Sipri: Die Zahl der Atomsprengköpfe geht wieder nach oben

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Alle neun Atommächte stocken ihre Arsenale auf
Laut einem Bericht des Friedensforschungsinstituts Sipri wird die Anzahl der atomaren Sprengköpfe in den kommenden Jahren steigen
13.6.2022

VON THOMAS BORCHERT

Nach den russischen Drohungen mit einem Nuklearschlag im Ukraine-Krieg kommen kaum weniger beunruhigende Erhebungen zur weltweiten Ausbreitung von Atomwaffen von den USA bis Nordkorea. Das Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri prognostiziert in dem an diesem Montag veröffentlichten Bericht, dass die Gesamtzahl von derzeit 12 705 atomaren Sprengköpfen, davon etwa 2000 jederzeit einsatzbereit in Raketensilos und an Flugzeugen, in den kommenden zehn Jahren steigen wird.

"Alle Atommächte sind dabei, ihre Arsenale zu erweitern und zu modernisieren. Die meisten von ihnen verschärfen ihre nukleare Rhetorik und betonen stärker die Rolle von Atomwaffen in den eigenen militärischen Strategien," sagt Wilfried Wan, Chef des Sipri-Programms zu Massenvernichtungswaffen. Das sei "ein sehr beunruhigender Trend". Die Stockholmer Friedensforscher:innen sehen eine Umkehrung der Entwicklung zu weniger Atomwaffen seit Ende des Kalten Krieges vor drei Jahrzehnten. Diese Wende verschärft den in den letzten Jahren schon konstatierten Prozess zur "Modernisierung" vor allem mittels neuer taktischer Atomwaffen mit geringerer Sprengkraft und Reichweite sowie größerer Zielgenauigkeit. 

Im vergangenen Jahr ist die Gesamtzahl den Sipri-Daten zufolge noch leicht von 13 080 auf 12 705 zurückgegangen, aber nur, weil die USA und Russland veraltete und schon seit Jahren aus dem Verkehr gezogene Sprengköpfe vollständig verschrottet haben. Die einstigen Supermächte in der bipolaren Welt nach 1945 verfügen auch drei Jahrzehnte nach Ende des Kalten Krieges über 90 Prozent aller Atomwaffen. Bei laut Sipri "relativ stabiler Zahl" von einsatzbereiten Nuklearwaffen ist ein Ausbau des Arsenals strategischer Kernwaffen (mit großer Reichweite) durch das russisch-amerikanische Start-Abkommen von 2010 begrenzt. Für taktische Kernwaffen gibt es dagegen keine Beschränkungen. Es war der Einsatz solcher Atombomben, mit denen Russlands Präsident Wladimir Putin dem Westen wegen Unterstützung für die Ukraine gedroht hat.

Sämtliche neun Atommächte (USA, Russland, China, Großbritannien, Frankreich, Indien, Pakistan, Israel, Nordkorea) stationieren oder entwickeln neue Waffensysteme oder haben die Absicht dazu verkündet. China sei "mitten im Prozess einer substanziellen Aufrüstung". 

Größte Gefahr seit Langem

Als Beispiel nennt Sipri den infolge von Satellitenfotos vermuteten Bau von 300 neuen Silos zum Abschuss nuklear bestückter Raketen. Auf 2021 neu gelieferten mobilen Abschussrampen und U-Booten seien vermutlich weitere zusätzliche Nuklear-Sprengköpfe zu finden. Großbritannien hat 2021 eine Anhebung der Obergrenzen für die Zahl eigener Sprengköpfe angekündigt. London kritisiert China wie Russland seit langem für fehlende Transparenz in Sachen Atombewaffnung, geht aber jetzt denselben Weg: Man werde keine Angaben zu einsatzbereiten Nuklearwaffen, Sprengköpfen oder stationierten Raketen mehr veröffentlichen. Frankreich hat die Entwicklung eines atomar betriebenen U-Bootes mit Nuklearbewaffnung (SSBN) angekündigt.

Auch Pakistan und Indien betreiben nach den Stockholmer Angaben den Ausbau ihres Atomwaffenarsenals. Dasselbe sei von Israel zu vermuten, das die Verfügung über Atomwaffen nie offiziell bestätigt hat. Sipri schätzt Nordkoreas Bestand an Atomwaffen auf 20 Sprengköpfe und genug spaltbares Material für weitere 45 bis 55.

Als "Meilenstein" bei den diplomatischen Bestrebungen zur Eindämmung der Menschheitsgefährdung durch Atomwaffen hebt Sipri das Inkrafttreten des Vertrags gegen deren Weiterverbreitung 2021 heraus, nachdem ihn im Januar die erforderliche Zahl von 50 Staaten ratifiziert hat. Im selben Monat einigten sich die fünf Mitgliedsstaaten des UN-Sicherheitsrates, zugleich auch die führenden Atommächte der Welt, auf eine gemeinsame Erklärung mit der Aussage: "Ein Atomkrieg kann nicht gewonnen werden und darf deshalb niemals stattfinden." Dazu heißt es im Stockholmer Bericht: "Trotzdem setzen die fünf Staaten ihre Ausweitung und Modernisierung ihrer nuklearen Arsenale fort und sind offenbar auch dabei, die Bedeutung von Atomwaffen für ihre jeweilige militärische Strategie stärker zu betonen." Sipri-Direktor Dan Smith kommentiert: "Es sind im letzten Jahr signifikante Fortschritte bei der Begrenzung der Verbreitung wie der Abrüstung erreicht worden. Aber das Risiko, das Atomwaffen zum Einsatz kommen, erscheint höher als jemals zuvor seit dem Höhepunkt des Kalten Krieges."

Land Gesamt

USA 5 428

Russland 5 977

Großbritannien 225

Frankreich 290

China 350

Indien 160

Pakistan 165

Israel 90

Nordkorea 20

Zusammen 12 705

Stand: 2022 Quelle: Sipri

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