Schwedin erklärt #metoo beim Job: “Die unten in der Hierarchie triffts am schlimmsten.”

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#metoo „Unglaubliche Loyalität unter den Frauen“

Die schwedische Aktivistin Elin Ahldén spricht im Interview über die Auswirkungen von #metoo und was noch passieren muss.

Vor 1 Stunde

Protestmarsch
Protestmarsch gegen Gewalt an Frauen in Los Angeles. Foto: afp

Die Schwedin Elin Ahldén arbeitet in der Stockholmer PR-Agentur Lennox. Sie hat eine geschlossene Facebook-Gruppe gegen sexuelle Diskriminierung und Gewalt in ihrer Branche mit jetzt mehr als 6000 Kolleginnen gestartet. Im FR-Interview erzählt sie von den Erfahrungen der „Me too“-Frauen im eigenen Land, die ihre Forderungen auf den Job konzentrieren.

Ist die gewaltige Ausbreitung von #metoo auf praktisch alle Arbeitsplätze in Schweden und auch in der PR-Branche eine Überraschung?
Ja, aber noch viel überraschender sind die enorm positiven individuellen Reaktionen. Die PR-Frauen bei uns, auch die von der Werbung, arbeiten in einer sehr harten Branche voll ausgefahrener Ellbogen. Es hat sich eine Wärme ausgebreitet, die ich nicht erwartet hatte, als die „Me too“-Lawine durch ganz Schweden rollte. In unserer Branche begegnen wir uns von Agentur zu Agentur selten auf kollegiale Weise. Des einen Brot ist des andern Tod. Jetzt habe ich Frauen von den härtesten und auch mächtigsten PR-Agenturen getroffen, die mich freundlich anlächelten: „Ah, du bist das von unserem #metoo-Aufruf.“ Das ist schön und fast schockierend.

Wie sehen Sie die schnellen und durchweg positiven Reaktionen auf Ihre Aufrufe bis in die Regierung und bei praktisch allen Arbeitgebern?
Politiker und Arbeitgeber haben der Stimmung entsprechend reagiert. Aber von Letzteren haben es noch nicht alle ganz verstanden. Die Arbeitgeber sagen: Wir betrachten sexuelle Belästigung und Nötigung bei uns als inakzeptabel. Da antworte ich: Toll! Dafür bekommt ihr keinen Preis, das steht im Gesetz. Wo bleiben eure Analysen, warum Diskriminierung gesetzeswidrig ist, aber weiter sexualisiert und auch sonst weiterlebt? Was wird jetzt zusätzlich getan? Es gibt die grundlegende Geschäftslogik mit vielen Stufen runter in der Hierarchie bis zu denen, die gar keinen Lohn und keine Jobsicherheit haben. Und ziemlich vielen oben an der Spitze mit sehr hohem Lohn und reichlich Jobsicherheit. Die oben sind im allgemeinen Männer und die ganz unten im allgemeinen Frauen. Solange das so ist, spielt es keine Rolle, wie viele schöne Gleichberechtigungspapiere du abfasst.

Was muss passieren, damit wirklich Schluss ist mit sexualisierter Machtanwendung von Chefs und Kollegen am Arbeitsplatz?
Ganz persönlich sehe ich das so: Grundlegende Arbeitsbedingungen müssen geändert werden. Sonst ist das wie Wasser in einen Eimer füllen, der unten große Löcher hat. Eins ist die Lohngestaltung in unserer Branche fast ohne Tarifverträge, wenn z. B. die (individuell vereinbarten) Einzahlungen der Arbeitgeber in Rentenversicherungen fehlen. Dazu gehört auch die weit verbreitete Beschäftigung von Praktikanten ohne Lohn. Hier wird eine kranke Konkurrenzsituation erzeugt – auch für die Unternehmen, die ihre Fürsorgepflicht ernst nehmen, Renten anständig mitfinanzieren und fertig ausgebildete Praktikanten entlohnen. Wenn Menschen aber kostenlos sind, behandeln wir sie dementsprechend. Das führt in direkter Linie zu sexueller Nötigung. Letztlich geht es immer ums Geld, auch bei der Frage, wer sexualisierter Macht ausgesetzt, ständig niedergemacht, bedroht und diskriminiert wird. Wenn den Arbeitgeber all das nichts kostet, wird er sich des Problems nicht annehmen. Für mich stark im Zentrum stehen deshalb auch unsere Kunden. Ich will, dass vor allem die großen PR-Kunden Forderungen zu den Arbeitsbedingungen stellen. Die richtig großen Auftraggeber haben die Macht in ihren Händen. Die stellen Fragen über unsere Umweltpolitik. Aber bisher fragt niemand danach, ob mein Personal tarifvertraglichen oder überhaupt Lohn bekommt.

Was ist für Sie bisher das Beste an #metoo mit den eigenen Aktivitäten in Schweden?
Das Beste für mich bisher ist die unglaubliche Wärme und Loyalität unter den Frauen aus meiner Branche, eine echte Schwesternschaft. Auch viele Männer reagieren positiv. Umwerfend sind die rasend schnellen Normveränderungen durch die Aufrufe, die man schon spürt. Das hat sich exponentiell entwickelt. Ich vergleiche es damit, dass es vor nicht allzu langer Zeit okay war, Batterien einfach in den Mülleimer zu werfen. Plötzlich wird das dann unmöglich. Jetzt ist die männliche Machtanwendung dran. Ich treffe so viele Frauen und Männer, die einfach die Nase voll davon haben. Das sagen sie zu mir im Bus, auf der Arbeit und bei Meetings. Es wird natürlich Rückschläge geben. Aber ganz zurück lässt sich das nicht drehen. Wir werden die Batterien nicht mehr in den Mülleimer werfen.

 

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