Fritz Bauers viele Jahre in Kopenhagen verdienen Aufmerksamkeit und Anerkennung

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Wer ein Menschenleben rettet, der rettet die ganze Welt“, heißt es im Talmud. Am Neujahrstag 1940 konnte Fritz Bauer seine Eltern auf dem Kopenhagener Hauptbahnhof in Empfang nehmen. Selbst war er 1936 als Flüchtling nach Dänemark gekommen. Seine Schwester Margot Tiefenthal, mit ihrer Familie schon seit 1934 in Kopenhagen, hatte ihm geholfen. Alle Bemühungen Bauers, auch Vater und Mutter hier in Sicherheit zu bringen, scheiterten an den ständig höheren Hürden für die Einreise von Juden aus Deutschland. Bis sie den Eltern kurz vor Beginn der Deportationen nach Auschwitz doch noch erlaubt wurde.

Fritz Bauer: Vorwurf der Homosexualität

Selbst kann sich Bauer im neuen Land alles andere als sicher gefühlt haben. Vier Wochen nach seiner Ankunft wurde er von der Fremdenpolizei wegen des Vorwurfs „verbotene Homosexualität“ zum Verhör bestellt. Ein Polizeiagent hatte nächtelang vor seiner Adresse Ridder Stigs Vej 3 auf der Lauer gelegen. Bauer musste homosexuelle Kontakte „zugeben“. So hart und demütigend lastete der Druck der Behörden auf ihm, dass er sich gezwungen sah, ihnen mit einem Vorschlag entgegenzukommen. Nachzulesen ist das im Protokoll des Verhörs am 21. Oktober 1936: „Wenn er nur die Möglichkeit zu Arbeit erhielte, würde er sich seiner homosexuellen Neigungen enthalten können.“

Was mag dabei im Kopf und Herz des Flüchtlings vorgegangen sein? Bauer war 1933 im KZ Heuberg Misshandlungen ausgesetzt und jetzt nach der Flucht vollkommen abhängig von der Hilfe seiner Schwester und deren Familie. Er hatte keine Arbeitsgenehmigung und nur eine Aufenthaltsgenehmigung, die alle sechs Monate erneuert werden musste. Nach der Verfolgung als Sozialdemokrat und Jude in Deutschland wurde zur ersten markanten Erfahrung in Dänemark die Verfolgung als Homosexueller.

Bauers schwedischer „Fremdenpass“ für die Jahre 1943 bis 1945.
Bauers schwedischer „Fremdenpass“ für die Jahre 1943 bis 1945. © privat

Die Historikerin Sine Maria Vinther hat erst kürzlich ans Licht gebracht, dass Bauers Verfolger aus der Fremdenpolizei der überzeugte Nazi Max Pelving war. Er arbeitete auch für die, vor denen Bauer geflüchtet war, wie Vinther in „Politiken Historie“ berichtet: „Die Angaben gingen an die Gestapo weiter. Pelvings Arbeit für das Nazi-Regime in Deutschland wurde 1939 aufgedeckt. Für seine Angaben an die Gestapo bekam er eine Haftstrafe. Gleichzeitig verlor er seine Stellung als Kriminalbeamter bei der Fremdenpolizei, woraufhin die Polizei kein Interesse mehr an Bauers Sexualität zeigte. Kurz nach der Besetzung Dänemarks durch Deutschland nahm Pelving seine Arbeit für die Nazis wieder auf.“

Auch deshalb wird der deutsche Einmarsch am 9. April 1940 für Bauer lebensbedrohlich. Im Verhörprotokoll vom 21. Juni finden sich erneut Hinweise auf „homosexuelle Aktivitäten“. Am 11. September wird er wie viele deutsche Flüchtlinge auf Veranlassung der Besatzungsmacht im Lager Horserød nördlich von Kopenhagen interniert. Das dänische Justizministerium bestätigt pflichtschuldigst, dass „dem Betreffenden die weitere Aufenthalts- sowie Arbeitsgenehmigung verweigert wird“.

7000 Juden flohen nach Dänemark, darunter Fritz Bauer

Seit der Aberkennung der deutschen Staatsbürgerschaft 1938 war Bauer staatenlos. Das hielt ihn nicht vom Kampf um die Einreiseerlaubnis für seine Eltern ab. Nach der Pogromnacht gegen die Juden in Deutschland am 9. November 1938 sprach er bei Dänemarks sozialdemokratischem Justizminister Karl Kristian Steincke vor. In der Bauer-Biografie von Irmtrud Wojak ist nachzulesen, wie er die Begegnung selbst geschildert hat: „Als die Kristallnacht geschehen war und Schwierigkeiten für meinen Vater entstanden waren, bin ich zu einem jungen Justizminister gegangen und habe ihm erklärt, wenn er meinen Eltern, die ziemlich alt waren, die Genehmigung nicht für Dänemark geben könnte, dann würde ich bitten, ihnen die Genehmigung für Grönland zu geben. (…) Er hat mich lange angeschaut und wirklich in diesem Augenblick gemerkt, worum es geht. (…) Ich sagte ihm, es geht einfach um das Leben. Und das Wort Grönland, das weiß ich ganz genau, hat ihn erschüttert und Eindruck auf ihn gemacht. Ich bekam sofort die Genehmigung, und andere bekamen sie auch.“

Im Oktober 1943 konnte Bauer bei der gelungenen Flucht fast aller gut 7000 Juden in Dänemark zusammen mit den Eltern und der Familie seiner Schwester für 2000 Kronen pro Person über den Øresund nach Schweden übersetzen. Nach der Befreiung 1945 kehrte er schnell nach Kopenhagen zurück. Das tat er auch, weil er Dänemark von Beginn an mochte. Weihnachten 1936 brachte die jüdische C.V.-Zeitung Bauers Artikel „Glückliche Insel Dänemark“. Darin schreibt er: „Das dänische Volk genießt seine Gegenwart in vollen Zügen. (…) Sie glauben an das Leben und die Einmaligkeit dieses Lebens. (…) Unbeschwert leben die Dänen und ohne Sorgen.“ Bauer hebt die positiven Seiten des Alltags heraus: „Auch die Beamten des Landes sind menschlich und haben einen kräftigen Appetit auf die Genüsse des Lebens, aber die Dänen ziehen die Menschlichkeit, Allzumenschlichkeit einer bürokratischen Trockenheit vor.“ Manche meinen, dass er hier indirekt deutschen Juden empfahl, auf Dänemark als Zufluchtsland zu setzen.

Während der dreimonatigen Internierung im Lager Horserød mit der akuten Aussicht auf Abschiebung nach Deutschland schließt Bauer die erste Fassung der geschichtlichen Abhandlung „Penge“ („Geld“) ab. Er schreibt das Buch auf Dänisch, auch das eine Leistung nach den wenigen Jahren voller Unsicherheit im neuen Land. Das Buch erscheint 1941 bei der Sozialpolitischen Vereinigung Dänemarks.

Die Initiatoren

Finn Rowold , Jurist, war Vorsitzender der
Dänisch-Deutschen Gesellschaft. Sein Vater Karl Rowold flüchtete wie Bauer als
Sozialdemokrat vor den Nazis nach Dänemark. Beide arbeiteten in Kopenhagen beim
Aufbau einer dänischen Sektion der SPD und bei den „Deutschen Nachrichten“ für
deutsche Flüchtlinge zusammen.

Michael Kuttner ist Journalist und lang-jähriger
Deutschland-Korrespondent führender dänischer Zeitungen. Sein Vater Ernst
Kuttner kam in den 1930er Jahren als Flüchtling nach Dänemark. Später holte ihn
FR-Gründer Karl Gerold als Politik-Chef zur Rundschau nach Frankfurt – mit der
Begründung, es sei schwer, deutsche Journalisten ohne Nazi-Belastung zu finden.

Thomas Borchert ist Skandinavien- Korrespondent
der FR und Buchautor, zudem schreibt er für dänische Medien. Der
Sozialwissenschaftler siedelte 1983 der Liebe wegen von Bremen nach Dänemark
um, er lebt mit seiner Familie in Kopenhagen. Sein Focus liegt auf
sozial-kritischen Themen. tob/FR

 

Im selben Jahr taucht Bauer für zwei Jahre unter, unterstützt auch von sozialdemokratischen Freunden. Er verfügt über ein gutes Kontaktnetz mit Sozialdemokraten wie Hans Hedtoft, Viggo Kampmann, H.C. Hansen und Jens Otto Krag, allesamt später Regierungschefs ihres Landes.

Hilfe kam auch von anderer Seite. Am 4. Juni 1943 registrierte der Kopenhagener Magistrat die Eheschließung des deutschen Flüchtlings Fritz Max Bauer mit der dänischen Bürgerin Anna Maria Petersen. Es war, was man gemeinhin Scheinehe nennt. Die christlich geprägte Kindergärtnerin Petersen wollte Bauer zu besserem Schutz vor der drohenden Deportation als Jude verhelfen. Das Paar wohnte nie zusammen, die Ehefrau kam im Oktober nicht mit nach Schweden, und der Zweck der Heirat hatte sich mit der Befreiung Dänemarks am 5. Mai 1945 gottlob erledigt. Als Bauer 1968 in Frankfurt starb, waren Bauer und Anna Maria Petersen in Kopenhagen nach wie vor verheiratet. Er hat seine Frau nach dem Krieg oft besucht und im Testament bedacht.

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Fritz Bauer wurde zum berühmten Jäger von Nazi-Verbrechern

1943-45 in Schweden arbeitete Bauer mit sozialdemokratischen Emigranten wie Willy Brandt zusammen. Er schrieb hier ein zweites Buch, jetzt als Jurist mit der deutschen Kriegsniederlage vor Augen. In „Kriegsverbrecher vor Gericht“ entwarf er Möglichkeiten zur Strafverfolgung deutscher Nazi-Verbrecher.

Nach der Befreiung wurde schnell klar, dass die erhoffte Stellung als Jurist beim Wiederaufbau eines von Nazis zu befreienden Deutschland nicht sofort zu bekommen war. Also packte er dieselbe Aufgabe auf dänischem Grund und Boden an: 250 000 Deutsche waren hier auf der Flucht aus dem Osten Deutschlands vor der Roten Armee gelandet.

Nach fast anderthalb Jahrzehnten Nazi-Gehirnwäsche mussten diese Menschen, die dem „Führer“ gläubig in den Krieg und den Holocaust gefolgt waren, „entradikalisiert“ werden. Fritz Bauer arbeitete daran als Autor für die „Deutschen Nachrichten“ mit, die vierzehntägig für die Flüchtlinge erschienen. Einem sozialdemokratischen Genossen in New York schrieb er: „Revanchegedanken, Hoffnungen auf Schwierigkeiten der Alliierten‘ Herrenmenschentum‘ usw. sind an der Tagesordnung.“

Fritz Bauer beteiligt sich an der Gründung der dänischen SPD

In einem Brief im September 1945 erzählt Bauer: „Ein 15-jähriger frischer Hitlerjunge fragt mich: ‚Du, Fritz (dabei haut er mir kameradschaftlich auf die Schulter!), bist du eigentlich Deutscher, Jude oder staatenlos? – Ja, Günther, du wirst lachen, ich bin zugleich Deutscher und Jude und staatenlos. – Das begreife ich nicht, aber Deutscher, das ist heute Scheiße. Jude, das ist auch Scheiße, aber staatenlos, das ist fein. – Warum? – Ja, dass sie dich nicht aus Dänemark jagen. Sag mir bitte, wie hast du es gemacht, staatenlos zu werden, bitte!‘“

Aktiv beteiligt sich Bauer zusammen mit Karl Rowold (Vater eines der Autoren dieses Textes) am Aufbau einer Sektion der deutschen Sozialdemokratie unter dem Namen SPD Dänemark. Ende 1948 schließlich bemüht er sich um eine Stelle am Gericht in Braunschweig in der britischen Besatzungszone. Ausgelöst hatte diese Bestrebungen der Verlust seines Broterwerbs im Kopenhagener Preiskontrollamt und Honorarkürzungen bei den „Deutschen Nachrichten“.

Fritz Bauer widmete sein Wirken dem Kampf gegen die Nazi-Barbarei

Am 12. April 1949, gut 13 Jahre nach der Flucht aus Deutschland, trat Bauer als Landgerichtsdirektor in Braunschweig an. Schon 1945 hatte er in den „Deutschen Nachrichten“ geschrieben, was er aus seinem Zufluchtsland für das in jeder Beziehung zerstörte Nachkriegs-Deutschland mitzunehmen gedachte: „Als Dänemark im letzten Jahrhundert Land an Preußen verlor, übernahm das Land die Parole: Was nach außen verloren ist, soll nach innen gewonnen werden. Dieselbe Parole muss heute für Deutschland gelten.“

Der Autor Steffen Steffensen nennt Bauer „eine prägende Gestalt unter den deutschen Emigranten in Dänemark“. Auch der dänische Teil der Lebensleistung dieses Mannes sollte nun endlich die verdiente Aufmerksamkeit und Anerkennung bekommen. Fritz Bauer hat als Flüchtling trotz der extrem unsicheren persönlichen Situation unbeirrt seinen Kampf für die Menschenrechte fortgesetzt. Sein Lebenswerk im Zeichen von Humanität und universellen Menschenrechten ist nicht zuletzt durch die zehn Jahre in Dänemark inspiriert. Es strahlt mit seinen Erfolgen bei der Verfolgung der Nazi-Barbarei auch auf dieses Land zurück. Deshalb schlagen wir der Stadt Kopenhagen die Benennung einer Straße oder eines Platzes nach Fritz Bauer vor. Das darf auch verstanden werden als Anerkennung für andere Flüchtlinge aus allen erdenklichen Ländern der Welt, die unter schweren Bedingungen Außerordentliches vollbracht haben und weiter vollbringen.

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