Brief aus Dänemark, wo Briefe nicht mehr ankommen

Weihnachtsgruß im März
12.3.2026
von Thomas Borchert
Seit dem Jahreswechsel stellt die Post in Dänemark keine Briefe mehr zu. Altmodische Sendungen in Papierform sind Aufgabe eines Privatunternehmens. Die Erfahrungen unseres Korrespondenten Thomas Borchert zeigen: Das funktioniert vorne und hinten nicht.
Meine bessere dänische Hälfte verspottet mich als Fossil, wenn ich jeden Tag hoffnungsvoll den blechernen Postkasten aufschließe. Im durchdigitalisierten Land der Hygge schickt schon lange kein Mensch mehr Briefe. Erst recht keine Behörden. Zum Jahreswechsel ist auch der letzte öffentliche Briefkasten, in die man eigene stecken könnte, abmontiert sowie die Zustellung in staatlicher Regie nach 400 Jahren eingestellt worden. Aber: Bei der Heimkehr nach Kopenhagen von einer Reise am 8. März schlug das alte Herz voll Freude höher, denn da lagen tatsächlich zwei Briefumschläge im Kasten, einer sogar mit handgeschriebener Adresse und richtiger Briefmarke drauf.
Abgeschickt hatte ihn die Hamburger Freundin Gaby kurz vor Weihnachten mit der Todesanzeige für ihren (und unseren) Horst, einem schönen Goethe-Vers obenan, und unten die Einladung zur Trauerfeier kurz vor Silvester. Der zweite Brief, ein herzlicher Weihnachtsgruß von zwei Kolleginnen aus München mit beneidenswert eleganten Handschriften, hatte auch mehr als zwei Monate Transport hinter sich.
„Notfallplan“ für anstehende Wahlen
Immer noch besser als gar nichts. Drei Tage nach der Abschaffung der bisherigen Briefzustellung schickte ich mir aus Deutschland selbst eine Postkarte, um die Verlässlichkeit und das Tempo der privatisierten Zustellung zu testen. Sie soll jetzt von Zeitungsbotinnen und -boten einer Firma namens DAO mit erledigt werden, deren Arbeits- und Lohnbedingungen die Gewerkschaft 3F jahrelang als skandalös angeprangert hat. Die meisten Botinnen und Boten sind aus Rumänien angeheuert. Ihre Arbeit zum Mindestlohn müssen sie in dunklen dänischen Nächten zwischen 0 und 6 Uhr erledigen.
Die Test-Karte ist bisher nicht in „København S“ angekommen. Eigentlich war mir der Abschied vom staatlichen Postmonopol zum Jahreswechsel leichtgefallen. Denn das hatte wohl zum Abschied meine Unterlagen für die Bundestagswahl verschlampt, laut Wahlamt Bremen („großes Ehrenwort“) im Februar 2025 auf den Weg gebracht. Auch die sind bis heute nicht beim Adressaten gelandet.
Jetzt bin ich als doppelt Stimmberechtigter mit Migrantenhintergrund gespannt wie ein Flitzebogen, ob die Wahl für Dänemarks Folketing am 24. März das nächste Desaster bringt. Immer noch, aber wohl zum letzten Mal, muss hier bei der Stimmabgabe eine „Wählerkarte“ auf Pappe vorgezeigt werden, die zwei Wochen vorher im heimischen Briefkasten gelandet ist. Oder jedenfalls sollte. Das Vertrauen in DAO bei der Verteilung der 4,1 Millionen Wählerkarten hält sich bis in die Regierung in Grenzen. Transportminister Thomas Danielsen, hat schon sicherheitshalber im Parlament versichert, dass in der Schublade ein „hieb- und stichfester Notfallplan B“ bereitliege, falls der neue Privat-Monopolist ins Schwimmen kommt.
Hintergrund sind 15.000 in zwei Monaten eingegangene Klagen über endlos lange, ganz ausgebliebene oder anderweitig schiefgegangene Briefzustellungen durch DAO. Lokale Medien berichten über seltsame Fundorte von offenbar diskret entsorgten Postsäcken, zum Beispiel in einer Apfelplantage der Ortschaft Viby. DAOs Pressechef Steen Breiner erinnert in der Lokalzeitung „Sjællands Tidende“ an das gute alte Prinzip der Unschuldsvermutung: „Wir haben erlebt, dass ein Bote im Winterwetter mit seinem Scooter umgefallen ist. Da kann schon mal was unbemerkt verschwinden.“

Generell beruft sich das Unternehmen auf Startprobleme bei der Übernahme der früheren Staatsaufgabe: Das Briefaufkommen sei doch kräftiger als erwartet ausgefallen, da müsse man „nachjustieren“. Tatsächlich sind fünf Prozent der Bevölkerung von dem 2014 eingeführten Zwang zu ausschließlich digitalem Schriftverkehr mit Behörden, Banken und so weiter befreit, weil sie mit Computern und Smartphones nicht klarkommen. Diese 300.000 Menschen können nun eventuell lange auf den Bescheid aus ihrem Krankenhaus über eine fällige Untersuchung warten. Auch allerlei Plastikkram wie Kreditkarten, Führerscheine und Parkhaus-Chips müssen nach wie vor in einen Umschlag gesteckt und per „Schneckenpost“ zu den Bestellenden befördert werden. Peder Hvelplund von der linken „Enhedsliste“ gibt nichts auf DAOs Erklärungen: „Es ist eine Katastrophe mit Ansage.“
Zurück zu meinem Lieblingsthema: Ich selbst bin in der dänischen Post-Havarie bisher noch nicht untergegangen. Bei der Bundestagswahl habe ich den Weg nach Bremen zum Wahlamt II auf mich genommen, weil jede Stimme gegen rechts zählte. Bei der schönen Trauerfeier für meinen Freund Horst war ich auch dabei, weil Gaby und ich gerne miteinander telefonieren.
