Zum 30. Jahrestag der deutschen Einheit in Jyllands-Posten

Posted on Updated on

Der ist diskret korrigiert worden. Zum deutschen Einheits-Jubiläum bringt diese Autorin jetzt ein Buch für erwachsene Dänen über die ersten 30 Jahre ihres Lebens in der DDR heraus: „Der Der Var – Historier fra den anden side af muren“. („Das war war – Geschichten von der anderen Seite der Mauer“). Um zu begreifen, warum ihr Geburtsland zum Untergang verurteilt war, muss man nur das Kapitel über den Weg zur dänischen Sprache lesen. Wie alles in diesem Buch unbefangen, aufrichtig, witzig, klug und warmherzig erzählt: „Was könnte ich mit meinem Dänisch nach fünf Jahren Studium anfangen. Eigentlich nicht.“

An der Universität Greifswald wurde ihr 1984 das Dänisch-Studium befohlen, obwohl sie eigentlich Schwedisch interessierte. Plus Englisch. Egal, Hauptsache kein Russisch oder Polnisch. Nach dem Dolmetscher-Diplom wusste sie viel über den Kampf der tapferen kommunistischen DKP beim Klassenfeind Dänemark, konnte aber schlecht Dänisch. Es auch keinen Bedarf an ihrer Arbeitskraft

„Um die Sprache nicht zu vergessen, habe ich hin und wieder Gebruachsanweisungen für Rasierapparate, Kettensagen oder Krane in meiner Freizeit übersetzt. Das war langweilig, schlecht bezahlt und quälend.“ In der ganzen DDR gab es nicht ein technisches dänisch-deutsches Wörterbuch. Die Gebrauchsanweisungen wurden deshalb das reine „Ratespiel“: Mir taten die Leute leid, die das hinterher anwenden mussten.“

Fasziniert lies man über die öden Arbeitstage in einem Industriebetrieb, in dem auch für Herzogs Englischkenntnisse keine Bedarf bestand: „Die Zeit verging meist mit dem Warten auf Sonnenschein.“ Das Warten wurde aber blitzartig mit extremer Tatkraft unterbrochen, wenn der Kampf gegen die DDR-Mangelwirtschaft zu führen war. Z.B. bei Aufkommen eines Gerüchtes, dass irgendwo ein paar sonst jahrelang nicht zu aufzutreibende Nähmaschinen zum Verkauf stehen. Alles wurde stehen und liegen gelassen, und im Erfolgsfall bestand die Belohnung auch in einem „hysterischen Glücksgefühl, den Annette Herzog zufolge die westliche Überflussgesellschaft nicht bieten kann.

Sie hat sich offenbar nie in einen Black Friday gestürzt: Totale Hysterie in groteskem Überfluss. Jetzt in der Corona-Krise wird zur patriotischen Pflicht erklärt, bei einer Art permanentem Schwarzem Freitag mit maximaler Kauflust dabeizusein, um die ganz große wirtschaftliche Katastrofe zu verhindern. Das sei jetzt mal wichtiger als die Verhinderung der Klimakatastrofe. „Welch ein Irrsinn“, werden unsere Kinder in ein paar Jahrzehnten sagen, wenn sie mit den Folgen zu kämpfen haben.

Exotisch in unseren Ohren klingt Annette Herzogs Kapitel über ihre unbekümmerte DDR-Mutterschaft mit vier Kindern schon in sehr jungen Jahren. Das war ganz normal, denn Geld spielte als Hindernis keine Rolle, Mieten, Lebensmittel, alles war ja konstant billig. Im Gegenteil: Je höher die Kinderzahl, umso besser die Voraussetzungen für bessere Wohnbedingungen und, man liest es staunend, auch für ein Familienauto, auf das man sonst 15 Jahre zu warten hatte.

Klar, auch an der politischen Festsetzung unrealistisch niedriger Preise ist das Land kaputtgegangen, Aber die entgegengesetzten Prinzipien unseres siegreichen neoliberalen Systems sind nicht weniger irrsinnig. Dass der freie Markt aus dem Wohnen ein steuerfreies Spekulationsobjekt und die breite Mittelklasse zu Spekulanten gemacht hat, gilt hierzulande als vollkommen normal. Dies ist genauso unantastbar wie das kommunistische Prinzip „Die Partei hat immer recht“.

Jetzt hat der Markt immer recht und die Gesellschaft auf dem Wohnungsmarkt in perverser Weise aufgeteilt. So, dass die Möglichkeiten junger Menschen im Leben und nicht zuletzt ihre Lust auf Kinder gesteuert werden vom Immobilien-Besitz ihrer eigenen Eltern. Oder dem Mangel daran.

Die Stasi taucht in diesen Erinnerungen an die DDR ab und zu als vollkommen Alltägliches auf. Wenn z.B. unfähige Techniker nicht in der Lage sind, Abhörwanzen „diskret“ in einem Telefon zu installieren. Annette Herzogs Freude über en Untergang dieses monströsen Unterdrückungs- und Überwachungsapparates muss nicht gemindert werden durch die Tatsache, dass wir uns nun 30 Jahre später Monstern in ganz anderen Dimensionen unterworfen haben. Auch ich liefere ja freiwillig mein Privatleben an Facebook, Google und Apple aus. Welch ein Irrsinn.

Pages: 1 2

One thought on “Zum 30. Jahrestag der deutschen Einheit in Jyllands-Posten

    Anonymous said:
    October 14, 2020 at 8:49 am

    Glückwunsch . Doppelt hält besser . Tilmann

    Like

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s