Zensur in Dänemark: Medien sind auf einem Auge (rechts) blind

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“Journalisten”, die Mitgliedszeitung der dänischen Journalistengewerkschaft, hat einen Beitrag von mir über eine seltsame Zensur-Geschichte gebracht, an der sich die hiesigen Medien so gut wie komplett vorbeigemogeln. Zum Kontext gehört, dass die Verteidigung von Presse- und Meinungsfreiheit von Kopenhagener Medien&Politikern spätestens seit dem Streit um die Mohammed-Karikaturen in “Jyllands-Posten” immer als herausragender Wert herausgestellt werden. Wenn auf der anderen Seite Islamisten stehen. So weit einig. Zum Kontext gehört auch, dass die Rechtspopulisten inzwischen in Norwegen Regierungspartei sind, in Dänemark lt. einer neueren Umfrage die stärkste Kraft im Land und in Schweden stürmisch auf dem Vormarsch sind. Was passiert, wenn Kritik an denen plötzlich wegzensiert wird?

Der übersetzte Text des Beitrages kommt hier: 

Debatte: Peinliches dänisches Schweigen zu SAS-Zensur.

Dänische Medien haben die Meinungsfreiheit verraten, als das SAS-Magazin zurückgezogen wurde. Das schreibt ein früherer deutsche Skandinavien-Korrespondent: “Die meisten größeren Medien in Norwegen und Schweden haben berichtet, einige kommentiert, und nicht zuletzt: Mehrere brachten den kompletten Text als Protest gegen die Zensur. In Dänemark kam zwei Wochen lang keine einzige Zeile in den großen Print-Medien.”
Von Thomas Borchert

SAS-Angestellte mussten alle Exemplare des funkelnagelneuen Magazins “Scandinavian Traveler” aus allen Flugzeugen, Lounges, Hotelzimmern und sonstwo, inklusive Internet, entfernen. Der Nachfolger des früheren “Scanorama” sollte ganz einfach aus der Öffentlichkeit wieder komplett verschwinden.

Voraufgegangen war ein Protest der norwegischen Fortschrittspartei (FrP) gegen einen Artikel über den enormen Erfolg der Rechtspopulisten im Norden unserer Tage, kombiniert mit einem historischen Rückblicjk auf die äußerste Rechte in Dänemark, Norwegen, Finnland und Schweden.

Mit Lichtgeschwindigkeit bedauerte die Fluggesellschaft den “unnuancierten und generalisierenden” Artikel. Der hätte nie erscheinen dürfen. Die FrP wird von Siv Jensen geführt, die auch noch Norwegens Finanzministerin ist, also eine überaus wichtige Person für die halbstaatliche SAS. Eine glasklare Attacke auf die Meinungsfreiheit, so dass alle Kämpfer für dieselbe hierzulande sofort in Aktion treten – oder wie?

Zumal Dänemark einer der Miteigentümer von SAS ist. Wie sollte es man im “Land der Meinungsfreiheit” akzeptieren können, wenn der FrP-Veteran Carl i. Hagen (Siv Jensens Vorgänger als Parteichef) ohne Umschweife mit der Staatsmacht droht:

“Es wundert mich sehr, dass sie das hier in ihrem Magazin so präsentieren. Ein Unternehmen, dass mit schweren wirtschaftlichen Problemen kämpft und frisches Kapital braucht. Und dann platzieren sie Norwegens Finanzministerin neben Vidkun Quisling und Faschisten.  Ich finde das sehr unklug.”

In diesem Fall blieb der dänische Autopilot-Schalter zur Verteidigung der Meinungsfreiheit auf geheimnisvolle Weise unberührt.

Die meisten größeren Medien in Norwegen und Schweden haben berichtet, einige kommentiert, und nicht zuletzt: Mehrere brachten den kompletten Text als Protest gegen die Zensur. In Dänemark kam zwei Wochen lang keine einzige Zeile in den großen Print-Medien.
Bei TV2 (zweitgrößter dänischer Sender) besteht die Berichterstattung vor allem aus kritikloser Wiedergabe von Morten Messerschmidts (EU-Abgeordneter für die Rechtspopulisten der Danske Folkeparti/DF) beleidigtem Kommentar: “Unsachlich, ahistorisch mit perversem Geschichtsbild”, und es sei “völlig verrückt”, dass “so ein Quatsch” anno 2014 geschrieben werden könne. (TV 2’s Texte hier og hier)

Es war alles andere als Quatsch, was Per Svensson von der Zeitung “Sydsvenskan” für das SAS-Magazin geschrieben hatte. (Text in Schwedisch hier. Man kann die englische Version googeln.) Sachlich, nuanciert und mit gutem Blick für die historisch markanten Unterschiede zwischen den nordischen Ländern, erzählt Svensson die Geschichte der äußersten Rechten vor und nach dem Zweiten Weltkrieg.

Er zieht eine völlig klare Trennlinie zwischen Nazi-Gruppen in Norwegen sowie Dänemark und den heutigen Populisten von DF und FrP. Aber er zeigt auch die schwedischen Verbindungslinien. Wenn man den Text liest, reibt man sich die Augen über die Zensur.

“Sydsvenskan” kritisierte scharf, at dass keine dänischen Medien den Artikel von Per Svensson gebracht oder auf andere Art Stellunf bezogen haben. Das brachte, zwei Wochen nach der SAS-Rücknahme des Magazins, “Politiken” dazu, den Konflikt aufzugreifen – als Teil einer Reportage über Schweden als ein “anderartiges Land”.

Aber auch die Medien in Norwgen haben die Sache nun ganz andersartig behandelt als die dänischen, so z.B. in Dagbladet und VG.

Die norwegische “Journalisten” kommentierte höchst kritisch, dass SAS “auf Befehl einer rechtspopulistischen Regierungspartei” handelt.

Man kann den SAS-Artikel durchaus kritisieren: Auf unglückliche Weise wird in der Illustration eine “Zeitlinie” zwischen dem Hitler-Kollaborateuer Quisling und Daten mit den skandinavischen Nachkriegs-Populisten Mogens Glistrup, Pia Kjærsgaard, Carl I. Hagen und Jimmie Åkesson gezogen.

Aber das erklärt wohl kaum das schreiende Schweigen in den dänischen Print-Medien, wenn eine Partei mit der ihr anvertrauten Staatsmacht droht, um die Meinungsfreiheit in die Knie zu zwingen. Wir haben (in Dänemark) über mehrere Monate erlebt, wie viele Artikel, Kommentare, Blogs, Interviews, Porträts und nicht zuletzt auch eine Ausstellung wir präsentiert bekommen, wenn die Staatsmacht in Schweden nicht das freie Recht eines Bürgers anerkennen will, Bildcollagen mit einem namentlich bekannten Bürger am Galgen zu publizieren.

”Wir sind vielleicht alle ein bisschen vorsichtiger geworden?” mailte mir ein Kollege aus Oslo, dass noch ein paar Medien in seiner langen Liste mit Artikeln über den SAS-Konflikt fehlten. In seinem Land sind die Rechtspopulisten jetzt ja mit in der Regierung.

Dasselbe ist in Dänemark noch nicht der Fall. Zeigt das fast komplette Schweigen unserer Medien, dass der Einfluss von DF auf die öffentliche schon stärker ist, als ein paar Ministerposten das zum Ausdruck bringen würden?

Wie auch immer – die dänischen Medien haben ihrem Publikum eine richtig gute Geschichte vorenthalten. Die hat ja auch all den Pfeffer, der viele Klicks bringt und all die anderen Leserreaktionen, die alle so gern ernten möchten. Man betrachte nur mal diese Perle: Der (norwegische) FrP-Pressechef André Larssen nannte den SAS-Artikel “abscheulich” und begründete das in VG u.a. damit, dass “es ausgesprochen unpassend ist, in einer Linie mit Hitler und Quisling platziert zu werden, Und: Wir haben uns doch auch immer wieder von den Schwedendemokraten und der Dansk Folkeparti distanziert.”(Thomas Borchert ist Journalist. Er hat 1986-2013 als Skandinavien-Korrespondent für die Deutsche Presse-Agentur (dpa) gearbeitet.)

2 thoughts on “Zensur in Dänemark: Medien sind auf einem Auge (rechts) blind

    Tilmannbuenz said:
    December 24, 2014 at 6:10 pm

    Frohe Weihnachten lieber Thomas. Hab dein Buch grad  meiner Frau geschenkt …und sie freut sich auf unsere naechste Kopenhagenreise mitte Januar. Alles Gute  Tilmann

    Von Samsung Mobile gesendet

    “Thomas Borchert, Copenhagen” h

      Thomas Borchert responded:
      December 25, 2014 at 6:46 am

      Dir auch frohe Weihnacht, lieber Tilmann. Melde Dich gern, wenn Ihr in Kopenhagen seid. Viele Grüße, Thomas

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