Bald Predigtpflicht auf Dänisch

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Kassiert Hohn und Spott: Mette Frederiksen.
Kassiert Hohn und Spott: Mette Frederiksen. © REUTERS

29.12.2020 13:12

Dänemark

Eine Art Predigtpolizei

  • von Thomas Borchert

Dänemarks Regierung will im neuen Jahr Dänisch zur Pflichtsprache bei allen Predigten erklären. Wenn religiöse Verkünder:innen aber doch mit fremder Zunge zu Gläubigen sprechen, sollen sie eine schriftliche Übersetzung ins Dänische anfertigen und öffentlich zugänglich machen. Was die sozialdemokratische Regierungschefin Mette Frederiksen als gezielte Maßnahme gegen islamistische Hassprediger begründet, konnte Pastorin Christa Hansen von der deutschen Minderheit in Hadersleben „erst mal einfach nicht glauben“. Nach 23 Jahren mit Deutsch als ihrer allseits akzeptierten Predigtsprache meint sie jetzt: „Spitz gesagt erinnert es mich ein bisschen an die DDR, wo in Gottesdiensten auch Leute mit roten Stiften und einem kleinen Notizbuch saßen.“

Ihre Bischöfin Marianne Christiansen von der protestantischen Staatskirche Dänemarks spürt „bei solchen Überlegungen die kalte Hand der Zensur.“ Das Ganze sei nicht anders zu verstehen, als ein staatlicher Anlauf „zur Kontrolle und Begrenzung des religiösen Lebens, insbesondere gegenüber dem Islam und anderen religiösen Minderheiten.“

Noch ist es nicht ganz so weit. Die Regierung hat für Februar einen Gesetzentwurf mit noch völlig unklaren Einzelheiten angekündigt. Wo etwa sollen die Übersetzungen abgeliefert werden, was gilt als nicht mit „dänischen Werten“ zu vereinbarende Verkündigung, und wer kontrolliert, ob die Übersetzungen korrekt sind? Wird es eine Predigtpolizei geben?

Klar ist, dass die neuen Pflichten neben muslimischen auch für alle anderen, oft kleinen Gemeinden mit anderen sprachlichen Wurzeln als Dänisch gelten soll. Ansonsten wäre die Diskriminierung der einen Religion allzu offensichtlich. So sind neben der deutschen Minderheit im südlichen Jütland Gläubige aus Grönland und von den Færøern genauso betroffen wie katholische Gemeinden mit starkem polnischen Einschlag und die vielen jungen Frauen von den Philippinen, die als Au Pair dänischen Mittelklassefamilien ein bequemeres Leben ermöglichen.

„Einfach so dumm“

In Kopenhagens Sankt Petri Kirche wird seit 1585 auf Deutsch gepredigt. Die 1955 in der Bonn-Kopenhagener Erklärung vereinbarten Rechte der deutschen Minderheit (und umgekehrt der dänischen im Norden Schleswig-Holsteins) sichern umfassend das Recht auf die jeweilige Muttersprache im öffentlichen Leben. Eine harte Nuss ist das für den Kopenhagener Regierungsapparat, der das Streben der politischen Spitze nach maximaler Härte gegen alles Muslimische in Paragrafen ummünzen soll, ohne allzu offensichtlich den Gleichbehandlungsgrundsatz und die Religionsfreiheit aus der Verfassung sowie den Menschenrechtskonventionen zu verletzen.

2019 hatte der jetzige Ausländerminister Mattias Tesfaye das Vorhaben „Gesetz über Predigten in anderen Sprachen als Dänisch“ als Wahlkampfversprechen der Sozialdemokraten präsentiert: „Nicht alle Moscheen arbeiten heute mit der Gesellschaft. Wir müssen sichern, dass die anerkannten Religionsgemeinschaften sich öffnen und berichten, was bei ihnen passiert, statt der Gesellschaft den Rücken zuzuwenden.“ Seine Sozialdemokraten hatten und haben durchschlagenden Erfolg mit der kompletten Übernahme der rechtspopulistischen Antiislam-Agenda, die Dänemarks politisches Leben seit zwei Jahrzehnten dominiert. Was dabei zählt, sind vor allem die „politischen Signale“, messbar immer in Wählerzuspruch.

Weniger genau wird dann bei den konkreten Resultaten hingeschaut. Die Vorstellung, dass islamistische Hassprediger brav mittelalterliche Aufrufe etwa zur Unterdrückung von Frauen in korrektes Dänisch übersetzen lassen und zur Überprüfung im Kirchenministerium abliefern, nannte die letzte bürgerliche Kirchen- und Kulturministerin Mette Bock „einfach so dumm, dass es zum Himmel schreit“: Man bewege sich historisch zurück auf das Niveau vor der dänischen Verfassung 1849, „als heimische Schildbürger noch ihre eigenen Felder zertrampelten, um den Storch zu verjagen“.

Pastorin Hansen sieht es auch pragmatisch: „Niemand bestreitet ja die Probleme mit Hasspredigern. Statt Misstrauen gegen eine Minderheit zu säen, sollte der Staat endlich eine Imamausbildung anbieten.“

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