Ein einziger Spekulant bringt Skandinaviens Strombörse ins Wanken

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Norwegen: Offenbarungseid eines Zockers

Ein norwegischer Spekulant bringt mit einer gigantischen Wette die Strombörse ins Wackeln und ist nun selbst pleite.

20. Sept. 2018

Wenn einer sich gründlich verzockt hat, gibt es für andere was einzustreichen. Knapp eine Woche nach dem spektakulären Offenbarungseid des norwegischen Spekulanten Einar Aas hat die deutsche Uniper aus dem Eon-Verbund das Portefeuille des 47-Jährigen an der Nasdaq-Strombörse in Oslo übernommen. Aas, bis vor kurzem einer der Reichsten im dank Öl und Gas superreichen Norwegen, musste pünktlich zum zehnten Jahrestag der Lehman-Brothers-Pleite bekennen, dass seine gigantischen Wetten auf Spekulationsgewinne mit Elektrizität komplett zusammengekracht sind.

Aas hatte zuletzt darauf gesetzt, dass sich die niedrigen Strompreise im eigenen Land und die deutlich höheren deutschen angleichen. Aber statt des erwarteten Anhaltens der Sommerdürre öffnete der Wettergott plötzlich alle Schleusen und füllte die endlos vielen Wasserkraftwerke im Norden Europas wieder auf. Also sank der Preis für Elektrizität. Gleichzeitig ließ in Deutschland der gestiegene Kohlepreis auch den Strompreis in die Höhe gehen. Die Preisdifferenz kletterte auf eine Rekordhöhe und zwang Aas schon am Tag nach Einsetzen des großen Regens, das Handtuch zu werfen.

Sein Anteil am Börsen-Stromhandel war so groß, dass wiederum einen Tag später der Handel ausgesetzt werden musste. Um den Zusammenbruch zu verhindern, glichen andere Marktteilnehmer, darunter über das heimische Staatsunternehmen Statkraft auch die Steuerzahler, den Löwenanteil von Aas’ Verlusten in Windeseile aus. Die 114 Millionen Euro Nothilfe sind für Betroffene wie die Energiekonzerne Fortum, Hydro und Equinor Peanuts. Aber dass ein auf eigene Faust mit Hochrisiko-Wetten operierender Broker den nordeuropäischen Stromhandel in Einsturzgefahr bringen kann, machte den 10. Jahrestag des Finanzcrash 2008 für die Norweger zu einer hochaktuellen Geschichte.

Dazu passt die Vorgeschichte: Sein Handel mit Strom in Eigenregie hat den Fußballfan Aas aus der südnorwegischen Kleinstadt Grimsdal in die Spitzengruppe der reichsten Norweger befördert. Sein Studium an der Handelshochschule Anfang der 90er Jahre fiel zusammen mit der Liberalisierung des Strommarktes. Erst spekulierte er an der Osloer „Nordpool“-Börse für Energiegesellschaften, ab 2001 dann selbstständig. 2016 gab Aas sein persönliches Vermögen mit umgerechnet 230 Millionen Euro an. Er stand mehrere Jahre an der Landesspitze bei der persönlichen Einkommenssteuer. Vor dem Aus saß Aas laut der Tageszeitung „Dagens Nœringsliv“ auf Derivat-Verträgen für 23 Terrawattstunden (TWH) plus elf Terrawattstunden vom deutschen Markt. Das entspricht einem Viertel des jährlichen Stromverbrauchs in Norwegen.

Auf Fragen, wie er das geschafft habe, antwortete Aas am Telefon stets: „Ich rede nicht mit der Presse. Auf Wiederhören.“ Sein Bruder teilte immerhin mit: „Er ist fleißig und hat immer Glück gehabt.“ Um über das Spekulantenglück möglichst keine Rechenschaft ablegen zu müssen, arbeitete der Broker alle Jahre über von seiner Riesenvilla im südlichen Norwegen aus als privater Investor, der nun aber auch mit dem gesamten Vermögen haftet.

Seine „letzten 350 Millionen Kronen (37 Millionen Euro) an liquiden Mitteln“ habe er überwiesen, aber leider damit nicht „die Verluste durch die außergewöhnlichen Preisverschiebungen auf den nordischen und deutschen Strommärkten“ ausgleichen können, teilte Aas mit. Er sei pleite.

Die schwedische Finanzaufsicht will die Nasdaq-Strombörse jetzt genauer unter die Lupe nehmen: Wie konnte ein Akteur so hoch setzen, dass das gesamte Gebäude zu wackeln begann? Der Osloer Finanzprofessor Tore Johnsen wusste in „Dagens Nœringsliv“ schon die Antwort: „Einar Aas wurde zu groß für den Markt. Er war fast der Markt. Das darf nicht passieren.“

 

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