Der neue Clemens J. Setz: “Bot”

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Clemens Setz als digitalisierter Eulenspiegel

Clemens J. Setz - «Bot - Gespräch ohne Autor»
„Bot – Gespräch ohne Autor“ von Clemens J. Setz. (Foto: Suhrkamp Verlag / DPA)

 

Thomas Borchert

Intelligente Fragen gegen den Strich sind Kraftnahrung für alle Wahrheitssucher. Clemens J. Setz serviert sie in „Bot – Gespräch ohne Autor“ mit Witz und digitaler Raffinesse vor jedem der hier gesammelten Einträge aus seinem elektronischen Tagebuch.

„Kann man vertraut werden mit einer Maschine?“, lässt der 35-jährige Österreicher sich fragen und einen melancholischen Absatz über das Verschwinden eines „kleinen Zahnrades an privater Poesie aus der Welt“ folgen.

Er verwende der Hacker wegen nicht mehr so zärtliche Passwörter wie igelkathedrale1 oder NautischeMaus, sondern generiere über ein automatisches Programm, auch Bot genannt, komplexe Zeichenketten. Die alten Passwörter waren für ihn „kleine Selbsttröstungen, mysteriös und kostbar, weil nur für einen einzigen Menschen bestimmt“.

Auch bei der Entstehung dieses mit 160 Seiten gegenüber dem letzten Setz-Mammutroman „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ (2015) viel schmaleren, aber genauso prall mit Überraschungen gefüllten Bandes haben Algorithmen ein Wörtchen mitgeredet. So jedenfalls erklärt es der Autor vorab: Nach durch mündliche Einfallslosigkeit des Befragten kläglich gefloppten Interviews für einen Gesprächsband hat er der Lektorin Angelika Klammer sein in eine einzige Word-Datei getipptes Notizbuch der letzten Jahre überlassen. Die Lektorin habe daraus binnen fünf Tagen zu ihren Fragen mittels Volltextsuche passende Antworten gesucht, woraus „als eine Art Clemens-Setz-Bot aus kombinierbaren Journaleinträgen“ das Buch entstanden sei.

Das klingt logisch, erweist sich aber bei der immer unterhaltsamen Lektüre schnell als eine von vielen Eulenspiegeleien dieses Till-Eulenspiegel-Nacherzählers („Dreißig Streiche und Narreteien“, auch 2015). Der Zusammenhang zwischen Antwort und der (nachträglich formulierten) Frage erschließt sich mitunter gar nicht oder nur rudimentär, was unbedingt im Sinne des Autors sein dürfte.

Natalie, Hauptperson im auch dringend empfehlenswerten „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ liebt auf ihrem iPhone vor allem ein App namens „Nonseq“, für „non sequitur“ = Kommunikation, bei der das eine nicht auf das andere folgt. Die wünscht sich ersichtlich auch Setz in seiner Journalsammlung mit Einträgen aus den Jahren 2011-2017 zu überwältigend vielen, und fast immer skurrilen Themen.

Mit neugierigem Blick, vorbehaltlos wie ein Kind, schaut Setz auf die digitale Welt und fragt, ob Computerspiele wirklich all das besitzen, „was große Kunst ausmacht, Anmut, Tiefe, Witz, Mysterium?“. Tiere interessieren ihn brennend, von seinen Hauskatzen im Kampf mit dem von ihm gesteuerten Laserpunkt bis zum total vereinsamten und deshalb ein paar Worte Russisch lernenden Zooelefanten.

Auch bei Eintragungen zu Menschen bleibt Setz’ Blick gern fragend an dem hängen, was andere im Vermischten der Zeitung zügig als bizarr abhaken oder ganz auslassen: Wie könnten beim Selbstmord per Kreissäge in größter Not wohl „schmerzhaftester Freitod und gütige Selbsttröstung“ als identisch zusammengeschmolzen sein? Und wie war das Leben männlicher Titanic-Überlebender nach den Berichten über ihre Verkleidung als Frauen, um so in ein Rettungsboot zu kommen? Warum eigentlich immer Frauen zuerst?

Nach ähnlichem Muster beackert Setz ausgiebig auch die eigene Rolle als Autor in diesem Journal und zitiert fast ohne Koketterie eine Bekannte namens Verena, die ihm „vollkommene Herzlosigkeit“ in seinen Büchern attestiert hat, bei „viel Bravourstückligeschäft“. Ersteres ist falsch und Letzteres nicht ganz aus der Luft gegriffen.

Man sollte als Leser in „Bot“ schon einen Sinn für diese Art von Bravourstücken mit viel Kleinteiligem haben. Hinter der Skurrilität der Journaleinträge im untergründigen, sprachlich wundervollen Setz-Sound, schimmern dann wie von selbst, aber niemals direkt angesprochen, ein paar größere Fragen zwischen den Zeilen durch. Der Leser kann sie selbst zu formulieren versuchen oder es bleiben lassen.

– Clemens J. Setz: Bot – Gespräch ohne Autoren, Suhrkamp Verlag, Berlin, 166 Seiten, 20 Euro, ISBN 978-3-518-42786-6.

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