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07. Oktober 2016

Prinzip „Ermutigung“

 Von Thomas Borchert

Das norwegische Nobel-Institut in Oslo.  Foto: imago

Das Nobelpreiskomitee bleibt seinen Gewohnheiten treu: Freudig überraschen, Kritik abbürsten

Die Vorliebe der Osloer Nobeljuroren für Überraschungen hat krachende Kritik an Preisvergaben der letzten Jahre und hässlichen internen Streit unbeschadet überstanden.

Dass der Friedensnobelpreis kurz nach dem Nein der Kolumbianer beim Referendum über das Abkommen zur Beendigung des Bürgerkrieges in dieses Land gehen würde, galt als unwahrscheinlich: Der prestigeträchtigste Preis der Welt gegen einen gerade erst erklärten Volkswillen? Schwer vorstellbar. Aber dann erklärte Komiteechefin Kaci Kullmann Five verblüfften Journalisten, die Südamerikaner hätten „ja nicht gegen den Frieden gestimmt, sondern nur gegen ein bestimmtes Abkommen“.

Kullmann Fives Begründung für den Preis an Präsident Juan Manuel Santos endete mit einer diskret verpackten Bemerkung in eigener Sache: „Seine Bemühungen zur Förderung des Friedens erfüllen die Kriterien und den Geist von Alfred Nobels Testament.“ Das musste wohl aus Sicht der fünf Komiteemitglieder ausdrücklich angefügt werden, nachdem ihnen in den letzten Jahren und zu allem Überfluss auch noch aus ihrer Mitte grobe Missachtung des über hundert Jahre alten Fundamentes samt Inkompetenz und Eitelkeit vorgehalten wird.

1895 hatte Nobel bestimmt, dass dieser Preis an den gehen solle, „der am meisten oder am besten für die Verbrüderung der Völker gewirkt hat“. Dass die Juroren den Satz mit viel Patina zeitgemäß interpretieren und zunehmend den Einsatz etwa von Umweltschützern auszeichneten, rief Nachfahren Nobels auf den Plan: Verwässerung des letzten Willen sei das.

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Nach dem Preis an die EU 2012 reichten Kritiker eine Gerichtsklage wegen Testamentsverfälschung in Stockholm ein. Die schwedische Nobelstiftung versuchte den Osloer Juroren einen Teil ihrer Autonomie zu entziehen. Lautstark kämpfte dagegen der langjährige Komiteesekretär Geir Lundestad. Zugleich stellte er im letzten Jahr nach seiner Pensionierung den fünf von Norwegens Parlament nach Parteienproporz entsandten Jurymitgliedern in Buchform ein niederschmetterndes Zeugnis aus: Etliche hätten von Außenpolitik keine Ahnung und könnten nicht mal ordentlich Englisch.

Dem Vorsitzenden Thorbjørn Jagland attestierte Lundestad grenzenlose Profilierungssucht. Der Ex-Ministerpräsident und jetzige Generalsekretär des Europarates war treibende Kraft hinter der Preisvergabe an die EU und vor allem bei der sensationellen Vergabe 2009 an den frisch gewählten US-Präsidenten Barack Obama. Sie wurde als „Ermutigung“ begründet, die dann aber als Vorschuss dem selbst wenig erfreuten Mann im Weißen Haus geholfen hat.

Das Komitee entzog jedenfalls dem „illoyalen“ Lundestad das Büro, wählte aber auch Jagland ab. Seine Nachfolgerin Kullmann Five muss hoffen, dass das Prinzip „Ermutigung“ durch den Friedensnobelpreis für die Kolumbianer besser greift als zuletzt in Washington und Brüssel.

 

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