“Liebe Dänen” – Ich hab einen Brief an alle in “Jyllands-Posten” geschrieben

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Hier kommt der Text eines Briefes von mir “an alle Dänen”, den “Jyllands-Posten” jetzt veröffentlicht hat. Es geht um die inflationäre Ausbreitung des Begriffs “danskerne” = “die Dänen” in der Politiker- und Mediensprache” mit populistisch-nationalistischem Dreh. Die rechtsliberale “Jyllands-Posten” ist eine der drei größten landesweiten Zeitungen. Berühmt geworden durch die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen 2005. Mein Brief ist als “kronik” abgedruckt – oft heftig debattierte Meinungsartikel in den dänischen Zeitungen.

Der Text:

Kronik 28.07.2014 kl. 03:00

Liebe Dänen,
„Die Dänen werden älter und klüger” und „Gesunder Menschenverstand rammt die Dänen“, las ich kurz hintereinander in der Zeitung.  Das klang gut und nach dem richtigen Zeitpunkt, Euch zu schreiben in der Hoffnung, dass der gesunde Menschenverstand auch bei mir als Nicht-Dänen ab und zu funktioniert. Es fühlt sich ein bisschen größenwahnsinnig an, nach 30 Jahren hier an Euch alle in Eurem fantastischen Land, zu schreiben. Es scheint aber die richtige Form zu sein. Denn Ihr seid offenbar eine Einheit mit einem klaren Willen: „Danskerne“, so höre oder lese ich, wie Ihr auch, jeden Tag unzählige Male aus dem Mund von Politikern und den Texten oder Mikrofonen von Journalisten, sind eine fest zusammengeschweißte Einheit. Sie wollen und tun alles in großer Einigkeit. Es ist wunderbarerweise immer genau das Richtige.

Eure Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt hat in einer Rede erklärt, warum Ihr bestimmte Dinge viel besser hinbekommt als zum Beispiel die Japaner. Bei denen war sie gerade zu Besuch gewesen und konnte vergleichen: „Weil die Dänen meckern. Wenn etwas nicht in Ordnung ist, dann machen sie da nicht mit. In Dänemark sagen wir, was wir denken.” Peter Skaarup von (rechtspopulistischen) Dansk Folkeparti meint in seinem Blog: „Die Dänen sind ein gutes, harmonisches und friedliches Volk. Und dafür gebührt den Dänen ganz allein alle Ehre. “ Eure Nachrichtenagentur Ritzau zitierte als Experten für die dänische EU-Skepsis ausgerechnet (den extremen Rechtsaußen) Morgens Camre: „Wir sagen, dass die Dänen es also besser hinbekommen. Wir sind ehrliche und nicht korrupte Leute und fleißiger als die anderen.“ Venstre-Chef Lars Løkke Rasmussen verkündete im Folketing, als er noch Regierungschef war: „Die Dänen sind selbst die tüchtigstem darin, die richtigen Lösungen zu finden.”

Beneidenswert! In meinem eigenen Land haben „tyskerne“, die Deutschen, bekanntermaßen nicht immer die richtigen Lösungen für alle Probleme gefunden. Aber das ist jetzt nicht das Thema. Eure Politiker bekunden auch, wenn ihnen selbst das Wasser bis zum Hals steht, dass Ihr, die Dänen, immer recht habt. Sozialministerin Mette Frederiksen äußerte in „Børsen“ über den Niedergang ihrer sozialdemokratischen Partei: „Entweder kann man sagen: Wir sind es, die recht haben, und die Dänen täuschen sich. Ich habe eine ausgesprochen starkes Vertrauen zu den Dänen. Auch in ihrer Bewertung der Sozialdemokraten.“ Lars Løkke Rasmussen hörte man zu Rücktrittsforderungen wegen der von seiner Partei Venstre bezahlten Anzüge und Unterhosen mehrfach sagen: „Ich habe volles Vertrauen zu den Dänen.“ Glückwunsch!

Sogar die einstigen Fahnenträger des Internationalismus in der Enhedsliste haben das nationale Maß aller Dinge ins Herz geschlossen. „Die Dänen wollen Løkkes Abrechnungen sehen”, las man im Partei-Pressedienst und ”Die Enhedsliste will den Dänen mehr Freizeit verschaffen” in der Zeitung. Bei letzterem wurde ich wieder ein bisschen neidisch, weil ich zu dem tollen Dänen-Club mit noch mehr Freizeit einfach nicht dazugehören kann. Auch wenn ich schon lange hier arbeite, Steuern zahle und 1992 beim EM-Finale von ganzem Herzen für Rotweiß gejubelt habe.

Ich war damals von Eurem Land begeistert, und bin es, mit ein paar Modifikationen, immer noch. In Dänemark habe ich eine Art von intelligenter, praktischer, unaufgeregter, unagressiver Vernunft und Modernität beim Lösen von Problemen kennengelernt, die ich bewundere. Ob es nun um ein Problem in der ersten Schulklasse mit dem Mitbringen von Süßigkeiten geht, oder um eine Entscheidung im Folketing über das Rentensystem. Die Entscheidung mag nicht immer die richtige sein, aber den Weg bis dahin finde ich Zuwanderer oft faszinierend. Wenn was schiefgegangen ist, kann man es ja korrigieren, ohne großes Tamtam. Fantastisch!

Gerade deshalb will mir einfach nicht in den Kopf, wieso Ihr Euch die scheinheiligen Bekenntnissen Eurer populistisch verseuchten Politiker zu „Danskerne“ einfach so gefallen lasst. Von den Journalisten in ihrem Gefolge ganz zu schweigen, die mindestens genau so fleißig Eure „nationale Einheit und Einigkeit“  mit dem D-Wort verbal herausheben. “Die Dänen meinen ditten, die Dänen tun datten und die Dänen wünschen sich dutten für die Zukunft”. Unablässig hören wir von dieser Kategorie “die Dänen”. Das hat man vor ein paar Jahrzehnten nicht im selben Maß getan,” seufzte 2011 der kluge „Sprachprofessor“ Jørn Lund in „Politiken“. Der Journalist Lasse Jensen beklagte unlängst in “Information” den extrem häufigen Gebrauch von “danskerne” in den Programmen und der Planungsarbeit von Danmarks Radio (DR): “Ich weiß nicht, wie oft der Begriff ‘die Dänen’ in der Rhetorik von DR auftaucht.”

Warum sich das geändert hat, ist klar. Da will ich Euch nicht mit längst bekannten Erklärungen langweilen. „Jetzt geht es ganz einfach um die Dänen“, sagte Pia Kjærsgaard 2002 zum Start der VKO-Ära (10 Jahre Mitterechts-Koalition mit Kjærsgaard Populisten als Mehrheitsbeschaffter) als Regierungsprogramm und hat das nicht nur bei Wahlen, sondern auch sprachlich durchgesetzt. Alle anderen sind ihr gefolgt. Wer möchte nicht gerne Wahlen gewinnen, genau wie Pia? Die Journalisten hecheln hinterher.

Oft ist das einfach komisch.”Warme Sommernächte dehydrieren die Dänen” als Überschrift deutet ja an, dass es auch ein Vorteil sein kann, wenn man nicht zu dieser national zusammengeschweißten Einheit gehört. Genau wie wir männliche Zuwanderer nicht zwangsläufig stärker inkludiert werden möchten, wenn “Ekstra Bladet” schreibt: “Die Dänen kämpfen mit der Potenz.”

Seis drum, jeder versteht, was gemeint ist. Vielleicht ein bisschen problematischer wird es aber, wenn die Nationalität immer und immer wieder als Synonym für alles Gute und Richtige eingesetzt wird. Eure Politiker haben das jetzt derart im Blut, dass die richtig unintelligenten unter ihnen auch negative Umkehrschlüsse über andere Nationalitäten ganz normal finden.

Die Sozialdemokratin Trine Bramsen sagte zum Thema “Was stellen wir mit einbruchs-gierigen Rumänen an?” im DR-Radioprogramm “Debat”: “Es soll nicht der geringste Zweifel daran bestehen, dass wir am liebsten sämtliche Rumänen nachhause geschickt haben möchten. Und am allerliebsten, dass sie gar nicht erst hierherkommen. Dafür arbeiten wir in der Regierung knallhart.” Die Parlamentsabgeordnete Bramsen (rechtspolitische Sprecherin ihrer Fraktion!), ist 1981 geboren und kennt wohl kein anderes Dänemark als das von der Dansk Folkeparti geprägte. Ich bin älter und kenne auch einige andere Ländern ganz gut. Überall außer in Dänemark wäre Bramsens sozialdemokratische Karriere nach so einer Äußerung beendet.

Könnte es sein, dass Ihr im stillen Kämmerlein diese anbiedernde Ansprache von Euch als eine Einheit, die immer dasselbe und immer das Richtige will, genauso dumm, falsch und veraltet findet wie die Einordnung aller Rumänen als Einbrecher? Das wüsste ich gerne. Es fällt mir auf, dass ich in meinem hoch geschätzten dänischen Alltag das Wort „Danskerne“ selten höre. Die normalen Leute erzählen von ganz unterschiedlichen Problemen in ihrem Leben. Dass sie als junge Leute nur schwer in den für die ältere Mittelklasse maßgeschneiderten Wohnungsmarkt einsteigen können. Oder dass Alte Leute auch mit 90 keinen Heimplatz finden, weil sie noch „zu frisch“ sind. Einige klagen, dass am Arbeitsplatz keiner seine Meinung zu sagen wagt, weil die Angst vor Arbeitslosigkeit zugenommen hat. Andere, meistens die Chefs, erzählen das Gegenteil. In jedem Fall ein buntes und kein einheitliches Bild.

Die permanente Anbiederung Eurer Politiker an die angebliche Einheit „Danskerne“ ist für mich Dänemark-Fan eine bewusste Beleidigung Eurer Intelligenz. Nehmen wir Helle Thorning-Schmidt, die es ganz bestimmt besser wissen muss. In jeder ihrer Reden, und sei sie noch so kurz, kommt das D-Wort so sicher vor wie das Amen in der Kirche. Irgendwo las ich Spott in einer Zeitung, dass ihre Redenschreiber feste „Danskerne“-Kontingente zugeteilt bekommen, die erfüllt sein müssen. Thorning Schmidt lebt mit ihrer britisch-dänischen Familie in Østerbro. Ihren Mann hat sie beim Studium in Belgien kennengelernt. Sie war Abgeordnete im Europaparlament im französischen Strassburg. Ihren britischen Ehemann Stephen Kinnock hat sie in Brüssel kennengelernt. Der will nach Jobs in Moskau und Genf jetzt ins Londoner Unterhaus einziehen. So funktioniert die Welt heute, solche mobilen, dynamischen Aus- und Einwanderer sind moderne Rollenmodelle. Und das ist gut so, oder? Gibt es einen klareren Beweis als dieses Paar dafür, dass die ständige Berufung auf eine Nationalität als Maßstab hoffnungslos veraltet ist? Und unsympathisch sowieso.

Vielleicht könnte man „Danskerne“ mal probehalber aus Entwürfen für alle Redetexte und Zeitungsartikel eine Weile komplett streichen? Dass es geht, hat Kulturministerin Marianne Jelved vorgemacht. Im Radioprogramm „Mennesker og medier“ erklärte sie, warum aus dem neuen Medien-Abkommen der zuerst verwandte Begriff „danskerne“ wieder verschwunden ist: „Das ist eine schlechte Sprach-Angewohnheit, die sich über unsere Köpfe hinweg bei uns eingeschlichen hat.” Jetzt steht da „Bürger“, denn, so Jelved: „Es gibt so viele andere in der dänischen Gesellschaft, die nicht Dänen sind und einen anderen Hintergrund haben. Die sollen auch beteiligt sein.” Mange tak, Marianne, von einem der Berührten, das ist die danske “snusfornuft”, der gesunde Menschenverstand, die/der mir so gefällt. Abgesehen vielleicht davon, dass der Schaden durch das ewige D-Wort für Euch Dänen größer ist als für uns Nicht-Dänen.

One thought on ““Liebe Dänen” – Ich hab einen Brief an alle in “Jyllands-Posten” geschrieben

    Kim Amlod said:
    July 30, 2014 at 12:04 pm

    Hej Thomas,
    Jeg tilslutter mig fuldt og helt din kritik. Den måde alle siger ”danskerne” på har irriteret mig i årevis. . . Det er et virklige godt indlæg, som jeg håber gør indtryk!

    Dbh
    Kim

    P.S.
    Håber at kunne komme til at give et par omgange øl, inden så længe.

    Fra: Thomas Borchert, Copenhagen [mailto:comment-reply@wordpress.com]
    Sendt: 30. juli 2014 11:47
    Til: Kim Amlod
    Emne: [New post] “Liebe Dänen” – Ich hab einen Brief an alle Dänen in “Jyllands-Posten” geschrieben

    Thomas Borchert posted: ” Hier kommt der Text eines Briefes von mir “an alle Dänen”, den “Jyllands-Posten” jetzt veröffentlicht hat. Es geht um die inflationäre, nationalistische und populistische Ausbreitung des Begriffs “danskerne” = “die Dänen” in der Politiker- und Medienspr”
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