Month: March 2026

Sogar Skandinavien sagt Ja zu atomarer Aufrüstung

Posted on

Dänemark und Schweden flirten mit dem französischen Atomschirm

4.3.2026

Von: Thomas Borchert

Die nordischen Länder brechen mit ihrer atomwaffenfreien Tradition. Doch die Regierungen können viele Widersprüche nicht erklären.

Für die Gegner von Atomwaffen markiert die positive Haltung Schwedens und Dänemarks zu Macrons Einladung, unter den französischen Atomschirm zu kommen, eine besonders schmerzhafte Zeitenwende. Das skandinavische Image als „atomwaffenfreie Zone“ hat Schwedens Premier Olof Palme geprägt – als weltweit gehörte Stimme gegen den Wahnsinn des atomaren Wettrüstens und bis zu seiner Ermordung 1986. 1995 radelte der dänische Regierungschef Poul Nyrup Rasmussen bei einer Protestdemo gegen französische Atombombentests im Pazifik vorneweg. Norwegische Juroren haben den Friedensnobelpreis in den vergangenen vier Jahrzehnten dreimal für den Kampf um komplette nukleare Abrüstung vergeben, zuletzt 2017 an die internationale Kampagne zur atomaren Abrüstung (Ican).

Alles Schnee von gestern, seit Russland die Ukraine mit Krieg überzieht und Washington dem Nato-Verbündeten Dänemark mit militärischer Gewalt und dem Zugriff auf Grönland droht. Möchte Dänemark deshalb nuklear beschützt werden? Zumindest kein Hinweis darauf von Ministerpräsidentin Mette Frederiksen, als sie das Ja zum französischen Atomschirm begründet. Und auch, dass sich Dänemark aktiv an der Aufrüstung des französischen Atomwaffenarsenals beteiligen soll. „Das ist leider notwendig, denn die militärische Bedrohung durch Russland wird in den kommenden Jahren noch zunehmen.“

Man vertraue selbstredend weiter auf den US-Atomschirm im Rahmen der Nato, sagte sie. Zusammen mit Verteidigungsminister Troels Lund Poulsen und Außenminister Lars Løkke Rasmussen führte Frederiksen einen fast bemitleidenswerten Eiertanz um offensichtliche Ungereimtheiten auf. So konnten sie nicht beantworten, warum sich ihr Land jetzt an einer Atomwaffenkooperation außerhalb der Nato beteiligt. Poulsen hatte das noch vor ein paar Wochen scharf abgelehnt.

Pariser Bomben auf dänischen Jets

Zudem versichert das Trio, dass sich an Dänemarks Atompolitik grundsätzlich gar nichts ändere. Das passt aber nicht zu Aussagen des Verteidigungsministers, dass man die eigenen F-35-Jets als Träger französischer Atombomben „konfigurieren“ könne. Das Verbot, Atomwaffen zu lagern, erklärte Poulsen unlängst für „überdenkenswert“.

Auch gab es keine Absprache mit dem Nachbarn Schweden. Während die dänische Regierung aus der Sache ein großes politisches Ereignis macht – der Wahlkampf wird mit einer groß inszenierten TV-Pressekonferenz unterbrochen –, reagiert Schweden auffallend zurückhaltend. Aus Stockholm gab es nicht mal eine schriftliche Presseerklärung zum Thema. Premier Ulf Kristersson sagte am Ende eines TV-Interviews lediglich: „Frankreich hat uns und andere zu einem Dialog eingeladen, ob es Möglichkeiten für eine Zusammenarbeit gibt.“ Seine Regierung habe „ja zum Dialog“ gesagt. Auch medial wird das Thema kaum aufgegriffen.

Obwohl auch Schweden Nato-Mitglied ist und ebenfalls unter dem US-Atomschirm steht, wird hier zunehmend über Alternativen diskutiert. Michael Claesson, Oberbefehlshaber der schwedischen Streitkräfte, hängte sich weit aus dem Fenster, als er im Sender SR sagte, Europa brauche eine eigene nukleare Abschreckung, um sich notfalls auch ohne die USA gegen Russland verteidigen zu können.

In Dänemark verlangt Rasmus Jarlov, konservativer Vorsitzender des Verteidigungsausschusses, „eine Atombombe der nordischen Länder“, unterstützt vom sozialdemokratischen Ex-Außenminister Jeppe Kofod. Diese vereinzelten Stimmen werden nach Macrons martialisch inszenierter Ankündigung der Aufrüstung und Europäisierung der französischen Nuklearabschreckung keineswegs verstummen. Denn ein gewichtiges Argument gegen Frankreichs Befehlsgewalt über die nukleare Abschreckung Europas ist eine mögliche zukünftige Präsidentin Marine Le Pen in Paris. Als Mette Frederiksen danach gefragt wurde, kam sie ins Schlingern: Man müsse eben hoffen.