Roma-Bettlerin: Terropfer und unerwünscht

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Stockholm Das Opfer muss weiter betteln

Die alte Roma Papusa Ciuraru hat den Terroranschlag in Stockholm überlebt und sitzt nun wieder auf der Straße.

Vor 23 Stunden

Papusa Ciuraru.
Papusa Ciuraru. Foto: svt

 

Die 83 Jahre alte Papusa Ciuraru aus Rumänien kauert seit einigen Tagen wieder mit ausgestreckter Hand in der Stockholmer Fußgängerzone. Dort hatte sie am 7. April ein Massenmörder in seinem gestohlenen Lastwagen nur um Zentimeter verfehlt. Der steinerne Löwe, hinter dem sie saß, rettete ihr das Leben. Ciuraru trug bei dem Anschlag nur Knochenbrüche am rechten Fuß davon. Fünf Passanten waren der Amokfahrt zum Opfer gefallen, die ein abgewiesener Asylbewerber aus Usbekistan bei seiner Festnahme einen „Terrorakt für den ‚Islamischen Staat’“ genannt hatte.

Papusa Ciuraru hat viel leiden müssen in ihrem langen Leben. Sie hat den Holocaust überstanden, unter der Roten Armee gelitten, ist von der Ceausescu-Diktatur verfolgt worden. Und nun hat sie der islamistische Terror getroffen. „Ich danke Gott für das Krankenhaus, in dem ich war“, erzählte die neunfache Mutter und Großmutter von 30 Enkeln einem TV-Team kurz vor ihrer Entlassung aus dem St.Görans-Hospital. Andere Reporter hatte die zeitweise begehrte Interviewpartnerin am Ende gefragt, ob sie ihr nicht einen Lehrer besorgen könnten. Sie würde doch so gerne noch lesen und schreiben lernen. Daraus wird in Schweden nichts mehr werden, denn aus dem Terroropfer im Greisenalter ist jetzt, zwei Monate nach dem Anschlag, wieder die unerwünschte Roma-Bettlerin geworden.

Ihre Kräfte reichten nur noch für „ein paar Monate“, um Geld für einen Hausbau der Familie im nordrumänischen Dancu zusammenzubetteln, sagt Papusa Ciuraru. Der Schock, den der heranrasende Lastwagen auslöste, raubt ihr nach wie vor Schlaf und Appetit: „Ich schaffe das hier nicht mehr lange.“ Sie erbettelt sich nach eigenen Angaben 30 bis 40 Kronen pro Tag (umgerechnet vier bis fünf Euro).

Wahrscheinlich könnte sie aber sowieso bald nicht mehr im Zentrum der schwedischen Hauptstadt auf Almosen warten, wie sie es in den vergangenen zwei Jahren gemacht hat. Ab dem 1. Juli wird es gesetzlich leichter, Bettler von Privatgrundstücken zu vertreiben. Ein bevorzugter Schlafplatz von Ciuraru aber war, auch im Winter, der Treppenaufgang zum Stockholmer Konzerthaus. Hier überreicht Schwedens König Carl Gustav jedes Jahr am 10. Dezember die Nobelpreise samt 800 000 Euro pro Preisträger.

Beim feierlichen Holocaust-Gedenken am 27. Januar 2016 war die alte Bettlerin aus Rumänien noch als Ehrengast willkommen. Sie saß in der ersten Reihe neben Kulturministerin Alice Bah-Kuhnke von den Grünen. Thomas Hammarberg, Menschenrechtler und Vorsitzender einer „Kommission gegen Anti-Zigeunertum“, sprach auf der Veranstaltung über die Geschichte der „wohl einzigen Roma-Überlebenden aus dem Holocaust, die ich kenne“. Ihre Familie wurde 1942 aus dem nordöstlichen Rumänien ins heutige Moldawien vertrieben. Auf dem Todesmarsch über 200 Kilometer starben vier ihrer sechs Geschwister. Die Flüchtlinge schliefen auf Feldern. Die kleine Papusa musste Kartoffeln und Zuckerrüben stehlen, weil es nichts zu essen gab.

Gegen Kriegsende schossen vorrückende Rotarmisten auf die Roma, die daraufhin zurück nach Rumänien flüchteten. Aber auch in Stockholm wird Ciuraru attackiert. Hammerberg berichtete, „ein bekannter Stockholmer Roma-Hasser“ habe der Bettlerin ins Gesicht getreten. Die Stimmung in der schwedischen Bevölkerung dreht sich gegen die Roma. Die sozialdemokratische Regierung bewegt sich Schritt für Schritt in Richtung Bettelverbot, um die schätzungsweise 4000 Roma aus Bulgarien und Rumänien loszuwerden.

Für ein Verbot ist inzwischen selbst der zeitweilige staatliche „Bettelei-Koordinator“, der Richter Martin Valfridsson. Ein Fernseh-Bericht aus dem norwegischen Bergen habe ihn überzeugt, sagt er, dass die meisten Bettler von mafiösen Kriminellen gelenkt und ausgeplündert würden oder selbst Kriminelle seien. „Gebt den Bettlern nichts“, appellierte Valfridsson an seine Landsleute.

Unter den Skandinaviern gehen die Dänen am härtesten gegen die Roma vor. Seit langem schon ist Betteln verboten, die Polizei setzt das Verbot rigoros durch. Der dänische Regierungschef Lars Løkke Rasmussen hat zwar keine Mehrheit im Parlament, aber das Gesetz, das eine Verdoppelung der Haftstrafe für Bettelei vorsieht, hat er problemlos durchgekriegt.

Über Papusa Ciuraru, die rumänische Bettlerin, die in Stockholm Opfer eines Terroranschlags wurde, gab es auch in dänischen Zeitungen ein paar Geschichten. Aber darin stand nichts von dem Leid, das sie und ihr Volk hat erdulden müssen.

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