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Rezension: Dicker Schinken über 4 Freunde

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“Ein wenig Leben”: Yanagiharas wilde Achterbahnfahrt

31.01.2017

Die US-amerikanische Schriftstellerin Hanya Yanagihara. Foto: Emilio Naranjo

Die US-amerikanische Schriftstellerin Hanya Yanagihara. Foto: Emilio Naranjo
Emilio Naranjo

Kann bedingungslose Freundschaft eine Kindheit voll extremer Gewalt heilen? Hanya Yanagihara schildert haarklein die Leiden des jungen Jude. Und preist den lebenslangen Bund mit Willem, JB und Malcolm. Das Mammutwerk startet stark und endet als unglaubwürdiger Konzeptroman.

Von Thomas Borchert, dpa

Berlin (dpa) – Der bescheiden daherkommende Titel “Ein wenig Leben” ist schon wegen der fast 1000 Seiten irreführend.

Vor allem aber hat Hanya Yanagihara in ihren Roman über vier New Yorker Freunde vom College bis zum Alter so viel Schrecken und schrecklich Schönes gepackt, dass Leser sich wappnen sollten: Hier beginnt mit der ersten Seite eine rekordverdächtige Achterbahnfahrt nur für starke Nerven.

Immer neu geht es steil hinab in stockfinstere Tiefen mit grotesk grausamem Missbrauch eines jungen Menschen, kopfüber weiter zu dessen lebenslangen Leiden an sich selbst, und zwischendrin immer wieder ab durch die Mitte mit Panoramaaussichten auf eine Sonnenseite des Lebens namens Freundschaft.

Ein Teil der US-Kritik hat mit hymnischen Lobliedern auf das Mammutwerk reagiert wie der “New Yorker”: “Yanagiharas Roman kann dich verrückt machen, verschlingen und von deinem Leben Besitz ergreifen.” Von vielen Tränen wie selten bei einem Buch war oft die Rede. Das kann, muss aber nicht so sein.

Die 1975 auf Hawaii geborene New Yorker Autorin steigt ein mit dem College-Studium von vier jungen Männern, die sich so durchschlagen. Ihre Freundschaft hält über Jahrzehnte, auch als das Quartett gegen Ende des Buches aus einem erfolgreichen Anwalt, einem genauso erfolgreichen Architekt, einem noch erfolgreicheren Maler und einem weltberühmten Hollywoodstar besteht.

Jude, den Anwalt, macht sein schrecklicher Start ins Leben mit schrecklichen Dauerfolgen zur Hauptfigur: Er zerschneidet immer und immer wieder mit der Rasierklinge die eigene Haut. In Rückblenden enthüllt sich Stück für Stück mit immer neuen fürchterlichsten Details, wie Jude als Baby von den Eltern ausgesetzt und von Mönchen im Kloster durch eine Kindheit voller Schläge und sexuellen Missbrauchs getrieben wurde. Der einzig Freundliche, Bruder Luke, organisiert die Flucht mit dem Jungen, um ihn dann als Einnahmequelle an Pädophile zu verhökern. Judes Weg als jugendlicher Stricher bleibt in dieser Spur, bis er auf die Sozialarbeiterin Ana stößt, als er zum ersten Mal an Selbstmord denkt.

Ana, die einzige nennenswerte Frau auf den 1000 Seiten, erkennt Judes akademisches Talent und besorgt ihm den College-Platz, kurz bevor sie an Krebs stirbt. Ihren Platz als Lebensretter übernehmen die Studenten-Freunde Willem, der spätere Hollywoodstar, der malende JB und Malcolm, Sohn eines reichen afroamerikanischen Bankers und einer weißen Schriftstellerin. Aber kann Jude nach den Leiden in jungen Jahren, erbarmungsloser als die des alten Hiob in der Bibel, Hilfe zu seiner Rettung und Erlösung überhaupt annehmen? Diese Frage ist der Motor der Erzählung, bis Jude als älterer Mann wieder vor der Frage steht, ob er weiterleben möchte.

Drive, Spannung und die erzählerische Intensität der ersten Hälfte mit ihren haarkleinen, aber trotzdem unvouyeristisch kühlen Gewaltschilderungen machen mehr und mehr dem Eindruck eines Konzeptromans Platz. Sie sehe ihr Buch auch als eine Art Märchen, bei dem sie die Schrecken von Missbrauch und Leiden wie die Segnungen der Freundschaft ein bisschen übertreibe, hat Yanagihara in Interviews erklärt. Dabei ist die Glaubwürdigkeit ihrer Geschichte auf der Strecke geblieben. Beide Pole existieren hier statisch, in klinisch reiner Form und unverbunden nebeneinander. Entweder Männer vergewaltigen Jude oder sie lieben ihn hingebungsvoll als Freunde. Dazwischen ist nichts.

Wie im Märchen und bei James Bond verwandelt sich Jude immer wieder vom innerlich und äußerlich komplett zerschnittenen Gewaltopfer knapp vor dem Exitus im Handumdrehen zu einem hochdynamischen Anwalt und Gourmetkoch der Extraklasse. Auch schwimmt er wie seine Freunde so märchenhaft in Geld, dass er das Ferienziel Nepal im Privatjet ansteuern und dem besonders engen Freund Willem zum 50. für drei Stunden die Alhambra in Granada “schenken” kann: Alle anderen Besucher sind ausgeschlossen. Das muss Liebe sein.

Leider auch hat kein Lektor dieser sprachlich und stilistisch ambitionierten, oft eleganten und immer komplett humorfrei schreibenden Autorin die Kitsch-Einschübe zur Gedankenwelt der Hauptfigur ausgeredet: “Ach, denkt er, wäre ich doch nur ein besserer Mensch. Wäre ich doch ein großherzigerer Mensch. Wäre ich doch nur ein mutigerer Mensch.” Oder: “Bekleidet ist er ein Mensch, unbekleidet ist er ein anderer, ist er als das enthüllt, was er wirklich ist, sind die Jahre der Fäulnis auf seiner Haut offenbart, wird seine Vergangenheit in all ihrer Schlechtigkeit und Verderbtheit von seinem Fleisch verkündet.” Das fördert bei manchen Lesern vielleicht den Tränenfluss, bei anderen dürfte er so gar nicht erst in Gang kommen.

– Hanya Yanagihara, Ein wenig Leben, Roman
übersetzt von Stephan Kleiner, Hanser, 960 Seiten, 28,00 Euro, ISBN 978-3-446-25471-8.

 

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