dänischen Alltag zu sagen pflegt.

Andererseits können die Hüter der nationalen Kultur eindrucksvolle sprachliche Erfolge vorweisen. Dank der seit zwei Jahrzehnten erfolgreichen Rechtspopulisten ist im öffentlichen Diskurs „danskerne“, die Dänen, als Ersatz für altmodisch verwaschene Begriff wie Bürger, Leute oder gar Menschen durchgesetzt. Durchweg alle Politiker verwenden ihn ganz automatisch in jedem zweiten Satz als Synonym für das Gute und Richtige. Nun hätten „danskerne“ gesprochen, hieß es denn auch in den vielen Medienberichten zum neuen Kanon. Eigentlich haben ja nur 66 000 im Durchschnitt fünfmal geklickt. Und damit, wie „Politiken“ schrieb, die schick moderne Aufforderung des alten Kulturministers zum Kanon als „Facebook-Profil für Dänemark“ so erfüllt, wie man sich auf Facebook eben präsentiert: „Alles schön, alle glücklich, alles bestens.“

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