Rezension: Stridsberg, “Ein großes Herz”

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  1. Literatur: Sara Stridsberg: Eine Heilanstalt als Schloss und Gefängnis

    von Thomas Borchert, dpa

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dpa/Karl Melander Die schwedische Autorin Sara Stridsberg erzählt von dunklen menschlichen Abgründen und dem hellen Licht der Liebe.
Jackie besucht täglich ihren Vater in der „Heilanstalt“. Sie erlebt Liebe als den „wirklichen Wahnsinn“. Mit „Das große Herz“ hat die Schwedin Sara Stridsberg einen Roman über die Grenzen zwischen normal und verrückt geschrieben: Sie fließen immer.

Ein „Schloss am Grund der Welt, das eigentlich ein Gefängnis ist“ nennt Sara Stridsberg den Schauplatz ihres neuen Romans „Das große Herz“. Die Heilanstalt Beckomberga ist für die hier Gelandeten Abstellgleis und meistens Endstation, aber auch der dringlichst benötigte Ort zum Austoben.

Die Schwedin lässt eine 14-Jährige von den fast täglichen Besuchen bei ihrem Vater Jim in dieser klassischen „Klapsmühle“ früherer Zeiten erzählen. Sein Wahnsinn, ein Cocktail aus Alkohol, Charme und immer knapp vor dem Selbstmord haben ihn zum Dauerinsassen gemacht. Tochter Jackie ist eine selbstbewusste, eigensinnige und nüchterne Ich-Erzählerin, auch wenn es um den noch wahnsinnigeren Paul geht. Bei Freigängen besucht er das Mädchen. Auf wessen Initiative beide im Bett von Jackies abwesender Mutter landen, bleibt offen. Dem Mädchen gefällt dieses Ende ihrer Jungfernschaft genauso wie Pauls Kommentar: „Liebe als Geisteskrankheit muss man isolieren.“

Vor allem liebt Jackie ohne Verklärung ihren chronisch kranken Vater. Sie findet im noch ungeglättet krausen Teenagerkopf offenbar leichter als andere einen Schlüssel: „Ich denke, der wirkliche Wahnsinn muss die Liebe sein, die Hingabe, der Schwindel, die Hysterie.“ Die 1972 geborene Stridsberg hat schon in früheren Romanen spannende und widerborstige Lolita-Figuren ins Zentrum gestellt. Diese bewegt sich in szenisch elegant montierten, kurzen Kapiteln hin und her zwischen der Welt der Verrückten und der Normalen mit ihren fließenden Übergängen: Jims todessüchtige Mutter namens Vita, Jackies reisewütige Mutter Lone, die ihrer Tochter als „Normale“ auf andere Weise genauso unglaublich viel zumutet wie der verrückte Vater.

Was wird daraus in der nächsten Generation? Und in der übernächsten? Lange nach den Besuchen im längst geschlossenen Beckomberga gibt Jackie als paarresistente Single-Mutter den Stab weiter an ihren Sohn. Der Vater Jim grübelt jetzt als vereinsamter Rentner in Spanien, wann er für das Ende ins Wasser gehen soll und möchte die Tochter dabeihaben.

Diese träumt als Stillende, ihre „Milch wäre schwarz geworden“. Umgekehrt ist bei Stridsberg der Himmel mitunter „milchweiß“. Ihre vielen Bilder für Licht und Dunkelheit oder Finsternis, für den steten Farbenwechsel in allen denkbaren Schattierungen über den Figuren, in der Natur, ihren Behausungen und in ihnen geben dem Roman eine ganz eigenen Klang. Er fesselt von der ersten bis zur letzten Seite mit einer guten Geschichte zwischen Lebenswillen und Todeswunsch, dem bunten Chor eigener Stimmen und Stridsbergs Meisterschaft beim Einweben von Poesie in ihre Prosa.

Die Autorin hat als Mädchen in Beckomberga bei Stockholm Familienbesuche gemacht. Die Anlage war bis zur Schließung 1995 Schwedens größte „Heilanstalt“ für 2000 Menschen. In ihrem so großartigen Roman ein bisschen fremdelnd, stehen die Abschnitte zur Geschichte und dem Für und Wider solcher Einrichtungen. Olof Palme, Schwedens 1986 ermordeter Ministerpräsident, hat sich hier morgens auf dem Weg in die Regierungskanzlei Rosenbad für einen Besuch bei seiner Mutter vorbeifahren lassen. Als die Lyrikerin Nelly Sachs 1966 den Literaturnobelpreis in Stockholm überreicht bekam, hatte sie sechs Jahre in Beckomberga hinter sich, wo sie auch schrieb. Zum Festbankett ließ sich die Nobelpreisträgerin und Psychiatriepatientin von ihrem Stationsarzt begleiten.

In Stridsbergs Geschichte nimmt der Chefpsychiater Jim und andere Schützlinge auf heimliche Barbesuche nach Stockholm mit. Man feiert mit Schampus.

Seit vergangenem Jahr entscheidet Sara Stridsberg als Mitglied der Schwedischen Akademie mit über den Literaturnobelpreis. Hoffentlich hält sie das viele Lesen dafür nicht zu sehr vom Schreiben ab.

– Sara Stridsberg: Das große Herz. Hanser Verlag, München, 320 Seiten, 23,00 Euro, ISBN 978-3-446-25453-4.

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