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Durchdigitalisierte Dänen sollen jetzt Bargeld preppen

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Etwas Cash für die Kuh

6.11.25

Von: Thomas Borchert

Im durchdigitalisierten Dänemark spielt plötzlich Bargeld wieder eine Rolle

Man soll immer genug Bargeld für den Kauf einer Kuh bei sich haben, sagt der Kopenhagener Kommentator Jarl Cordua mit Wohnsitz ohne Stall oder Weidefläche im 3. Stock. Die Richtschnur für das ganze Leben hat er von einem längst verblichenen dänischen Landwirtschaftsminister übernommen und trägt eisern 500 Kronen, umgerechnet knapp 70 Euro in bar durch sein eigentlich bargeldloses Mutterland.

Im durchdigitalisierten Dänemark zahlt praktisch niemand mehr cash, nicht mal mehr das Taschengeld für die Kinder. Alles geht per Mobile Pay oder Apple und Google Pay über das Smartphone. Wer an der Kasse noch eine Kreditkarte zückt, muss sich dabei schon ziemlich retro fühlen. Der Trend geht seit einem halben Jahr aber wieder in Richtung Bargeld. Als oberste Hüterin der dänischen Währung hat die Nationalbank jetzt Corduas Prinzip, leicht variiert, an die sechs Millionen Menschen im Königreich weitergereicht: Sie sollen nun bitte pro Person im Haushalt stets 210 Kronen, also 28 Euro, in Cash bereithalten; so viel, wie man für die Beschaffung von Lebensmitteln benötige. Das sei für den Notfall, falls digitale Stricke reißen und die Bezahlterminals nicht mehr auf ein Smartphone reagieren.

Solch ein Notfall kam über das ganze Land bereits an einem Juli-Samstag mit jeder Menge Sommerfestivals, noch mehr Reiseverkehr und überall geöffneten Supermärkten. Er zeigte, wie sehr das Land an einem digitalen Faden namens „Nets“ hängt. Bei diesem extrem profitablen Privatkonzern, De-facto-Monopolist für elektronischen Zahlungsverkehr, lief über fast drei Stunden gar nichts – und in der Folge auch nichts mehr beim Bierausschank der Festivals.

Retro statt Risiko

Ein harter Schlag gegen das dänische Lebensgefühl namens Hygge. An den Mautstellen der Brücke über den Großen Belt, Dänemarks wichtigstem Verkehrsknotenpunkt, blieben die Schranken komplett geschlossen, was unzufriedene Autofahrerinnen und Autofahrer in ihren endlosen Schlangen zu wilden Wikingern werden ließ. Sie gingen auf das Brückenpersonal los und rissen Schlagbäume ein.

Diese Havarie brachte Cordua zu der vorher vielleicht allseits als schrullig abgetanen Schlussfolgerung in der Zeitung Berlingske: „Wir sollten sämtliche Pläne zur Abschaffung des Bargelds beerdigen.“ Die Währungshüter der Nationalbank warteten wohl nicht ganz zufällig ein weiteres Ereignis ab, ehe sie in dasselbe Horn bliesen. Ihre Empfehlung kam, kurz nachdem Kopenhagens Flugplatz Kastrup Ende September wegen mehrfach gesichteter Drohnen komplett gesperrt wurde. Regierungschefin Mette Frederiksen wandte sich in ausgeprägt düsterer Tonlage an die Bevölkerung, so sei es nun leider im laufenden „hybriden Krieg“ aus Russland. Man müsse sich wirklich an allen Ecken und Enden wappnen.

In dieser Stimmungslage klang die amtliche Empfehlung für den Rückgriff auf Bargeld wie eine natürliche Ergänzung beim „Preppen“, also der Vorratshaltung für den Krisen- und Kriegsfall. Laut Umfragen sind schon zwei Drittel der Bevölkerung ohne Murren der Empfehlung ihrer Regierung gefolgt. Sie haben sich mit Mineralwasser, Toilettenpapier, Batterievorräten und auch mit Retro-Radios mit dem guten alten UKW-Empfang eingedeckt. Für den sollte im durchdigitalisierten Dänemark eigentlich längst der Stecker gezogen sein, aber die Regierung hat es sich anders überlegt.

Meint sie es ernst mit der Sicherung ihres Landes vor einer Lähmung des digitalen Fundaments, durch wen auch immer, hat sie noch enorm viel zu tun. Schon lange lassen Behörden ausschließlich digitalen Schriftverkehr zu. Zum Jahreswechsel ist auch der letzte Briefkasten in Dänemark abgeschraubt worden, Papierpost wird nicht mehr ausgetragen. Bankfilialen mit Bargeld sind für die Dänen nur noch eine ferne Erinnerung an andere Zeiten. Bei Besuchen in Deutschland bestaunen sie, dass dort tatsächlich noch überall Geldautomaten zu finden sind. Auch an den heimischen Tankstellen ist Barzahlung eigentlich nicht mehr vorgesehen. Die beeindruckend vielen E-Autos in Dänemark sind andererseits für hybride Angriffe auch nicht unbedingt eine gute Versicherung gegen böse Attacken auf die digitale Infrastruktur.

Ich bin ein Beispiel für die groteske Willkür bei Einbürgerungen in Dänemark

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(AI-Übersetzung meines Leserbriefs)

Leserbrief

Aarhus-Professor besucht seine Eltern in Bremen zu oft: Wir sind Opfer willkürlicher Ungleichbehandlung

„Mein ungläubiges Staunen über den Wahnsinn der Regeln zu sogenannten ‚Aufenthaltsunterbrechungen‘ war eines der Dinge, die mich dazu brachten, die Initiative zur Gründung des Vereins zu ergreifen“, schreibt Thomas Borchert.

26.10.25

Thomas Borchert, Kopenhagen S, dänischer Staatsbürger seit 2021 und Journalist

Nach 13 Jahren in Aarhus hat der in Deutschland geborene Professor Eric Hillebrand erfahren, dass er vorerst kein Däne werden kann. In der Zeitschrift Forskerforum vom 26. September las ich die Begründung des dänischen Ministeriums für Einwanderung und Integration für die Ablehnung seines Antrags auf dänische Staatsbürgerschaft. Das löste bei mir eine seltsame Mischung aus Lachen, Déjà-vu und Empörung aus.

Der Professor habe Dänemark zu oft den Rücken gekehrt. In seinem Antrag hatte er – wie gefordert – alle seine Auslandsreisen (wissenschaftliche Kongresse, Besuche bei den Eltern in Bremen und Urlaube) der letzten zwölf Jahre aufgelistet und kam dabei auf 743 Tage. Das bedeutet, dass er über der festgelegten Obergrenze liegt, die insgesamt ein Jahr an „Aufenthaltsunterbrechungen“ innerhalb der letzten neun Jahre beträgt.

In einem modernen Dänemark in einer globalisierten Welt ist diese Regel ein Witz – das versteht sich von selbst. Es sei denn, man möchte ausdrücklich verhindern, dass hochqualifizierte Fachkräfte sich dauerhaft in unserem Königreich niederlassen und hier Kinder großziehen. In Forskerforum erklärt Hillebrand selbst: „In der Stellenbeschreibung steht, dass erwartet wird, dass man an internationalem Austausch teilnimmt. Ich habe Kollegen, die regelmäßig halbjährige Forschungsaufenthalte absolvieren. Das gehört einfach dazu.“

Mein Déjà-vu als auch in Deutschland gebürtig ging zurück auf meinen eigenen Antrag auf dänische Staatsbürgerschaft, bei dem auch ich alle Auslandsaufenthalte der letzten zwölf Jahre auflisten musste – eine absurde Herkulesarbeit. Ich kam auf 138 Einträge, darunter viele berufsbedingte Reisen in die nordischen Länder als Auslandskorrespondent, Besuche bei meiner Mutter in ihrem Pflegeheim in Hannover und Familienurlaube. Genau wie mein Landsmann in Aarhus erfüllte ich alle anderen Voraussetzungen.

Nun kommen zwei deutliche Unterschiede: Mit meinen 954 Tagen „Aufenthaltsunterbrechungen“ lag ich weit über Hillebrands 743 Tagen. Dennoch erhielt ich 2021 ohne weiteres das grüne „Staatsbürgerschaftszertifikat“. Ich war ebenso überrascht, wie Eric Hillebrand es über seine Ablehnung war.

Dass eine derart völlig willkürliche Ungleichbehandlung bei der Staatsbürgerschaft kein Einzelfall ist, kann ich als Mitbegründer des Vereins Fair Statsborgerskab (Faire Staatsbürgerschaft) bezeugen. Mein Unglaube über den Wahnsinn der Regeln zu „Aufenthaltsunterbrechungen“ war einer der Auslöser, die mich zu der Vereinsinitiative bewegt haben.

In den Jahren danach habe ich im Kontakt mit vielen gestrandeten Antragstellern verstanden, dass die Ungleichbehandlung, die wir zwei Deutschen erlebt haben, nur die Spitze eines riesigen Eisbergs ist. Die grotesken Regeln treffen besonders und noch härter junge Menschen, die in Dänemark geboren und aufgewachsen sind, aber ausländische Eltern haben.

Seit 2021 gilt etwa: Wer nach dem 18. Geburtstag die dänische Staatsbürgerschaft beantragt, muss dreieinhalb Jahre Vollzeitbeschäftigung innerhalb der letzten vier Jahre nachweisen können. Diese Hürde gilt auch für Studierende der Universität Aarhus – also für Nachkommen von Einwanderern, die dänische Ausbildungen mit großem Fleiß und Erfolg absolviert haben.

Das Hindernis trifft zum Beispiel Medizinstudierende oder Studierende im Fachgebiet des Professors Hillebrand, der „Zeitreihenökonometrie“, deren Eltern aus Vietnam, Syrien, dem Libanon oder anderen Ländern stammen. Diese jungen Menschen, die sich für ein Studium anstelle von ungelernter Arbeit entschieden haben, können das Beschäftigungserfordernis unmöglich erfüllen, bevor sie 30 Jahre alt sind.

Die Regeln belohnen hingegen andere junge Menschen, die die Schule mit 16 verlassen, um in ungelernter Vollzeitbeschäftigung (über 30 Stunden pro Woche) zu arbeiten. Sie können die Anforderung nämlich erfüllen. Ist das klug in einer Wissensgesellschaft, die verzweifelt nach gut ausgebildeten Fachkräften ruft?

Zwar kann der Einbürgerungsausschuss des dänischen Parlaments von der Beschäftigungsanforderung Ausnahmen machen, doch auch hier erhalten viele Antragsteller eine Ablehnung. Außerdem überbieten sich derzeit die meisten Parteien in die entgegengesetzte Richtung: Wer kann im kommenden Wahlkampf die verrücktesten neuen Hürden vorschlagen? Nur die Fantasie setzt Grenzen

Jeg er et eksempel på grotesk vilkårlighed ved tildeling af dansk statsborgerskab

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Læserbrev

Aarhus-professor besøger forældre i Bremen for ofte: Vi er ramt af vilkårlig forskelsbehandling

“Min vantro over galskaben i reglerne om “opholdsafbrydelser” var en af de ting, der satte mig i gang med initiativet til foreningen”, skriver Thomas Borchert.

26.10.25

Thomas Borchert, København S, dansk statsborger siden 2021 og journalist

Efter 13 år i Aarhus har den tyskfødte professor Eric Hillebrand fået at vide, at han ikke kan blive dansker foreløbig. I “Forskerforum” 26. september læste jeg Udlændinge- og Integrationsministeriets begrundelse for at afvise hans ansøgning om dansk statsborgerskab. Det affødte en mærkelig blanding af latter, deja-vu og oprørthed.

Professoren havde for ofte vendt Danmark ryggen. Han havde i ansøgningen, som krævet, opregnet alle sine udlandsrejser (videnskabskongresser, besøg hos forældrene i Bremen og ferie) gennem de sidste 12 år og var kommet op på 743 dage. Det betyder, at han ligger over den øvre grænse, der er fastsat til sammenlagt ét års “opholdsafbrydelser” gennem de seneste ni år.

I et moderne Danmark i en globaliseret verden er den regel til grin. Det siger sig selv. Medmindre man udtrykkeligt ønsker at forhindre højt kvalificerede medarbejdere i at slå sig permanent ned i vores kongerige og sætte børn i verden her. I “Forskerforum” forklarer Hillebrand selv: “Der står i jobbeskrivelsen, at det forventes, at man deltager i international udveksling. Jeg har kolleger, der jævnligt tager halve års forskningsophold. Så det hører med”.

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Mit deja-vu som tyskfødt gik til min egen ansøgning om dansk statsborgerskab, hvor jeg også skulle redegøre for alle udlandsophold gennem 12 år. Et bizart herkulesarbejde. Jeg kom op på 138 poster med mange arbejdsrelaterede rejser til de nordiske lande som udenrigskorrespondent, besøg hos min mor på hendes plejehjem i Hannover og familieferier. Præcis som min landsmand i Aarhus opfyldte jeg samtlige andre krav.

Nu kommer der to markante forskelle: Med mine 954 dages ”opholdsafbrydelser” havnede jeg langt over Hillebrands 743. Alligevel fik jeg i 2021 uden videre det grønne “statsborgerretsbevis” udleveret. Jeg var lige så overrasket, som Eric Hillebrand blev over sin afvisning.

At sådan en fuldstændig vilkårlig forskelsbehandling i forhold til statsborgerskab ikke er en enlig svale, kan jeg bevidne som medstifter af foreningen Fair Statsborgerskab. Min vantro over galskaben i reglerne om “opholdsafbrydelser” var en af de ting, der satte mig i gang med initiativet til foreningen.

I årene, der fulgte, har jeg i min kontakt med mange strandede ansøgere forstået, at den forskelsbehandling, som vi to fra Tyskland har oplevet, kun er toppen af et kæmpe isbjerg. De groteske regler rammer ikke mindst og meget hårdere unge mennesker, der er født og opvokset i Danmark med udenlandske forældre.

Fra og med 2021 siger de gældende regler, at de ved ansøgning om statsborgerskab efter det fyldte 18. år skal kunne dokumentere tre et halvt års fuldtidsbeskæftigelse i de forudgående fire år. Også for studerende ved Aarhus Universitet gælder denne forhindring for efterkommere af indvandrere, der har gennemført danske uddannelser med stor flid og succes.

Forhindringen rammer for eksempel den medicinstuderende eller studerende inden for Eric Hillebrands fagområde “tidsserieøkonometri”, hvis forældre var kommet til Danmark fra Vietnam, Syrien, Libanon eller andre steder. Disse unge mennesker, der har valgt at tage en uddannelse frem for ufaglært arbejde, kan umuligt opfylde kravet om tre et halvt års fuldtidsbeskæftigelse inden deres 30-års fødselsdag.

Reglerne belønner andre unge, der vælger at forlade skolen som 16-årige for at arbejde i ufaglærte jobs i mere end 30 timer om ugen. De kan nemlig godt leve op til beskæftigelseskravet. Er det smart i et videnssamfund, der skriger på veluddannet arbejdskraft?

Godt nok kan Folketingets indfødsretsudvalg dispensere fra beskæftigelseskravet, men mange ansøgere få også her afslag. De fleste partier opfører desuden aktuelt et kapløb i modsat retning: Hvem kan i den kommende valgkamp præsentere de vildeste idéer til nye forhindringer? Kun fantasien sætter grænser.

Reiner “Wildwest” bei EInbürgerung in Dänemark

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Dänemarks Migrationspolitik verletzt Menschenrechte zunehmend

25.10.25

Von: Thomas Borchert

Der Ausschuss in Kopenhagen verweigert einem Imam die Einbürgerung – obwohl gegen den Mann weder ermittelt wird, noch gibt es juristische Bedenken.

Dänemarks harte Migrationspolitik, von Bundeskanzler Friedrich Merz gern als Vorbild gelobt, nimmt immer klarer Abschied von der Verpflichtung zur Wahrung der Menschenrechte. In dieser Woche hat der zuständige Ausschuss im Kopenhagener Parlament die Einbürgerung eines aus Pakistan eingewanderten Imams annulliert, nachdem eine Islam-Kritikerin auf Facebook dem Betroffenen „islamische Indoktrinierung“ vorgeworfen hatte. Das Ausländer- und Integrationsministerium hatte zuvor amtlich die Erfüllung aller Bedingungen für die dänische Staatsbürgerschaft bestätigt und den Mann auf die öffentlich einsehbare Liste aller Einbürgerungen gesetzt. Es gab und gibt kein Strafverfahren oder polizeiliche Ermittlungen gegen den Bewerber.

„Sieg!“, bejubelte der rechtspopulistische Ausschussvorsitzende Mikkel Bjørn von der Dansk Folkeparti (DF) den rein politisch, per Abstimmung und ohne Begründung, beschlossenen Ausschluss des islamischen Gelehrten von vollen Bürgerrechten. Seine Partei verlangt den Ausstieg aus der Europäischen Menschenrechtskonvention und will sämtliche Einbürgerungen stoppen, weil angeblich „zu viele“ Bewerber aus muslimischen Ländern kommen.

„Es ist Wildwest und ein historischer Durchbruch zum Abbau des Rechtsstaates, wenn einem Bürger die Staatsbürgerschaft allein aufgrund der Gesinnung verweigert wird“, meint dagegen Peder Hvelplund von der linken Enhedslisten zu der Entscheidung. Jonas Christoffersen, Anwalt des Imams und bis 2020 Chef des dänischen Instituts für Menschenrechte, sagte der FR zur Behandlung seines Klienten: „Man hat vollkommen willkürlich einen moderaten, modernen Muslim herausgefischt.“

Entscheidend im Ausschuss waren die Stimmen der regierenden Sozialdemokratie. Deren Ausländerminister Kaare Dybvad Bek hatte kurz vor einem Amtswechsel noch juristisch pflichtbewusst gewarnt, dass bei einer Annullierung „ein hohes Prozessrisiko“ vor dem Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg bestehe. Das focht seinen Parteifreund Anders Kronborg beim Paarlauf mit den Rechtspopulisten im Ausschuss nicht an: „Nach unserer Verfassung entscheiden wir hier über die Staatsbürgerschaft.“ Punkt.

Damit setzt die Partei von Ministerpräsidentin Mette Frederiksen ihren Paarlauf mit den Rechten fort. Die Sozialdemokraten fanden es vorher schon in Ordnung, drei muslimische Bewerber um die Staatsbürgerschaft wegen deren Facebook-Posts zu Gesinnungsprüfungen vor den Ausschuss zu laden. Ob sie gegen Homosexualität seien, lautete eine der Fragen. Das Ausländerministerium selbst gilt als treibende Kraft hinter der rückwirkenden Annullierung der dänischen Staatsbürgerschaft einer gebürtigen Hamburgerin nach knapp zwei Jahrzehnten, nachdem sie auf Facebook Verständnis für den mörderischen Hamas-Überfall am 7. Oktober 2023 formuliert hatte (FR berichtete).

Gerade erst wurde ein aus Deutschland vor 17 Jahren an die Universität Aarhus gewechselter Professor nicht eingebürgert, weil er Dänemark durch die Teilnahme an Wissenschaftstreffen im Ausland zu oft verlassen habe. Verhindert werden sollen mit so bizarren Regeln Einbürgerungen von Menschen aus „nichtwestlichen“, sprich muslimischen Ländern. Nur dass man eben offiziell keine unterschiedlichen Regeln qua Herkunft oder Religion machen kann.

Noch nicht. Vor ein paar Wochen kündigte Frederiksen einen Wahlkampf um die „konsequenteste Ausländerpolitik“ an. An die Spitze des Ausländerministeriums setzte sie mit Rasmund Stoklund den härtesten Migrationspolitiker ihrer Partei. Er hat eine Kampfschrift gegen „aktivistische Richter“ am Straßburger Gerichtshof für Menschenrechte im Gepäck und soll garantieren, dass die Sozialdemokraten von den Rechtspopulisten nie rechts überholt werden können.

Zum sehnsüchtigen Blick auch aus der SPD nach Kopenhagen gehört das Narrativ, mit der harten Linie gegen Migration habe man Rechtsaußen-Parteien à la AfD wieder klein gemacht. Doch das ist höchstens mit Einschränkungen wahr. Gerade schießt die rechtspopulistische DF, bei den Wahlen 2022 tatsächlich von einst über 20 auf 2,6 Prozent abgestürzt, mit jetzt 12 Prozent kräftig und anhaltend nach oben. Für die Sozialdemokratie dagegen ging es in Umfragen zuletzt von 27 Richtung 20 Prozent in die andere Richtung.

Friedensnobelpreis an Trump-Bewunderin Machado

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Maria Corina Machado erhält Friedensnobelpreis für Einsatz

11.10.2025

Von: Thomas Borchert

Donald Trumps hysterisch laut in alle Welt posaunten Anspruch auf den Friedensnobelpreis hat das Osloer Komitee wie zu erwarten ignoriert. Erst mal jedenfalls. Statt des mächtigsten Mannes der Welt im Weißen Haus zeichnete die Jury mit Maria Corina Machado für 2025 eine Südamerikanerin ohne derzeit festen Wohnsitz mit dem „Preis aller Preise“ aus. Die 58-jährige Oppositionschefin im autoritär regierten Venezuela muss im Gefolge der von ihrer Seite gewonnenen, aber vom Maduro-Regime brutal gekippten Wahlen 2024 um ihr Leben fürchten und lebt seit einem Jahr im Untergrund und wohl auch teilweise im Exil.

„Sie bekommt den Friedensnobelpreis für ihren unermüdlichen Einsatz zur Durchsetzung demokratischer Rechte für die Menschen in Venezuela und ihren Kampf zur Durchsetzung eines gerechten und friedlichen Übergangs von der Diktatur zur Demokratie“, verkündete Komitee-Sprecher Jørgen Waten Frydnes.

„Demokratie ist eine Voraussetzung für dauerhaften Frieden“, fügte er im Osloer Nobel- Institut für alle an, die Machados Kampf um Menschenrechte im eigenen Land nicht unbedingt in Einklang sehen mit dem testamentarischen Willen des Preisstifters Alfred Nobel. Der hatte 1885 bestimmt, der Friedenspreis solle an den- oder diejenige gehen, die „am meisten oder am besten für die Verbrüderung der Völker gewirkt hat, für die Abschaffung oder Verminderung der stehenden Heere sowie für die Bildung und Verbreitung von Friedenskongressen.“

Längst hat das Nobelkomitee die altertümliche Bestimmung mit häufigen Preisen für den Kampf um Menschenrechte und Demokratie „modernisiert“, zuletzt 2023 für die iranische Frauenrechtlerin Narges Mohammadi. Das schmeckt auch in Norwegen keineswegs allen.

Hochdramatisch verschaffte die Einigung auf eine Gaza-Waffenruhe einen Tag vor der Verkündung in Oslo dieser Kritik vor allem durch die Brille des preissüchtigen Vermittlers Trump Aktualität. Scharf war denn auch die Kritik aus Washington: Das Osloer Komitee habe leider bewiesen, dass es „Politik über Frieden stellt“, tadelte ein Trump-Sprecher, nicht ohne noch mal seinen Chef zu loben, der „das Herz eines Humanisten“ habe. Etwas anders fiel die erste Reaktion von Machado aus, als das Komitee sie Minuten vor der Verkündigung in ihrem Versteck kurz vor fünf Uhr morgens aus dem Bett geklingelt hatte. „Dies ist doch eine Bewegung, Ich bin nur eine Person, ich verdiene das eigentlich nicht“, sagte die Preisträgerin.

An Trumps Schatten über der Bekanntgabe in Oslo änderte auch nichts, dass sich die Jury auf Formalia berief: Man habe die Entscheidung schon vor der Einigung zwischen Israels Regierung und der Hamas getroffen. Auch werde die Nominierungsliste immer am 31. Januar geschlossen, folglich gehe es in aller Regel um Leistungen aus dem Vorjahr. Leicht qequält klang, wie der neue Komitee-Vorsitzende Frydnes dann doch Trumps Erfolg zu Gaza kommentierte: „Jeder Fortschritt für den Frieden ist willkommen.“

Die Begründung für die Vergabe an Machado liest sich wie eine kaum verhüllte Erklärung, warum Donald Trump auch 2026 wohl kaum der Preisträger sein dürfte: „Wir sehen global dieselben Trends: Rechtsstaatlichkeit wird von den Machthabenden ausgehebelt, freie Medien zum Schweigen gebracht, kritische Stimmen in Haft gesetzt und Gesellschaften in Richtung Autoritarismus und Militarisierung getrieben.“ Zu allen Punkten sind schnell Beispiele aus den USA bei der Hand.

Dazu will nicht recht passen, dass die Preisträgerin begeistert die von Trump angeordnete Bombardierung eines venezolanischen Schiffes mit elf vermuteten Drogendealern an Bord begrüßt hat. Mehr Militarisierung geht nicht. Laut dem britischem Independent sagte sie: „Ich unterstütze seine Strategie total. Es ist genau das Richtige, mutig und visionär.“ Um am Freitag noch hinzuzufügen: „Ich widme diesen Preis dem leidenden Volk Venezuelas und Präsident Trump für seine entschlossene Unterstützung unserer Angelegenheit“.

Mette Frederiksen: Knallhart und gern superpopulistisch

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Mette Frederiksen will Dänemark nach Drohnen-Chaos aufrüsten

29.09.2025

Thomas Borchert

Mit maximaler Aufrüstung und Kriegsrhetorik gibt sich Dänemarks Ministerpräsidentin Mette Frederiksen nach einer Reihe von Drohnenvorfällen im Land robuster denn je – ein Porträt.

Kopenhagen – Peinlich, kurz vor dem Kopenhagener EU-Gipfel hat Gastgeberin Mette Frederiksen Erinnerungen an einen Märchenklassiker ihres Landsmanns Hans Christian Andersen geweckt. Wie in „Des Kaisers neue Kleider“ steht Dänemarks Regierungschefin ziemlich blank da, seit weder ihr Militär, noch Polizei oder Geheimdienste auch nur das Geringste gegen ein paar eindeutig in feindlicher Absicht über Kopenhagens Flugplatz Kastrup kreuzende Drohnen ausrichten konnten.

Genau da, wo in dieser Woche die Sonderflüge mit Passagieren namens Merz, Macron, von der Leyen etc. landen und wieder starten sollen, brachte der sonst hochmodern durchdigitalisierte dänische Staatsapparat null Daten über Herkunft, Flugweg oder sonst Vorzeigbares zustande. Die Drohnen konnten genauso unbehelligt und unerkannt wieder verschwinden wie zwei Tage später die über dem Militärflugplatz Skydstrup, wo das Nato-Mitglied Dänemark seine kostbaren F-35-Kampfjets parkt.

Dänemark sich soll mit Raketen und „Paradigmenwechsel“ wappnen

Am Sonntag dankte Verteidigungsminister Troels Lund Poulsen artig dem Nato-Verbündeten Deutschland für die versprochene Nachbarschaftshilfe bei der Drohnenabwehr während des EU-Gipfels: „Gemeinsam sind wir stärker.“ In anderer Tonlage, mit aggressiver Kriegsrhetorik hatte seine Chefin Frederiksen wenige Tage vorher sechs Millionen Landsleuten erklärt, warum sich das kleine Dänemark Präzisionsraketen mit großer Reichweite zulegen müsse. Was auch andere Nato-Staaten schon getan haben. 

Frederiksen legte noch einen drauf und betonte den „offensiven“ Charakter der Waffen als „Paradigmenwechsel“ dänischer Politik gegenüber Russland. Dessen Botschafter Wladimir Barbin reagierte scharf. Niemand habe bisher eine Atommacht direkt bedroht: „Diese Aussagen werden nicht unbeachtet bleiben.“ Ein paar Tage später legten zwei oder drei Drohnen vier Stunden lang Kopenhagens Flughafen lahm. 

Frederiksen inszenierte sich nach der Drohnen-Blamage als einzig kompetente Lenkerin

Ob sie nun dem Kreml zuzuordnen sind oder, wie im Fall der Nordstream-Sabotage, am Ende ganz anderen Akteuren, bleibt offen. Frederiksen inszenierte sich auch nach der Drohnen-Blamage unbeirrt als einzig kompetente Lenkerin gegen die russische Bedrohung. Ihre TV-Rede klang fast schon nach kurz bevorstehender Kriegserklärung, wie einst bei Churchill. Man stehe erst am Anfang einer womöglich finsteren Entwicklung. „Jetzt ist nicht die Zeit für schnelle Stellungnahmen, politische Besserwisserei oder Misstrauenserklärungen an Behörden und Polizei“, ermahnte Frederiksen die heimischen Parteien.

Sie scheint selbst fest an ihren maximal finsteren Blick in die Zukunft zu glauben. Klar, was nun auch für die eigenen Führungsqualitäten gelten muss: „Wie immer in schweren Krisen gibt es das Risiko, dass man Fehler macht.“ 

Frederiksens superpopulistische Aufforderung an Dänemark: „Kauft, kauft, kauft“ 

Nicht von ungefähr klingt dieses „man“ in immer mehr dänischen Ohren ein bisschen sehr nach Pluralis Majestatis sowie Belehrung einer Kinderschar. Hatte doch die Sozialdemokratin mit genau derselben Rhetorik ihr im Grundsatz erfolgreiches, aber auch extrem umstrittenes Corona-Management mit massiven Gesetzesbrüchen eingerahmt. Dänemarks Wählerschaft hat ihrer Regierungschefin auch nicht vergessen, dass sie 2023 einen Feiertag im schönsten Frühling streichen ließ, weil angeblich nur so die Staatskasse für Ukraine-Hilfe und Aufrüstung gegen Russland zu füllen sei. Seitdem erweist sie sich laut immer neuen Rekordmeldungen aus dem Finanzministerium als so prall gefüllt, dass Frederiksens Regierung mit Wahlen 2026 ein Wahlgeschenk nach dem anderen verteilt. 

Die Umfragezahlen sinken trotzdem bedenklich, was die Regierungschefin nicht an ihrer Linie als knallharter Falke an der Seite der Ukraine und für maximale Aufrüstung zweifeln lässt. Im Gegenteil, wie die Kopenhagener Zeitung „Information“ kommentiert: „Der Regierungsentscheid für den Kauf weitreichender Angriffsraketen ist wohl eine rhetorische Wählermobilisierung vor der bevorstehenden Folketingswahl“. Frederiksens superpopulistische Aufforderung „Kauft, kauft, kauft“ an die auch in Dänemark kauflustige militärische Führung bekommen so wohl nur die wenigsten Regierungschefs und -chefinnen hin.

Trumps Griff nach Grönland bringt Kopenhagener Entschuldigung für kolonialistische Übergriffe

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„Im Namen Dänemarks“: Ministerpräsidentin entschuldigt sich in Grönland für Zwangsverhütungen

25.9.25

Von: Thomas Borchert

Regierungschefin Frederiksen zeigt Reue im Fall Tausender Spiral-Eingriffe bei jungen Grönländerinnen. Und ausgerechnet US-Präsident Donald Trump beschleunigt die Aussöhnung. 

Welch rasante Kehrtwenden doch Donald Trump mit noch so bizarr und brutal in den Ring geworfenen „Ideen“ auslösen kann: Dänemarks Regierungschefin Mette Frederiksen hat einen 3500 Kilometer langen Bußgang bzw. -flug hinter sich gebracht, um am Mittwoch in der grönländischen Hauptstadt Nuuk feierlich Abbitte für kolonialistische Übergriffe auf der Polarinsel zu leisten: In den 60er und 70er Jahren hatte medizinisches Personal aus Dänemark mehr als 4000 Frauen dort meist ohne deren Einverständnis oder auch Wissen, zum Teil noch im frühen Teenageralter, Spiralen eingesetzt, um aus Behördensicht „unerwünschte Schwangerschaften“ zu verhindern.

Niemand in Nuuk und auch in Kopenhagen hat Zweifel daran, dass Frederiksens Entschuldigung jetzt, garniert mit Geld-Zusagen für einen „Versöhnungsfonds“, gekommen ist, weil sich der US-Präsident Grönland einverleiben will. 

Eingriffe lange Tabu

Trump führt als Grund unter anderem an, dass Dänemark, über 300 Jahre Kolonialmacht und inzwischen mit dem teilautonomen Grönland in einer „Reichsgemeinschaft“ verbunden, die 57 000 Menschen dort sehr schlecht behandele. Dazu passte in der Tat die 2024 eingereichte Klage von 143 betroffenen Frauen gegen den dänischen Staat, nachdem die Spiral-Eingriffe erst ein paar Jahre vorher ins öffentliche Bewusstsein gerückt worden war. Aus grönländischer Sicht geht es keineswegs nur um verletzte Gefühle und gesundheitliche Dauerschäden. „Völkermord“ nannte Grönlands damals amtierender Regierungschef Múte Egede die dänische Spiralkampagne vor laufender Kamera, weil die Geburtenrate auf der größten, aber äußerst dünn besiedelten Insel der Welt über ein Jahrzehnt drastisch gesenkt worden war. 

Der „Völkermord“-Vorwurf kam nicht gut an. Sieht man sich doch hier nach wie vor als die gute Version des Kolonialismus, vom Beginn 1721 bis zur postkolonialen Phase heute. Knapp die Hälfte des grönländischen Staatshaushalts (insgesamt umgerechnet 600 Millionen Euro) kommt ja als Zuschuss aus Kopenhagen. Die sozialen Probleme – hohe Selbstmordrate, durch Alkohol und Gewalt gesprengte Familien sowie sexuelle Übergriffen auf junge Mädchen – seien doch eine zumindest verständliche Erklärung für die Spiralkampagne, giftet nach wie vor ein ehemaliger dänischer Grönland-Minister. Regierungschefin Mette Frederiksen reagierte zunächst hinhaltend: Sie wollte eine Kommission einsetzen, die in Ruhe mögliche Hintergründe für ein gestörtes Verhältnis aufarbeiten sollte. In Ruhe könne man auch über das Streben nach völliger Unabhängigkeit sprechen. 

Aktueller Fall bewegt

Seit Trump Anfang des Jahres erklärte, er wolle Grönland „haben“, notfalls auch mit militärischer Gewalt, ist naturgemäß Schluss mit der Ruhe. Wie imperiale Eroberer ließ Trump erst seinen Sohn Donald Jr. und dann Vizepräsident JD Vance auf der Insel landen. Parallel zur klaren Abweisung des Abtretungsanspruchs aus Washington änderte Kopenhagen den Ton markant. Vorher wäre undenkbar gewesen, was die Ministerpräsidentin nach den Sommerferien verkündet hat: „Im Namen Dänemarks habe ich eine Entschuldigung an die berührten Frauen in der Spiral-Angelegenheit ausgesprochen. Sowie auch für das sonstige Versagen, für das Dänemark die Verantwortung trägt, indem Grönländer:innen anders und schlechter behandelt worden sind als andere Bürger:innen im Königreich.“ Nach einem so reuigen Kniefall für nationale Fehlleistungen muss man in dänischen Geschichtsbüchern relativ lange suchen.

Was damit gemeint sein könnte und offenbar nach wie vor gilt, zeigt ein aktueller Fall: Der in Dänemark lebenden Grönländerin Ivana Brønlund nahmen die Behörden wenige Stunden nach der Geburt Mitte August die Tochter weg und gaben sie gegen den Willen der Mutter an eine Pflegefamilie weiter. Die 18-Jährige hatte vorher einen „Elternkompetenztest“ nicht bestanden, der für dänische, nicht aber grönländische Testpersonen angelegt war. Nach öffentlicher Schelte auch von der Kopenhagener Fachministerin ist die „Inobhutnahme“ diese Woche revidiert worden. Ivana Brønlund hat nach zwei Monaten ihre Tochter wieder. 

In Norwegen gewinnen Sozialdemokraten und Rechtspopulisten

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Norwegen: Sieg der Sozialdemokratie

Stand: 10.09.2025

Von: Thomas Borchert

Nach der Parlamentswahl feiert Norwegens Arbeiterpartei – aber auch die Rechten legen zu.

In der leidgeprüften Berliner SPD-Zentrale wird die Botschaft aus Oslo sicher aufgesogen wie süßer Honig: „Seht her! Für die Sozialdemokratie sind Wahlsiege möglich, auch in einer Zeit, in der die Rechte nach vorn marschiert.“ Jonas Gahr Støre, Norwegens bisheriger und nach einem atemberaubenden Comeback auch künftiger Regierungschef, schleuderte vor der Siegerrede erst mal seinen gewaltigen Strauß roter Rosen Richtung tobende Anhängerschaft im „Folkets Hus“. Als sei er die Hauptperson bei der tollsten Traumhochzeit aller Zeiten. Der 65-Jährige erinnerte daran, dass er mit seiner Arbeiterpartei (AP) noch Anfang des Jahres bei 14 Prozent gelegen habe. Sie war als hoffnungsloser Fall abgeschrieben. Der Spitzenmann überlebte bei konstant trostlosen Popularitätswerten nur mit Mühe einen internen Putsch.

Wie man sich irren kann. Nach 28,2 Prozent bei der Parlamentswahl ist die AP größte Partei. Støre verfügt jetzt im neuen „Storting“ (Parlament) mit vier Fraktionen aus dem Mitte-links-Lager über eine sichere, aber nicht prangende Mehrheit von 87 Mandaten. Die Rechte hat 82. Støre will aber an der Spitze einer Minderheitsregierung ohne Koalitionspartner weitermachen und Mehrheiten von Fall zu Fall zusammenbauen. Für die 4,1 Millionen Stimmberechtigten im Land gigantischen Reichtums dank Gas und Öl ist das nichts Besonderes.

Die Mehrheit von ihnen (78,9 Prozent Wahlbeteiligung) hat neben der AP in bemerkenswerter Weise auch kleinere linke Parteien gestärkt und so die Mitte-links-Mehrheit gesichert. So kamen neben den etablierten Linkssozialisten (SV) auch erstmals die Grünen (MDG) und die Roten (Rødt) über die Vier-Prozent-Hürde. Zusammen macht das 15,5 Prozent. Alle drei haben im Wahlkampf offensiv die Forderung an Støre nach härteren norwegischen Sanktionen wegen Israels Vorgehen in Gaza gestellt, das sie als Völkermord bezeichnen. Der alte und wohl auch neue Regierungschef zählt zu den wichtigsten Leistungen seiner Regierung, dass Norwegen als eins der ersten Länder in Europa Palästina staatlich anerkannt hat.

Die Rechten jubeln

Trotz aller – zu Gaza mitunter bizarr wirkenden – Jubelgesänge in der Wahlnacht über die Mehrheit im neuen Parlament: Auch an Norwegen ist der globale Vormarsch der Rechten natürlich nicht vorbeigegangen. Die rechtspopulistische Fortschrittspartei (FrP) konnte ihre Stimmenzahl von 11,6 Prozent (2021) auf 23,9 Prozent mehr als verdoppeln. Sie ist die heimliche Siegerin dieser Wahl, nur dass sie das Ergebnis nicht in Regierungsmacht ummünzen kann. Die neue Königin des Bürgerblocks, Spitzenkandidatin Sylvi Listhaug, hat die konservative Ex-Ministerpräsidentin Erna Solberg entthront. Deren Partei Høyre fiel von 20,3 auf 14,6 Prozent – eine krachende Niederlage für das konsensorienterte Mitte-rechts gegen Listhaugs Rechtsaußen. „Man wird merken, dass wir jetzt die Opposition führen. Und 2029 werden wir es sein, die die Arbeiterpartei ablöst“, verkündet die 47-jährige Listhaug selbstbewusst.

Als Ministerin unter Solberg war Listhaug schon mal zum Rücktritt gezwungen. Sie hatte gegen die Sozialdemokratie gehetzt wegen deren angeblicher Sympathien für Terroristen. Inzwischen praktiziert sie eine eher milde Form von Rechtspopulismus. Auch vom sozialdemokratischen Lager wird sie als Teil des respektablen politischen Mainstreams gesehen. Begeistert verfolgten die Sozialdemokraten, wie sich Listhaug mit der Konservativen Solberg, beide traten vereint im Rechts-Bündnis an, wenige Tage vor der Wahl öffentlich einen Krieg lieferte. Beide formulierten ihren Anspruch auf das Spitzenamt in der Regierung.

Erfahrener Fährmann

Das gelang ihm jetzt auch wieder – als Finanzminister in unruhigen Zeiten. Die Preise stiegen sprunghaft, vor allem beim Strom, mit dem in dem kalten nordischen Land die meisten Menschen heizen. Das gepaart mit globalen Phänomenen wie Donald Trump und Kriegen wie in der Ukraine brachten den Sieg. Die Menschen vertrauen dem erfahrenen Fährmann Stoltenberg an der Seite seines politischen Dauergefährten Jonas Gahr Støre mehr als einer vielleicht doch nicht so zuverlässig milden Listhaug an der Regierungsspitze.

Bei Støres Siegesrede stand Stoltenberg, der Finanzminister bleiben will, unauffällig im Publikum und strahlte wie ein Honigkuchenpferd. Auch beim letzten Satz des Gefährten: „Es ist eine Sache, gewählt zu werden. Aber eine ganz andere, wiedergewählt zu werden“.

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US-Infiltration in Grönland enthüllt: Dänemark schlägt Alarm

28.08.2025

Von: Thomas Borchert

Nach ruhiger Phase: Ein Bericht enthüllt versteckte US-Aktivitäten in Grönland. Dänemark hat den US-Diplomaten einbestellt. Die Lage wirkt angespannt.

Nuuk – Der dänische Außenminister Lars Løkke Rasmussen hat gegenüber der US-Vertretung angeordnet, was normalerweise diplomatischen Vertretungen von „Schurkenstaaten“ wie Iran vorbehalten ist: Er ließ den zuständigen Chargé d’Affaires der Kopenhagener US-Botschaft einbestellen.

Hintergrund ist eine Enthüllung des öffentlich-rechtlichen Senders Danmarks Radio, wonach die Trump-Regierung in Grönland geheime Beeinflussungskampagnen betreibt und versucht, das Land zu infiltrieren. Für die Enthüllung bedankte sich Rasmussen ausdrücklich bei den Verantwortlichen: „Das verhilft uns zur nötigen Robustheit, weil wir wissen, wogegen wir uns hier womöglich stellen müssen.“

Lobbyismus gegen Dänemark: Männer mit Verbindung zur Trump-Regierung forcieren US-Bewegung in Grönland

Laut dem dänischen Sender haben „mindestens drei Männer mit direkten Verbindungen zur Trump-Administration“ in der Hauptstadt Nuuk unter anderem Namenslisten für eine US-freundliche Bewegung zur Lösung vom Königreich Dänemark erstellt. Beweise für offizielle Washingtoner Aufträge hat der Sender allerdings nicht vorgelegt. Die Männer hätten auch auf anderer Ebene daran gearbeitet, „das Verhältnis zu Dänemark von innen zu unterminieren und die Bevölkerung so zum Anschluss an die USA zu bringen“.

Der Bericht, weitgehend bestätigt vom dänischen Geheimdienst PET, ist ein Weckruf, nachdem es in den letzten Monaten recht still um die ungeheuerliche Ankündigung Donald Trumps geworden war, er werde die größte Insel der Welt den USA einverleiben. Eine Insel, auf der gerade mal 57.000 Menschen leben, die aber von großer militärstrategischer Bedeutung ist und zudem reich an Bodenschätzen. Ausschließen will Trump nicht einmal einen Militäreinsatz gegen den Nato-Verbündeten Dänemark, der mit dem teilautonomen Grönland als frühere Kolonialmacht in einer „Reichsgemeinschaft“ verbunden ist.

Nach dem Theaterdonner mit Trumps Invasionsdrohung und zwei Grönland-Visiten im Stil imperialer Eroberer, erst von Donald Trump Jr., dann von Vizepräsident JD Vance, wird jetzt offenbar hinter den Kulissen an den Annexionsplänen gearbeitet. Im Mai hatte das Wall Street Journal bereits von einer Anweisung an den US-Auslandsgeheimdienst CIA berichtet, Spionageaktivitäten in Grönland zu intensivieren.

Sipri: Künstliche Intelligenz erhöht nukleare Kriegsrisiken

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KI und Militär: „Die menschliche Kontrolle ist entscheidend“

10.07.2025

Von: Thomas Borchert

Forscher Jules Palayer über die nicht wenigen Nachteile militärischer künstlicher Intelligenz – und ihre unerwarteten Vorteile. Ein Interview.

Das Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri warnt in seinem neuen Jahrbuch vor einem Wettrüsten der neun Atommächte durch Modernisierung ihrer Arsenale. Dazu gehöre auch ein „höheres Risiko für nukleare Konflikte“ durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI): Sie verkürze unter anderem den Zeitraum bis zur nicht umkehrbaren Entscheidung markant. Im FR-Interview gibt der Sipri-Experte Jules Palayer Auskunft über weitere Risiken.

Herr Palayer, was ist das größte Risiko durch militärische KI, wenn sie für den Einsatz von Atomwaffen verwendet wird?

Wenn es um KI und Atomwaffen geht, hat man sie typischerweise in der nuklearen Kommando- und Kontrollstruktur, also in all den Systemen, die vor dem möglichen Einsatz einer Atomwaffe verwendet werden. Die Aufrechterhaltung der menschlichen Kontrolle über alle Prozesse, die mit dem Einsatz von Gewalt verbunden sind, ist das Wichtigste. Dies kann Atomwaffen am äußersten Ende des Spektrums betreffen, aber auch früher bei der Eskalation eines Konflikts zu einem Krieg oder einer Krise. Wenn wir auf die Geschichte zurückblicken, gibt es viele Momente, in denen es das menschliche Urteil und nicht ein System oder eine Technologie war, die einen Krieg oder eine Katastrophe verhinderte. In Wirklichkeit kann keine Maschine die moralischen und strategischen Implikationen, auch nicht beim Einsatz von Atomwaffen, verstehen. Kontrolle bedeutet nicht nur, ein System zu überwachen: Es geht nicht nur darum, einen Menschen einen Entscheidungsstempel für eine Maschinenentscheidung setzen zu lassen. Es geht um Dinge wie die Kontrolle über das Systemdesign und darüber, wie der Mensch mit diesem System interagiert. Das schließt auch ein, sicherzustellen, dass Menschen die Fähigkeit haben, Eingriffe vorzunehmen, Entscheidungen zu überschreiben, zu verstehen und KI-Entscheidungen zu bewerten.

Zur Person

Jules Palayer arbeitet am Stockholmer Friedensforschungsinstitut (Sipri) zu dem Einfluss von künstlicher Intelligenz (KI) vor allem auf das Gebaren von Regierungsinstitutionen. Er hat in London studiert und in Leiden gelehrt. FR (Sipri)

Kann nicht KI mit der riesigen Menge an Daten, die gesammelt und verarbeitet werden, auch die Chance erhöhen, nukleare Angriffe zu verhindern, weil deren Gefahren schneller und früher erkannt werden?

Absolut. Wie alle Technologien bringt militärische KI sowohl Vorteile als auch technische Einschränkungen mit sich. Es ist manchmal eine sehr fragile Technologie, die zu unerwarteten Ergebnissen in sehr einfachen Situationen führt. Der Einsatz von militärischer KI kann zu dem führen, was als Automatisierungs-Bias beim Operateur bezeichnet wird. Das bedeutet im Wesentlichen, dass man den Ergebnissen vertraut und aufhört, zu hinterfragen, ob die Ausgabe legitim ist oder nicht. Für eine Eskalation wichtig sein könnte außerdem, dass diese Systeme anfällig für Cyberangriffe sind. KI wird auch zunehmend in sogenannten Entscheidungshilfesystemen eingesetzt. In diesen Systemen kann es zu Fehlern kommen. Im Alltag helfen sie uns dabei, den besten Podcast auszuwählen, den besten Film zu finden und so weiter. Sie schlagen zum Beispiel die beste Reiseroute basierend auf Verkehrsstörungen vor. Wir sind mit diesen Systemen vertraut, und wir kennen auch die Fehler dieser Systeme. Jeder weiß, dass Google Maps manchmal versagt und nicht die besten Routen vorschlägt.

Gibt es Erkenntnisse, dass KI aggressivere militärische Entscheidungen empfiehlt oder trifft als Menschen?

Eine Studie hat untersucht, wie große Sprachmodelle in Eskalationsszenarien reagieren, und festgestellt, dass sie dazu tendieren, eskalierende Ergebnisse zu nutzen. Das ist etwas, das weiter erforscht werden muss. Was wir andererseits mit Sicherheit wissen, wenn es um militärische KI und Atomwaffen geht, und das ist eine wichtige Sache, ist, dass die neun Staaten, die Atomwaffen besitzen – die USA, Russland, China, Indien, Pakistan, Nordkorea, Israel, Großbritannien und Frankreich – anscheinend nicht die Entscheidung, Atomwaffen einzusetzen, an ein KI-System delegieren wollen.

Kann man diesen Zusicherungen vertrauen?

Das erste, was man sagen muss: Rüstungskontrolle ist heutzutage nicht mehr in Mode, und wir haben viele Beispiele dafür. Strategische Abrüstungsabkommen zwischen den USA und Russland laufen ab, und es gibt wenig Hoffnung, dass sie erneuert werden. Wir hören auch immer mehr aggressive Rhetorik rund um den Einsatz von Atomwaffen. Zum Beispiel in der Indien-Pakistan-Krise im Mai letzten Jahres, in der Operation Spiderweb, bei der die Ukraine russische strategische Bomber tief in Russland ins Visier nahm, und sogar bei den jüngsten Angriffen auf iranische Atomanlagen. Sie zeigen, dass es viele Krisenmomente gibt, in denen Fehleinschätzungen, Missverständnisse oder technische Fehler katastrophal sein könnten.

Was könnte getan werden, um ein Wettrüsten um die mächtigste militärische KI für den Einsatz von Atomwaffen zu verhindern?

Wichtig ist, wie wir tatsächlich die menschliche Kontrolle definieren, was die roten Linien sind. Da gibt es noch viel Arbeit zu tun. Aber auch wenn Rüstungskontrolle momentan nicht „in“ ist, laufen dennoch Gespräche zu diesem Thema. Darauf müssen wir aufbauen. Staaten müssen ein gegenseitiges Verständnis für diese Fragen entwickeln, um eine Eskalation zu verhindern.