Dänische Medien schlafen fest bei Erdbeben in Schweden

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Die politischen Klassen in Dänemark und Schweden trennen geografisch nur ein paar km, ansonsten aber Lichtjahre. In Kopenhagen haben sich die Rechtspopulisten mit ihrer Sicht zur Zuwanderung komplett durchgesetzt, während die Regierung in Stockholm an einer ausgeprägt liberalen Asyl- und Flüchtlingspolitik festhält. Der Debattenton (und oft auch das Niveau) dazu ist vor allem von dänischer Seite vergleichbar mit dem zwischen Nord- und Südkorea.

Auf  diesem Hintergrund hab ich am am 18. Aug. diesen Leserbrief an die führende konservative Zeitung Berlingske Tidende geschrieben, den sie nicht bringen wollte:

Man stelle sich vor, dass (die dänische) Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt ihren Wahlkampf einleitet mit einem Appell, mehr Flüchtlinge aus Syrien und ähnlich betroffenen Ländern aufzunehmen. Der (rechtsliberale) Herausforderer (und Ex-Regierungschef) Lars Løkke Rasmussen nickt bei der ersten TV-Debatte zustimmend, als sie sagt: “Ich werde die Menschen in Dänemark bitten, ihre Herzen zu öffnen für die gefährdeten Menschen, die wir jetzt überall auf der Welt sehen.”

Gesagt wird das, kurz nachdem die Behörden um zusätzliche 40 Milliarden Kronen (6 Mrd. Euro,wie die komplette Ostseeverbindung unter dem Fehmarn Belt) für die in den kommenden 5 Jahren erwarteten Flüchtlinge gebeten haben. Deren Zahl wurde gerade auf 94 000 für dieses Jahr (bei 9,5 Mio Einwohnern) und ähnliche Zahlen in den folgenden Jahren angehoben.

Genau das ist am Wochenende in Schweden passiert – mit dem konservativen Ministerpräsidenten Fredrik Reinfeldt in der Hauptrolle plus seinem sozialdemokratischen Kontrahenten Stefan Löfven. Und das auf dem Hintergrund der ohnehin extrem viel höheren Zahl von Zuwanderern im Vergleich zu Dänemark.

Hinzu kommt, dass die voranstürmenden rechtspopulistischen Sverigemokraterne bei der Reichstagswahl am 14. September wahrscheinlich ausschlaggebend für die Mehrheitsverhältnisse werden können. Eine Umfrage nach Reinfeldts Äußerung brachte 62 Prozent dafür, dass Schweden weiter genauso viele oder mehr Flüchtlinge aufnehmen soll. Nur 32 Prozent waren für eine schärfere Linie.

Das klingt völlig unglaublich im Vergleich zu den politischen Verhältnissen in Dänemark. Ganz einfach Stoff für die Titelseiten. Umso verblüffender ist es, dass die Medien hier im Lande überhaupt nicht darüber berichtet haben. Reinfeldts Wahlkampf-Start am letzten Wochenende ist in den dänischen Medien ganz einfach nicht aufgetaucht. Eine Suche bei Infomedia (mit allen elektronischen Schriftmedien) brachte als einzigen Treffer ein hastig dazugesetztes “P.S.” in einem Blog für “Jyllands-Posten” mit dem Titel “Die schwedische Kernschmelze”. Vorher konnte man schon im ersten Abschnitt die abschließende Wertung lesen: “Die schwedischen Politiker und Medien sind die verantwortungslosesten und verlogensten auf der westlichen Halbkugel.”

Das ist der Kammerton gegenüber dem Nachbarn. Aber, liebe dänische Medien, könnte man nicht erstmal um eine ordentliche Berichterstattung bitten? Plus ein bisschen mehr vorbehaltlose, nüchterne Analysen als die uralten Klischee zum “Verbots-Schweden” (die in DK stark verbreitete Auffassung, dass eine freie Debatte in Schweden nicht möglich ist). Dann könnte man die sehr verschiedenen politischen Kulturen in beiden Ländern auf einem etwas höheren Niveau diskutieren als mit Keulenschlägen auf Facebook-Niveau.

P.S. Inzwischen sind 6 Tage vergangen. Immer noch keine Berichterstattung in Kopenhagen. Obwohl der in Umfragen weit hinten liegende Reinfeldt auch noch ein Stopp von Wohlfahrtsreformen wegen der hohen Kosten für Flüchtlinge angekündigt hat. Das sei es wert. Im Wahlkampf! Spannnender geht es eigentlich nicht, denkt man auch als gelernter Nachrichten-Handwerker sowie Skandinavien-Fan und kratzt sich am Kopf. 

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