Ein junge Isländerin erzählt vom Arbeitsalltag

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„ … sonst öffne ich dem Machismo Tür und Tor“

Der Frauentag wird auf der ganzen Welt gefeiert. Was Frauen von verschiedenen Kontinenten über ihren Alltag zu berichten haben.

07.03.2018 15:01 Uhr

Jia Zhen
„Frauen sollten genauso gnadenlos klar denken wie Männer.“ Jia Zhen. Foto: privat
Der Frauentag wird auf der ganzen Welt gefeiert. Wir haben zusammengestellt, was Frauen von verschiedenen Kontinenten über ihren Alltag zu berichten haben.

Rahma Kilouche, 24, Tunesien

Von Kindesbeinen an bin ich zu Hause in einem kreativen Umfeld aufgewachsen – voller Formen und Farben. Heute bin ich Innenarchitektin und arbeite in einem großen Büro in Tunis. Als erste Berufserfahrung bin ich damit sehr zufrieden. Wir sind 13 Mitarbeiter, zwei Drittel Frauen, die Wohnhäuser, Geschäfte, Turnhallen, Restaurants und Cafés entwerfen. Das Klima ist professionell und kooperativ, die beiden Chefs sind offen und zugänglich. Mein Vater und meine Mutter sind meine großen Vorbilder. Meine Mutter eröffnete Mitte der 80er Jahre eine eigene Fabrik für Lederwaren. Sie fuhr zu Modemessen in Italien und Frankreich. Alle Produkte entwarf sie selbst, sie hatte ihr eigenes Label. Bis zur Revolution im Januar 2011, als ein Mob ihre Boutique plünderte und anzündete, führte sie diese Fabrik mit 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Sie war Tunesiens erste Modedesignerin, die von dem damaligen Staatspräsidenten Habib Bourguiba in einer Audienz empfangen wurde. Geboren und aufgewachsen bin ich in Sousse. Nach dem Abitur ging ich nach Tunis, um Innenarchitektur zu studieren. Meine Heimat Tunesien ist ein beliebtes Ferienland, also habe ich als Examensarbeit ein Gästehaus für Touristen entworfen. Zu meinen Vorbildern gehören der amerikanische Architekt Frank O. Gehry und das Bauhaus von Walter Gropius, weil dort Architektur, Kunst und Design miteinander verbunden sind. Aus der arabischen Welt bewundere ich vor allem die Architektin Zaha Hadid, die aus Bagdad stammte. Vor drei Jahren während meiner ersten Reise durch Deutschland bin ich extra nach Wolfsburg gefahren, um mir das berühmte Wissenschaftsmuseum Phæno anzusehen, das sie dort gebaut hat. (aufgezeichnet von Martin Gehlen)

 

Martha Nyathak, 43, Südsudan

Ich lebe in Akobo, im Osten des Südsudan, an der Grenze zu Äthiopien. Früher habe ich als traditionelle Geburtshelferin gearbeitet, aber vor zwei Jahren erhielt ich einen Job als Krankenhelferin bei der Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“. Da arbeite ich in einer Gruppe mit vier Männern. Wir fahren gemeinsam mit einem Auto oder einem Boot auf dem Fluss in kleine Dörfer, um dort Kranke zu betreuen und Medikamente auszugeben. Obwohl meine Heimat für den brutalen Umgang von Männern mit Frauen, vor allem Vergewaltigungen, berüchtigt ist, habe ich im Umgang mit meinen Kollegen davon noch nie etwas erfahren. Wir sind gute Freunde und respektieren uns gegenseitig. Ich werde auch nicht schlechter bezahlt als meine männlichen Kollegen. Doch wer als Krankenpfleger richtig ausgebildet ist, der bekommt ein höheres Gehalt.

Meine Arbeit ist sehr wichtig für mich: Ich habe den Eindruck, dass wir den Menschen hier wirklich helfen können. Wenn wir mit unserer mobilen Klinik in ein Dorf kommen, treffen wir auf Patienten, die oft nur ein kleines Problem wie Durchfall oder Fieber haben. Mit unseren Medikamenten können wir sie meist schnell heilen. Ohne unsere Pillen könnten sie daran sogar sterben. Wenn ich einen Wunsch habe, dann noch besser ausgebildet zu sein. Ich würde gerne zurück in eine Schule oder ein College gehen, um noch mehr über Krankheiten und Medizin zu lernen. (aufgezeichnet von Johannes Dieterich)

Gabriela Olivera, 33, Mexiko

Seit mehr als drei Jahren arbeite ich in einem großen Architekturbüro in Mexiko-Stadt. Es ist ein internationales Unternehmen, in dem ich sehr viel lerne. Die ausländischen Firmen bieten ganz andere Möglichkeiten zur Weiterbildung. Aber dennoch muss ich mich als Frau deutlich mehr anstrengen, um wahrgenommen zu werden. Hier in der Niederlassung arbeiten nur Mexikaner, und daher muss ich gegen viele Vorurteile ankämpfen.

In Mexiko sind die Rollenbilder auch im Arbeitsalltag noch ganz traditionell, das gilt auch für eine männerdominierte Branche wie die Architektur. Ich muss mich damit auseinandersetzen, dass wir Frauen angeblich  Streit suchen und als Zicken gelten. Mir haben schon Ingenieure und Bauleiter den Hörer aufgelegt, als sie eine Frauenstimme hörten.

Auf den Baustellen erlaube ich den Arbeitern nicht den kleinsten Witz, sonst öffne ich dem Machismo Tür und Tor. Im Joballtag gebe ich mich hart und unnachgiebig, nur so mache ich mich unangreifbar. Ich fühle mich in meinem Job unter Druck. Ich muss doppelt so gut sein wie die Männer. Und ich vermute auch, dass die Männer besser bezahlt werden. Wir sind nur sechs Architektinnen, aber 20 Architekten. Ich kann mich nicht verwirklichen, auch weil das Arbeitsumfeld eher sexistisch ist.

Ich bekomme nicht immer die Projekte, die ich gerne hätte. Ich würde mir gerne einen neuen Job suchen, in dem ich mich besser verwirklichen kann, ohne mich so anstrengen zu müssen. Ein ideales Arbeitsumfeld ist für mich das, wo Frauen gefördert und bezahlt werden wie Männer, wo Chancengleichheit existiert und wir nicht darauf reduziert werden, ob wir hübsch sind oder nicht, sondern nur danach bewertet werden, was wir können. Ich kann mir auch sehr gut vorstellen, ins Ausland zu gehen und dort einen Job zu suchen. So bilde ich mich weiter und lasse diese Vorurteile hoffentlich hinter mir. (aufgezeichnet von Klaus Ehringfeld)

Jia Zhen, 30, China

Heute bin ich selbstständig, und vorher habe ich nur für IT-Firmen gearbeitet – vielleicht sind meine Wahrnehmungen daher nicht ganz repräsentativ. Aber aus meiner Sicht gibt es in China keine so großen Unterschiede zwischen Männern und Frauen, zumindest im Umgang miteinander. Wir machen die gleiche Arbeit und erhalten das gleiche Gehalt dafür. Auf der Management-Ebene hat sich allerdings noch nicht so viel geändert. Je höher die Hierarchiestufe, desto mehr Männer.

Nach meiner Erfahrung sind Frauen aber auch die schlechteren Chefs. Sechs oder sieben von zehn Frauen denken nicht logisch und klar, sie verhalten sich am Arbeitsplatz anders. Ihre Denkweise ist nicht so frei und unabhängig wie die der Männer. Sie sind mehr von den Erwartungen anderer geleitet. Das hat etwas mit der Erziehung in chinesischen Familien zu tun, glaube ich.

Als Unternehmerin finde ich es leichter, mit Männern Geschäfte zu machen als mit Frauen. Meine Denkweise stimmt mehr mit der der Männer überein. Ich bin durchaus Feministin: Ich denke, es sollte absolute Gleichberechtigung herrschen. Damit meine ich aber auch, dass Frauen genauso gnadenlos klar denken sollten. Männer sind auch entspannter – gerade weil sie einen gewaltigen Startvorteil haben und nicht so viel beweisen müssen. Oft haben gutaussehende Frauen jedoch einen Vorteil, den sie bewusst ausspielen.

In Zukunft werden die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern weiter zurückgehen, davon bin ich überzeugt. Von der Ausbildung her befinden sich beide Geschlechter schon auf dem gleichen Niveau, jetzt muss bloß die Gleichbehandlung nachziehen. Auch wenn die Mehrheit der Führungsfiguren Männer bliebe, werden mehr Frauen in Top-Positionen vorrücken. Wenn das intellektuelle Niveau angeglichen ist, werde auch ich mich mit der Situation wohler fühlen. (aufgezeichnet von Finn Mayer-Kuckuk)

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