Interview zur #metoo-Revolution in Schweden

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Warum hat #metoo ausgerechnet in Schweden so gezündet, wo doch die Frauen eigentlich schon viel mehr erreicht haben als fast überall sonst auf der Welt?

Mich hat das auch überrascht. Aber auch das schwedische Rechtswesen beschützt ja nicht ausreichend gegen sexuelle Übergriffe. Wir haben hier im Alltag genau wie Frauen überall unsere individuellen Strategien, um zurechtzukommen. Man sagt sich gegenseitig, setz dich bloß nicht neben den und den beim Betriebsfest. Pass auf, dass du nicht mit dem und dem spät abends irgendwo allein bist. Du weißt, wie man jemandem abwehrend die Hand gibt, der einen Ruf als Grapscher hat.

Das läuft auch im gleichberechtigten Schweden so ab, und man spricht nicht laut darüber, nur selten mit den Freundinnen und niemals mit dem Partner oder Ehemann. So ist es nun mal. Das sagt einiges darüber, wie tief dieses Problem sitzt, wie stark es individualisiert ist und was als vollkommen normal gilt. Was jetzt passiert, versetzt hoffentlich die Grenzen dafür auf beiden Seiten. Was Männer sich erlauben und was Frauen hinnehmen. Das meiste hier liegt unterhalb von Vergewaltigungen auf einer juristisch schwer greifbaren Ebene.

Wird diese gewaltige Protestwelle eine nachhaltige Wirkung haben – oder einfach wieder verschwinden?

Es ist, als wenn in Schweden endgültig eine gewaltige Beule aufgeplatzt ist. Das rollt jetzt. Wie alle finde ich vollkommen fantastisch, was passiert. Das Verhältnis zwischen Frauen und Männern kann einfach nicht mehr wie früher sein, nachdem die Sache explodiert ist.

Auch hier in Skandinavien, wo wir eigentlich Bus fahren können, ohne automatisch betatscht zu werden. Mit der #metoo-Kampagne werden wir von Opfern zu Akteuren. Keine Frau erzählt ja ihre Geschichten aus Spaß. Es ist sehr belastend wegen der Scham: Warum zum Teufel bewältige ich das nicht besser? Du musst dich selbst überreden, diese schwere, schuldbeladene Sache vorzubringen.

Mit der Genuswissenschaft haben wir in Schweden einen strukturellen Blick auf Sexismus und auch auf Rassismus durchgesetzt. Meine männlichen Studenten in Stockholm fühlen sich nicht persönlich angegriffen, wenn man von struktureller Diskriminierung der Frauen in Schweden spricht. Und es gibt Adressaten, eine politische Kultur, die jetzt zugehört hat und die reagiert. Nur einen Tag nach dem Aufruf der Schauspielerinnen hat ja Kulturministerin Alice Bah Kuhnke die Theaterchefs zum Meeting bestellt: Ich möchte hören, was ihr zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen zu tun gedenkt. Am Tag danach!

Entscheidend ist: Alle sind sich einig, dass die Arbeitgeber in der Verantwortung stehen, um sexuelle Belästigung und Nötigung zu unterbinden. Anfang 2017 ist schon ein neues Gesetz in Kraft getreten, das die Verantwortung der Arbeitgeber in Sachen gleicher Lohn, sexuelle Belästigung etc. verschärft hat. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass schon etliche männliche Unternehmenschefs sich öffentlich hinter die Aufrufe gestellt haben, als Väter im Namen ihrer Töchter.

Ist die Frauenbewegung in Schweden also in einer Art Daueroffensive?

In allen skandinavischen Ländern ist der Frauenanteil in den Parlamenten durch die Erfolge der Rechtspopulisten zurückgegangen. Die Schwedendemokraten hatten 2011 von 20 Abgeordneten nur drei Frauen und 2014 neun Frauen bei 46 Mandaten. Das ist für hiesige Verhältnisse wirklich außergewöhnlich. Das Grundgefühl hier im Norden war sonst doch eigentlich, dass es bei allen Schwierigkeiten immer in die richtige Richtung weitergeht.

Dann kam Trump, und auch wir mussten einsehen: So ist die Welt, es kann wirklich ernsthaft in die falsche Richtung gehen. Auch in Schweden sind Politiker jetzt durch Hate Speech den schlimmsten Sachen ausgesetzt, und die Frauen unter ihnen immer sexualisiert. Aber dann gab es in den USA eben auch den Frauenmarsch gegen Trump. Die Frauen heute beugen nicht einfach den Nacken, fügen sich und sind still. Und jetzt ist #metoo gekommen.

Aber wir skandinavischen Feministinnen waren wirklich nicht vorbereitet auf die Rückschläge. Es gibt jetzt eben Trumpisten und Antitrumpisten, Feministen und Antifeministen. Die Antifeministen sind oft Rassisten. Wir werden uns nicht ducken, aber die andere Seite wird auch nicht einfach aufgeben, sondern für Rückschläge sorgen. Ich prophezeie eine zunehmende Polarisierung zwischen Feministen und Anti-Feministen als neue Dimension in der Politik.

Wird #metoo konkrete Auswirkungen auf die schwedische Politik haben?

#metoo wird ganz bestimmt ein Teil des Wahlkampfes im Sommer. Die Feministische Initiative tritt auch wieder als Partei an. #metoo ist besser als die beste Gesetzgebung, weil es um die Kultur zwischen Männern und Frauen im Alltag geht. Die lässt sich nicht unbedingt gesetzlich regeln. Womit sich Frauen abfinden, und wo Männer die Grenzen von Frauen überschreiten. Das ist größer als die Frage, welche Partei mit wie viel Prozent durchkommt.

Jetzt wird gerade über eine Änderung der Gesetzgebung zu Vergewaltigungen diskutiert. Damit soll die Verantwortung so verändert werden, dass es eine aktive Einverständniserklärung für Sex geben muss. An der Änderung wurde lange gearbeitet, und jetzt hat der Justizminister den Entwurf angekündigt.

Auf welche Stolpersteine sollten die #metoo-Frauen achten?

Wir müssen aufpassen, dass einzelne Männer nur dann namentlich angeprangert werden, wenn man mit der Sache wirklich vor Gericht bestehen kann. Auch wenn klar ist, dass #metoo ohne einen Fall Harvey Weinstein nicht diese Durchschlagskraft gehabt hätte. In Schweden haben die Medien breit über ein bekanntes „Kulturprofil“ (aus dem Umfeld der Nobelpreisjuroren) berichtet, den Frauen nun auch angezeigt haben. Das war wichtig als sehr gut durchgeprüfte Geschichte in einer Zeitung.

Aber man darf auch nicht vergessen: Tausende und abertausende schwedische Frauen haben jetzt von ihren Erlebnissen berichtet, ohne Namen zu nennen. Die 13-jährige Reitschülerin hat nicht gesagt, welcher Reitlehrer ihre Bluse aufgeknöpft hat. Alle Geschichten haben ähnliche Strukturen, im Übrigen genau wie in Indien und den USA und überall. Es geht um Männer mit Macht, die sie grenzüberschreitend an Frauen ausüben.


Redaktion: Theresa Bäuerlein; Aufmacherbild von Drude Dahlerup: Eva Dahlin / Universität Stockholm.

 

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