#Metoo-Tsunami auf Schwedisch: #derletztenagelzumsarg

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jenny Burman_Foto cred_Johan Lygrell

Schwedische Frauen zeigen gerade, wie #metoo ein ganzes Land verändern kann

, etwa 10 Minuten Lesedauer

Auch im Land von Pippi Langstrumpf kennen das alle: Bauarbeiter pfeifen einer Frau hinterher und kommentieren feixend ihren Körper. Als 19- Jährige hat die Klempnerin Paulina Johansson aus Örebro auf einer staubigen Baustelle mit einem Kollegen dasselbe erlebt wie Schauspielerinnen in feinen Hollywood-Hotels mit einem Filmmogul.

„Wir hocken im Kriechkeller und sägen ein Rohr zurecht, als er sich plötzlich auf mich wirft und runterdrückt. Als mir klar wird, was abläuft, bekomme ich Todesangst und werde zu Eis. Mein Körper ist starr wie ein Stift und gehorcht mir nicht.“ Sie glaubt sich und den Vergewaltiger allein auf der Baustelle. Der lässt von ihr ab, als Schritte zu hören sind.

Das Opfer flüchtet in den Baubus. Sechs Stunden später sitzt beim Heimtransport darin auch der Täter, schweigend wie sie selbst. Paulina Johansson wird über Jahre zu niemandem ein Wort sagen.

Die Schwedinnen gehen hart mit dem Sexismus ins Gericht

Das hat der Ausbruch des schwedischen #metoo-Tsunamis radikal geändert. Die mittlerweile 24-jährige Johansson und Frauen überall im Land brechen in diesen Wochen so stimmgewaltig mit Schweigekultur und Opferrolle, dass, um im Bild zu bleiben, das Schild „Einsturzgefahr“ am absonderlichen Gerüst sexueller Gewalt gar nicht groß genug gemalt werden kann. Eine riesige Welle aus persönlichen Zeugnissen und gemeinsamem Protest mit handfesten Forderungen aus allen Winkeln des schwedischen Alltags bringt es ins Wanken.

Mich hat das nach 34 Jahren als zugewanderter Mann im skandinavischen Paradies für Gleichberechtigung genauso total überrascht wie eigentlich alle hier: Wie hart die Schwedinnen mit dem Sexismus ins Gericht gehen, praktisch keinen Arbeitsplatz auslassen und massenhaft konkrete Forderungen stellen. Die Politik reagiert und Schweden zeigt, wie sich Empörung in konkrete Handlung umsetzen lässt

#derletztenagelzumsarg

Den Anfang machten 456 Schauspielerinnen per Unterschrift und vielen haarsträubenden Berichten über ihr Leid mit männlichen Kollegen und Chefs. 4.267 Frauen vom Bau folgten etwas später mit ihrem Aufruf. Gut zweihundert, vom Teenager im ersten Lehrjahr bis zur Architektin mit Promi-Status, haben persönliche Erlebnisse öffentlich mitgeteilt. Statt #metoo wählten sie den munter kampflustigen Hashtag „#sistaspikenikistan“, übersetzt: „#derletztenagelzumsarg“.

Den verstand auch Bauminister Peter Eriksson. Er bestellte umgehend Gewerkschaften, Baukonzerne und natürlich die „Sargnagel“-Initiatorinnen zum Gespräch: Was wird die Branche konkret tun, „um die anhaltenden Kränkungen von Frauen zu beenden?“

Über 70.000 Unterschriften unter mehr als 50 solcher Aufrufe und tausende persönliche Berichte haben mit Start in den sozialen Medien den öffentlichen Raum erobert. An einem einzigen Tag stellten sich 4.445 Juristinnen hinter #mitwelchemrecht und lieferten Zeugnisse sexualisierter Machtanwendung durch Richter, Kanzleichefs und andere männliche Juristen. Ein Beispiel: „Wie alle Mädels bei der Neueinstellung, wurde ich von der Anwaltskanzlei gebeten, bei Besuchen von US-Klienten einen kurzen Rock anzuziehen. Das galt als Pflicht, weil die Amerikaner so auf unseren Typ abfahren. Einer der Chefs holte mich persönlich ab, damit ich mich ‚ein bisschen zeige‘. Ich sollte mich auch bücken und so tun, als hätte ich Kaffee vergossen, oder so. Die Männer würden das zur Aufmunterung brauchen.“

1.300 Politikerinnen (darunter drei mit Ministertitel, #imkorridordermacht), 10.400 Ärztinnen und Krankenschwestern (#keineschweigepflicht), 1.382 Mitarbeiterinnen von Kirchen, Soldatinnen, Polizistinnen, Sportlerinnen, Lehrerinnen, Schülerinnen, Kellnerinnen, sogar 387 Ärchäologinnen (#ausgrabungläuft) und die Reiterinnen (#wirtretennachhintenaus) meldeten gemeinsam immer dasselbe Elend, in forderndem Grundton voller Kampfbereitschaft. Aber so gut wie immer, ohne einen der angegriffenen Männer namentlich an den Pranger zu stellen.

Die Frauen wollen die Strukturen knacken

„Es geht nicht um einzelne schwarze Schafe, sondern um die Strukturen dahinter, die müssen wir durchschauen und knacken,“ sagt Jenny Burman. Die 40- jährige PR-Frau hat den Protest als eine von 2.126 Kolleginnen unterschrieben. „Für mich ist #metoo doppelt wichtig, weil ich will, dass meine beiden Töchter frei von Sexismus aufwachsen und dieselben Möglichkeiten haben wie Männer.” Eigene Erlebnisse der anderen Art hat sie auf Facebook öffentlich gemacht und notiert auch: „Mir fällt auf, dass wir alle dasselbe mitgemacht haben. Aber wir haben nie darüber gesprochen. Entweder ist es die Scham, oder dass das alles als normal gilt.“

Bei dieser Lektüre war ich perplex: Ausgerechnet hier? Jenny habe ich bei Stockholmer Arbeitsbesuchen als selbstbewusste Schwedin in ihrem, durch die deutsche Brille, Paradies für Gleichberechtigung kennen und schätzen gelernt. Nach Kopenhagen, meinem Wohnort, hat mich Zuwanderer vom ziemlich reifen Jahrgang ’52 die Begeisterung für eine inzwischen weißhaarige dänische Blondine verschlagen.

Nicht zuletzt fand ich entspannt lässigen und lebensfrohen Feminismus mitreißend: Klar, dass man auch mit jeder Menge Kinder zu Hause als Mutter voll weiterarbeiten und einfach Spaß an allen möglichen Seiten des Lebens haben kann. Seit einem halben Jahrhundert gibt es reichlich Kindergärten. Männer mit aufgeblasenen Backen muss man absolut nicht immer ernst nehmen.

Bei unseren drei Kindern, inzwischen erwachsen, gab es nie eine Sekunde Zweifel, Unsicherheit, Karriereangst oder mehr schlechtes Gewissen auf der Frauenseite, weil wir beide voll gearbeitet haben. Um wie viel früher sie in Skandinavien doch herrlich weit gekommen sind mit der Gleichstellung der Geschlechter im Arbeitsleben, bei politischen Spitzenämtern und mit kräftiger Nachhilfe durch gesetzliche Mindestquoten sogar in Aufsichtsräten.

Selbst mir verschwieg meine Frau den Busengrapscher

Als ich Ellen, der dänischen Ex, von Jennys schwedischem Facebook-Eintrag erzählte und fragte, ob sie eigentlich auch mal was in dieser Richtung erlebt habe, kam die nächste Überraschung: Ihre Geschichte von einem älteren und vorgesetzten Busengrapscher beim Betriebsfest vor Weihnachten war aus unserer gemeinsamen Zeit, aber komplett neu für mich und deshalb wenig angenehm. Warum sie davon noch nicht mal mir, ihrem Ehemann, erzählt hatte? Die Unsicherheit, ob Loyalität zu erwarten sei, sitze tief, antwortete sie. Beim Kantinengespräch und auch beim eigenen Mann.

Die Kolleginnen im Krankenhaus würden dank #metoo jetzt miteinander reden, immerhin, sagt sie. Das ist schon was, aber nichts gegen die Umwälzungen bei den Nachbarn in Schweden. Jenny Burman und die 2.000 PR-Kolleginnen haben ihren Aufruf „#sistabriefen“ genannt, „#derletztebrief“. „Brief“ ist der Branchenbegriff für die Beschreibung eines verbindlichen Kundenauftrags. Dieser hier geht an die Chefs aller schwedischen PR-Büros und -Verbände, mit forsch formulierten Forderungen nach „sicheren Arbeitsplätzen, frei von Diskriminierung, Unterdrückung, sexualisiertem Umgangston, Belästigungen und Übergriffen“. Man werde im Januar Rechenschaft über eingeleitete Maßnahmen verlangen.

Der Diskriminierungs-Ombudsmann verlangt Gegenmaßnahmen

Genauso oder ähnlich läuft es überall in Schweden ab, wo Frauen ihr Geld verdienen. Der Diskriminierungs-Ombudsmann hat die Aufrufe auch gelesen und verlangt von 40 Unternehmen vom Nationaltheater über die führenden Medien bis zum Obersten Gerichtshof detaillierte Berichte, was sie gegen sexuell gefärbte Diskriminierung im eigenen Alltag tun. Seine staatliche Behörde hat weitgehende Befugnisse zur Untersuchung möglicher Diskriminierung. Sieht der Ombudsmann sie als erwiesen an, teilt er das öffentlich unter namentlicher Nennung der Firma oder anderer Einrichtungen mit. Schlechte Aussichten für Chefs überall, die sich entweder selbst männlich-sexistisch austoben oder das augenzwinkernd und/oder beide Augen zudrückend zulassen.

Ob die Schwedinnen mit ihrer Massenbewegung tatsächlich vor dem K.-o.-Sieg über ihre Plagegeister stehen? „Mit diesem gewaltigen Meilenstein werden wir die Zeit in vor und nach #metoo einteilen, man kann das gar nicht hoch genug hängen“, sagt Margareta Garpe am Telefon, Dramatikerin und schon zu Zeiten der Frauenbewegung im Gefolge von ’68 aktiv dabei.

Gerade habe ihr ein Theaterchef, auch am Telefon, bestätigt: „Klar, wir müssen jetzt was tun, es geht nicht mehr anders.“ Auch die Bühnen mit den klanghaften Namen, die großen Stockholmer Medien und mit Urgewalt sogar die ehrwürdige Jury für den Literaturnobelpreis sind dem #metoo-Tsunami ausgesetzt. Sie alle haben männlichen Berühmtheiten mit Spaß an sexualisierter Gewalt über vorzugsweise junge Kolleginnen in unsicheren Jobs jahrzehntelang als Spielwiesen zur Verfügung gestanden.

„Feministisches Saudi-Arabien”

Warum die Schwedinnen mit alldem jetzt so viel entschlossener und in größerer Zahl aufräumen als ihre Schwestern anderswo? Keine leichte Frage. Die Stärke dieses #metoo-Sturms aus Nord hat alle überrascht. Tasten wir uns an ein paar mögliche Antworten: Der Feminismus ist hier, wie manche Kritiker höhnisch konstatieren, schon lange staatstragend. Alle männlichen Politiker, bis auf die rechtspopulistischen, nennen sich „feministisch“. Die sozialdemokratische Außenministerin Margot Wahlström spricht stets ausdrücklich von Schwedens „feministischer Außenpolitik“, etwa bei der Durchsetzung von Menschenrechten überall auf der Welt gegen „destruktive Maskulinitätsnormen“.

An Schwedens Universitäten hat sich die Genderwissenschaft viel stärker etabliert als überall sonst in Europa. Schon seit 1999 ist hier als erstem Land der Welt der Kauf sexueller Dienstleistungen verboten. Kriminalisiert werden die Freier, nicht die Prostituierten.

Und welche andere Justiz hätte wohl über sieben Jahre den Wikileaks-Gründer Julian Assange auch noch im Ausland hartnäckig verfolgt, nachdem 2010 zwei Frauen in Stockholm nach Sex ohne Kondom gegen ihren Willen zur Polizei gegangen waren? „#prataomdet“, „#sprechtdarüber“, verbreitete sich als Unterstützer-Hashtag für die beiden Frauen viral und hat auch den Boden für die #metoo-Explosion heute bereitet. Assange beschimpft Schweden von seinem bizarren Hausarrest in einer Londoner Botschaft als „feministisches Saudi-Arabien“.

Männlicher Chauvinismus blüht weiter

Auch wenn das lächerlicher Unsinn ist: In diesen Wochen vergeht kaum ein Tag ohne neue Stockholmer Schlagzeilen mit Anklagen gegen einen prominenten Mann aus Kultur oder Politik. Bei den extrem schnellen und derzeit immer einhelligen Urteilen in sozialen und anderen Medien über die Promis am Pranger scheinen alle Prinzipien von Rechtssicherheit sehr weit weg. „Volksgerichtshof“ und „Lynchjustiz“ empörte sich Lars Ohly, Ex-Vorsitzender der Linkspartei, und man versteht ihn gut: Die Partei hat ihn zur „persona non grata“ erklärt, obwohl die Polizei den Vorwurf „unerwünschter Körperkontakt“ einer Frau untersucht und abgehakt hat.

Die knifflige Frage, warum sich auch im so weitgehend gleichberechtigten Schweden „maskuline Destruktivität“ offenbar immer noch allgegenwärtig ausbreiten kann, lassen wir hier einfach stehen. Wie die Frauen gerade massenhaft zeigen, ist es nun mal so, und vielleicht hilft der gern anderweitig eingesetzte Begriff „Parallelgesellschaften“ ein bisschen weiter: Dass männlicher Chauvinismus in seinen selbst gewählten Nischen weiter blühen und gedeihen kann, auch wenn der politische, gesetzliche und ökonomische Rahmen ihm eigentlich längst den Boden entzogen hat. Apropos Parallelgesellschaft: Aufrufe mit zählbaren Unterschriften von Migrantenfrauen und Berichten aus der „Ehrenkultur“ sind bisher Fehlanzeige. Zu groß die Angst, sagen für #metoo aktive Migrantenfrauen.

Mein kluger schwedischer Geschlechtsgenosse und Lieblings-Abba Björn Ulväus (72), berühmt und reich geworden mit Ohrwürmern wie „Waterloo“, freut sich, dass er Großes miterlebt. „Spannend, bei einer Zeit des Umbruchs dabei zu sein. #metoo ist ein historischer Wendepunkt,“ schreibt er in Svenska Dagbladet. Er merke es schon am eigenen Gesprächsverhalten gegenüber Frauen. Ihre vieltausendfachen Stimmen würden „diesmal nicht mehr zum Schweigen gebracht“. „Hier läuft eine Revolution mit voller Kraft, ein nicht zu bremsende Lawine, die die Gesellschaft von Grund auf verändern wird. Es gibt keinen Weg zurück.“

Die Bewährungsprobe kommt im Wahlkampf

Ich bin beim faszinierten Blick von Kopenhagen nach Schweden so gespannt wie lange nicht mehr. Das Irrsinnstempo mit feurigem Grundton bei der Massenmobilisierung über soziale Medien ist eine Sache. Zäher politischer Kampf etwa um mehr vertragliche Job-Sicherheit für junge Frauen eine ganz andere. Auch bei den Skandinaviern haben natürlich all die Praktikantinnen, Vikarinnen und befristet Angestellte am meisten über #metoo-Probleme zu erzählen.

Malin Petrén, Mitstudentin und schwedische Freundin unserer Tochter Anne in Göteborg, ist optimistisch. Beim Chat der beiden über die #metoo-Stärke in ihrem Land schrieb sie: „Die Sache richtet sich mehr an Branchen als an Einzelpersonen. Also wird es auch eine gewerkschaftliche Frage, und da sind wir stark in Schweden.“ Sehr gut, dass schon in neun Monaten ein neuer Reichstag gewählt wird. Im Wahlkampf zeigt sich dann, wie stark die neue Bewegung Wurzeln geschlagen hat. Kraft kann sie schöpfen aus den Worten der berühmtesten Schwedin aller Zeiten. Pippi sagt: „Das hab ich ja noch nie gemacht. Ich glaub, ich schaff das!“


Theresa Bäuerlein hat beim Erarbeiten des Artikels mitgeholfen; Vera Fröhlich hat gegengelesen; Aufmacherbild: Jenny Burman, fotografiert von Johan Lygrell.

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