Rezension von Jonas Eika, Nach der Sonne (Lest auch seine Preisrede, beigefügt!)

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Der Ich-Erzähler soll einer Bank das IT-System warten, findet nur deren Ruinen vor und betreibt plötzlich mit einem  Investmentbanker. profitträchtige Derivatgeschäfte. Genauso plötzlich sind beide ein Liebespaar, plötzlich auch in Bukarest, ehe das alles vorbei ist und der Ich-Erzähler in Kopenhagen doch noch seinem IT-Job nachgeht. Er findet in den Ruinen «eine Systemadministratorin im Lotussitz vor drei Bildschirmen».

Eika lässt in zwei folgenden Geschichten jugendliche Strandboys reiche Touristen im mexikanischen Cancún einreiben und nach der Ermordung von einem der ihren erotische Rituale praktizieren. In der Wüste von Nevada wandelt eine alter Mann nach dem Tod seiner Töchter umher und implantiert sich Teile eines dort gefundenen «Senders» in die eigene Kehle. Er will mit dessen Hilfe wieder «Sinn in sich selbst erzeugen» und schafft wider Erwarten den erlösenden Schrei. Eika erzählt von der Suche seiner Figuren nach Gemeinschaft, Sinn, körperlicher und anderer Nähe mit manchmal biblischer Kraft und zugleich punktgenau sowie nüchtern aus einer sinnentleerten, dysfunktionellen Moderne. Ursel Allenstein hat diese sprachliche Meisterschaft wunderbar ins Deutsche gebracht.

Nach Eikas poetischer Kraft machten die Skandinavier 2019 bei der Verleihung des Nordischen Literaturpreises für «Nach der Sonne» Bekanntschaft mit seinem nicht weniger kraftvollen politischen Denken. Mit Blickkontakt zur anwesenden dänischen Ministerpräsidentin Mette Frederiksen sprach er von politisch und juristisch verankertem Rassismus im eigenen Land: «In Dänemark haben wir Staatsrassismus.» Die Ministerpräsidentin war wenig erbaut.

Das Preisgeld von umgerechnet knapp 50 000 Euro reichte ihr Kritiker komplett weiter an Aktivitäten gegen heimische «Ausreisecenter» für abgewiesene Asylbewerber. Eikea spricht von einem «Deportationssystem». Umso bemerkenswerter ist, dass er sich als Autor direkter politischer Aussagen in seiner Novellensammlung vollkommen enthält. Er lässt seinen bemerkenswerten Reichtum an Fantasie und sprachlicher Gestaltungskraft sprechen. Für die Leser nach unendlich vielen Seiten offen.

Jonas Eika, Nach der Sonne, Hanser Berlin, 157 Seiten, 20,00 Euro, ISBN978-3-446-26782-4

Bei der im Folgenden angefügten hochpolitischen Rede als Träger des Nordischen Literaturpreises für sein Buch hat Eika die im Saal anwesende dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen frontal für ihre nationalistische, ausländerfeindliche Politik angegriffen. Genauso lesenswert wie, aber ganz anders als das Buch

Ich stehe hier mit Dankbarkeit und Zärtlichkeit gegenüber denen, mit denen ich das Leben teile, mit denen, die mich inspirieren, mit denen ich denke, mit denen ich Politik und Literatur mache, mit denen ich mich organisiere.  Das Buch, das diese Auszeichnung erhält, existiert auch wegen ihnen.  Wegen Menschen, die ihre Kräfte einsetzen, um nicht der herrschenden Ordnung zu dienen oder eine lukrative Position darin einzunehmen, sondern weil sie an eine andere glauben und darauf hoffen.  Eine Kultur, die nicht auf patriarchalischen Machtverhältnissen beruht, eine Gemeinschaft, die keine rassistische Ausgrenzung fordert, eine klassenlose und machtlose Gesellschaft, in der unsere kreativen und liebevollen Kräfte nicht dem Staat und den Todesmaschinen des Kapitals dienen, sondern uns allen und dem Leben in all seinen Formen auch dem Menschen  als nicht menschlich.

Ich glaube, dass es in der Literatur einen Traum von einer Sprache gibt, die keine Vergessen erfordert, um etwas zu bedeuten.

Eine Sprache, die der Welt mit all ihrer Unterdrückung und Verzweiflung angemessen ist, aber gleichzeitig offen ist für das Undefinierbare, das Unaussprechliche, das in allen Dingen existiert und aus dem eine neue Ordnung hervorgehen kann.

Die Arbeit des Nordischen Rates zur Übersetzung und Verbreitung von Büchern aus großen und kleinen Sprachgebieten kann dazu beitragen.  Vergessen wir aber nicht, dass der Nordische Rat auch eine Institution ist, die Teil einer offiziellen Zusammenarbeit zwischen einigen der reichsten Nationalstaaten der Welt ist.

Ich glaube, dass der rassistische und islamfeindliche Nationalismus, der in den letzten Jahren in den nordischen Nationalstaaten an Boden gewonnen hat, vom Weißsein abhängt, von der Vorstellung des ausschließlichen Rechts der weißen Mehrheit auf nationalen Wohlstand und Sicherheit.  Und ich sehe Weißsein als Erbe der kolonialen Vergangenheit, die auch zur nordische Region gehört und mit der keine der Mächte, die zuvor indigene Völker kolonisiert und unterdrückt haben, konfrontiert werden mag.

Im Gegenteil.  Viele von ihnen wollen Nutzen daraus ziehen.

Es erfordert, dass wir das abgegrenzte, einheitliche Selbst zerstören, das der Staat und das Kapital in uns geschaffen haben, und lernen, über und aufgrund unserer Unterschiede wieder zusammen zu handeln.  Es erfordert, dass wir einander finden

Ich spreche mit die dänische Premierministerin an (die auch in dieser Kammer sitzt).

Mette Frederiksen, die eine Sozialdemokratie leitet, die durch die Übernahme der rassistischen Sprache und Politik der Vorgängerregierung an die Macht gekommen ist.

Mette Frederiksen, die sich selbst als Premierministerin der Kinder bezeichnet, aber eine Außenpolitik verfolgt, die Familien spaltet, sie arm macht und Kinder und Erwachsene in den sogenannten Auseisezentren des Landes einer anhaltenden, destruktiven Gewalt aussetzt.  Schließen Sie (die Lager) Sjælsmark, schließen Sie Kærshovedgård, schließen Sie Ellebæk, heben Sie das gesamte Lagersystem auf.

Mette Frederiksen und die Sozialdemokraten, die sagen, dass sie für Wohlfahrt und bezahlbaren Wohnraum kämpfen, aber den bislang größten Angriff auf den öffentlichen Wohnungssektor durchführen.  Mette Frederiksen und die Sozialdemokraten, die sagen: “In Dänemark sind wir alle gleich”, aber mit dem sogenannten Ghetto-Plan werden die Bürger nach Herkunft und Klasse diskriminiert.  In Dänemark ist Rassismus sowohl kulturell als auch legal, in Dänemark gibt es staatlichen Rassismus.

Ich spreche aber auch zu den anderen nordischen Ministern.

Auch in Ihren Ländern werden Flüchtlinge und Migranten in geschlossenen Gefängnissen oder abgelegenen Lagern untergebracht.  Und sie werden kaputt und krank gemacht, manche versuchen, sich das Leben zu nehmen.  In all Ihren Ländern gibt es Menschen, die an Orte deportiert werden, an denen sie nicht sicher sind oder an denen sie keine Zukunft haben.

Viele Ihrer Länder tragen dazu bei, die Erweiterung und Militarisierung der EU-Grenzen zu finanzieren. Dieser Prozess kostet Tausende von Flüchtlingen und Migranten das Leben und kommt gleichzeitig der Sicherheits- und Rüstungsindustrie zugute, darunter auch mehreren nordischen Unternehmen.

Aber vor allem spreche ich zu jedem und jeder, zu allen, die etwas anderes will.

Ob wir von diesen Gesellschaften privilegiert oder unterdrückt werden – und viele von uns sind beides – wir sind uns einig, dass wir sie nicht gewählt haben.  Keiner von uns hat sich entschieden, in unterdrückerischen Gesellschaften zu leben.  Sie haben keinen Anspruch auf unsere Treue.  Aber einige von uns müssen aus ihnen desertieren.

Besonders in solchen Situationen, in denen wir privilegiert sind, bedarf es Aufmerksamkeit für die Unterdrückung und die Kämpfe, für die uns viele Jahre neoliberaler und nationalistischer Politik blind und taub machen wollten.  Wenn wir über zusätzliches Geld und zusätzliche Ressourcen verfügen, müssen wir diese solidarisch umverteilen.

Und für uns alle erfordert es meiner Meinung nach, dass wir das abgegrenzte, einheitliche Selbst zerstören, das der Staat und das Kapital in uns geschaffen haben, und lernen, über und aufgrund unserer Unterschiede wieder zusammen zu handeln.  Es erfordert, dass wir einander finden.

(Übertsetzung von mir&Google):

(dänisches Original, 29.10.2019: https://pov.international/jonas-eika-tale-ved-modtagelsen-af-nordisk-rads-litteraturpris-2019/)

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One thought on “Rezension von Jonas Eika, Nach der Sonne (Lest auch seine Preisrede, beigefügt!)

    bohomicha said:
    October 7, 2020 at 11:00 pm

    Mit derselben oder ähnlichen Tonlage kam auch seine berechtigte Kritik bei der Ûbergabe des Nordischen Rats Literaturpreises an der Politik der herrschenden Staatsministerin im letzten Jahr. Könnte man noch erwähnen gehabt gemacht! mvh Micha

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