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Trumps Grönland-Irrsinn macht Dänemarks Regierung vor Neuwahlen populär

Dänemarks Suche nach Normalität
3.2.2026
Von: Thomas Borchert
Der Punktsieg für Grönland verschafft der Regierung von
Mette Frederiksen dringend nötigen Kredit für dieses Wahljahr
Ob vielleicht der nächste Friedensnobelpreis wieder nicht an den davon besessenen Donald Trump geht – dafür aber an Mette Frederiksen? Die „New York Times“ jedenfalls hat Dänemarks Premier schon mal für ihren Einsatz gegen eine US-Annexion Grönlands mit einem äußerst gewinnenden Foto auf der Titelseite und ganz großen Worten geehrt: „Frau Frederiksen hat monatelang mit Herrn Trump ein nerviges Spiel bei maximal riskantem Einsatz gespielt, und es sieht so aus, als habe sie gewonnen – erst mal.“
Trumps Rücknahme sämtlicher Drohungen von Invasion bis zu Strafzöllen und seine plötzlich butterweiche Verhandlungsbereitschaft machten Frederiksens anschließende Besuche in Berlin und Paris zusammen mit Grönlands Regierungschef Jens-Frederik Nielsen zur Siegestour. Emmanuel Macron trug seine Begeisterung für die von Europa mitgetragene Standhaftigkeit der Nordlichter gegen den Möchtegern-Imperator erst in – dem wirklich sauschweren – Grönländisch und dann in Dänisch vor: Seht her, es geht doch!
Geschickter Vergleich mit der Ukraine
Im Berliner Talkshowstudio nahm die 48-jährige Frederiksen die ihr von Sandra Maischberger freundlich überlassene Rolle als Geopolitikerin ohne Zögern und prinzipienfest an: „Ich bin Hardlinerin bei der Sicherheitspolitik.“ In der Nordischen Botschaft wagte sie sich laut „New York Times“ bei der Einordnung von Trumps Griff nach Grönland bemerkenswert weit vor: „Ich habe nie geglaubt, das es beim Krieg in der Ukraine um die Ukraine geht. Es geht um Russland und Russlands imperiale Träume und den Willen, irgendwann mit Europa Krieg zu führen. Auf die Lage in Grönland muss man genauso blicken.“
Vielen der sechs Millionen Menschen in Dänemark und erst recht vielen der 57 000 in Grönland ist der fürchterliche Ukraine-Vergleich oft durch den Kopf gegangen, als Trump seine martialischen Drohungen mit militärischer Gewalt und Hohn über den europäischen Kleinstaat samt der „Eisfläche“ Grönland verbreitete. Ob dem Spuk nun unter dem Strich die einige und entschlossene Reaktion aus Europa oder Trumps enorme Probleme im eigenen Land oder eine Kombination aus beidem ein plötzliches Ende bereitet haben: Auch in Dänemark und der Ex-Kolonie Grönland sind sich alle einig, dass Frederiksen und ihr Außenminister Lars-Løkke Rasmussen genau den richtigen Ton zur kompromisslosen Verteidigung von territorialer Integrität und Selbstbestimmungsrecht der Grönländer getroffen haben.
Fast so surreal wie die Vorstellung einer US-Militäraktion ist für das bis dato grenzenlos US-treue Dänemark jetzt das plötzliche Verschwinden dieses Gespensts. Klar, es kann jederzeit wieder ein irritierender Trump-Post auf „Truth Social“ das „nervige Spiel“ auf Start zurücksetzen. Aber die Kopenhagener Medien versuchten nun erst mal, sich selbst wieder auf Start zu setzen.
Jetzt geht es ums Wetter und um Alltagspreise
Mit einem Schlag lieferten das kalte Winterwetter und die steigenden Preise die Schlagzeilen. Und dass Frederiksens Regierung mit einem einmaligen „Lebensmittel-Scheck“ samt Senkung der Mehrwertsteuer jetzt helfen will.
So hatte das Frederiksen auch schon in ihrer Neujahrsansprache verkündet, als letzter verzweifelter Rettungsversuch einer hoffnungslos unpopulären Regierungschefin vor den dieses Jahr fälligen Neuwahlen.
Nach der (an den fortwährenden Niedergang der deutschen Schwesterpartei erinnernden) Katastrophe für ihre Sozialdemokratie bei den Kommunalwahlen entschuldigte sich Frederiksen gleich beim ganzen Land: „Ich hab nicht gut genug zugehört.“ Wohl wahr bei Umfragewerten von 17 Prozent gegenüber 27 bei den jüngsten Wahlen.
Noch hoffnungsloser in Richtung einer der „Titanic“ zur Ehre gereichenden Havarie lief es für Außenminister Rasmussen mit seiner vor den letzten Wahlen 2022 eiligst zusammengezimmerten Parteigründung „Moderaterne“. Immer neue Skandale, unter anderem wegen Hochstapelei, MeToo und Job Mobbing, brachten der Fraktion den originellen Spottnamen „Clown-Bus“ ein.
Auch das hat Trump komplett umgewälzt. Frederiksens Sozialdemokratie mit jetzt 22 Umfrageprozenten und Rasmussens „Bus“ mit den vielen Witzfiguren bei sechs Prozent liegen so gut wie lange nicht mehr. Vieles spricht dafür, dass die Regierungschefin jetzt ganz schnell Neuwahlen ausschreibt.
Zum Kopenhagener Wahlkampfmodus passte am Freitag eine neue Verschärfung der ohnehin betont harten dänischen „Ausländerpolitik“: Auch entgegen der Rechtsprechung zur Europäischen Menschenrechtskonvention will Frederiksens Regierung künftig alle Straftäter ausweisen, so zu mehr als einem Jahr Haft verurteilt. Frederiksen hatte sich zusammen mit der italienischen Kollegin Giorgia Meloni seit längerem mit zunehmendem Erfolg als Speerspitze für die Aushebelung „unzeitgemäßer“ Konventionen eingesetzt.
Zu ihren Plänen sagte Frederiksen am Freitag: „Ich glaube nicht, dass sich jemand beim Schreiben der internationalen Regeln vorstellen konnte, dass man aus dem Nahen Osten flieht, ins beste Land der Welt kommt und anfängt, Mädchen und Frauen zu vergewaltigen.“ In jenen Regeln kamen auch die Pläne von Donald Trump nicht vor.
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Etappensieg für Dänen und Grönländer – mehr aber nicht

Ein “irrelevanter” Kleinstaat wehrt sich
24.1.2025
Von: Thomas Borchert
Die EU unterstützt Dänemark im Grönland-Streit geschlossen. Doch das Misstrauen gegenüber Donald Trump bleibt weiterhin groß.
Für Dänemark und das von Donald Trump begehrte Grönland ist die Woche eindeutig besser gelaufen als befürchtet. Vom Brüsseler EU-Sondergipfel konnte Regierungschefin Mette Frederiksen die weiterhin klare Unterstützung aller 27 Mitgliedsländer gegen den US-Griff nach der größten Insel der Welt zum Solidaritätsbesuch in der grönländischen Hauptstadt Nuuk mitnehmen. Auch dass Trump seine Invasionsdrohung gegen den Nato-Verbündeten samt bedingungslosem Besitzanspruch in Davos genauso wie die Drohung der Strafzölle zurückgezogen hat, sorgt für ein bisschen Erleichterung.
Mehr aber auch nicht. Die Kommentare fallen in Kopenhagen und in Nuuk einhellig skeptisch aus: Wie lange das Zwischenhoch wohl halten wird? „Wir schlafen jetzt etwas besser, behalten aber die Stiefel an“, sagte die Grönländerin Julie Rademacher bei Danmarks Radio. Sie vergaß nicht den Hinweis, dass ihre Landsleute als geübte Seehundejäger:innen in der Regel gut mit einem Gewehr umgehen können. Sämtliche Munition in Nuuk sei ausverkauft.
Derselbe Sender enthüllte, dass die kurzfristig „zu Übungszwecken“ von Dänemark nach Grönland geschickten Soldaten ausdrücklich den Befehl hatten, bei einem Angriff durch US-Einheiten zurückzuschießen. Sie waren dafür – ungewöhnlich für eine „Übung“ – mit scharfer Munition ausgestattet. So ernst also nahm auch die politische und militärische Führung Dänemarks Trumps Drohung mit einem Überfall. Als Verteidigungsminister Troels Lund Poulsen darauf angesprochen wurde, murmelte er kurz „kein Kommentar“ und verließ fluchtartig das Briefing. Von den Augen abzulesen war seine Angst, diese „Breaking News“ könne Trump zu neuen martialischen Drohungen aus dem Weißen Haus animieren.
Außenminister Lars Løkke Rasmussen hatte mehr „Eis im Magen“, wie man im Dänischen die deutsche Bierruhe ausdrückt. Er wiederholte vor der aufgeregten Medienmeute einfach seinen größten Wunsch in Sachen Grönland: „Wir müssen entdramatisieren und zu einem ruhigen Prozess kommen.“ Der sei nun in Gang, auch mit einem vertraulichen Gespräch in Washington am Vortag: „Exakt, was wir uns gewünscht haben.“
Die Verantwortlichen für den Kleinstaat Dänemark einschließlich Grönland haben wohl vieles richtig gemacht und wurden bisher dafür belohnt. Nach der mysteriösen Einigung zwischen Nato-Generalsekretär Mark Rutte mit Trump auf einen „Rahmen für eine Arktis-Vereinbarung“ konterte Premier Mette Frederiksen, Rutte habe kein Mandat zu Territorialfragen. Unbeirrt bestand sie genau wie der grönländische Regierungschef Jens-Frederik Nielsen auf der „roten Linie“: „Nur das Königreich Dänemark und das mit ihm verbundene Grönland entscheiden darüber. Allein.“
Keine 48 Stunden später schrieb sie zum Gespräch beim britischen Kollegen Keir Starmer dankbar und frei nach den Beatles ins Gästebuch: „We are going to get by with a little help from our Friends.“ Starmer und danach in Brüssel auch sämtliche EU-Regierungsspitzen, einschließlich des Trump-Intimus Viktor Orbán, stellten sich hinter Dänemark und Grönland, verbunden mit der auch von Frederiksen immer wieder betonten Bereitschaft, den USA bei der militärischen Sicherung der Arktis maximal entgegenzukommen.
Dabei weiß sie ganz genau, dass noch so wohlabgewogene Bekundungen nicht das Geringste gegen den trumpschen Drang zu verrückt-aggressiven Posts auf „Truth“ helfen. Und schon gar nicht gegen die vielleicht in Washington längst grundsätzlich beschlossene Inbesitznahme der Arktisinsel als Verwirklichung von „Make America Great Again“ und als Hebel zur Beerdigung der Nato.
Grönland ist für Trump nur eine „riesige Eisfläche“. Sein Finanzminister Scott Bessent befand in Davos mal eben: „Dänemark ist irrelevant.“ Vorerst hat dieser Imperialisten-Ton Dänen und Grönländerinnen trotz tief sitzender Spannungen aus der Kolonialzeit schnell und fest zusammengeschweißt.
Trump bedroht ganz Norwegen, weil er den Friedensnobelpreis nicht bekommen hat

Als nächstes Spitzbergen? Trump legt wegen Nobelpreis gegen Norwegens Regierung nach
21.1.2025
Von: Thomas Borchert
Der US-Präsident lässt nicht locker und erneuert seine Kritik an Norwegen. Dabei gibt es Hinweise, dass ihm das Nobelkomitee womöglich sogar entgegenkam – eine Analyse.
Donald Trump hat ein zweites Hassobjekt in Skandinavien ins Visier genommen, weil dort seine sehnlichsten Wünsche nicht erfüllt werden. Neben Dänemark, das Grönland nicht für „Make America Great Again“ herausrücken will, ist Norwegen dran, nachdem der Mann im Weißen Haus beim Friedensnobelpreis leer ausgegangen ist.
Trump macht jetzt in einem an Irrsinn schwer zu übertreffenden Brief an Norwegens Regierungschef Jonas Gahr Støre alle 5,7 Millionen Menschen im Land der Fjorde haftbar für die Gefährdung des Weltfriedens. Durch die Nichtvergabe: „Lieber Jonas, nachdem dein Land entschieden hat, mir nicht den Friedensnobelpreis dafür zu geben, dass ich mehr als acht Kriege beendet habe, fühle ich nicht länger die Verpflichtung, ausschließlich an den Frieden zu denken.“ Es folgt eine genauso wahnsinnig hergeleitete Ankündigung zur „vollständigen und totalen Kontrolle über Grönland“, weil sonst die Welt nicht sicher sei.
Støre bestätigte das von Trump auch noch selbst breit gestreute Schreiben und rang vor Mikrofonen um eine nur ja nicht sarkastisch klingende Reaktion: „Ich habe dem Präsidenten mehrfach erklärt, dass wir keinen Einfluss auf die Entscheidungen des Nobelkomitees haben.“ Es half nichts, tags darauf konterte der US-Präsident bei NBC: „Norwegen kontrolliert das vollständig, auch wenn sie anderes behaupten.“
Dabei war ihm das von Norwegens Parlament nach Parteienproporz bestimmte, aber eindeutig autonom arbeitende Nobelkomitee, drei Frauen und zwei Männer, bei der Entscheidung für die venezolanische Oppositionschefin María Corina Machado schon bemerkenswert weit entgegengekommen. Die hatte sich vor, beim und erst recht nach dem Empfang des Preises öffentlich immer wieder als Trump-Fan präsentiert: Er sei der eigentlich würdige Preisträger. Machado begrüßte den US-Militärangriff auf Venezuela mit Kidnapping des autokratischen Präsidenten Nicolás Maduro. Sie übergab Trump, obwohl von ihm rüde aufs Abstellgleis geschoben, schließlich ihre Nobel-Medaille im Weißen Haus.
Die Nobelstiftung veranlasste das zur nüchternen Anmerkung, ihr Preis bleibe für immer „untrennbar an die vom Komitee ausgewählte Person oder Organisation gebunden“. Mit den Medaillen könnten die Ausgezeichneten anstellen, was immer sie wollten. Ein Schelm, wer Sarkasmus hinter der Auflistung der Nobelstiftung von vergleichbaren Weitergaben der Medaillen aus Gold vermutet.
Auch Goebbels wurde ein Nobelpreis geschenkt
Als letztes Beispiel liest man da, dass 1943 der Norweger Knut Hamsun die für seinen Literaturpreis 1920 Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels „aus Dankbarkeit“ schenkte.
Machados demütiges Geschenk hat die Gier des Mannes im Weißen Haus nach dem prestigeträchtigsten Preis der Welt nicht im Geringsten gestillt, wie seine Attacken Richtung Oslo zeigen. Vielleicht hätte er schon früher auf Asle Toje, den Vizechef des Nobelkomitees, hören sollen. „Manche Kandidaten machen wirklich zu viel Druck, und wir mögen das nicht,“ sagte er kurz vor der Entscheidung.
Wohl eine freundlich gemeinte Bemerkung, denn Toje hält nichts von Trump-Bashing. „Ich bin einer der wenigen norwegischen Akademiker, die Trump nicht für eine Bedrohung der Demokratie halten,“ schrieb er zu dessen Wiederwahl. Der von der rechtspopulistischen Fortschrittspartei ins Komitee geschickte Publizist profiliert sich derzeit als nationalkonservativer Vordenker mit Warnungen vor einem drohenden Untergang Norwegens und Europas durch Massenzuwanderung und Eliten ohne „Liebe zum Vaterland“. Toje darf in dem nach Parteienproproz besetzten Komitee wohl als Architekt hinter dem Preis für Machado zur Besänftigung Trumps vermutet werden.
Für den und auch für Premier Støre ist das irrelevant. Der eine will einfach um jeden Preis den Preis. Der andere muss für sein Land Rachsucht oder Erpressung fürchten. Etwa wenn der mächtigste Mann der Welt begreift, dass man Norwegen mit Spitzbergen ja auch eine strategisch hochrelevante Inselgruppe in der Arktis wegschnappen könnte.
Grönlander und Dänen stehen auf gegen den “Eroberer” Trump

Zehntausende demonstrieren gegen Donald Trumps Griff nach Grönland
19.1.2025
Von: Thomas Borchert
Massenproteste in Nuuk und Kopenhagen zeigen den Widerstand. Trump droht mit Strafzöllen gegen Dänemark und europäische Verbündete.
Eins hat Donald Trump mit seinem ständig brutaleren, absurden, aber längst nicht entschiedenen Griff nach Grönland schon mal geschafft: Auf der Arktisinsel und im mit ihr verbundenen Dänemark ist der Wille zum Widerstand gegen den eroberungshungrigen US-Präsidenten erwacht. Grönlands Regierungschef Jens-Frederik Nielsen, der noch ein paar Tage vorher von der „Stunde diplomatischer Verhandlungen“ gesprochen hatte, rief am Wochenende durch ein simples Megafon Tausenden Demonstranten in der Hauptstadt Nuuk zu: „Wir entscheiden selbst über unsere Zukunft. Niemand sonst hat sich darin einzumischen.“ Zusammen mit gefühlt der Hälfte der Hauptstädter skandierte seine kleine Ministerriege vor dem US-Konsulat immer wieder „Grönland gehört uns.“
Im 3000 Kilometer entfernten Kopenhagen reagierte am Sonntag die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen auf Trumps Drohung mit Strafzöllen in deutlich schärferer Tonlage als bisher: „Europa lässt sich nicht erpressen.“ Auch sei jetzt klar: „Das hier ist ein Anliegen, das weit über unsere eigenen Grenzen reicht.“
Tags zuvor gingen in Kopenhagen und anderen dänischen Städten gut 20 000 Menschen bei ungemütlichem Wetter auf die Straße. Niemand hatte auch nur annähernd mit dieser Beteiligung gerechnet. Julie Rademacher, Sprecherin der in Dänemark lebenden Inuit aus Grönland, brach beim Anblick der riesigen Menschenmenge mit grönländischen Fähnchen vor Kopenhagens Rathaus in Tränen aus: „Wir werden jeden Tag mit finsteren Drohungen Trumps überschüttet und können nicht schlafen. Es hat etwas Erlösendes, dass so viele uns unterstützen.“ Dänemarks Regierung schickte eine Ministerin aufs Podium.
Wie einst gegen Putin
Zuletzt hatte Kopenhagen eine Kundgebung dieser Größenordnung und in vergleichbarer Tonlage 2022 beim russischen Überfall auf die Ukraine erlebt. Es folgte herausragend massive militärische Unterstützung aus dem kleinen skandinavischen Land für den Abwehrkampf gegen die vom Autokraten Wladimir Putin geschickten Invasoren. Jetzt muss eigenes Militär mit Unterstützung aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien und den skandinavischen Nachbarländern den Autokraten im Weißen Haus vor so etwas auf Grönland zumindest symbolisch warnen.
So als am Wochenende zwei dänische Jets vom Typ F-35, gerade erst wieder in den USA eingekauft, mit einem französischen Tankflugzeug über dem Südosten der Polarinsel „übten“. Dazu gehörte auch die Entsendung von 15 Bundeswehr-Angehörigen und anderen aus europäischen Nato-Ländern nach Nuuk. Offiziell ging es um den gemeinsamen Schutz der Arktisinsel. Doch Trump verstand die Militärentsendung völlig zutreffend als gegen sich und seine Begehrlichkeiten gerichtet.

Dass er Dänemark, Deutschland und die anderen beteiligten Länder dafür jetzt mit Strafzöllen überziehen will, hat in Kopenhagen zu noch mehr Angst und Erleichterung zugleich geführt. „Wir sind ein kleines Land mit 20 Prozent unseres Exports in die USA“, erklärt Brian Mikkelsen vom Arbeitgeberverband und fürchtet um den Bestand von „Wohlstand und Wohlfahrt“, sollte Trump ernst machen mit einem Wirtschaftskrieg gegen den aufmüpfigen Kleinstaat.
„Europa muss das für uns lösen“, sagt er und umschreibt damit vorsichtig, warum sich die Daumen nach Trumps letztem Aggressionsausbruch hinter den Kulissen auch ein bisschen nach oben gedreht haben. Antworten muss Kopenhagen auf die Strafzölle nicht solo finden, sondern kann als Teil der EU-Zollunion hoffen, dass Brüssel die geballte europäische Wirtschaftsmacht gegen Trumps Mafiapolitik einsetzt.
Soli-Besuch aus den USA
Ein bisschen Mut gemacht hat auch der Besuch von elf US-Politikern aus Senat und Repräsentantenhaus in Kopenhagen, die daheim Mehrheiten gegen die feindliche Bedrohung eines Alliierten sammeln wollen. Der dänische Außenminister Lars Løkke Rasmussen musste sehr schnell einsehen, dass seine Einigung in Washington auf eine „hochrangige Arbeitsgruppe“ zu Grönland Trump nicht die Bohne interessiert. Rasmussen brach am Sonntag zu einer Rundreise durch skandinavische und europäische Hauptstädte auf. Dänemarks Politik bewegt sich fast unweigerlich darauf zu, Donald Trump in eigener Sache genauso als Feind einzuordnen wie in den vergangenen Jahren Wladimir Putin
Tapfere Dänen und Grönlander bei den Eroberern in Washington

Dänemark lehnt US-Annexionspläne ab und stationiert Truppen auf Grönland
15.01.2026
Von: Thomas Borchert
Nach dem Treffen in Washington bleibt der Konflikt bestehen. Trump droht weiter mit der „harten Tour” zur Eroberung Grönlands.
Wohl ein gewagter Spruch. „Ich bin kein Chamberlain und sehe das hier nicht als peace in our time“, hat Dänemarks Außenminister Lars Løkke Rasmussen seine Visite in Washington zusammen mit der grönländischen Kollegin Vivian Motzfeldt eingeordnet. Die eine Stunde zum Streit um Grönland bei Vizepräsident J.D. Vance und Außenminister Marco Rubio war ja glimpflicher gelaufen als befürchtet.
Die Einigung auf eine „hochrangige Arbeitsgruppe“ über die Zukunft der größten Insel der Welt klang eher nach Verhandlungswillen als nach einer baldigen Invasion von US-Truppen. Auch verzichtete Vance, der sich selbst in letzter Minute zu dem Treffen eingeladen hatte, auf die öffentliche Demütigung eines nicht vollkommen unterwürfigen Partners wie letzten Februar beim ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj im Oval Office.
Rasmussen machte gar nicht erst den Versuch, das schönzureden. Viel klarer als Motzfeldt, Vertreterin von 57 000 zunehmend verängstigten Menschen gegenüber der größten Militärmacht der Welt, benannte der bullige Politik-Veteran aus Kopenhagen, dass das Gespräch im Weißen Haus nichts am Grundkonflikt ändere: „Präsident Trump hat den Wunsch, Grönland zu erobern.“ Bei aller Bereitschaft zu gemeinsamer militärischer Sicherung der Arktis sei das für die dänisch-grönländische Seite eine „rote Linie“. Auch einen „Kauf“ schloss er kategorisch aus: „Die Grönländer wollen das unter keinen Umständen. Wir schreiben 2026, da können Menschen Handel treiben, aber nicht mit Menschen als Handelsware.“
Die dänische Seite machte in Washington nicht nur mit Ministerworten klar, dass der Glaube an Aussitzen durch liebedienerisches Schönreden dahin ist. Ein paar Stunden vor dem Treffen verkündete die Regierung daheim die permanente Stationierung von Militäreinheiten auf Grönland, unterstützt vor allem von Schweden und Norwegen sowie auch den großen europäischen Verbündeten Frankreich, Großbritannien und Deutschland.
Die Ankündigung war nur als demonstrativer Akt gegenüber der Invasionsdrohung vom größten Nato-Verbündeten zu verstehen. Klarer als bisher positionierte sich diese Woche auch die Regierung des teilautonom zu Dänemark gehörenden Grönland gegenüber Trump. Der von der Hauptstadt Nuuk ins 3000 Kilometer entfernte Kopenhagen gereiste Regierungschef Frederik Nielsen erklärte dort ohne jedes Wenn und Aber: „Wir wählen Dänemark.“ Dafür sollen im Angesicht der Bedrohung aus den USA auch durchaus starke Wünsche nach vollkommener Unabhängigkeit von der früheren Kolonialmacht auf Eis gelegt werden.
Als dänischer David in Goliaths Washingtoner Höhle schreckte Rasmussen auch nicht vor persönlicher Kritik am dafür empfindlichen Trump zurück. Dessen Behauptung, es „wimmele“ rund um Grönland von chinesischen und russischen Kriegsschiffen, sei einfach unwahr. „Ich wünsche mir, dass wir nicht jeden Tag mit neuen Drohungen aufwachen müssen“, seufzte Rasmussen im TV-Sender „Fox News“ zu Trumps gerade wieder ausposaunter Ankündigung, wenn man Grönland nicht „auf die weiche Tour“ bekomme, werde es eben die harte. Gegen seine Verhöhnung Dänemarks, das angeblich nur einen Hundeschlitten zur militärischen Sicherung der Arktisinsel bereitstelle, verwies Rasmussen auch auf den Opferwillen seines Landes als extrem treuer US-Verbündeter im Afghanistan-Krieg.
Der Vergleich der eigenen Mission mit der des unglückseligen britischen Premiers Neville Chamberlain 1938 in München fiel zu späterer Stunde im eher vertrauten Kreis dänischer Medien. Rasmussen haut gern mal munter gewagte Sprüche raus und garniert sie mit Selbstironie. Hier lag er erst mal schief. Chamberlain hatte das von Hitler gegenüber der Tschechoslowakei beanspruchte Sudetenland geopfert und gemeint, damit sei „Frieden in unserer Zeit“ gesichert. Ein Jahr später startete Deutschland dann den Zweiten Weltkrieg mit dem Überfall auf Polen.
Weder Dänemark noch die europäischen Verbündeten haben bisher Grönland aufgegeben. Aber wie Premier Mette Frederiksen aus Kopenhagen kommentierte: „Das richtige Schwere liegt leider noch vor uns.“ Vance und Rubio bestätigten das postwendend. Sie hielten es nach dem Treffen für unter ihrer Würde, den Besuch aus Dänemark und Grönland zu kommentieren oder gar mit Rasmussen und Motzfeldt vor die Kameras zu treten. Trump, nach eigener Aussage noch nicht über das offensichtlich nicht so wichtige Treffen gebrieft, erweiterte die Verhöhnung Dänemarks mit dem einen Hundeschlitten für Grönland: „Sie haben einen zweiten Hundeschlitten bereitgestellt.“ Was von Rasmussens Chamberlain-Spruch hängenbleibt, ist die Gleichsetzung Donald Trumps mit Adolf Hitler.
Schweden nähert sich dem Beitritt zum Euro

Nach „Euro, nein danke“ – Trump treibt Schweden in die EU-Währung
14.01.25
Von: Thomas Borchert
Die Schweden lehnten die EU-Währung lange ab. Doch nun kippt die Stimmung wegen der geopolitischen Lage. Der Euro-Beitritt könnte schnell kommen.
Zwei Jahrzehnte nach dem „Euro, nein danke“ der schwedischen Bevölkerung mehren sich kräftig die Zeichen für ein „doch lieber ja, bitte“, und das eventuell im Expresstempo. Als Orakel recht behalten würde dann Ex-Regierungschef Göran Persson, der Mitte letzten Jahres vorhergesagt hatte, dass der Übergang zur EU-Währung ganz sicher kommt. Es könne als Folge einer internationalen Krise „schnell gehen oder vielleicht fünf Jahre dauern“, sei aber unter allen Umständen „unausweichlich“: „Wir gehen in den Euro, wenn wir sehen, dass die schwedische Krone in einer offenen, globalen Wirtschaft nicht funktioniert.“
Beim Euro-Referendum 2003, als sich Persson an der Spitze der damals sozialdemokratischen Regierung vornehm neutral zurückhielt, hatten 56 Prozent im größten Land Skandinaviens mit Nein und 42 Prozent mit Ja gestimmt. Wie radikal sich die Welt und das schwedische Selbstverständnis seitdem gewandelt haben, bekundete kurz vor dem Jahreswechsel der Nationalökonom Lars Calmfors als Herausgeber eines Kompendiums über die Vor- und Nachteile der Euro-Einführung. In derselben Rolle bei der Einführung der EU-Währungsunion Ende der 90er Jahre hatte seine klare Empfehlung gegen den Euro enormes Gewicht im öffentlichen Diskurs. Jetzt lautet sein Fazit wieder nüchtern, aber entgegengesetzt: „Die Vorteile sind größer als die Nachteile. Schweden sollte sich deshalb dem Euro anschließen.“
Schweden bald Euro-Land? Empfehlung „zu mehr politischem Zusammenhalt“
Bei Abwägungen über mehr oder weniger fiskal- sowie zinspolitische Unabhängigkeit, die Beteiligung an internationalen Krisenkosten und dergleichen überwiegen für den (emeritierten) Stockholmer Professor weiter die Nachteile beim Euro-Anschluss. Großes Aber: „Mein Hauptmotiv bei der Empfehlung für den Euro ist der Beitrag Schwedens zu mehr politischem Zusammenhalt Europas in einer immer bedrohlicheren geopolitischen Situation.“
Aus dem Wirtschaftslager haben sich praktisch nur Pro-Euro-Stimmen zu Wort gemeldet. Peter Magnus Nilsson, Chef des vom Industrieverband finanzierten Thinktanks Timbro, verweist auf die von der Trump-Administration betriebene „wirtschaftliche Destabilisierung als Grundvoraussetzung auch für Schweden“. Jetzt noch eine frei floatende nationale Währung zu haben, sei „international ungewöhnlich und hochriskant“, die heimische Krone ohnehin seit Jahren schwach und instabil. Der Euro dagegen habe mehrere Krisen stabil überstanden. Frei floatend bedeutet, dass der Wechselkurs durch Angebot und Nachfrage am Devisenmarkt bestimmt wird.
Die zehn Millionen Menschen in Schweden mit Weltunternehmen wie Volvo, Ikea und H&M erleben die neue Euro-Debatte in einer Phase tief sitzender Verunsicherung. Als wichtiger Grund für den jahrelangen Absturz des Kronenkurses (derzeit gerade gestoppt) gelten die Folgen des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine. Die fast chronisch schwache Konjunktur hat zu einer Jugendarbeitslosigkeit von 25 Prozent geführt. Ins Bild passt auch die trostlose Insolvenz des mit Vorschusslorbeeren gestarteten Autobatterie-Herstellers Northvolt.
Die EU würde Schwedens Euro-Beitritt begrüßen – Wahlen könnten Entscheidung bringen
Dass die EU einen Euro-Beitritt Schwedens einhellig und freudiger begrüßen würde als zum Jahreswechsel den bulgarischen, steht außer Frage. Weniger klar ist, wann, wie und von wem im Stockholmer Reichstag der Ruf nach dem Euro umgesetzt wird. Im September wird neu gewählt, bei Umfragen liegt die oppositionelle Sozialdemokratie haushoch vor Premier Ulf Kristerssons konservativer Partei. Die tritt schon lange ohne großes Wenn und Aber für den Wechsel zum Euro ein, hängt aber mit der Minderheitsregierung von den Stimmen der rechtsnationalistischen Schwedendemokraten ab, eingefleischten Euro-Gegnern.
Bedeckt hält sich die Sozialdemokratin Magdalena Andersson, die nach derzeitigem Stand beste Aussichten auf den Wahlsieg hat. Deshalb wohl auch setzt Peter Magnus Nilsson vom ganz und gar nicht sozialdemokratisch tickenden Wirtschafts-Thinktank Timbro auf die Karte Andersson beim erwünschten Eiltempo Richtung Euro: „Schweden ist unter sozialdemokratischer Führung in Krisen der EU und der Nato beigetreten. Genauso kann es mit dem Euro-Beitritt laufen.“ Damit würde Andersson zeigen, dass es „eine Zukunft und eine Welt gibt, die nicht abhängig ist von Trumps täglicher Stimmungslage.“
Trumps imperialistischer Griff nach Grönland erschüttert Nuuk und Kopenhagen

„Wenn die USA einen Nato-Verbündeten angreifen, ist alles aus“ – Dänemarks Regierung warnt vor Eskalation
08.01.2025
Von: Thomas Borchert
Dänemark erwägt die Aktivierung von Nato-Artikel 4 wegen der Grönland-Krise. Fachleute halten einen Kauf wahrscheinlicher als einen Militäreinsatz. Doch im Land herrscht bereits Alarmstimmung.
Im Afghanistan-Krieg ließen 44 Soldaten aus dem besonders treuen wie kampfbereiten US-Verbündeten Dänemark ihr Leben. Nur ein paar Jahre später erörtern jetzt Kopenhagener Zeitungen, ob Männer und Frauen aus dem kleinen skandinavischen Land zur Verteidigung Grönlands gegen potenzielle US-Invasoren den Tod riskieren sollen. Natürlich – alles andere sei so „beschämend und schädlich für die Volksseele“ wie die fast kampflose Aufgabe beim Überfall von Nazi-Deutschland am 9. April 1940, meint ein Leserbriefschreiber in „Politiken“. Bei „Berlingske“ dagegen schreibt ein Kommentator mit historischem Bezug: „Wir könnten nur etwas Sand ins Getriebe streuen mit Soldaten und Sabotage wie am 9. April 1940.“
Nach einer streng geheimen Sitzung des Außenausschusses im Kopenhagener Parlament haben sich zunächst Oppositionsparteien mit bis vor ein paar Tagen unvorstellbaren Vorschlägen an die Öffentlichkeit gewagt. Unter anderem will die rechte Liberale Allianz den Artikel 4 des Nato-Vertrages „für Konsultationen“ aktivieren, wenn sich ein Mitgliedsland militärisch bedroht fühlt.
Bodenlose Verunsicherung und Hilflosigkeit in Dänemark
Die Ungeheuerlichkeit dieser Konfliktlage zwischen Nato-Partnern und die historische Parallele zwischen Donald Trump und Adolf Hitler spiegeln bodenlose Verunsicherung und Hilflosigkeit in Kopenhagen wider. Vielleicht hier noch stärker als in Grönlands 3500 Kilometer entfernter Hauptstadt Nuuk.
Dänemarks Ministerpräsidentin Mette Frederiksen fasste die Gefühlslage zusammen: „Wenn die USA einen Nato-Verbündeten angreifen, ist alles aus.“ Vom Pariser Europa-Gipfel kehrte sie zurück mit Unterstützung der europäischen Regierungsspitzen von Kanzler Friedrich Merz bis Italiens Giorgia Meloni. Der britische Premier Keir Starmer antwortete mit einem simplen „Ja“ auf die Frage, ob Trump die Finger von Grönland lassen solle. Und weiter: „Dänemark ist ein Nato-Alliierter. Über Grönlands Zukunft wird vom Königreich Dänemark und Grönland entschieden. Und nur von ihnen.“
Trumps Hohn über Dänemark nur ein „Missverständnis“?
Zugleich versuchte sich der dänische Außenminister Lars Lokke Rasmussen als Brückenbauer über den Atlantik. Er habe zusammen mit seiner grönländischen Kollegin Vivian Motzfeldt um ein Gespräch mit US-Außenminister Marco Rubio „gebeten“. So könne man Missverständnisse ausräumen und gemeinsam an mehr Sicherheit rund um die strategisch so wichtige Arktisinsel arbeiten.
Als „Missverständnis“ stufte er – absurd höflich – Trumps Verhöhnung Dänemarks ein, das zur Kontrolle über Grönland gerade mal „einen zusätzlichen Hundeschlitten“ bereitgestellt habe.
Trump eskaliert: Grönlands jetzt „nationale Sicherheitspriorität“
Postwendend kam nach dem Pariser Gipfel ein offizielles Statement vom Weißen Haus, in dem Trump die Einwände ignorierte und weiter eskalierte: Die Übernahme Grönlands wird jetzt als „nationale Sicherheitspriorität“ für die USA eingestuft. Auch die Warnung, dass die Nato bei einem Angriff auf ein Mitgliedsland erledigt sei, verpufft ohne jede Wirkung in Washington: Wie immer sei auch hier „die Nutzung des US-Militärs eine Option für den Commander-in-chief“.
Wahrscheinlicher als eine „militärische Lösung“ ist, dass sich die USA die größte Insel der Welt durch „Kauf“ einverleiben. Die Chancen, die 57 000 Bewohner:innen über ein Assoziations-Abkommen an die USA zu binden, stehen womöglich besser, als es der derzeitige Schulterschluss zwischen Kopenhagen und Nuuk erwarten lässt. Unabhängigkeit von Dänemark streben prinzipiell alle Parteien im Parlament des teilautonomen Grönland an. 25 Prozent der Wählerschaft stehen hinter der populistischen Partei Naleraq, deren Chef Broberg im US-Sender CBS verlangt: „Wir brauchen jetzt einen direkten Dialog ohne die Dänen.“
US-Annektion von Grönland rückt näher

Trump will schon bald über Grönland „sprechen“
06.01.2025
Von: Thomas Borchert
Mit Mafia-Ton und Militärdrohungen erhöht die US-Regierung den Druck auf die zu Dänemark gehörende Insel.
Lasst uns in 20 Tagen über Grönland sprechen“, hat Donald Trump auf die Frage geantwortet, ob die USA nach Venezuela nun auch bei der riesigen Polarinsel „zur Tat schreiten werden“. Trump weiter: „Wir brauchen Grönland absolut.“ Für alle, die das immer noch als leere Drohgebärde gegenüber dem Nato-Verbündeten Dänemark abtun wollen, hatte Pentagon-Chef Pete Hegseth den völkerrechtswidrigen Angriff auf Venezuela als Beweis parat: Der Präsident stehe für Handlung. „Wenn er sagt, etwas sei wichtig, dann ist es das. Und wir werden alles Notwendige mit dem vollen Gewicht des Kriegsministeriums durchziehen“, so Hegseth.
Die finstere Botschaft im Mafia-Ton begleitete ein Posting aus Trumps Umfeld auf X, das eine Grönland-Karte in den Farben von Stars & Stripes, der US-Flagge, und dem Kurzkommentar „SOON“, also „bald“, zeigte. In Nuuk, der Hauptstadt des teilautonom zu Dänemark gehörenden Grönland, empörte sich Regierungschef Jens-Frederik Nielsen, Parallelen zwischen Venezuela und Grönland zu ziehen inklusive militärischer Drohgebärden, sei „respektlos“. Das klang vor allem hilflos als Sprecher der 57 000 Menschen auf der größten Insel der Welt.
Ihr erklärter Widerwille gegen die „Annektierungs-Fantasien“, so Nielsen, dürfte den derzeit Herrschenden in Washington unter dem Strich genauso gleichgültig sein wie Widerspruch aus Kopenhagen, der Hauptstadt der Ex-Kolonialmacht Dänemark, wo nach wie vor über die Sicherheitspolitik für das teilautonome Grönland entschieden wird. Nun aber gemeinsam im Rahmen einer „Reichsgemeinschaft“, zu der auch die Färöerinseln gehören.
Ministerpräsidentin Mette Frederiksen reagierte auf die jüngsten Trump’schen Drohungen dramatisch schärfer als bisher: „Die USA haben kein Recht, eins der drei Länder unserer Reichsgemeinschaft zu annektieren. Das Königreich Dänemark ist Teil der Nato und damit von der Sicherheitsgarantie der Allianz umfasst.“ Der Hintergrund für diese Äußerung klingt so einleuchtend wie absurd: Dänemark beruft sich gegen die Drohung mit möglicherweise militärischem Raub eigenen Territoriums ausgerechnet durch den mächtigsten Verbündeten in der Nato auf die Beistandsverpflichtung in Artikel 5 des Nato-Vertrages. Danach wird jeder Angriff auf ein Mitglied als Angriff auf alle verstanden und militärisch beantwortet.


Dabei ist für alle im hohen Norden klar, dass Trump militärischen Widerstand als Letztes befürchten müsste, sollte er „in 20 Tagen“ oder später Ernst machen mit dem Griff nach Grönland. Dass damit die Nato ad absurdum geführt und zwangsläufig am Ende wäre, dürfte den megalomanen Mann im Weißen Haus weniger Kopfschmerzen bereiten als seinen Noch-Partnern in Europa von Friedrich Merz über Keir Starmer bis Emmanuel Macron. Während die drei mit windelweichen Kommentaren zu Venezuela um jeden Preis Kritik an Washington umschiffen wollten, ließ die Trump-Regierung mit ihren unverhüllten Drohungen Richtung Grönland der Dänin Frederiksen keine Wahl mehr, als nun doch mal Ross und Reiter zu nennen.
Unterstützung kommt von den nordischen Nachbarn, allesamt Nato-Mitglieder. Sogar der finnische Präsident Alexander Stubb, der mal sieben Stunden am Stück mit Trump golfen durfte und sich danach für seinen „persönlichen Zugang“ zum mächtigsten Mann der Welt bewundern ließ, sagte Stopp in Richtung Washington: „Niemand trifft Entscheidungen über Grönland und Dänemark außer Grönland und Dänemark.“
Das war’s dann wohl mit dem Golfen für Stubb, während Mette Frederiksen ganz andere Sorgen plagen. Zwar hat Dänemarks militärischer Geheimdienst die USA schon als „Bedrohung für die Reichsgemeinschaft“ auf einer Linie mit Russland und China eingeordnet. Das ändert aber nichts daran, dass Dänemark als Herzstück seiner Streitkräfte auf immer mehr F-35-Fighterjets aus den USA setzt. „Kauft, kauft, kauft“ – so hat Frederiksen ihre Militärs zu möglichst rasanter Aufrüstung angefeuert. Das könnte beim Konflikt um Grönland problematisch werden, wenn Ersatzteile oder Software-Updates von der anderen Seite des Atlantiks ausbleiben, weil Donald Trump das wichtig findet.
Vier Frauen retten dänischen Buchladen

In Dänemark rettet eine Kleinstadt ihren Buchladen
24.12.2025
Von: Thomas Borchert

Die FR zeigt Beispiele aus aller Welt für gemeinsames soziales Engagement: In einer dänischen Kleinstadt gibt es weiter einen Buchladen, weil vier Frauen eine Genossenschaft gründen, um den Laden zu erhalten.
Am vierten Adventwochenende ist es krachend voll im funkelnagelneuen Buchhandel des dänischen Provinzstädtchens Præstø. Der erste Kunde ordert einen Geschenk-Gutschein über 500 Kronen, umgerechnet 67 Euro. Nach ihm ersteht ein Kunde den historischen Wälzer „De ekstreme danskere“ für 400 Kronen. Bücher können teuer sein im durchdigitalisierten Dänemark, wo ab Neujahr keine Papierpost mehr ausgetragen wird und Bargeld aus dem Alltag so gut wie verschwunden ist. Wie kann es da angehen, dass tausend von den insgesamt viertausend Seelen in diesem Ort, eine Autostunde südlich von Kopenhagen, fast im Handumdrehen und mit viel Facebook das Startkapital für einen traditionellen Laden für Bücher und Papierbedarf zusammengetragen haben?
Die Dänen machen einfach, und die Däninnen erst recht, war mein erster verblüffter Erklärungsversuch bei der Eröffnung im Oktober. Als Teilzeit-Præstørianer mit Sommerhaus ganz in der Nähe hatte ich miterlebt, wie der alte Buchhandel im Ort dichtmachte. So ist es eben in der Provinz, dachte man, mit verödenden Stadtzentren und kultureller Austrocknung. Kurz danach aber warben auf dem Wochenmarkt vier Frauen gut gelaunt für Genossenschaftsanteile à tausend Kronen, also 120 Euro. 900 davon propagierten sie als selbst errechnetes Ziel für die Neueröffnung des Buchladens an anderer Stelle. Sollte das schiefgehen, garantierten sie die Rückzahlung. Ich fand das gleichermaßen sympathisch wie hoffnungslos und dachte beim Ausfüllen meines Beitrittsformulars zur Genossenschaft – natürlich digital – an den unverwüstlichen Spruch: Du hast keine Chance, also nutze sie.
Binnen zwei Monaten hatten die vier Frauen die 900 Anteile, also umgerechnet 120.000 Euro, zusammen. Dorte Krogsgaard, jetzt Vorsitzende der Genossenschaft mit zwei ausgebildeten Buchhändlerinnen im Laden, erklärt den alle verblüffenden Erfolg mit „dem enormen Zusammenhalt der Menschen hier“. Sie sagt: „Wir haben keine öffentlichen Zuschüsse oder Großspenden aus der Wirtschaft bekommen, dafür aber zum Beispiel eine von der Frauengruppe in Præstøs Kajak-Club“. Auch von kultureller Austrocknung könne keine Rede sein. Freiwillige halten das örtliche Kino in Gang, im Sommer füllt ein Literaturfestival die Hauptstraße mit Leben.
„Wir ziehen unser Ladenprojekt nicht als naives Hippieprojekt auf,“ sagt Krogsgaard und sieht auch, dass auf den ersten Schwung mit viel Begeisterung die Mühen der Ebene folgen werden: „Wir sind der zweite Laden dieser Art in Dänemark. Den Weg des ersten haben wir sehr genau studiert, und es gibt ihn nach fünf Jahren immer noch.“
Wie eine Pippi Langstrumpf aus Heidelberg nach Stockholm ausgewandert ist

Eine wilde Freundin für dunkle Tage
17.12.2025
Von: Thomas Borchert
Marie Walter liebt Pippi Langstrumpf – so sehr, dass sie mit 18 Jahren nach Schweden auswandert. Eine Begegnung zum 80. Geburtstag von Astrid Lindgrens Kinderheldin / Von Thomas Borchert
Die schmucken Kaufhaus-Schaufenster zu Pippis 80. Geburtstag sind Marie Walter wohl weniger wichtig. Umso überzeugter feiert die 24-Jährige aus Heidelberg im vorweihnachtlichen Stockholm die Kinderbuch-Heldin von Astrid Lindgren als Medizin für Einsame: „Mir hat Pippi Langstrumpf gegen die Einsamkeit geholfen. Außerdem weiß ich, dass ich extrem stur sein kann, und Pippi ist auch extrem stur, und trotzdem ist sie ja ein extrem netter Mensch.“
Klar, dass genau 80 Jahre nach Erscheinen des überall auf der Welt geliebten Kinderbuchs – Buchpremiere war am 26. November 1945 – die Lobeshymnen im Geburtsland kein Ende nehmen wollen. Auf Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf als Schutzpatronin berufen sich Schwedens starke Feministinnen genauso wie die immer stärkeren Rechtspopulisten. Die konservative Außenministerin Malmer Stenergaard ermahnte vor der UNO, auch gerade 80 geworden und immer schwächer, die politischen Spitzen der ganzen Welt, dem ausgeprägt antiautoritären Mädchen aus dem Norden nachzueifern: „Lassen Sie uns mit derselben Furchtlosigkeit und Entschlusskraft handeln wie Pippi.“
Das hat Marie Walter getan und legt Wert darauf, dass sie mit konservativen und rechtspopulistischen Pippi-Fans nichts am Hut hat. Mit 18 ist sie wegen ihrer lebenslangen Pippi-Begeisterung nach Schweden gezogen, ohne jemanden zu kennen, ohne Sprachkenntnis, dafür mit einem festen Willen. In Kindertagen hatte die deutsche TV-Serie mit Pippi tiefe Spuren hinterlassen: „Da hab ich gesagt, wenn ich groß bin, will ich in Pippis Land leben.“ Das sagen sicher viele Kinder und kommen dann irgendwann auf andere Gedanken. Marie blieb stur wie das Vorbild, was ihr zum Neuanfang vor allem eins einbrachte: das Gefühl von Einsamkeit.
Die Mutter ihrer Chefin nennt sie Pippi
Zur ersten Station wurde statt der Villa Kunterbunt mit den Spielgefährten Tommy und Annika ein, wie es nun mal ist in Schweden, düsterer Winter als Au-pair im tristen Stockholmer Vorort Nacka. In dieser Zeit, das wissen alle jemals von außen in Pippis Land Gelandeten, sind die Einheimischen noch verschlossener als sowieso schon: „Es war einfach extrem im Winter. Ich bin im Oktober hierhergekommen. Das ist ganz verkehrt, so sagt man.“ Marie erinnert sich an „ewig lange Spaziergänge allein durch Stockholm“: „Mein einziger Wunsch war eine Freundin, ein schwedischer Kontakt.“
Der kam zustande über den ersten Café-Job und die Managerin Lovisa dort mit dem perfekt passenden Nachnamen Lindgren. Was für ein Glück! Diese Lindgren aber erwies sich auch als typisch schwedisch reserviert: „Das erste halbe Jahr dachte ich, Lovisa findet mich nur nervig und mag mich nicht.“ Was tun? Marie sah sich wieder die Pippi-Serie an, jetzt schon in der Originalsprache, und stellte fest, dass die Hauptperson mit ihren neun Jahren ja auch mutterseelenallein gegen Einsamkeit zu kämpfen hat. Ihre Mutter ist tot, der Vater schippert auf fernen Meeren herum. Pippi hat ein Rezept, allein froh zu werden: Sie macht einfach, was sie will, und ist dabei offen und herzlich zu anderen. „Ich hab mir die ganze Zeit selbst zugeredet: Du bist Pippi und kannst machen, was du willst.“
Die Sturheit hatten wir schon. Sie half auch beim Schwedischlernen, weil Marie sich standhaft weigerte, einen einzigen Satz auf Englisch von sich zu geben. Sie half auch beim Durchhalten, bis die Café-Managerin aus heiterem Himmel zur Kellnerin aus Deutschland sagte: „Marie, ich mag dich so, willst du nicht bei mir einziehen?“ Dann tauchte als Co-Chefin im Café noch Lovisas Mutter mit dem Vornamen Annika auf und nannte Marie fortan Pippi. Weil sie doch genauso aussehe.
„Das war ein schöner Augenblick“, erinnert sich Marie und zerstreut vollkommen glaubhaft den Verdacht, dass sich hier jemand eine vorweihnachtlich kitschige Pippi-Geschichte ausgedacht hat: „Lovisa war dann nie zu Hause, ich war allein, und ich hab weiter ziemlich einsam gelebt mit dem Gefühl, dass die Schweden so viel cooler sind als ich.“ Sie habe sich dann einfach durchgebissen.
Die Liebe zu einem Schweden namens Kasper brachte dann, berichtet Marie auch wieder kitschfrei, jede Menge Pippi in ihr Leben. Es gab ein Date mit dem Besuch des Pippi-Musicals, Kasper schenkte ihr ein Pippi-Tattoo auf dem Arm zum Geburtstag. Beide wohnten zusammen, bis plötzlich Schluss war und Marie wieder „in einem trostlosen Studentenwohnheim“ fast von vorn anfangen musste. „Ich hab meinen Laptop aufgeklappt und mir Pippi-Filme angeschaut und gedacht: Ich schaff das, weil Pippi schafft es auch.“
Sie hat in Stockholm ihren Bachelor in Journalistik gemacht. Wenn Marie Walter jetzt für deutsche und schwedische Medien arbeitet, ist aus Schweden eher wenig Frohgemutes zu vermitteln. Künftig sollen auch 13-jährige Kinder ins Gefängnis gesteckt werden, weil Drogen-Banden sie immer häufiger für Mordaufträge einsetzen und die Politik mit Härte punkten will. Pippi selbst würde heute wohl für ihren Spott über die tollpatschigen Polizisten Kling und Klang im Knast landen. Seit dem Sommer ist die „Verunglimpfung“ der Polizei und anderer im Staatsdienst strafbar.
Das alles gehört auch zu Maries Satz: „Pippis Realität ist nicht die Realität Schwedens.“ Als Kompass hält die Kinderbuchheldin mit den Sommersprossen und dem roten Haar trotzdem: „Ihre größte Inspiration ist, dass man nicht cool sein muss. Man kann total nett sein und ganz viel Liebe an seine Mitmenschen geben und dabei trotzdem sein Ding machen.“ Pippi Langstrumpf und Astrid Lindgren sei Dank.
