Latest Event Updates
Wahlvorschau Finnland: Wer wird neuer Präsident?

Kaum echte Streitthemen in Finnland
Stand: 09.02.2024, 13:39 Uhr
Von: Thomas Borchert
Die Präsidentschaftskandidaten in Finnland zeigen vor der Stichwahl am Sonntag wenig inhaltliche Reibungspunkte.
Am Sonntag wählen Finnlands 4,5 Millionen Stimmberechtigte ihren neuen Präsidenten in wahrlich unruhigen Zeiten. 300 000 von ihnen haben das Land eine Woche vor der Stichwahl zwischen dem konservativen Ex-Premier Alexander Stubb und Ex-Außenminister Pekka Haavisto von den Grünen mit einem politischen Massenstreik tagelang lahmgelegt. Sie wollen radikale Sparpläne der Rechts-Regierung im Sozial- und Gesundheitswesen nicht kampflos hinnehmen. Beunruhigend kämpferische Stimmung herrscht auch beiderseits der 1340 km langen Grenze zum Nachbarn Russland, seit Finnland letztes Jahr als Folge des Überfalls auf die Ukraine der Nato beigetreten ist.
Trotz alledem präsentieren sich die Kandidaten für die Nachfolge von Amtsinhaber Sauli Niinistö im Wahlkampf betont ruhig und mit ausgeprägtem gegenseitigen Respekt. „Es wird auf jeden Fall ein sehr guter Ausgang für unser Land,“ so der 55- jährige Stubb beim TV-“Duell“ und erntet mildes Kopfnicken vom zehn Jahre älteren Haavisto. Zum einen kann er sich das angesichts seines zwar geschrumpften, aber doch einigermaßen sicheren Vorsprungs von 54 gegen 46 Prozent bei aktuellen Umfragen leisten. Den ersten Wahlgang hatte Stubb knapp mit 27,2 Prozent vor Haavisto (25,8 Prozent) gewonnen.
Zum anderen machen beide keinen Hehl daraus, dass sie sich im Wesentlichen einig sind. Haavisto hat sich vom klassischen Grünen längst zu einem auch für die bürgerliche Wählerschaft akzeptierten „Mann der Mitte“ mit honoriger Ausstrahlung gewandelt. Er tritt für den weiteren Ausbau der Atomkraft in Finnland ein und hat als Außenminister mit der letztes Jahr abgewählten Regierungschefin Sanna Marin von den Sozialdemokraten und dem konservativen Niinistö ohne Wenn und Aber den Nato-Beitritt betrieben. Stubb hatte sich nach seinen nur elf Monaten als Premier 2014-2015 aus der finnischen Politik verabschiedet und unter anderem als Vizepräsident der Europäischen Investitionsbank in Luxemburg auf eine internationale Technokraten-Karriere gesetzt. Niinistö (75) darf nach zwölf Jahren mit zwei Amtszeiten nicht mehr kandidieren.
Die Nachfolge-Kandidaten empfehlen mangels zündender Streitthemen, sich zwischen ihren Persönlichkeiten mit „unterschiedlichen Führungseigenschaften“ zu entscheiden. Dabei geht es nicht nur darum, wer die schönere Neujahrsansprache halten kann: Finnlands Präsident hat starke außenpolitische Befugnisse und ist Oberbefehlshaber der Streitkräfte. Bei einer Erhebung des EVA-Institutes wünschten sich 74 Prozent einen „robusten Oberkommandierenden“ als Präsidenten. 64 Prozent hoffen, dass er „in Krisensituationen entschlossen die eigene Macht auch erweitert“.
Umso bizarrer mutet an, welche persönliche Eigenschaft am Sonntag den Ausschlag für den mit einer gebürtigen Britin verheirateten Familienvater Stubb geben könnte. Haavisto lebt in registrierter Partnerschaft mit einem aus Ecuador nach Finnland gekommenen Mann zusammen. „Finnland ist reif für einen homosexuellen Präsidenten,“ sagt Haavisto dazu, kennt aber auch die Umfragen: Ein Drittel der Befragten erklärt, dass die sexuelle Orientierung bei ihrer Entscheidung gegen ihn eine Rolle spiele. Er sei überrascht, dass seine sexuelle Orientierung im aktuellen Wahlgang plötzlich ein größeres Thema wurde, sagte Haavisto weiter. Dafür habe nicht zuletzt der öffentliche Rundfunk gesorgt. Sollte Haavisto sich durchsetzen, wäre er der erste Grüne und der erste offen schwul lebende Präsident Finnlands.
Seit dem ersten Wahlgang haben beide Kandidaten vor allem um die 19 Prozent für den als rechtsradikalen Jussi Halla-aho gebuhlt, der 2008 wegen Hetze gegen den Islam rechtskräftig verurteilt wurde. Das Rekordergebnis für die extremistischen „Wahren Finnen“, die zusammen mit den Konservativen regieren, ist vielleicht das wichtigste Ergebnis der Wahl. Halla-aho es als Reichstagspräsident im letzten Jahr ins zweithöchste Staatsamt geschafft.
Finnlands neuer Präsident wird ein Grüner oder Konservativer

Finnland: Rechtsextremist scheidet in erster Wahlrunde aus
Ein Grüner und ein Konservativer schaffen es in Finnland in die Stichwahl um das Amt des Staatspräsidenten
Finnlands künftiger Staatspräsident wird wieder ein Konservativer sein oder aber ein Grüner – das ist das Ergebnis der ersten Wahlrunde in dem Land. In der ersten Runde ausgeschieden ist der Kandidat der Rechtsextremisten, die zuletzt beängstigend stark waren.
Der finnische Präsident hat außenpolitische Kompetenzen, außerdem den Oberbefehl über die Streitkräfte. Die Stichwahl bestreiten am Sonntag, 11. Februar, der Ex-Regierungschef Alexander Stubb von der konservativen Sammlungspartei und Ex-Außenminister Pekka Haavisto von den Grünen. Bei der ersten Runde der Direktwahl lag der 55- jährige Stubb mit 27,2 Prozent nur knapp vor dem zehn Jahre älteren Haavisto mit 25,8 Prozent. Er dürfte aber für das Finale ein größeres bürgerliches Stimmenreservoir hinter sich haben.
„Wahrer Finne“ Jussi Hallo-aho scheidet aus
Auf dem dritten Platz landete der rechtskräftig wegen rassistischer Hetze verurteilte Rechtsaußen Jussi Hallo-aho (53) mit 19 Prozent. Er ist seit dem Eintritt seiner Partei „Wahre Finnen“ in eine Koalition mit dem Konservativen Reichstagspräsident und konnte Umfragewerte von knapp unter zehn Prozent in seinem Wahlkampf verdoppeln. Hier trat er gemäßigt auf, während er früher skandinavische Sozialdemokraten schon als „die niedersten Reptile im ganzen Universum“ beschimpft hatte und den Islam als Religion, die „Pädophilie heilig spricht“. Nie zuvor haben die „Wahren Finnen“ bei Präsidentschaftswahlen auch nur annähernd so viele Stimmen bekommen.
Der bisherige Staatspräsident Sauli Niinistö (75), wie Stubb ein Konservativer, durfte nach zwei Amtszeiten über jeweils sechs Jahre nicht wieder kandidieren. Klar im Zentrum des Wahlkampfes standen die dramatischen sicherheitspolitischen Fragestellungen durch Finnlands 1300 Kilometer lange Landgrenze mit Russland. Alle neun Kandidat:innen stellten sich dabei ohne Wenn und Aber hinter den Nato-Beitritt ihres Landes als Konsequenz aus dem russischen Überfall auf die Ukraine.
Hier unterscheiden sich auch Stubb und Haavisto nur in Nuancen. Als Außenminister hat Haavisto seit 2022 unter Führung der im letzten Juni abgelösten sozialdemokratischen Regierungschefin Sanna Marin (38) Finnlands Beitrittsgesuch an die Nato betrieben. Stubb war nach einer kurzen Amtszeit als Ministerpräsident aus der finnischen Innenpolitik weitgehend verschwunden und arbeitete unter anderem als Vizepräsident der Europäischen Investitionsbank in Luxemburg.
Die Direktwahl gilt als ausgeprägte Personen-Entscheidung der 4,5 Millionen Stimmberechtigten. Das zeigte sich in der ersten Runde auch am starken Ergebnis für Haavisto, dessen Partei bei der letzten Parlamentswahl nur auf 11,5 Prozent gekommen war. In der Stichwahl am 11. Februar dürfte auch der private Hintergrund der beiden Kandidaten eine Rolle spielen. Stubb ist verheiratet mit zwei Kindern, während Haavisto in einer registrierten Partnerschaft mit einem Mann lebt. „Finnland ist reif für einen homosexuellen Präsidenten“, sagt der Kandidat dazu.
Mit 4,3 Prozent zu einem Desaster wurde die erste Wahlrunde für die Sozialdemokratie und ihre Kandidatin Jutta Urpilainen (48), seit vier Jahren Mitglied der EU-Kommission. Bei den Parlamentswahlen hatte die Partei 17,7 Prozent der Stimmen geholt. Die dabei als Regierungschefin abgewählte Marin hatte eine Kandidatur für die Präsidentschaft frühzeitig ausgeschlossen.
Über die Handball-Großmacht Dänemark

Pfannkuchen für den Turniersieg
25.01.2024
Von: Thomas Borchert
Deutschland, Deutschland alles ist vorbei“ sangen hunderttausend Menschen nach dem größten Erfolg der dänischen Sportgeschichte vor Kopenhagens Rathaus selig und ein bisschen hämisch auf Deutsch. Was die Fußballer 1992 hier nach ihrem EM-Sensationssieg gegen den großen Nachbarn und den einzigen Turniersieg überhaupt vom Balkon aus erleben durften, ist für die Kollegen vom Handball schon fast Routine. Auf zwei EM-Titel und drei Weltmeisterschaften folgte jedes Mal das Festritual, zu dem auch das Verdrücken kleiner Rathaus-Pfannkuchen gehört. „Pfui Teufel, widerlich“, fand sie der legendäre Lars Christiansen bei der ersten dieser Feiern 2008.
Dänemarks Handballer sind von Titeln verwöhnt – und spielen gerne in der Bundesliga. am liebsten in Flensburg
Nie aber würde dem längst pensionierte Nationalspieler oder den Fans irgendwelche Häme Richtung Deutschland, Gegner am Freitag (20.30 Uhr/ZDF) im EM-Halbfinale, in den Sinn den kommen. Im Gegenteil. Dass das kleine Dänemark im Handball die sportlich wie auch sonst ungewohnte Rolle einer Großmacht übernommen hat, ist auch der Bundesliga zu verdanken. Fans und Spieler lieben sie. Elf von 19 Spielern im aktuellen dänischen EM-Kader spielen in Deutschland, allein fünf bei der SG Handewitt-Flensburg unweit der Grenze. Christiansen hat hier vor einem stets deutsch-dänisch gemischten Publikum 14 Jahre lang so grandios für Tore und Stimmung gesorgt, dass der Platz vor der Halle hochoffiziell nach ihm benannt ist. Man staunt beim googeln: Es gibt ihn wirklich, den „Lars-Christiansen-Platz“.
Die Glanzzeit des 51-Jährigen steht für den Wiederaufstieg des dänischen Männerhandballs, den die Handballerinnen in Gang gebracht haben. In den 1990er Jahren machten die Frauen im traditionellen Rotweiß mit ihren EM-, WM- und Olympia-Turniererfolgen in Serie Handball zu einem TV-Straßenfeger mit Popstarstatus. Handball war damit „in“, aber ohne die erfolglos, matt und unbeachtet vor sich herspielenden Männer. Zur Wiederbelebung wurde ihnen 2005 der erfolgreiche, aber auch knallharte und mitunter tobsüchtige Frauentrainer Ulrik Wilbek verordnet. Das funktionierte bestens, auch für Wilbek. Nach dem Abschied vom Handball eroberte er für die Rechtsliberalen das Bürgermeisteramt in Viborg und hat nebenbei einen Packen Bücher über erfolgreiche Menschenführung geschrieben.
Hansen oft nur Ersatz
Zwei Bücher gibt es über Mikkel Hansen zu lesen, der als zeitweise bester Handballer der Welt die dänische Erfolgsgeschichte seit fast zwei Jahrzehnten verkörpert wie kein anderer. Der Rolle als „everybody‘s darling“ hat der Hüne mit den langen Haaren und Stirnband sich allerdings verweigert. Man sieht ihn nie in geselligen TV-Sendungen. Eine Woche nach dem letzten WM-Titel meldete er sich stressbedingt krank ab: „Es ist einfach zu viel.“ Als Grund für seine zehn Jahre in Paris bei der PSG gab er stets an, dass er hier unerkannt durch die Stadt laufen konnte. Wobei auch, versteht sich, die Spitzengage von Belang war.
Hansen, der als einer der wenigen dänischen Profis nie in der Bundesliga gespielt hat, steht auch für den Einzug des viel größeren Geldes im eigenen Land. 2010 war er zusammen mit Keeper Niklas Landin dabei, als ein wohl doch leicht größenwahnsinniger Sponsor ein dänisches All-Star-Team unter dem Namen AG Kopenhagen zusammenkaufte. Nach zwei Jahren war die Pleite da, Hansen zog nach Paris. Seit 2023 spielt er im heimischen Aalborg. Dass er bei der EM in Deutschland nur noch auf wenige Einsatzminuten kommt, kommentiert er wie immer ohne Drang, allen zu gefallen: „Da müsst ihr den Trainer fragen. Ich will immer gern spielen.“
Giftmüll-Lawine “Dänemarks größte Umweltkatastrophe”

Wer zahlt für die Drecklawine?
Stand: 24.01.2024
Von: Thomas Borchert
In Jütland bedroht eine Lagerstätte für belastetes Erdreich der Firma Nordic Waste ein Dorf. Milliardär und Mehrheitseigner Østergaard-Nielsen will nicht für die Schäden einstehen.
Vor Lawinengefahr hat im flachen Dänemark nie ein Schild gewarnt. Wenn jetzt trotzdem ein gigantischer Erdrutsch von Regierungsvertretern zur „vielleicht größten Umweltkatastrophe in unserem Land“ ausgerufen wird, müssen ganz besondere Kräfte im Spiel sein. Als Ministerpräsidentin Mette Frederiksen diese Woche in Gummistiefeln und gelber Weste besichtigte, wie sich mit Benzin, Schwermetallen und anderem verdrecktes Erdreich auf das Dorf Ølst im Osten von Jütland zuwälzt, dachte sie schon an die Rechnung: „Man kann sie absolut bezahlen, wenn man willens ist.“ Wer aber ist „man“? Frederiksen zeigte mit dem Finger ausdrücklich auf die Eigner des Unternehmens Nordic Waste, das hier an einer hügeligen Lehmgrube ihr Geschäft mit der Einlagerung von 3,5 Millionen Kubikmetern belastetem Erdreich gemacht hat. Über die gebe es „nichts Gutes zu sagen“.
Für dänische Verhältnisse vollkommen surrealistisch fallen die Schlagzeilen seit Weihnachten aus, wonach die dreckige Lawine das komplette Dorf Ølst mit den Heimstätten von 400 Menschen unter sich begraben könnte. Mitte dieser Woche gab es die erste Entwarnung vom Katastrophenstab in der Kreisstadt Randers. Das Tempo des Erdrutsches habe man von neun auf zwei Meter pro Tag senken können. Dafür wurden 5000 Lkw-Ladungen des durch den endlosen Regen aufgeweichten Erdreichs unter Hochdruck weggeschafft und anderswo in Jütland neu verklappt.
Auf Steuerkosten, versteht sich, denn Nordic Waste als Betreiber der Anlage gibt es jetzt plötzlich nicht mehr. Als die Verwaltung aus Randers im Angesicht der Mammut-Aufgabe von der Firma die sofortige Bereitstellung von 200 Millionen Kronen (27 Millionen Euro) verlangte, meldete das Unternehmen einfach Konkurs an. Was den Volkszorn noch mehr zum Kochen brachte, weil für den Mehrheitseigner dieser Betrag eigentlich die berühmt-berüchtigten „Peanuts“ aus der Portokasse sein sollten: Torben Østergaard-Nielsen (69) gehört mit seinem Vermögen von geschätzt 42 Milliarden Kronen zu den sechs Reichsten im Königreich Dänemark.
Steinreich geworden ist er als weltweit führender Lieferant von Schiffs-Brennstoff. In die Schlagzeilen geriet der Milliardär schon einmal, weil sein Unternehmen Dan-Bunkering von 2015-2017 Jet-Brennstoff unter Bruch der EU-Sanktionen an Syrien lieferte, während der Diktator Assad dort die eigene Bevölkerung bombardieren ließ. Østergaard-Nielsens Sammlung von 275 Ferraris, Jaguars, Lamborghinis und dergleichen mehr, die man als ebenfalls Reicher oder Reiche diskret leasen kann, soll die größte in ganz Europa sein.
Geld für die Forschung
Die Erdrutsch-Katastrophe im Osten Jütlands, die auch das Richtung Ostsee strömende Flüsschen Alling Å akut bedroht, nennt Østergaard-Nielsens Konzern-Mutter USTC „außergewöhnlich tragisch“ und macht die extremen Niederschläge der letzten Monate verantwortlich: „Sie führten zu dieser Naturkatastrophe von nie gesehenem Ausmaß in Dänemark.“ Zur Erforschung von Klimaveränderungen wolle man 100 Millionen Kronen stiften und natürlich der Einwohnerschaft von Ølst hilfreich unter die Arme greifen.
Auch das kam als Almosen angesichts der langfristig auf 2,2 Milliarden Kronen berechneten Kosten für mindestens fünfjährige Aufräumarbeiten nicht gut an. Einhelliges Fachwissen machte klar, dass das Erdreich sich lange vor dem Einsetzen der tatsächlich gewaltigen Niederschläge in den letzten Monaten in Bewegung gesetzt hatte, ohne das Nordic Waste die geschäftsträchtige Einlagerung von Erdreich gestoppt hätte.
Allerdings hatten die staatlichen Aufsichtsbehörden dies stets genehmigt, obwohl es Warnungen gab. Dementsprechend wächst der öffentliche Druck auf die Politiker:innen aus der Kopenhagener Regierung. Die gibt ihn weiter an Østergaard-Nielsen. Es gebe natürlich keine Verpflichtung zum Schadensersatz mit seinem Gesamtvermögen, räumte Justizminister Hummelgaard ein: „Aber es gibt auch eine soziale Verantwortung für Unternehmen.“ Handfestere Forderungen nach schärferen Regeln gegen Investoren-Flucht allerdings wehrt Premier Frederiksen ab. Dänemarks größte Zeitung „Politiken“ kommentiert: „Nordic Waste setzt das politische System schachmatt. Deshalb spricht die Regierung über Moral statt über Geld.“
Vulkanausbruch in Island trifft eine ganze Stadt

Die Ohnmacht angesichts der Lava in Island
15.01.2024
Von: Thomas Borchert
KommentareDru
Der Vulkanausbruch auf der Halbinsel Reykjanes zeigt, dass sich die Menschen auf Island gegen die Naturgewalten zu wappnen wissen – ihnen aber trotzdem ausgeliefert sind.
Als der Lavastrom die ersten Häuser seiner Stadt förmlich aufgefressen hatte, sagte Grindavíks Bürgermeister Fannar Jónasson: „Wenn die isländische Natur ihre Macht demonstriert, können wir wenig ausrichten.“ Nach dem Vulkanausbruch am Wochenende müssen die gut 4000 Menschen hier an Islands Südwestspitze befürchten, dass ihre Heimstätten auf Dauer unbewohnbar bleiben. Niemand vermag vorherzusagen, ob, wie, wann und wo der Druck in der Magmakammer unter der Halbinsel Reykjanes wieder so unaufhaltsam wächst, dass sich neue Risse mit unzähmbaren Feuerströmen auftun.
Das zeigte sich auch nach dem Ausbruch nördlich von Grindavík erst im November und dann wieder Mitte Dezember mit zweimaliger Evakuierung der Bevölkerung. Zum Schutz der Stadt wurde ein massiver Erdwall errichtet, und zwar genau dort, wo Islands in aller Welt als besonders sachkundig anerkannte Vulkan-Expertise die Lavaströme vorausberechnet hatte. Die kamen hier auch an, die Wälle hielten, aber „die Natur“ entließ einfach aus einem neuen, so nicht erwarteten 900 Meter langen Riss von Süden her und eben direkt am Stadtrand die brennend fließende Lava.
Hrannar Jón Emilsson, wie alle aus Grindavík evakuiert, fand es am Sonntag „surrealistisch, live im TV mitzuerleben, wie das eigene Haus einfach verschwindet.“ Andere, deren Heimstätten eigentlich verschont blieben, äußerten sich genauso düster über ihre Zukunftsaussichten: Die Infrastruktur sei vermutlich viel zu stark beschädigt, niemand wisse, wie tief die Risse im Untergrund des Stadtgebietes und in den Gebäuden sitzen. Und vor allem wisse niemand, wann und wo der nächste dieser Vulkanausbrüche kommen wird.
Die Behörden sprachen vom „denkbar schlechtesten und so nicht erwarteten Verlauf“, Regierungschefin Katrin Jakobsdóttir gar von einem „schwarzen Tag für Island“. Präsident Gudni Jóhannesson beklagte den „beängstigenden Beginn einer Periode von Unsicherheit“ durch die „lange schlummernden und neu erwachten unterirdischen Vulkankräfte auf Reykjanes“.
Deren Macht zeigt auch der bisher einzige Todesfall. Beim Versuch, einen Erdriss aufzufüllen, fiel vorige Woche ein Arbeiter in eben diesen mehr als zehn Meter mit Wasser gefüllten Riss in zehn Meter Tiefe. Alle Versuche, ihn oder zumindest seinen Leichnam zu bergen, mussten nach mehreren Tagen wegen Instabilität des Erdreiches abgebrochen werden.
Immerhin brachte der Montag die positive Nachricht, dass der akut gefährliche Ausbruch am Südrand von Grindavík seine Aktivität schon wieder eingestellt hat. Vorerst jedenfalls. Die Regierung im knapp 50 Kilometer entfernten Reykjavik beriet gleichzeitig, wie den in alle Winde verstreuten Einwohner:innen geholfen werden könne. Für das kleine Land, in dem insgesamt nur knapp 400 000 Menschen leben, ist die Unterbringung von 4000 plötzlich Obdachlosen alles andere als eine Kleinigkeit.
Bei der Klärung des Wie hilft den Isländer:innen ihre reiche Erfahrung im Umgang mit Naturkastrophen. Seit der Besiedlung der Insel mit dem unwirtlich harten Nordatlantik-Klima vor gut einem Jahrtausend gehören Vulkanausbrüche mit unterschiedlich schlimmen Folgen einfach zum Leben dazu. Zuletzt wurde 1973 auf den Westmännerinseln die Stadt Heimaey durch einen Vulkanausbruch fast vollkommen verschüttet. Die 4500 Einwohner:innen konnten auf Fischerbooten fliehen, ihre Stadt haben sie nach und nach neu aufgebaut.
Dass seitdem keiner der mehr als 30 aktiven Vulkane mehr Menschen bedroht hat, gilt in Island als gute Zeit, für die man wohl dankbar sein müsse. Die Autorin Steinunn Stefánsdóttir meint zu dem in ihrem Land so ausgeprägten Grundgefühl, gegenüber überwältigend starken Naturkräften zwar machtlos zu sein, aber in der Not zusammenzustehen und unverdrossen weiterzumachen: „Es ist in den letzten Jahren noch stärker geworden durch das Erlebnis der Corona-Epidemie, da fühlten wir uns auch vollkommen ohnmächtig.“
Genauso sei es 2008 gewesen, als größenwahnsinnige Bankenchefs das kleine Land in den kollektiven Bankrott geführt hatten. Und ein paar Jahre danach habe alle Welt gestaunt, wie schnell Island auch diese Katastrophe bewältigt hatte.
Dänisch Baubranche verlangt schärfere Klimaregeln für sich selbst

Klimaziele für das Bauen: Eine Schippe mehr Mut
13.01.2024
Von: Thomas Borchert

Teil der dänischen Baubranche fordert eine niedrigere CO₂-Obergrenze für die eigene Industrie.
Forderungen einer Industriebranche nach radikal schärferen Klimaregeln für das eigene Geschäft dürften Seltenheitswert haben. Umso mehr Aufmerksamkeit verdient diese Kunde aus Kopenhagen: Knapp 500 Unternehmen und andere Akteure der dänischen Baubranche verlangen von der Politik, die gesetzliche Obergrenze für CO₂-Emissionen beim Wohnungsbau von derzeit 12 auf 5,8 Kilo CO2 pro bebautem Quadratmeter und Jahr zu senken.
Und zwar schleunigst: Nur mit der schnellen Halbierung bis 2025 sei es für die Bauindustrie möglich, die Anforderungen aus dem Pariser Klimaabkommen von 2015 zu erfüllen, heißt es in der „Reduction Roadmap“, deren Erfolg auch die Initiativgruppe selbst komplett überrascht. Ein großer bunter Haufen hat sich per Unterschrift hinter die Forderung nach schärferen Klimaanforderungen beim Wohnungsbau gestellt: Dabei sind weltbekannte Architektur-Firmen wie Bjarke Ingels‘ BIG, Bauplanungs-Unternehmen, Gewerkschaften und Baufirmen genauso wie eine führende Pensionskasse, die Milliarden-Projekte finanziert. Die Stadt Kopenhagen hat auch unterschrieben, ebenfalls ein Big Player für die Baubranche. Und aus der Zuliefererindustrie kommen Unterschriften vom Fensterproduzenten Velux und dem Anlagenbauern F.L.Smidth.
Wille zum Handeln ist groß
Aus dem Initiatorenkreis erklärt sich Architekt Sinus Lynge die Durchschlagskraft der Reduction Roadmap damit, dass „sie für alle die abstrakte globale Klimarechnung zu etwas Konkretem heruntergebrochen hat, wenn sie morgens zur Arbeit gehen“. Im Online-Magazin Zetland sagte er weiter, quer durch die gesamte Baubranche sei der Wille zum Handeln enorm: „Aber keiner kann das alleine. Damit alle entsprechend ihrem Wunsch agieren können, muss von oben die Gesetzgebung dafür kommen.“
Dabei gibt es die gesetzliche Obergrenze für CO₂-Emissionen schon seit 2021. Aber sie fällt mit 12 Kilo je neu bebautem Quadratmeter Wohnfläche hinter dem derzeit in Dänemark erreichten Durchschnittswert von 9,5 Kilo zurück. Bei den jetzt angelaufenen Verhandlungen im Parlament über neue Regeln verlangen die Volkssozialisten als „mutigste“ Partei sieben Kilo.
5,8 Kilo als Obergrenze
Alles zu mutlos, nicht konsequent genug, haben die Leute von Reduction Roadmap vor dem Bauausschuss des dänischen „Folketing“ erläutert. Zu ihrer Forderung nach 5,8 Kilo als Obergrenze schon kommendes Jahr meint Stefanie Weidner vom Stuttgarter Ingenieurbüro Sobek für nachhaltiges Bauen: „Das wird sehr, sehr schwer und den vollen Einsatz aller verlangen.“ Sie hat ein Jahr Arbeit vor Ort in Kopenhagen hinter sich und sieht die Initiative auch als Vorbild für die deutsche Baubranche: “Es ist bezeichnend für diese fortschrittliche und der Wissenschaft vertrauende Nation, dass aus der Branche heraus der Wunsch nach noch höheren Zielen kommt.“
In Deutschland, so erklärt sie, gibt es bisher keinen umfassend verbindlichen Richtwert beim Bau von Büro- und Wohngebäuden. Lediglich für die „KfW-Förderung“ durch den Bund sind Richtwerte, welche deutlich höher sind als in Dänemark, einzuhalten. Wo sie außerdem den gesamten Lebenszyklus eines Wohnungs-Neubau umfassen, also auch die zu erwartende Klimabelastung durch Nutzung über 50 Jahre etwa mit Stromverbrauch und Heizung.
Mischung aus Klimadenken und Geschäftssinn
Die Reduction Roadmap wird als Mischung aus sorgsam durchgerechneten Klimadenken und geschäftlichem Spürsinn präsentiert. Der F.L-Smidth-Konzern etwa verweist auf seine 140-jährige Tradition als Anbieter von Fabrikanlagen für die Zementproduktion. „Jetzt wollen wir gerne nachhaltige grüne Technologie liefern. Schärfere Klimaregeln tragen zur mehr Nachfrage dafür bei.“
Dass das auch im fortschrittlich grünen Dänemark nicht alle so sehen, wird deutlich, da der führende Zementhersteller Portland auf der Unterschriftenliste fehlt. Dessen Anlage in Aalborg ist landesweit souverän der größte CO2-Emmissionär mit 2,2 Millionen Tonnen pro Jahr . Das Roadmap-Ziel von 5,8 Kilo bis 2025 sei doch ein „bisschen zu ehrgeizig, als dass große Teile der Branche sie erfüllen könnten“, kommentiert das Unternehmen im Magazin „Zetland“. Portland ist ein gewaltiger politischer Machtfaktor in Aalborg, wo Dänemarks Ministerpräsidentin Mette Frederiksen ihren Wahlkreis hat. Die Regierung hat bisher kein Wort des Lobes oder überhaupt ein Wort zur „Reduction Roadmap“ öffentlich geäußert. Stefanie Weidner verweist darauf, dass bei den knapp 500 Unterschriften die „Planenden gegenüber den Ausführenden“ in der Überzahl seien. Aber: „Immer mehr der Planenden und Bauherren wehren sich gegen die jahrzehntelange Vorherrschaft der Betonfertigteillo
Dänemarks neuer König wird modern “gebrandet”

An die Arbeit, Ferienprinz!
13.01.2024
Von: Thomas Borchert
Frederik von Dänemark galt lange als Gigolo mit Faible für Rapmusik und teure Autos. Vor seiner Krönung am Sonntag wird ihm nun erstaunlich viel Wohlwollen entgegengebracht.
Dänemarks neuer König Frederik X. kann sich beim Thronwechsel am Sonntag auf beneidenswerte Anschubhilfe seiner knapp sechs Millionen Untertanen verlassen. Unmittelbar vor der Abdankung von Königin Margrethe II., Frederiks überragend populärer Mutter, meldet die Zeitung „Politiken“, dass ihn 81 Prozent als „voraussichtlich guten bis sehr guten König“ erwarten. Die Bahngesellschaft DSB meldet einen Besucheransturm auf Kopenhagen am Wochenende, weil mehr als 100 000 am Sonntag bei der Ausrufung des 55-Jährigen auf dem Balkon von Schloss Christiansborg selbst dabei sein wollen.
Dabei hat Margrethe dem älteren ihrer beiden Söhne den Stabwechsel nicht leichtgemacht. Erst drei Tage vor ihrer überraschenden Rücktrittserklärung zum 52. Jahrestag der eigenen Thronbesteigung habe sie den Kronprinzen eingeweiht, hieß es vom Hof. Nachdem die Bombe bei der Neujahrsansprache der Königin auch landesweit gezündet war, begrüßte „Ekstra Bladet“ das künftige Oberhaupt von Europas ältester Monarchie wenig untertänig mit: „Jetzt ist Schluss mit den Ferien, Frede!“
Unter der Schlagzeile hieß es, als Staatsoberhaupt werde sich das nicht mehr einrichten lassen mit „plötzlichen Spanien-Ausflügen und einer dreiziffrigen Anzahl Ferientage pro Jahr“. An Frederiks Image klebt seit den Jugendtagen der Eindruck, dass er im Grunde seines Herzens weit eher an angenehmer Freizeitgestaltung mit Sport aller Art, Rock- sowie Rapmusik, Jagdausflügen mit reichen Freunden und gesponserten Edelautos als an royalen Repräsentationspflichten interessiert ist. Für die Thronbesteigung unwissentlich ganz schlecht getimt war Frederiks Solo-Wochenendtour nach Madrid kurz vor Weihnachten: Klatschblätter meldeten bebildert einen angeblichen Seitensprung des Kronprinzen mit einer mexikanischen „Jetsetterin“ namens Genoveva Casanova.
Eine Serie peinlicher Pannen
Niemand außerhalb der Residenz auf Schloss Amalienborg weiß, wie die bisherige Kronprinzessin und künftige Königin Mary (51) das bei der Heimkehr des Ehemannes kommentiert hat. Nach außen reagierten der Hof und vor allem auch die tonangebenden Medien ruhig und ausgesprochen dezent. Das zeigte zum einen den in diesem Land doch entspannteren Umgang mit außerehelichen Aktivitäten Prominenter, als man das etwa von der brutalen britischen Boulevardpresse kennt.
Die dänischen Medien, allen voran das öffentlich-rechtliche TV, sind unverbrüchlich positiv gegenüber dem Königshaus eingestellt – komme, was wolle. Sie haben Frederik mit unendlich viel wohliger Sendezeit zu einer stabil positiven öffentlichen Rolle verholfen, nachdem er in seinen jüngeren Jahren eine beeindruckende Serie peinlicher Pannen produziert hatte. 2009 etwa äußerte sich Frederik als Mitglied im Internationalen Olympischen Komitee (IOC) begeistert über die angeblich verbesserten Menschenrechte in China dank der Olympischen Spiele in Peking ein Jahr vorher. Seine Kommentare zur Kritik fielen so erbärmlich hilflos und stotternd aus, dass dem Monarchen in spe anschließend Sprech- und Medientraining verordnet wurde.
Ironman und volksverbunden
Über derlei ist längst Gras gewachsen. Heute denkt man in Dänemark bei Kronprinz Frederik und dem Sport nur noch an dessen fantastische eigene Leistungen. Er tritt freundlich „volksverbunden“ auf, hat sechs Marathonläufe und sogar einen Ironman geschafft und kann bei dem unter seiner Schirmherrschaft arrangierten „Royal Run“ jedes Jahr mit Zehntausenden Teilnehmer:innen rechnen. Als sympathisch ist beim Volk zudem angekommen, dass Frederik in Interviews ohne Umschweife erzählt hat vom persönlichen Kampf mit Unsicherheit, den gigantischen Erwartungen anderer an ihn – und einer von ihm vor allem in der Kindheit als abwesend empfundenen Mutter. Das wolle er mit seinen vier Kindern anders machen.
Frederiks Ehefrau Mary, die gebürtige Bürgerstochter Mary Donaldson aus Australien, dürfte als gelernte PR-Frau am positiven Imagewandel des neuen Königs von Dänemark einen wohl entscheidenden Anteil haben. Bei ihrem ersten großen Interview nach der Hochzeit 2004 konstatierte sie nüchtern, Königshäuser müssten genauso durch ein „Branding“ modernisiert werden wie alle möglichen anderen Unternehmungen auch. An dieser Markenbildung eines modernen Königshauses kann sie nun als Königin Mary weiter arbeiten.
Dänemarks Königin Margrethe dankt ab

Die Königin will nicht mehr
Stand: 01.01.2024
Von: Thomas Borchert
Margrethe II. von Dänemark scheut weder Haltung noch Irritation – und ist sehr beliebt. Jetzt dankt sie überraschend ab.
Königin Margrethe bleibt auch bei ihrer Abdankung so souverän wie während der 52 Jahre auf Dänemarks Thron. „Die Zeit bringt Verschleiß, es gibt immer mehr Gebrechen, und man schafft einfach nicht mehr so viel wie früher,“ sagte die 83Jährige bei der Silvesteransprache, in der sie klar und unaufgeregt, aber auch vollkommen überraschend die Stabübergabe an Kronprinz Frederik, den älteren ihrer beiden Söhne, verkündete.
Noch zum 80. hatte sie in Interviews unverdrossen ihre royale Pflichtauffassung kundgetan, dass eine Regentschaft mit dem letzten Atemzug zu enden hat. So wie bei ihrem Vater, Christian X., nach dessen Tod sie am 14. Januar 1972 als junge Frau zur Königin ausgerufen wurde. Nach ihrer „umfassenden Rückenoperation“ im Februar sehe sie das anders, erklärte Margrethe in der Neujahrsansprache.
Bis zum Jahrestag ihrer eigenen Inthronisierung hat sich Margrethe, die bei öffentlichen Auftritten zuletzt immer mit Stock zu sehen war, noch zwei Wochen auf dem Thron gegeben. In denen wird halb Dänemark Schlange stehen vor Schloss Amalienborg, um der außergewöhnlich populären Königin zu danken. „Selbst die verstocktesten Republikaner müssen die Würde und Größe anerkennen, mit der Königin Margrethe regiert hat und nun abdiziert“, formulierte die größte Zeitung „Politiken“ ihren ganz tiefen Bückling.

Dass Margrethe „regiert“ hat, ist eine kühne Behauptung, wenngleich die dänische Verfassung von 1849, ohne Rücksicht auf den Gender-Aspekt, der Regentschaft nach wie vor absolutistische Macht zuschreibt: „Der König ist nicht verantwortlich; seine Person ist heilig und unverletzlich“, liest man im 21. Jahrhundert staunend in Artikel 18. „Nicht verantwortlich“ bedeutet, dass der Regent oder die Regentin von keinem dänischen Gericht für irgendetwas belangt werden kann. Margrethe trägt sicher keinen Heiligenschein, aber ihr guter Name als zweite Frau auf dem Thron der ältesten europäischen Monarchie (Start: 958 mit Gorm dem Alten) ist tatsächlich unantastbar. Das zeigt auch ihre Neujahrsansprache, die sie nun zum letzten Mal vor einer TV-Kamera abgelesen hat: Sie hat nach wie vor traumhafte Einschaltquoten und gilt bei Silvesterfesten aller Art als Pflichtauftakt.
Mal fordert Margrethe ihr Volk, verpackt in allerlei Blumiges über die Freuden des Familienlebens und die Schönheit dänischer Provinzhäfen, zu mehr Toleranz gegenüber „Fremden“ auf. Um dann zwei Jahre später die Zugewanderten zu ermahnen, dass es ohne mehr eigene Anstrengung mit der Integration nicht klappen kann.
Bemerkenswert daran ist, wie sie es als Staatsoberhaupt mit oft banalen und eigentlich immer im politischen Mainstream verankerten Worten schafft, ihrem „Volk“ ein freundlich entspanntes, trotz aller Risse und Gräben wohlig positives Bild der dänischen Gesellschaft zu vermitteln. Angetreten als scheue, auf ihr Amt vollkommen unvorbereitete junge Frau, hat sie nach und nach ihren eigenen Stil souverän durchgesetzt und gezeigt – unter anderem mit ihren künstlerischen Aktivitäten –, dass auch Brüche ihr nie etwas anhaben konnten.
Das gilt für das geradezu störrische Bekenntnis der Königin zum heftigen Zigarettenkonsum bis ins hohe Alter genauso wie für ihr Outing als Klimaskeptikerin vor ein paar Jahren. Sie hat das jetzt mit einer ernsten Ermahnung zum Handeln gegen die Klimaveränderungen glattgezogen und diskrete Selbstkritik drangehängt: „Für einige von uns ist es ein bisschen schwer gewesen, das einzusehen.“ Also, Schwamm drüber.
Ihre künstlerischen Aktivitäten, etwa als Malerin, Teppichdesignerin, Übersetzerin französischer Literatur oder Scherenschnitt-Meisterin, haben Margrethes Sympathie-Kapital gewaltig wachsen lassen. Sie ließ sich erst kürzlich im Kopenhagener Tivoli für ihre Kostüme und das Szenenbild für die Ballettversion des Andersen-Märchens „Die Schneekönigin“ feiern.
Allerdings hat das Glanzbild der Monarchin in den letzten Jahren ein paar Kratzer abbekommen. Viele im „Volk“ fanden brutal, wie Margrethe den vier Kindern ihres zweiten Sohnes Joachim nach einem Familienzwist den Titel als Prinz oder Prinzessin aberkannte. Joachim warf der Mutter öffentlich den Fehdehandschuh hin. Auch die letzten gemeinsamen Jahre mit dem 2018 verstorbenen Ehemann Prinz Henrik waren nur noch schwer als harmonisch zu vermitteln, nachdem der sich öffentlich ausbedungen hatte, er wolle sein Grab unter gar keinen Umständen an der Seite Margrethes haben.
Auch der 55-jährige Kronprinz, vom 14. Januar an dann König Frederik X. mit Königin Mary an seiner Seite, hat gerade erst Schlagzeilen gemacht. Paparazzi verbreiteten Fotos aus Madrid, die beweisen sollten, dass der Kronprinz bei einer prominenten Mexikanerin mit dem schönen Namen Genoveva Casanova übernachtet hatte. Mag sein, dass diese familiären Aspekte Margrethes Entschluss zur baldigen Abdankung befördert haben.
Digitalisiertes Dänemark schafft die Briefmarken ab

Dänemark schafft die Briefmarke ab: Bürger überrascht von plötzlicher Änderung ab 2024
Stand: 29.12.2023
Von: Thomas Borchert
Die dänische Post ändert holterdiepolter die Regeln für den Versand. Die Däninnen und Dänen sind einiges gewöhnt – doch das geht vielen nun doch zu weit.
Der rasend schnellen Digitalisierung Dänemarks fällt zum Jahreswechsel auch die Briefmarke zum Opfer. Ab 1. Januar befördert „Postnord“ im Inland nur noch Briefe und Pakete mit einem vom Computer erzeugten Porto-Code. Gleichzeitig verdoppelt die Post das Mindestporto für Standardbriefe von zwölf auf 25 Kronen (1,60 auf 3,35 Euro) und will das ohnehin schon dünne Netz von 6000 Briefkästen im kommenden Jahr noch einmal um 1000 reduzieren.
Briefe verschicken kein „wirtschaftlich tragbares Geschäft“ mehr
Dahinter steht die Aufhebung der über drei Jahrhunderte im Königreich geltenden Beförderungspflicht durch das „Folketing“, das Parlament. Jetzt soll es „der Markt richten“, wer überhaupt noch und zu welchem Preis mit Post auf Papier rechnen kann. Postnord-Chef Nikolaj Ahrenkiel fasst die Revolution in dürre Worte: „Die Digitalisierung der Gesellschaft hat zur Folge, dass es kein wirtschaftlich tragbares Geschäft mehr ist, Briefe im ganzen Land auszuliefern.“
Der Kundschaft, also der Bevölkerung mit knapp sechs Millionen Menschen, hat die Post die Abschaffung der Briefmarken mit einer Frist von sage und schreibe vier Wochen mitgeteilt: Ab 2024 dürften schon gekaufte Marken nur noch auf Auslandsbriefe und -päckchen geklebt werden. Ansonsten seien sie wertlos, weil das Parlament mit dem neuen Postgesetz die Befreiung von der Mehrwertsteuer (25 Prozent) beim Briefmarkenkauf aufgehoben habe, teilte Postnord mit.
Digitalisierung weit fortgeschritten
Dagegen gab es weitreichende Proteste. So beklagte etwa der Händler Bjarne Heck auf Fünen die komplette Entwertung seines Briefmarkenbestands von 200.000 Kronen (27.000 Euro), die er für seinen kleinen Versandshop vorrätig hat. „Ich kann die jetzt in den Ofen schmeißen,“ sagte er der Zeitung „Ekstra Bladet“.
„Für mich ist das Diebstahl, wenn man mit einem Federstrich die Werte der eigenen Kundschaft wertlos macht“, erregte sich auch eine Leserbriefschreiberin auf der Sonneninsel Bornholm. Nachdem dann selbst Transportminister Thomas Danielsen von der Entwertungs-Ankündigung abrückte, kam Postnord kurz vor den Feiertagen plötzlich auf andere Gedanken. Briefmarken können nun bis zum 30. Juni an die Post zurückgegeben werden. Gegen Gebühr, versteht sich.
Protest gegen neue Regelung ab 2024
Bei den Reaktionen auf die neuen Postregeln haben allerdings fast nur Proteste gegen die kurze Ankündigungsfrist mit Entwertung der alten Briefmarken Platz in Medien gefunden. Die Sache an sich führt zu wenig Gemütserregung. Zu sehr sind die Bürger:innen Dänemarks schon daran gewöhnt, dass der Staat und seine Behörden sowie Unternehmen ohne viel Federlesen jede Gelegenheit zur weiteren Digitalisierung des Alltags entschlossen bis brutal beim Schopf packen. Seit 22 Jahren schon gibt es für alle im Land eine „E-Boks“, an die sämtliche Behördenpost digital geschickt wird. Umgekehrt nimmt keine staatliche Stelle mehr Papierpost an. Wer sich von diesen Zwängen befreien lassen will, hat einen ziemlich beschwerlichen Antragsweg zu bewältigen. Natürlich digital.
So leben 90 Prozent der Bevölkerung mit ihrer E-Boks auf dem Handy, Tablet oder Laptop und können sich in der Regel auch über schnellere und einfachere Abwicklung ihrer Anliegen freuen als etwa im digital weit hinterherhinkenden Deutschland. Für den Rest aber dürfte die endgültige Umstellung der Post auf „Marktbedingungen“ das Leben noch schwieriger machen.
So warnt die Organisation „Ældre Sagen“, in der fast eine Million alte Menschen organisiert sind, dass ihre Mitglieder in ländlichen Regionen möglicherweise überhaupt keine Papierpost mehr bekommen. Es nützt ihnen dann nichts mehr, dass sie (als einer oder eine von landesweit 300 000) vom Zwang zum digitalen Behördenverkehr amtlich befreit sind.
Wenig beruhigen dürfte diese Digitalisierungs-Opfer, was die Mehrheit im Kopenhagener Folketing zum neuen Postgesetz vereinbart hat: „Sollten Bürger in einer bestimmten Region erleben, dass der Briefservice zusammenbricht, wird eine umfassende Untersuchung in Gang gesetzt.“
Die Post wird in Dänemark allerdings bereits seit einigen Jahren sowieso nur noch ein bis zwei Mal die Woche in private Briefkästen eingeworfen. Ab dem 1. Januar stellt Postnord zudem auch die Zustellung von Tageszeitungen komplett ein.
Königin Silvia wird 80

Die Makellose
Stand: 22.12.2023, 16:01 Uhr
Von: Thomas Borchert
Königin Silvia von Schweden ist wortgewandt und weiß im rechten Augenblick zu schweigen. Jetzt wird die souveräne Regentin 80 Jahre alt.
Wer den 80. Geburtstag bei bester Gesundheit mit dem Lebensgefährten, drei ebenfalls gesunden Kindern und acht Enkelkindern im eigenen Schloss feiern kann, hat wohl wenig Grund zur Klage. Wenn Königin Silvia von Schweden, am 23. Dezember 1943 als Kaufmannstochter Silvia Renate Sommerlath in Heidelberg auf die Welt gekommen, aber doch mal öffentlich Klage führt, geschieht es so gut wie immer in wohlgesetzten royalen Worten zum Wohl anderer, wahlweise in sechs von ihr beherrschten Sprachen. Von Kindern mit psychischen Problemen bis zu demenzkranken alten Menschen reicht ihr Engagement als Schirmherrin von 62 Stiftungen.
Vor zehn Jahren klagte Silvia dann doch mal in eigener Sache vor dem Presse-Ombudsmann wegen einer boshaften Karikatur mit sich selbst und König Carl Gustaf XVI. Hier half der Titel nichts, die Königin unterlag in zwei Instanzen. Davon später mehr im Kleingedruckten. Denn unter dem Strich ist sich ganz Schweden einig, dass diese zugewanderte Tochter einer Brasilianerin und eines Deutschen von Beginn an und bis heute ein vermutlich lebensrettender Glücksfall für die Monarchie ist. Das Königshaus galt im durch und durch sozialdemokratischen Schweden des 20. Jahrhunderts als verstaubt und reaktionär, als 1972 der 26-jährige Kronprinz Interesse an der Chefhostess bei den Olympischen Spiele in München entwickelte. Zum ersten Mal habe er das beim Blick durch sein Fernglas während der Eröffnungsfeier gespürt, erzählte er später.
Im Jahr darauf wurde aus dem Kronprinzen ein ausgesprochen unsicherer König, der erst nach der Hochzeit mit Silvia 1976 nach und nach an Sicherheit gewann. „Der widerwillige Monarch“ hieß noch eine 2010 erschienene, allerdings auch umstrittene Biografie, während bei der Ehefrau vom ersten Tag an klar war, dass Silvia in der neuen Rolle alles gab für die Monarchie – und damit Erfolg hatte. Sie lernte schnell und ziemlich perfekt Schwedisch, und schaffte als freundlich lächelnde Schönheit mit intelligentem Einfühlungsvermögen auch den Spagat zwischen traditionellen Anforderungen an den Hof und dem Wunsch nach mehr Modernität. Und: Sie sorgte stets für gute PR.
Nur ein, zwei Skandälchen
Silvia lächelte nicht nur und weihte alles Mögliche ein, sondern hat über fast ein halbes Jahrhundert den Eindruck von disziplinierter Arbeit vermittelt. In der Geburtsstadt Heidelberg brachte ihr das in diesem Jahr den Ehrenbürgertitel ein. Für das „großartige soziale Engagement von Königin Silvia von Schweden, insbesondere ihren außergewöhnlichen Einsatz für schutzbedürftige Kinder“. Den schärfsten Knick in dieser fast makellosen Erfolgsbilanz illustrierte ihre Klage 2013 gegen vier schwedische Medien wegen einer bösen Karikatur. Sie zeigten Silvia beim Wegfegen eines Hakenkreuzes von einem Teppich und Carl Gustaf beim Pizzaverzehr auf einer nackten Sängerin. Der Hintergrund: Medien hatten berichtet, dass sich Walther Sommerlath in den 1930er-Jahren am Vermögen eines zwangsenteigneten deutschen Juden bereichert haben sollte. Silvia verteidigte zunächst ihren Vater: „Man muss psychologisch verstehen, wie das war, als Deutschland sich plötzlich wieder aus der Asche erhob. Und diese Freude darüber, dass das Vaterland wieder da war. Deshalb stützte mein Vater Deutschland und wurde Parteimitglied.“ Wer sich damals dagegen gestellt habe, sei „ja gegen die ganze Maschinerie gewesen“. Als die Königin gewahr wurde, welches Entsetzen sie damit ausgelöst hatte, beauftragte sie einen Historiker und Anwälte mit der Untersuchung der geschäftlichen Aktivitäten ihres Vaters während der Nazizeit. Sie brachten einen weitgehenden „Freispruch“. Silvias Image hat diese Auseinandersetzung kaum geschadet.
Das gilt ganz und gar nicht für ihren Ehemann als zweites Karikaturopfer. Carl Gustaf geriet 2010 in die Schlagzeilen, zum einen wegen einer Affäre mit der Popsängerin Camilla Henemark von der Band „Army of Lovers“, zum anderen wegen seiner vor allem von Zeuginnen bestätigten Teilnahme an „Herrenabenden“ mit bezahlten jungen Frauen sowie Besuchen in Stripclubs. Die Verteidigung des Regenten fiel so jämmerlich aus, dass Forderungen nach seiner Abdankung zugunsten von Kronprinzessin Victoria (46) laut wurden.
Silvia hat dazu genauso eisern geschwiegen wie zu Carl Gustafs vorsintflutlicher Nörgelei an der Abschaffung der rein männlichen Thronfolge in Schweden. Zu seinem 50. Thronjubiläum in diesem Sommer war über all das so einigermaßen Gras gewachsen. Silvia führte die Rolle als hundert Prozent loyale Regentengattin perfekt lächelnd wie fast immer vor. Aber die Zustimmung zur Monarchie fällt derzeit mit knapp über 60 Prozent doch wieder mäßiger aus. Und nach wie vor wünscht eine Mehrheit in Schweden, dass die Monarchie mit dem Wechsel von Carl Gustaf zu Victoria jetzt eine weibliche Zukunft bekommt.