Über Schwedens andere Corona-Strategie mit Freiwilligkeit

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Corona-Virus

Schwedens Strategie hält – bis jetzt

  • von Thomas Borchert

Stockholm setzt trotz hoher Zahl von Corona-Infizierten weiterhin auf Freiwilligkeit – doch Fachleute warnen vor „italienischen Zuständen“.

Abstand halten auf Schwedisch: Stockholm rechnet zwar mit vielen Toten, will aber keine Schließung von Cafés oder Clubs.Abstand halten auf Schwedisch: Stockholm rechnet zwar mit vielen Toten, will aber keine Schließung von Cafés oder Clubs. © via REUTERS

 

Schwedens lockere Corona-Strategie hat bisher nicht zur befürchteten Explosion von Infektionsfällen und einem Kollaps der Krankenhäuser geführt. Zwar verzeichnet das Land mit 11.455 Infizierten und 1033 Corona-Todesfällen im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung mehr Betroffene als die Nachbarn Dänemark, Norwegen und Finnland. Doch im Gegensatz zu deren hartem Lockdown-Kurs bleiben in Schweden die Kindergärten, Grundschulen, Restaurants und Geschäfte geöffnet. Der im März oft panische Grundton vor allem aus dem schwedischen Gesundheitswesen mit Furcht vor Zuständen wie in Italien wird nun leiser.

„Unsere Kapazitäten haben wir jetzt so massiv ausgebaut, dass wir der Entwicklung einen Schritt voraus sind,“ sagt Stockholms Gesundheitschef Björn Eriksson. Für das ganze Land konnte Chefepidemiologe Anders Tegnell eine seit letzter Woche „abgeflachte Kurve“ bei den Neuinfektionen und Einlieferungen in die Krankenhäuser konstatieren. „Unser Kurs mit Freiwilligkeit hat ungefähr denselben Effekt wie der mit Zwang bei den anderen,“ sagte Tegnell.

Vertrauen der Bevölkerung stabil

Allerdings widersprechen ihm Fachleute nach wie vor heftig, verlangen strengere Kontaktverbote und warnen vor „italienischen Zuständen“. In der Bevölkerung ist das Vertrauen in das Krisenmanagement der Behörden dennoch stabil.

Am Osterwochenende, sonst Zeit gigantischer Reisekarawanen aufs Land, befolgten die meisten der zehn Millionen Bürger auch ohne Verbote die Appelle zum Zuhausebleiben. Von Stockholm auf die Ferieninsel Gotland sei der sonst übliche Reisestrom zu Ostern um 90 Prozent eingebrochen, hieß es nach Auswertung von Handy-Bewegungsdaten. Im Ski-Ferienort Åre waren die Pisten zwar geöffnet und sogar die Nachtclubs hätten hier Gäste einlassen dürfen, allerdings laut Vorschrift für mindestens eine Armlänge Abstand zwischen den Gästen sorgen müssen. Doch die großen Betreiber von Ferienanlagen haben von sich aus dichtgemacht. Zu groß war auch im eigenen Land die Kritik. Nach wie vor aber sind Zusammenkünfte bis zu 50 Teilnehmern erlaubt.

„Wir müssen mit Tausenden Toten rechnen“

In Stockholm warnte Regierungschef Stefan Löfven vor zu viel Optimismus: „Wir müssen mit Tausenden Toten rechnen.“ Er gestand ein, dass die bisherige Strategie zum Schutz alter Menschen nicht funktioniert habe. Für Altenheime wurde erst ein Besuchsverbot verhängt, als in Stockholm schon in jedem dritten Heim das Coronavirus entdeckt wurde. Der Sozialdemokrat hat sich vom Reichstag Sondervollmachten für seine Minderheitsregierung absegnen lassen – für den Fall der Fälle. Anders als Premier Boris Johnson in London, der von einem Tag auf den anderen von einer liberalen Corona-Linie wie in Schweden auf den fast kompletten Shutdown der Gesellschaft umschaltete, setzt Löfven weiter auf die Kombination von freiwilliger Selbstbeschränkung mit möglichst viel normalem Alltagsbetrieb.

Niemand weiß, ob Schweden sich mit seinem Weg möglicherweise schneller als andere Länder der oft zitierten „Herdenimmunität“ nähert. Dass die Folgen der Pandemie so oder so auch hier tiefgreifend sein werden, verdeutlichen Mitteilungen wie diese unmittelbar nach Ostern: Wegen weltweiter Lieferengpässe bei bestimmten Chemikalien müsse man sich „auf lange Sicht“ auf mögliche Probleme bei der Trinkwasserversorgung einstellen, teilte eine Sprecherin der staatlichen Krisenbereitschaft mit – „rein vorsorglich und nicht, dass es so kommen muss“.

 

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