Die Nobelpreise sind ein Schmuddelgeschäft

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Außen hui, innen pfui

Es ist, als blicke man in einem Edelrestaurant plötzlich in die schmuddelige Küche: Der Nobelpreis, der am Sonntag wieder verliehen wird, steht für Pracht, Pomp und Prestige. Hinter den Kulissen sieht es ganz anders aus.

Bankett
Den großen Auftritt haben sie drauf: 2014 werden die Desserts beim Bankett in akkurater Choreographie serviert. Foto: rtr

Das Menü beim Festbankett verkündet die Nobelstiftung genauso stolz wie die Sitzordnung und Designer, Stoffart samt der Beschmückung von Königin Silvias Abendrobe. Jedes Jahr am 10. Dezember prägen Pomp und Pracht die Verleihung der Mutter aller Auszeichnungen. Wer würde sich nicht gerne Nobelpreisträger nennen? Am Sonntag wieder mal ohne die Endung „-in“. In Stockholm nehmen acht befrackte, weil durchweg männliche Nobelpreisträger ihr Diplom mit Diener vor König Carl XVI. Gustaf in Empfang. Hinter dieser Festkulisse stecken die Juroren knietief in weniger präsentablen Skandalen: Sexismus-Anklagen im engsten Umfeld, bei trüben Aktiengeschäften erwischt, auf einen Scharlatan hereingefallen und auch noch als kommerzwütige Baulöwen verschrien. Deshalb jetzt statt allen Details zum Elchfilet und den Kronjuwelen an Tisch eins mal ein Blick in die Kochtöpfe.

Der Brite Kazuo Ishiguro habe in „Romanen von starker emotionaler Wirkung den Abgrund in unserer vermeintlichen Verbundenheit mit der Welt aufgedeckt“, lobt die 18-köpfige „Schwedische Akademie“ den Literaturnobelpreisträger 2017. 18 Frauen haben kurz vor der Verleihung unter der Schlagzeile „Das Kulturprofil hat uns missbraucht“ einen Abgrund in der Jury wegen nicht nur vermeintlicher Verbundenheit mit dem „Profil“ öffentlich gemacht. Dem Ehemann einer Jurorin, dank auch sonst engster Verbindungen nach eigener Einschätzung das „19. Akademiemitglied“ und eine graue Kultureminenz mit Einfluss, werfen sie sexuelle Belästigungen und Übergriffe bis zu Vergewaltigung über Jahrzehnte vor. In seinem „Künstlerforum“, wo Nobelpreisträger und -juroren gern Texte vorgetragen haben, und in einer Pariser Wohnung der Akademie, exklusiv für eigene Mitglieder.

Klagen, schon vor 20 Jahren öffentlich gemacht, kehrten tonangebende Akademiemitglieder (1786–2013 immer männlich) unter den Tisch. Sie besorgten dem in der überschaubaren Stockholmer Kulturszene als gefährlich für junge, wenig etablierte Frauen bekannten Mann Orden und machten Geld für die Finanzierung seiner Bar locker. Dieser vielseitige „Pionier“ habe Kunstarten zu „überraschenden, fast unvergesslichen Begegnungen verschmolzen“, er sei ein Rollenmodell für die junge Generation, schwärmte Ex-Akademiesekretär Horace Engdahl. Sein Nachfolger Peter Englund, ein zivilisierter, freundlicher Mann, fluchte „dieser Drecksack“ in Mikrofone, als herauskam, dass das „Profil“, um sich bei Frauen aufzuplustern, internes Wissen um den nächsten Nobelpreisträger vorab weitergeflüstert hat. Für einen „Ständigen Sekretär“ der Akademie das schlimmste aller denkbaren Verbrechen. Die jetzige Sekretärin Sara Danius hat eine andere Brille auf und den Geldhahn sofort zugedreht.

Sie lässt externe Ermittler klären, ob und wie der Mann eventuell auch Preisvergaben „direkt oder indirekt“ beeinflusst hat. Ein gewaltiger Eingriff in das Selbstverständnis der Akademie mit 230 Jahre altem Statut aus feudalen Zeiten und lebenslang unkündbarer Mitgliedschaft. 1989 stellte die Schriftstellerin Kerstin Ekman ihre Mitarbeit bei dem ein, was sie damals als „Rokokotheater“ verspottete und heute „Sekte“ nennt. Sie wird weiter als „Mitglied auf Stuhl 15“ geführt. Die 30 Jahre jüngere Kollegin Lotta Lotass kam 2009 auf „Stuhl 1“ dazu und verabschiedete sich 2015 völlig entnervt und für immer. Sie konnte den Gruppenzwang zu altertümlichen Ritualen nicht ertragen. Dem „Kulturprofil“ ist sie auch begegnet und gibt einen Satz wie aus einem Ishiguro-Roman zu Protokoll: „Gottlob sehe ich nicht gut aus und war wohl deshalb für ihn uninteressant.“

Im Oktober hat Schwedens Hochschulaufsicht dem Karolinska Institut (KI), das den Medizinnobelpreis vergibt, nach langer Untersuchung komplettes Versagen bei der Aufsicht über den eigenen italienischen „Starchirurgen“ Paolo Macchiarini attestiert. 2018 steht das größte Universitätskrankenhaus des Landes unter verschärfter Staatsaufsicht, nachdem seine Führung jahrelang auf einen Scharlatan hereingefallen ist. Bis eine TV-Dokumentation enthüllte, das Macchiarinis angeblich bahnbrechende Luftröhrentransplantationen tödlicher Humbug waren. Wann ist endlich Gras über die Sache gewachsen, mögen die Institutsspitzen seufzen, nachdem schon letztes Jahr im Gefolge der Enthüllungen etliche Köpfe auch aus dem Kreis der Juroren gerollt sind.

Zwei von ihnen hatten den nebenbei noch als Heiratsschwindler mit Lügen der Münchhausen-Klasse verblüffend erfolgreichen Italiener nach Stockholm geholt. Frühzeitige Warnungen wurden bullig aus dem Weg geräumt. „Die Jagd nach einem Nobelpreis für das KI selbst hat die Führung blind gemacht,“ schrieb die Zeitung „Dagens Nyheter“ in Stockholm. Dafür starben Patienten, die ohne Macchiarinis fatale Plastikluftröhren Chancen auf ein längeres Leben gehabt hätten. Die von vielen geforderte Auszeit für den Medizinnobelpreis zur Selbstbesinnung hat es nicht gegeben. The show must go on.

Ändern könnten sich die mit drei männlichen US-Medizinern in diesem Jahr gewohnt eindeutigen geografischen Nobelgewichte. China, voll Heißhunger auf die Preise und hochaktiv bei der Lobbyarbeit, lockt die Schweden zur Zusammenarbeit. Das Fachmagazin „Universitetsläraren“ berichtete im Sommer Erstaunliches von der ersten KI-Filiale im Ausland überhaupt. Den Rekordbetrag von umgerechnet 40 Millionen Euro hat das Institut für die neue Tochter in Hongkong von einem Geschäftsmann namens Ming Wei Lau angenommen. Dessen für Korruption und Geldwäsche in Macau verurteilter Vater war 2015 dabei, als beide Seiten die glänzende Arbeit von Chirurg Macchiarini als Teil ihrer Kooperation heraushoben.

In Oslo geht der Friedensnobelpreis an die Antiatomwaffenkampagne Ican. Zeitgleich mit der Entscheidung Anfang Oktober legten norwegische Menschenrechtler hochnotpeinliche Listen über Geldanlagen der Nobelstiftung vor: Auch bei den an Atombomben verdienenden US-Konzernen Boeing, Northrop Grumman und Safran sowie Airbus in Europa sollte das einst vom Dynamiterfinder Alfred Nobel gestiftete Stiftungsvermögen gemehrt werden. „Das sieht nicht gut aus“, bekannte Olav Njølstad vom Nobelkomitee sofort ohne nennenswerte Gegenwehr und gelobte Besserung: „Innerhalb eines Jahres kann die Stiftung sich aus allen Fonds von Unternehmen mit der Produktion von Atomwaffen zurückziehen.“

Etwas spät, finden die Kritiker nach ihren Mahnungen seit 2005. Aber wenn die Nobelstiftung aufräumen wolle, könne sie auch gleich ihre Geldanlagen bei den Tabakkonzernen British American Tobacco und Swedish Match stornieren. Nach mehreren Friedensnobelpreisen an Klimaschützer seien außerdem die Investitionen bei RWE, „einem der größten Kohleunternehmen in Deutschland und Europa“, sowie bei den Ölkonzernen Total, BP und Statoil fragwürdig.

2018 sollte eigentlich ein prächtiges neues Nobelcenter auf der Halbinsel Blasieholm an Stockholms Altstadt fertig sein. Gebaut nach einem Entwurf des Briten David Chipperfield mit Festsaal für die Verleihungen und Nobelmuseum für zahlungskräftige Touristen. Aber noch ist nicht mal der erste Spatenstich in Sicht. Neben hartnäckig protestierenden Bürgern finden allerlei staatliche Stellen, dass das geplante Nobelcenter auch nach dem eiligen „Downsizing“ der ersten Pläne immer noch viel zu dominant auf die historische Halbinsel gesetzt werden soll. Mehr noch als das endlose Warten auf diverse Gerichtsurteile muss die Nobel-Bauherren in spe nervös machen, dass ausgerechnet ihr wichtigster Zeremonienmeister sich offen auf die Gegenseite geschlagen hat. König Carl XVI. Gustaf meint, man solle hier bitte die schönen, alten Gebäude stehen lassen, „das Nobelcenter kann man doch woanders hinbringen“.

Und Königin Silvia hat richtig populistisches Gift gestreut: „Wie wäre es mit einem Referendum?“ Für die Vorhersage des Ausgangs muss man kein Nobelgenie sein.

 

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