#Metoo fegt durch Norwegens Politik: In allen Parteien scheitern die Vertuscher

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Hinhalten und vertuschen

Viele Sexismus-Vorwürfe sind älter als #MeToo, doch Norwegens Regierende schweigen bis heute.

25. Januar 2018

Hashtag #MeToo
Die #MeToo-Welle spült auch in Norwegen alte Geschichten hoch. Foto: dpa
Drei Frauen führen Norwegens Regierung – und alle drei hat eine Welle von #MeToo-Vorwürfen zu Bußgängen vor laufenden Kameras mit ernster Miene gezwungen: Ministerpräsidentin Erna Solberg bedauert nun zutiefst, dass sie auf Klagen bis hin zu Vergewaltigungsvorwürfen gegen den Chef der Jugendorganisation ihrer konservativen Partei lange nicht reagiert hat.

Ihre Finanzministerin Siv Jensen von der rechtspopulistischen Fortschrittspartei wiederum kann sich so ganz und gar nicht an mehrere persönlich bei ihr vorgebrachte Klagen gegen ihren Fraktionsvizechef erinnern. Ulf Leirstein, auch noch rechtspolitischer Sprecher der Partei, hatte für einen geplanten Dreier mit einer Parteikollegin per SMS auch einen 15-Jährigen aus der Jugendorganisation vorgesehen. Noch jüngere Parteimitglieder versorgte er mit hartem Pornomaterial per Mail. Seiner Parteichefin tut es jetzt, knapp sechs Jahre später, sehr leid, dass sie und die Partei nicht entsprechend ihren „hohen ethischen Maßstäben“ rechtzeitig gehandelt hätten.

Beichte zum Auftakt

Am Tag der Ernennung zur Kulturministerin schließlich fühlte sich Trine Skei Grande, Chefin der neu in die Regierung eingetretenen liberalen Partei „Venstre“, zu einem Eingeständnis in eigener Sache gezwungen: „Ich hab viel Dummes in meinem Leben gemacht, aber niemanden missbraucht.“ Nach wilden Berichten in Internet-Medien über Sex mit einem Minderjährigen berichtete sie selbst von einem Fest 2008, bei dem sie als 38-Jährige und ein 17-Jähriger, beide betrunken, in einem Kornfeld gelandet seien. In Norwegen gilt man ab 16 als sexuell mündig.

Bei den oppositionellen Sozialdemokraten hält sich die Angriffsfreude gegen das Regierungslager in Sachen #MeToo in Grenzen. Gerade erst hat ihr allseits als Kronprinz gehandelter Vizechef Trond Giske nach der ersten und bisher härtesten Welle von Klagen junger Frauen wegen sexueller Belästigung durch namhafte Politiker das Handtuch geworfen. Seit 2011 hatte es solche Klagen gegeben, als Giske in der Regierung saß. Geschehen war nichts. Parteichef Jonas Gahr Støre muss sich – wie seine Kolleginnen aus den zwei großen Regierungsparteien – Hinhalten und Vertuschung vorhalten lassen, bis es am Ende gar nicht mehr anders ging.

Von ihren Medien bekommen die Norweger die Skandalgeschichten dieser Wochen mit praktisch immer denselben Ingredienzien serviert: Bei Parteiveranstaltungen aller Art an Wochenenden wird auch gefeiert, getanzt und nicht zuletzt getrunken. In diesem Rahmen gefallen den Männern mit Einfluss, jungen wie schon älteren, die Mitglieder aus dem Parteinachwuchs besonders gut, was sie zu noch mehr Alkohol für sich und immer gerne auch den sexuell umworbenen Nachwuchs greifen lässt. Groß dann das Entsetzen der jungen Frauen nach dem Aufwachen am Sonntag. Nur dass eben bis zum #MeToo-Tsunami Ende 2017 niemand ihre Geschichten hören wollte.

Empörung als Brechstange

Jetzt werden auch gerne kleine sowie uralte Geschichten mitgenommen und öffentlich ausgebreitet. Giske sei mit #MeToo als willkommener Brechstange vor allem Opfer innerparteilicher Machtkämpfe nach der Wahlniederlage im Herbst, empören sich Kritiker. Und warum die Medien über dieselbe, genauso kranke Belästigungs- und Missbrauchskultur in den eigenen Reihen schützend den Mantel des Schweigens breiteten, während Politiker als Freiwild gejagt würden? Ein Internetmedium soll dem inzwischen 26-jährigen Kornfeld-Partner von Kulturministerin Grande umgerechnet 40 000 Euro für ein Interview geboten haben. Der junge Mann lehnte ab, fand es aber nicht so toll, dass die Ministerin erst alles um jeden Preis vertuschen wollte, um dann in großer Not erst mal ihn öffentlich als den „Übergriffigen“ hinzustellen: Man sei sich, trunken, einig gewesen.

Dass die aktuelle Empörung irgendjemanden aus dem Amt treibt, ist eher nicht zu erwarten. Der Sozialdemokrat Giske, der Konservative Kristian Tonning Riise und der Rechtspopulist Ulf Leirstein haben zwar diverse herausgehobene Funktionen abgegeben. Ihren Parlamentssitz behalten alle drei.

 

 

One thought on “#Metoo fegt durch Norwegens Politik: In allen Parteien scheitern die Vertuscher

    Micha Neider said:
    January 25, 2018 at 2:55 am

    Leider ist MeeToo doch auf dem weg zu einer katholischen Absolutionskampagne zu verkommen, wo sicher die Opfer auch die Chance haben bald zu Tätern zu werden, nachdem sie Richter waren, die Medien machen den rest.

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