Nach MeToo: Die Jury für den Literaturnobelpreis zerlegt sich selbst

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Nobelpreis:Screenshot 2018-03-29 08.51.35.png Selbst verschuldete Rufschädigung

VorwürfScreenshot 2018-03-29 08.51.35.pnge sexuellen Missbrauchs sowie der Weitergabe geheimer Informationen beschäftigen das Literaturnobelpreis-Komitee.

10. April 2018

 

Katarina Frostenson
Katarina Frostenson. Foto: afp

Die Debatte, die die MeToo-Bewegung auf den Weg gebracht hat, spaltet die Jury zur Vergabe des Literaturnobelpreises. Die beiden Lager stehen sich dermaßen unversöhnlich gegenüber, dass das Fundament der Stockholmer Jury wankt. Nach der Kampfabstimmung in der „Schwedischen Akademie“ mit 8:6-Stimmen gegen den Ausschluss eines Mitglieds im Gefolge von MeToo-Enthüllungen und anderen Vorwürfen sind Ende letzter Woche schon drei Juroren aus Protest zurückgetreten. Zwei weitere aus der überstimmten Minderheit, darunter als Frau an der Spitze die hoch angesehene Sara Darius, überlegen noch. Sollten beide abtreten, ist die Akademie mit nur elf Mitgliedern nicht mehr beschlussfähig. Sie kann nach den 232 Jahre alten Statuten keine neuen aufnehmen. Auch ohne diesen möglichen, aber nicht zwangsläufigen Gau, bleibt auf jeden Fall eine selbst verschuldete Rufschädigung für den berühmtesten Literaturpreis der Welt zurück. 

In Gang kam die Lawine im Herbst, als Schwedinnen zahlreich und massiv sexualisierte männliche Machtausübung an ihren Arbeitsplätzen öffentlich anprangerten, von Krankenschwestern bis zu Juristinnen. In der renommierten Tageszeitung „Dagens Nyheter“ berichteten 18 Frauen, zunächst noch anonym, der Multikünstler Jean-Claude Arnault, Ehemann der in der Schwedischen Akademie mit Sitz und Stimme seit 1992 vertretenen Lyrikerin Katarina Frostenson, habe seine Position über Jahrzehnte zur Erzwingung sexueller Dienste genutzt. Auch Vergewaltigungen wurden dem Betreiber des Kulturklubs „Forum“ vorgeworfen, den die Schwedische Akademie direkt subventioniert und als eine Art Stammlokal für Lesungen und andere Veranstaltungen nach Kräften gefördert hat.

Man habe Arnaults ausgeprägtes Interesse an jungen Frauen mitbekommen, aber von Übergriffen oder gar Vergewaltigung absolut nichts gewusst, versicherten alle dazu befragten Akademiemitglieder. Ehefrau Frostenson schweigt bis heute, ebenso die Hauptperson. Sara Danius, als „Ständige Sekretärin“ seit 2015 aktiv für mehr Offenheit, aktiv auch gegen fast feudalistisch anmutende Selbstherrlichkeit der nur dem König verantwortlichen Akademie mit lebenslanger Mitgliedschaft, schritt zur Tat: Sie ließ ein Anwaltsbüro alle Vorwürfe um die Beziehung ihres Gremiums zu Arnault aus externer Sicht klären.

Was dabei herauskam, hat das Gremium, das schon seit 1786 als oberster Hüter der schwedischen Sprache fungiert, in zwei Lager auseinanderbrechen lassen. Nicht wegen des Vorwurfs mitwissender Duldung von erzwungenem Sex, sondern anderer Vorwürfe gegen Frostenson, die im Abschlussbericht genannt werden. Die Schriftstellerin soll entgegen den Statuten als heimliche „Forum“-Mitbesitzerin Akademiegelder zum eigenen Vorteil eingestrichen haben. Nach dem Selbstverständnis der Nobeljuroren wiegt womöglich noch schwerer, dass die Dichterin ihren Mann wohl überdies ständig mit dem Allergeheimsten aus der Akademie versorgt hat. Vorab-Informationen darüber, wer den Literaturnobelpreis bekommt und zum engeren Kreis der Anwärter gehört, sind eine außerordentlich harte Währung im Stockholmer Kulturbetrieb. Und seit einigen Jahren auch bei Wettbüros.

Danius sowie fünf Mitstreiter hoben als Konsequenz beim letzten Donnerstags-Meeting die Hand für einen Ausschluss der literarisch vielfach ausgezeichneten Frostenson. Acht, darunter der als enger persönlicher Freund Arnaults geltende Ex-Akademiesekretär Horace Engdahl, stimmten dagegen. Die vorgebrachten Gründe für den ersten Ausschluss eines Mitglieds seit 1794 seien „nicht schwerwiegend genug“.

Die acht Mitglieder erinnerten in der Tageszeitung „Svenska Dagbladet“ an die im Gefolge von MeToo breit und anonym publizierten Mitarbeiter-Vorwürfe gegen Benny Fredriksson, den höchst prominenten Chef des Stockholmer Stadttheaters. Es ging nicht um sexuelle Gewalt gegen Frauen, sondern um generell autoritäre Machtausübung. Fredriksson trat schnell ab. Wenige Tage vor Veröffentlichung eines externen Untersuchungsberichts nahm er sich das Leben.

Für Ende dieser Woche hat die Akademie den Untersuchungsbericht in eigener Sache angekündigt. In Stockholm herrscht bei allseitiger Ratlosigkeit Einigkeit darüber, dass einzig ein freiwilliger Rücktritt Katarina Frostensons das Zerbrechen der Schwedischen Akademie verhindern könnte.

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