Sipri: Neues zum neuen Wettrüsten

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Frankfurter Rundschau 14.03.2022
Europa hat längst aufgerüstet
Friedensforschungsinstitut: Keine Region der Welt legte in den vergangenen fünf Jahren bei Waffenkäufen stärker zu
VON THOMAS BORCHERT

Schon vor den gewaltigen Aufrüstungsplänen als Folge des russischen Überfalls auf die Ukraine hat sich Europa zu einer ausgeprägten Wachstumsregion für die Rüstungskonzerne gewandelt. Während nach neuen Angaben aus dem Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri der Handel mit schweren Waffen in den Jahren zwischen 2017 und 2021 im Vergleich zur Phase zwischen 2012 bis 2016 global um 4,6 Prozent zurückging, steigerten die europäischen Staaten ihre Einfuhren gegenüber den Jahren zwischen 2012 und 2016 jüngst um 19 Prozent.

"Die europäischen Staaten haben auf Russland als potenzielle oder ernste Bedrohung seit 2014 geschaut. Die Besetzung der Krim und natürlich des Donbass waren eine Wegscheide", sagt Sipri-Experte Simon Wezeman der Frankfurter Rundschau. Nirgendwo sonst auf der Welt gab es in den vergangenen fünf Jahren einen stärkeren Zuwachs der Rüstungsimporte. Massiv profitiert haben davon US-Konzerne, die ihre Geschäfte mit Europa in diesem Zeitraum bei einem Plus von 105 Prozent mehr als verdoppeln konnten. Ihr globaler Marktanteil stieg von 32 auf 39 Prozent.

Russlands Marktanteil sinkt

Wezeman erwartet, dass die neuen Rüstungsinitiativen diesen Trend beschleunigen: "Ein erheblicher Teil wird ganz sicher aus den USA kommen." Bei allem Streben nach möglichst viel Eigenproduktion gebe es nur eine begrenzte Anzahl von Produzenten für Kampfflugzeuge, die dazugehörige Bewaffnung und auch Luftabwehrsysteme. "Die stehen ganz oben auf den europäischen Wunschlisten", sagt Wezeman und verweist auf die Bestellung von US-Kampfflugzeugen des Typs F-35 im vergangenen Jahr seitens der bisher allianzfreien Länder Finnland und der Schweiz. Die neuesten Kampfflugzeuge der fünften Generation sind global der große Verkaufsschlager. Sipri zufolge machen Militärflugzeuge 62 Prozent der US-Rüstungsexporte aus.

Liest man die am Montag veröffentlichten Sipri-Statistiken vor allem im Licht des Ukraine-Kriegs, fällt sofort die Talfahrt für Russland als traditionell zweitgrößtem Rüstungsexporteur der Welt auf. Mit einem Minus von 26 Prozent sank der Marktanteil von 24 auf 19 Prozent. Wezeman nennt dafür zwei Gründe. Zum einen habe sich schon die Sanktionsandrohung für Waffengeschäfte mit Moskau ausgewirkt. So habe Indonesien die praktisch schon georderten russischen Kampfflugzeuge wieder abbestellt und wird nun entweder in Frankreich oder den USA bestellen. "Ich vermute, der Trend wird sich in den kommenden Jahren verstärken in Richtung: Wenn du Waffen in Russland kaufst, bist du gegen uns", meint der Sipri-Forscher.

Genauso wichtig für den Niedergang Russlands als Rüstungslieferant ist für Wezeman, dass das Land im Wettlauf etwa um die neuesten Kampfflugzeuge gegenüber den USA, China und Europa nicht mithalten könne: "Es fehlt ihnen einfach das Geld für Forschung und Entwicklung." So sei Indien, bisher wichtigster Abnehmer von Rüstung aus Russland, nach zweieinhalb Jahren Partnerschaft bei der Entwicklung eines neuen Kampfjets ausgestiegen, "sie glaubten einfach nicht mehr, dass die Russen in der Lage sein würden, ein funktionsfähiges Kampfflugzeug der fünften Generation hinzubekommen".

Überraschend als gewichtiger Rüstungsexporteur, aber überhaupt nicht als Importeur taucht die Ukraine in den Erhebungen der Stockholmer Friedensforschenden auf. Zwischen 2017 und 2021 führte das Land als Nummer 14 der Sipri-Weltrangliste mehr schwere Waffen als die hinter ihm platzierten Länder Schweiz, Australien und Kanada aus. Umgekehrt gehörte die Ukraine in den vergangenen fünf Jahren nicht einmal zu den 40 von Sipri aufgelisteten Staaten mit den höchsten Importen. Als gewichtigste Lieferung seit 2017 nennt das Stockholmer Institut zwölf bewaffnete Drohnen aus der Türkei. Gründe für die wenigen Importe seien schon vorhandene schwere Waffen und die eigene Rüstungsindustrie, aber auch begrenzte Geldmittel und Exportverbote aus potenziellen Lieferländern wie Deutschland.

Trotz der stark gewachsenen Spannungen in Europa sind Asien und Ozeanien wegen Chinas Hegemonie-Ansprüchen im südpazifischen Raum die wichtigsten Rüstungs-Importgebiete der Welt. 43 Prozent aller Transfers schwerer Waffen wurden hier vollzogen.
Neue Kampfflugzeuge wie die vom Typ F-35 sind weltweit am meisten nachgefragt. AFP PHOTO/US Air Force/Senior Airman Ali Stewart
AFP

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