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Kommentar in Jyllands-Posten: Deportation aller Muslime als dänischer Wahlkampf-Hit

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(Als einer von 7  “Wahlbeobachtern” für die Zeitung hab ich diesen Kommentar geschrieben. Dies ist die Übersetzung. Erschienen am 10.Mai 2019).

Schaudern in Deutschland: Passiert das wirklich im freundlichen Dänemark?

Wahlbeobachter: Stellt euch vor, da kandidiert jemand ungehindert mit der Forderung nach Deportation aller Juden für das Folketing

Von Thomas Borchert

Der Kandidat Rasmus Paludan Foto: Philip Davali/Ritzau Scanpix

Wie erklärt man deutschen Lesern den dänischen Wahlkampf? Was ist da so ganz anders? Mein erster Anlauf für die „Frankfurter Rundschau“ ist nach einem Fehlstart etwas holprig ausgefallen. Genau eine Stunde vor Lars Løkkes Ausrufung der Wahl war der Artikel über die Zulassung der Paludan-Partei fertig und gemailt. Für meine Landsleute südlich der Grenze schien das auch ohne feststehendes Wahldatum hochinteressant: Dass jemand mit der Forderung nach Deportation aller Muslime, dem Verbot ihrer Religion und der Ankündigung vom „Blut der fremden Feinde in den Kloaken“ ungehindert antreten kann und laut Umfragen Chancen hat.

Auch beschrieb ich, selbst überrascht, dass die staatstragenden Parteien Venstre und Sozialdemokratie über eine möglichen Zusammenarbeit mit solchen Kräften erst nach der Wahl Stellung wollten. Naser Khader von den Konservativen verkündete im Radio, man müsse einfach abwarten, ob denn diese neue Partei im Folketing für den blauen oder den roten Block stimmen werde. Für deutsche Leser klingt das nach den unglücklichen Erfahrungen mit einem zuerst auch von niemandem so recht ernstgenommenen Landsmann bizarr: So etwas im freundlichen Dänemark?

Dann kam die Nachricht vom Wahldatum 5. Juni. Lars Løkke zog jetzt zu Paludan genau die Parallele, die sich jedem mit ein bisschen Geschichtskenntnis aufdrängt: „Sidst man hørte om sådan nogle tanker, hvor der var en bestemt religion, der skulle trykkes ud, og folk, der skulle deporteres, det var dengang i mellemkrigstiden og i 2. verdenskrig.“ Das hab ich in aller Eile nachträglich (sowie froh!) in den Artikel eingefügt und die Sätze über das atemberaubende Schweigen von Venstre und Sozialdemokraten gestrichen.

Leider war weder Platz noch Zeit war für das Kleingedruckte mit Fragezeichen dahinter. Wie glaubwürdig klingt dieser Ausschluss der Zusammenarbeit mit Paludan eigentlich in den Ohren dänischer Wähler? Løkke polterte in der ersten partilederdebat, er könne sein „Regierungsprojekt“ nicht von den „Nye Borgerlige“ abhängig machen, wenn die ultimativ den Austritt Dänemarks aus internationalen Konventionen verlangen. Die Wähler wissen aber ganz genau, dass Venstre seine Ministerposten schon lange bereitwillig von der Dansk Folkeparti (DF) abhängig gemacht hat und dies auch liebend gern weiter tun würde. Kristian Thulesen Dahl sagt in seinen Wahlkampf mehrfach täglich, dass für DF der Austritt aus der Menschenrechts- und der Flüchtlingskonvention ganz oben auf der To-Do-Liste steht. Von der neuen Konkurrenz noch schärfer rechts unterscheidet ihn hier einzig das Wörtchen „ultimativ“.

Løkke hat Pernille Vermund inzwischen schon gelobt, weil sie sich „moderiert“ habe, und das kann bei Bedarf wohl auch ein Paludan liefern. Der ziemlich hoffnungslos hinten liegende Amtsinhaber weiß ja ganz genau, dass er sein „Regierungsprojekt“ allenfalls mit DF plus diesen beiden beim maximalen Ausreizen des „Ausländerthemas“ retten könnte. Wie weit wird er das treiben? Vom Rednerpult im Folketing verkündete Løkke schon mal, er strebe „Steuersenkungen für hart arbeitende Dänen mit kleinen Einkommen“ an, während „andere das Geld lieber für arbeitslose Ausländer anwenden“. Das hör ich auch als hier lebender Ausländer mit Interesse, vor allem aber mit Schaudern und wünsche allen Dänen einen guten Wahlkampf. Den mit den kleinen sowie mittleren Einkommen und warum auch nicht den mit den hohen.

Valgobservatør: Thomas Borchert, (f. 1952) tysk korrespondent, bosat i København, på Falster og en smule i Berlin. Han skriver for Frankfurter Rundschau og er forfatter til en bog med titlen ”Gebrauchsanweisung für Dänemark”. Som observatør har han oplevet danske valgkampe siden 1984. Han er mest interesseret i, hvordan der kan blive plads til andre temaer end udlændingepolitik som klima, bolignød, social ulighed og bevarelsen af demokrati i et splittet Europa.

I JP: “Tænk, at nogen med krav om deportation af alle muslimer uhindret kan stille op til Folketinget”

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Dette er en kommentar: Jyllands-Posten har et fast korps af personer, der kommenterer vores samfund. Kommentaren er udtryk for skribentens egen holdning.

Gys i Tyskland: Sker dette virkelig i det venlige Danmark?

Valgobservatør: Tænk, at nogen med krav om deportation af alle muslimer uhindret kan stille op til Folketinget.
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Tyske læsere, med ulykkelige erfaringer med en landsmand, som heller ikke rigtig blev taget alvorlig i starten, måtte jo finde dette bizart: Sker dette virkelig i det venlige Danmark? Foto: Philip Davali/Ritzau Scanpix
Valgobservatørerne

 

Hvordan forklarer man tyske læsere den danske valgkamp? Hvad er det, der er helt anderledes?

Mit første forsøg på at formidle det til Frankfurter Rundschau faldt ikke helt heldigt ud. Præcis en time før Lars Løkke udråbte valget, var min artikel om godkendelse og opstillingsberettigelse af Paludan-partiet færdig og sendt afsted. For mine landsmænd syd for grænsen var det i sig selv også uden valgdato yderst interessant: Tænk, at nogen med krav om deportation af alle muslimer, forbud mod deres religion og opfordring til at lade »de fremmede fjenders blod strømme i kloakkerne« uhindret kan stille op til og ifølge meningsmålinger også har chance for at komme ind i Folketinget!

Jeg beskrev også – og var selv overrasket – at de store statsbærende partier Venstre og Socialdemokratiet ikke ville tage stilling til et muligt samarbejde med sådanne kræfter før efter et valg. Naser Khader fra De Konservative udtalte i radioen, at man jo måtte vente og se, om det nye parti ville støtte den blå eller den røde blok. Tyske læsere, med ulykkelige erfaringer med en landsmand, som heller ikke rigtig blev taget alvorlig i starten, måtte jo finde dette bizart: Sker dette virkelig i det venlige Danmark?

Hvor vidt vil Lars Løkke drive det?

Så kom nyheden om valgdatoen den 5. juni. Lars Løkke drog nu præcis den parallel, som trænger sig på hos enhver med en smule historiekendskab: »Sidst man hørte om sådan nogle tanker, hvor der var en bestemt religion, der skulle trykkes ud, og folk, der skulle deporteres, det var dengang i mellemkrigstiden og i Anden Verdenskrig.« Det fik jeg i al hast efterfølgende føjet ind i artiklen, og sætningerne om den monstrøse tavshed fra Venstre og Socialdemokratiet blev slettet.

Schwedens Zivilgesellschaft zwingt Regierung zur Umkehr

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Schweden

Großvater bekommt schwedische IS-Waisen aus „Höllenlager“ frei

  • von Thomas Borchert

Sieben Waisenkinder getöteter IS-Krieger sollen nach Klärung der Personalien nach Schweden gebracht werden.

Ein beharrlicher Großvater und Proteste der schwedischen Zivilgesellschaft haben sieben Waisenkinder getöteter IS-Krieger aus dem „Höllenlager“ al-Hol in Syrien freibekommen. Die Regierung in Stockholm hatte sich zunächst geweigert, für die Heimführung der Kinder aktiv zu werden. Die allesamt kranken, teils unterernährten und schwer traumatisierten Kinder wurden diese Woche zunächst in der irakischen Stadt Erbil medizinisch untersucht. Sie sollen nach Klärung der Personalien nach Schweden gebracht werden.

Drei von ihnen sind in Syrien zur Welt gekommen, nachdem ihre Mutter Amanda Gonzales und als Vater der auch als Anwerber anderer IS-Kämpfer bekannte und berüchtigte Michael Skråmo 2014 hier als Dschihadisten in den Krieg gezogen waren. Nach dem Tod beider machte der Großvater Patricio Gonzales seine Enkel im Gefangenenlager al-Hol ausfindig. Erst nach breiten Medienberichten und massiven Bürgerprotesten wurden schwedische Diplomaten aktiv. Premier Stefan Löfven erklärte jetzt, man habe hiermit keinen Präzedenzfall geschaffen. Im Lager al-Hol im kurdischen Teil Syriens mit insgesamt 70 000 früheren IS-Kriegern und deren Familien soll es unter den 70 Kindern aus Schweden noch etliche Waisen geben.

Dänischer Wahlkampf: Faschistenpartei tritt an

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Islamfeindlichkeit

Zündstoff für Dänemarks Gesellschaft

  • vonThomas Borchert

Die Rechtsaußenbewegung „Strammer Kurs“ gewinnt unter Islamfeinden rasend schnell an Zuspruch.

Straßenkrawalle in Kopenhagen waren im April die Folge öffentlicher Koranverbrennungen.

 

Straßenkrawalle in Kopenhagen waren im April die Folge öffentlicher Koranverbrennungen.

 

Dänemarks Regierungschef Lars Løkke Rasmussen hat am Dienstag Neuwahlen für den 5. Juni ausgeschrieben. Dabei darf eine neue Partei antreten mit der Forderung nach „ethnischer Säuberung“ bezogen auf alle Muslime und der Parole, das „Blut der fremden Feinde“ solle „in die Kloaken fließen, wo es hingehört“. Die Partei „Strammer Kurs“ kann nach Umfragen auf Parlamentssitze hoffen. Read the rest of this entry »

Sipri: USA und China rüsten immer weiter auf

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Die USA gaben 2018 4,6 Prozent mehr Geld für das Militär aus als 2017.

Sipri-Bericht

239 Dollar pro Kopf für Rüstung

  • vonThomas Borchert

Die Sipri-Friedensforscher verzeichnen einen weltweiten Anstieg der Militärausgaben.

Die Rüstungsausgaben sind im vergangenen Jahr mehr als doppelt so stark gestiegen wie die Zahl der Menschen auf der Welt. Wie das Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri ermittelt hat, kletterten die Militärhaushalte aller Staaten 2018 um 2,6 Prozent auf die gigantische Summe von 1,82 Billionen Dollar. Für jeden der knapp 7,6 Milliarden Erdbewohner (1,1 Prozent mehr als 2017) entspricht das einer Ausgabe aus der Staatskasse von 239 statt 230 Dollar im Vorjahr. Vor wenigen Wochen hatten die Friedensforscher in der schwedischen Hauptstadt einen Anstieg der weltweiten Rüstungsexporte in diesem Jahrzehnt um fast ein Viertel konstatiert. Read the rest of this entry »

Dieser Boyd-Roman macht einfach Spaß

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Sprudelndes Lesevergnügen: William Boyds “Blinde Liebe”

23.04.2019

“Blinde Liebe”: William Boyd erzählt aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert meisterhaft im Stil von Klassikern dieser Zeit. Foto: Kampa Verlag

Die “Blinde Liebe” zwischen dem Klavierstimmer Brodie und der Sängerin Lika ist leidenschaftlich, tragisch und extrem intrigenreich. William Boyd erzählt diese Geschichte aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert meisterhaft im Stil von Klassikern dieser Zeit.

Von Thomas Borchert, dpa

Zürich (dpa) – Wie im Flug vergehen die 500 Seiten von William Boyds neuem Roman “Blinde Liebe”, bis es beim Zuklappen im Erinnerungsgebälk knirscht: Wann hat man zuletzt ein so kristallklar sprudelndes Lesevergnügen serviert bekommen?

Literarisch auf hohem Niveau, spannend, bewegend und federleicht zugleich erzählt der schottische Autor von der Liebe zwischen dem Klavierstimmer Brodie Moncur und der Sängerin Lika Blum an der Nahtstelle zwischen 19. und 20. Jahrhundert. Diese auch geografisch gewaltige Lesereise führt in den Jahren 1894 bis 1906 aus dem Dörfchen Liethen Manor im südlichen Schottland über Edinburgh, Paris, St. Petersburg, Nizza bis auf eine Insel namens Andamanen mitten im Indischen Ozean. Read the rest of this entry »

Wie Heimkehrer aus dem Moskauer Exil die DDR als Statthalter von Stalins Gnaden aufbauten

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«Die Moskauer»

Erschütternde Lebensgeschichten der DDR-Gründerzeit

Heimkehrer aus dem sowjetischen Exil haben die DDR als Statthalter von Stalins Gnaden aufgebaut. Sie selbst waren für immer geprägt von dessen Terrorherrschaft. «Die Moskauer» präsentiert auf schreckliche Weise fesselnde Biografien deutscher Kommunisten aus dieser Zeit.

Andreas Petersen: Die Moskauer – Wie das Stalintrauma die DDR prägte, S.Fischer Verlag, Frankfurt/Main, 361 Seiten, 24,00 Euro, ISBN 978-3-10-397435-5. Foto: S.Fischer Verlag/dpa

Von Thomas Borchert

Man liest es fassungslos: Der jüdische Kommunist Georg Krausz kommt nach seiner Befreiung aus dem KZ Buchenwald 1945 im Handumdrehen wieder hinter Stacheldraht, am Ende im selben Lager, jetzt von den sowjetischen Besatzern drei Jahre eingekerkert als «Jude und amerikanischer Spion». 1952 muss der Journalist Krausz vom Prozess gegen den tschechischen Juden und Kommunisten Rudolf Slánský die antisemitischen Verschwörungstheorien und Wahnvorstellungen Stalins für Leser in der DDR zustimmend ausbreiten. Drei Tage nach dem Todesurteil gegen Slánský wird der schon aus allen Parteiämtern «weggesäuberte» Paul Merker als «verbrecherischer Zionist» verhaftet, weil er für die Entschädigung jüdischer Holocaust-Überlebender eingetreten ist. Stalin hat von seinen ostdeutschen Statthaltern auch so einen spektakulären Schauprozess wie den in Prag verlangt.

Der Historiker Andreas Petersen erzählt in «Die Moskauer – Wie das Stalintrauma die DDR prägte» diese und viele andere erschütternde biografische Geschichten von deutschen Kommunisten zwischen Hitlers Antritt 1933 bis in die ersten Nachkriegsjahre. Im Zentrum stehen die vor den Nazis in die Sowjetunion geflüchteten Kommunisten, die den Stalin-Terror der späten 30er Jahre mit Millionen Opfern überlebten und nach Kriegsende in Ost-Berlin den Aufbau den Sozialismus nach stalinschem Muster lenken sollten. Allen voran Walter Ulbricht (1893-1973) als SED-Parteichef und Vorsitzender des DDR-Staatsrates und der erste, 1960 gestorbene DDR-Präsident Wilhelm Pieck.

«Im Aufbaufuror blieb keine Zeit für Rückblicke auf Terror, Verfolgungen, Denunziation und Angst. Sie schwiegen über Verhaftungen, das Verschwinden der Parteigenossen, Hunderttausender. Kein Wort über die eigenen Verhöre, die Gefängnisjahre und den Verrat, ohne den kaum zu überleben war», erklärt Petersen vorweg nüchtern, was er als Konsequenz aus den oft apokalyptisch schrecklichen Lebensgeschichten deutscher Kommunisten als Staatslenker der ersten Stunde sieht: «Der Schrecken, die Lüge und das Schweigen wurden zum mentalen Fundament des neuen Staates.»

Erwin Jöris hielt sich nicht daran. Nach einer KZ-Haft 1933 bis 1934 emigrierte er auf KPD-Geheiß, schuftete in einem Stahlwerk im Ural, versteckte sich hungernd und vergeblich vor den Massenverhaftungen deutscher Emigranten in Schuppen, denunziert von eigenen Genossen als «Trotzkist». Er wurde 1938 schon vor dem Hitler-Stalin-Pakt wie viele deutsche Emigranten der Gestapo übergeben und überlebte den Krieg als Wehrmachts-Sanitäter. 1946 in Berlin sprach sich Jöris offen gegen die schrankenlose Eingliederung belasteter Nazis in die SED durch die «Moskau-Heimkehrer» aus und attackierte genauso offen den SED-Spitzenfunktionär Kurt Schneidewind. Der hatte ihn im Ural denunziert, war als einziger Deutscher den Verhaftungen entgangen und nun ein ganz Mächtiger. Das brachte Jöris 1950 vor einem DDR-Gericht als «Spion» und «Konterrevolutionär» 25 Jahre Bergwerksarbeit in Sibirien ein. Nach der Entlassung 1955 flüchtete er mit seiner Frau von Ost-Berlin in den Westen und starb 2013 im Alter von 101 Jahren.

Die Stärke des Buches liegt in solchen Lebensgeschichten mit oft schwer fassbaren Schrecknissen im Zickzack zwischen Widerstand gegen die Nazis, Verfolgung samt gegenseitigem Verrat im mörderischen Gewaltsystem unter Stalin und dem anschließenden Zwang zu Verdrängung und Schweigen. Verblüffend oft findet sich auf diesen in schrecklicher Weise immer fesselnden 300 Seiten der Hinweis, dass die jeweilige Leidens- oder auch Tätergeschichte erst nach dem Ende der DDR bekanntgeworden ist. «Panzerschrank-Lebensläufe» nennt Petersen, was die Betroffenen oft auch innerlich unter schrecklichsten Verdrängungen akzeptierten, weil sie entweder nie den «Glauben an die Partei» aufgeben wollten, einfach nackte Angst hatten oder beides kombinierten.

Lotte Rayss, im Moskauer Exil Kindermädchen des später «legendären» Stasi-Auslandschefs Markus Wolf und seines als Filmregisseur ähnlich berühmten Bruders Konrad, musste 16 Jahre im Gulag zubringen. Bei der Festnahme Anfang 1938 erklärten die Häscher, sie könne nur eins ihrer beiden Kinder mitnehmen. Lotte Rayss entschied sich in grenzenloser Verzweiflung für den Säugling Larissa. Die ältere Tochter Lena, Halbschwester von Markus und Konrad Wolf, kam in ein Kinderheim. Der Vater Friedrich Wolf, der das Kindermädchen auch als Geliebte geschätzt hatte, «starb 1952, hochgeehrt und ein glühender Streiter für die junge DDR und eine glorreiche Sowjetunion. Für die Verbannte eingesetzt hatte er sich nicht».

1954 durfte Lotte Rayss nach Ost-Berlin zurückkehren. «Ihre Geschichte aufzuschreiben traute sie sich nicht.» Den Geheimdienstchef hat sie um zwei Jahre überlebt und vor ihrem Tod dem in der Verbannung geborenen Sohn Konrad die eigene Geschichte doch noch diktiert. Den Tod von Markus Wolf «begrüßte sie. Für sie war er die Verkörperung der Verfolgung».

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