Dieses Buch war aufregende Lektüre und hat Spaß gemacht

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Fesselnder Stalker-Roman von Clemens J. Setz

Von Thomas Borchert, dpa

Berlin/Kopenhagen (dpa) Ein Stalkingopfer kümmert sich fürsorglich oder vielleicht grenzenlos rachsüchtig um seinen verrückten Stalker. Clemens J. Setz hat dazu einen beunruhigenden und witzigen Roman geschrieben, der über 1000 Seiten fesselt

  • Wahnsinn beiläufig erzählt: Clemens J. Setz. Foto: Arno BurgiWahnsinn beiläufig erzählt: Clemens J. Setz. Foto: Arno Burgi

Komplett verrückt, normal in komplett verrückten Zeiten – oder beides im fließenden Übergang irgendwie gemixt?

Natalie Reinegger hilft tagsüber Behinderten im Betreuten Wohnheim durchs Leben. Im Dunkeln gabelt die 21-Jährige Fremde für freudlose Blowjobs auf, sammelt deren Hinterlassenschaft in Kondomen ein und hört sich beim Joggen eigene Essgeräusche als Podcast aus dem iPhone an. Dass ihr «Klient» im Rollstuhl, der notorische Stalker und unberechenbare Frauenhasser Alexander Dorm selbst Opfer eines rachsüchtigen Stalkingopfers sein könnte, veranlasst Natalie zu detektivischen Friedhofsgängen, Wohnungseinbrüchen und gedanklicher Arbeit auf hohem Niveau.

Klingt wie ein Thriller-Setup für das Lesersegment «jung und internetaffin», ist aber viel mehr. Der Österreicher Clemens J. Setz (Jahrgang ?82) hat es mit seinem vierten Roman zum dritten Mal auf die Liste für den Deutschen Buchpreis geschafft. «Die Stunde zwischen Frau und Gitarre» steht zunächst auf der Longlist, «Indigo» (2012) und «Die Frequenzen» (2009) kamen beide auf die Shortlist.

Im neuen Roman schickt der Grazer seine Hauptfigur auf eine 1000 Seiten lange, fast immer fesselnde, beunruhigende wie auch aberwitzige Reise durch ihren Alltagsdschungel mit Zweidritteljob im Sozialsektor, als «Streunerin» zwischen der Nachtbar «Souterrain», mies beleuchteten Fahrradtunneln und ihrer kleinen Wohnung. In der läuft der Fernseher immer, vorzugsweise mit sinnlos scheinenden Livesendungen. Hauptsache live. Natalie, intelligent, als Scheidungskind leicht entwurzelt, meist souverän mit seltenen Epilepsie-Anfällen umgehend, nie wehleidig, offen für spontane wie komplexe Eindrücke, aber auch permanent rastlos, gern auch mal brutal gegenüber vermeintlich Schwächeren, begierig auf und zugleich misstrauisch gegenüber Bestätigung, ist eine Romanfigur, über die man gar nicht genug erfahren kann.

Das iPhone ist ihr ein sicherer Hafen als die Eltern, Ex-Freund Markus oder der potenziell neue Mario. Es spielt auch gegenüber Christopher Hollberg, dem scheinbar sanftmütigen Besuchsfreund des Rollstuhlfahrers Dorm, eine wichtige Rolle. Ausgerechnet Hollberg. War er doch selbst Dorms hündisch verehrtes Stalkingopfer. Bis die Frau des Verfolgten es nicht mehr aushielt und sich das Leben nahm. Natalie muss klären, ob der Witwer jetzt den Spieß umdreht und Dorm als Rächer zu Tode stalken will. Oder wird sie selbst gestalkt? Es ist der reine Wahnsinn. Oder doch ganz normal?

Setz erzählt vom grotesken und doch verblüffend realistisch wirkenden Kampf zwischen Natalie und Hollberg geradeaus, in einer treffsicher klaren und schönen Sprache. Es geht um die «großen Fragen» wie Liebe oder einfach Zusammenhalt, was das sein könnte und warum beides vielleicht unmöglich ist in unserer iPhone-Zeit. Natalies Lieblingsbezeichnung für gute Unterhaltungen ist ganz folgerichtig der Name einer App. «Nonseq» heißt diese, ausgeschrieben «non sequitur» – Kommunikation, bei der «das eine nicht auf das andere folgt».

So unterhalten sich in den Setzschen Dialogen die Figuren oft im Nonseq-Stil, oft per Chat oder SMS-Wechsel und immer in beiläufigem, zurückgenommenem Ton voller interessanter assoziativer Sprünge. So wie Setz schreibt. Meisterhaft beiläufig kann dieser Autor seine ganze Geschichte erzählen, unangestrengt, ohne Pathos und niemals psychologisierend oder gar moralisierend.

Der Spaß mit diesem Roman muss nach der letzten der 1021 Seiten nicht zu Ende sein. Beim Zurückblättern kann man wie in einer Schatzkiste herumwühlen in den fantastischen Einfällen des Autors. Oder einfach in schönen Sätzen: «Sich mit ihr zu unterhalten, ist, als wollte man ein Insekt streicheln, sagte B. Du glaubst, du bist lieb zu ihr und liebkost sie, dabei zerdrückst du ihr die Fühler und Vorderbeine.»

Leser der E-Book-Version sind ausnahmsweise im Vorteil. Man gibt etwa «karlesk» als Suchbegriff ein und findet alle Stellen mit Natalies Bezeichnung für punktgenau treffende Beobachtungen und Sätze, benannt nach ihrem leider weit weg lebenden Bruder Karl: «Er kriegt es einfach hin. Total perfekt. Er hat den Blick. Voll karlesk.»

Setz hat es mit diesem Buch auch einfach hingekriegt. Vielleicht nicht total perfekt, im schleppenden Mittelteil des Wälzers wünscht man sich doch mehr Kürze. Aber dieser Autor hat auf jeden Fall den Blick. Im Roman taucht Karl nie persönlich auf. Er ist weggezogen ins ferne Dänemark.

Clemens Setz war gerade erst da und trat beim Louisiana-Literaturfestival bei Kopenhagen zusammen mit dem begnadeten Sprach-Schmied Hans Magnus Enzensberger auf. Die Zeitung «Politiken» zitierte den fünf Jahrzehnte älteren Kollegen mit seinem Seufzer vor Publikum in Richtung Setz: «Ach, wenn man doch nur so schreiben könnte wie der da.» Der Gelobte twitterte aus Kopenhagen ein Foto mit Enzensberger und sich auf zwei Louisiana-Stühlen und dem Kommentar: «Happy Moment». Leser von «Die Stunde zwischen Frau und Gitarre» könnten das oft twittern.

– Clemens J. Setz, Die Stunde zwischen Frau und Gitarre, Roman, Suhrkamp Verlag, Berlin, 1021 Seiten, 29,95 Euro, ISBN 978-3-518-42495-7

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