Schweden hält an vorsichtiger Corona-Linie fest

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Skandinavien

Schweden gibt sich betont locker

  • von Thomas Borchert

Die nördlichen Länder fahren den europäischen Kurs – nur Schweden schwimmt dagegen.

In Dänemark sind die Kindergärten und Schulen schon die ganze Woche geschlossen. Bei den schwedischen Nachbarn erklärt die Gesundheitsbehörde das auf ihrer Homepage für unangebracht: „Es gibt keine wissenschaftlichen Belege, dass eine solche Maßnahme größere Effekte hat.“ Klar seien dagegen die negativen Auswirkungen auf die Gesellschaft, etwa weil Gesundheitspersonal nach Hause gezwungen werde. Man müsse so etwas sorgfältig vorbereiten. Während Kopenhagen inzwischen Zusammenkünfte ab zehn Personen verboten hat, gilt in Schweden nach wie vor die Grenze von 500 Teilnehmern. Für alles darunter beschränkt sich Stockholm auf Empfehlungen zur Zurückhaltung.

Die Skandinavier erleben seit Beginn der akuten Phase zwei fast diametral entgegengesetzte Strategien. Während Dänemarks Regierungschefin Mette Frederiksen von Beginn an auf drastische Einschränkungen des öffentlichen Lebens mit eilig verabschiedeten Notstandsregelungen setzte, hielt sich ihr schwedischer Kollege Stefan Löfven zurück. Er überließ Entscheidungen der Gesundheitsbehörde. Diese sieht weder Anlass zu Versammlungsverboten und Grenzschließungen noch zur Schließung von Geschäften oder gar Ausgangsverboten.

„Man muss im Blick behalten, dass die Maßnahmen nicht auf einmal ergriffen, sondern auf den Zeitpunkt ihrer größten Effektivität verteilt werden,“ sagt Anders Tegnell, Epidemiechef der Gesundheitsbehörde – das „Gesicht“ der schwedischen Strategie. Er warnt vor „Panikmache“.

Kern dieser Strategie ist der zu Beginn auch in Großbritannien verfolgte Ansatz, besonders gefährdete Menschen weitgehend und langfristig zu isolieren, bis um sie herum „Herdenimmunität“ erreicht sei. „Es ist unmöglich, ein Land monatelang auf ,Stand-by‘ zu stellen,“ sagt Tegnell und bestreitet, dass er politischem Druck zum Umschwenken ausgesetzt ist.

Aber dieser Druck muss gewaltig sein – angesichts des gigantischen Preises für eine bei einer Existenzfrage gegen den großen europäischen Strom vielleicht falsch gewählten Strategie. Premier Löfven konnte nur noch auf Island und Finnland verweisen, als er die Frage verneinen wollte, ob Schweden nicht doch sehr allein auf weiter Flur stehe.

Kurz zuvor hatte sein britischer Kollege Boris Johnson unter dem Eindruck neuer wissenschaftlicher Verlustrechnungen die sofortige Abkehr von der Herdenimmunität als Ziel verkündet. Auch die finnische Ministerpräsidentin Sanna Marin hat mit der Verhängung des Ausnahmezustands und dem Verbot von Versammlungen ab zehn Teilnehmern den sonst überall in Europa verfolgten Weg gewählt.

Dänemark, Finnland und Norwegen hatten von sich aus die Grenzen zu den Nachbarn dicht gemacht, während Schweden sich erst der aus Brüssel verkündeten EU-weiten Schließung anschloss.

Vollkommen im Gleich- und Eilschritt stellt sich die skandinavische Zivilgesellschaft ein: In Dänemark meldeten sich innerhalb eines Tages zehntausend Bürger mit medizinischer Erfahrung zum freiwilligen Einsatz in Krankenhäusern. In Schweden begannen Experten mit der Umschulung von Beschäftigten des stillstehenden Flugkonzerns SAS für Hilfsdienste in der Krankenpflege. Interesse und Bereitschaft waren überwältigend.

 

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