Trump verlangt Grönland von Dänen, und die Grönlander werfen Dänemark Völkermord auf ihrer Insel vor

Trumps Avancen und Grönlands Hoffnung
02.01.2025
Von: Thomas Borchert
Die Arktisinsel will nicht von den USA gekauft werden – engerer Kontakt zu Washington ist aber durchaus erwünscht. Vom Beginn einer schwierigen Beziehung.
Die größte Insel der Welt erwartet nicht nur des Klimas wegen ein stürmisches Jahr. Donald Trump erhebt gegenüber dem Nato-Verbündeten Dänemark territorialen Anspruch auf Grönland, während zugleich die Volksvertretung dort Kopenhagen einen Genozid auf der Polarinsel vorwirft. „Wir gehören zusammen“, hat König Frederik in seiner ersten Neujahrsansprache dagegengehalten und genauso huldvoll royale Grüße an die 57 000 Grönländer:innen ins Mikrofon gesprochen wie seine in den Ruhestand gewechselte Mutter Margrethe an jedem Silvesterabend in den vorausgegangenen 52 Jahren.
Zu Weihnachten waren Grüße von ganz anderem Kaliber in der Hauptstadt Nuuk angekommen. Donald Trump hatte sich noch vor der Amtsübernahme im Weißen Haus direkt an die Einwohner:innen der Arktisinsel gewandt und ihnen ein „Merry Christmas“ mit der Ergänzung gewünscht, dass die Vereinigten Staaten ihr Land „aus nationalen Sicherheitsgründen“ benötigten. Das würden sie ja auch wollen, und: „Wir werden da sein“. Was er damit ganz handfest meinte, war kurz vorher auf seiner Social-Media-Plattform Truth zu lesen. Für die USA seien „Besitz und Kontrolle von Grönland eine absolute Notwendigkeit“.
Für die in einer „Reichsgemeinschaft“ mit der Ex-Kolonialmacht Dänemark verbundenen Inuit, Grönlands Urbevölkerung, dürfte das wie das berühmte Mafia-Angebot in „Der Pate“ geklungen haben, das man besser nicht ablehnt. Als Trump 2019 in seiner ersten Amtszeit wie nebenbei bemerkte, die USA könnten doch Grönland den Dänen abkaufen, einfach wie eine Immobilie, hatte noch die ganze Welt gelacht. Dänemarks Regierungschefin Mette Frederiksen hatte den Vorschlag als „absurd“ abgetan. Trump war darüber so beleidigt, dass er einen geplanten Staatsbesuch in Kopenhagen absagte und Frederiksen „ungezogen“ („nasty“) nannte.
Fünf geopolitisch dramatische Jahre und eine Trump-Wiederwahl später lacht jetzt niemand mehr. Haben doch auch gewichtige Stimmen aus dem Trump-Lager schon dargelegt, dass die größte Insel der Welt wegen der Klimaveränderungen mit mehr und mehr fahrbaren Schiffsrouten im polaren Norden und wertvollen Rohstoffvorkommen für die USA im Wettlauf mit Russland und vor allem China als militärische Basis „unverzichtbar“ sei.
Frederiksen hüllt sich zum neuen „Angebot“ in Schweigen und erklärte, sie freue sich auf die Zusammenarbeit mit dem künftigen US-Präsidenten. Klarer wurde in Nuuk Mute Egede, der Chef der Selbstverwaltungs-Regierung: „Grönland gehört uns. Wir stehen nicht zum Verkauf und werden das niemals sein.“ Gleichwohl sei man offen für alle Formen von Zusammenarbeit und Handel, insbesondere mit den Nachbarn. Womit durchaus die USA gemeint sind.
Zorn auf Dänemark
In Kopenhagen hatte Egede, dessen Regierung nach innen weitgehend autonom entscheidet, sicherheitspolitisch aber an Dänemark gebunden ist, bei einem vorweihnachtlichen Besuch das Verhältnis zur „sogenannten Reichsgemeinschaft“ in tiefstem Schwarz ausgepinselt: „Wir sind an einem Gefrierpunkt angelangt und mit unserer Geduld am Ende.“ Hintergrund ist der erst jetzt bekanntgewordene Umfang dänischer Zwangs-Programme zur Schwangerschaftsverhütung auf Grönland. Zwischen 1966 und 1970 wurden nachgewiesen 4500 jungen Grönländerinnen, darunter Zwölfjährigen, zwangsweise und oft ohne Konsultation der Eltern Spiralen eingesetzt. Das machte die Hälfte der damals gebärfähigen weiblichen Bevölkerung aus. „Wenn man die Reproduktion der grönländischen Bevölkerung stoppt, ist das Völkermord“, sagte Egede im Fernsehen. 143 betroffene Frauen haben im vergangenen Jahr den dänischen Staat auf Schadensersatz verklagt, der sich bisher nicht mal zu einer Entschuldigung durchringen konnte.
In die Reaktionen Kopenhagens, immerhin mehr als 200 Jahre lang Kolonialmacht, mischen sich nach wie vor Arroganz und Verachtung für Grönländer mit wohlfeilen Bekenntnissen zur „Reichsgemeinschaft“ auf Augenhöhe. „Afrika auf Eis“ ist so eine klassische Politikereinordnung der Ex-Kolonie, der man doch mit jährlichen Zuschüssen von vier Milliarden Kronen (550 Millionen Euro) den halben Haushalt finanziere und deshalb kein schlechtes Gewissen haben müsse.
Das Streben nach Unabhängigkeit von Kopenhagen dürfte jetzt durch Trumps erneute Initiative Auftrieb erhalten. Dabei hilft, dass hinter dessen brachialen Tweets durchdachte Pläne über Assoziierungsabkommen stehen.