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Optimismistisches aus Dänemark

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Demos für Demokratie, Fanproteste und die Inflationswende: Elf optimistische Botschaften zu Ostern

Stand: 29.03.2024, 16:24 Uhr

Von: Thomas Borchert, Gerd Braune, Stefan Brändle, Tatjana Coerschulte, Christine Dankbar, Pamela Dörhöfer, Michael Hesse, Stephan Kaufmann, Florian Leclerc, Jan Christian Müller

Samstag, 30. März 2024, Deutschland / Politik

Dänemark Muslima welcome

Kurz vor dem Osterfest hat sich Brian Mikkelsen, Chef des dänischen Gewerbeverbandes und politisch stramm rechts sozialisiert, mit einem überraschenden Lob zu Wort gemeldet: Der „Sturm“ von Zuwanderinnen aus „nicht-westlichen Ländern“ in Jobs aller Art sei eine herausragend positive Entwicklung für den heimischen Arbeitsmarkt.

Das schöne Prädikat „solstålehistorie“ – im weniger poetischen Deutschen „Sonnenscheingeschichte“ – vergibt Mikkelsen an die Frauen aus arabischen und nordafrikanischen (sprich: muslimischen) Ländern. Menschen aus dieser Region samt ihren Nachkommen werden in Dänemarks amtlichen Statistiken gesondert erfasst und tauchen darin in aller Regel als trostlose Beispiele für zwangsläufig scheiternde Integration qua Herkunft auf. Aber siehe da: Entzückt notiert Verbandschef Mikkelsen, dass sich die Beschäftigtenzahl bei einem Plus um 17 Prozent insgesamt im Königreich für die „nicht-westlichen“ Frauen seit 2015 um satte 105 Prozent mehr als verdoppelt hat. Besonders profitieren davon die händeringend nach Arbeitskraft suchenden Branchen Gesundheit und Pflegedienste.

Klar, hier wie auch bei Hotels und Restaurants steigen diese Zuwanderinnen überwiegend in niedriger qualifizierte Jobs ein. Ihre Beschäftigungsquote insgesamt ist auch weiterhin viel zu gering. Aber die junge Generation schmückt schon seit längerem die Statistik zu Bildung und Ausbildung mit immer mehr Rekorden. Der Anteil von Zuwanderinnen mit Abi samt Berufsausbildung ist 2022 von 50 auf 65 Prozent gestiegen. 2023 ermittelte das Analyse-Institut Kraka, dass Kinder aus „nicht-westlichen“ Familien an Gesamtschulen ihren notorisch schlechteren Zensurenschnitt gegenüber ethnisch dänischen Vergleichsgruppen in einen Vorsprung umgewandelt haben. Daran waren sogar die Jungs beteiligt. Thomas Borchert

Greta Thunberg weist deutsche Kritik an Gaza-Solidarität hart zurück

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Greta Thunberg verteidigt Gaza-Haltung gegen deutsche Kritik: „Israel begeht einen Völkermord“

Stand: 29.03.2024

Von: Thomas Borchert

Schwedens Klima-Aktivistin reagiert in einem TV-Interview auf Ricarda Lang und Carla Reemtsma; sie bleibt bei ihren radikalen Vorwürfen gegen Israel.

Stockholm – Greta Thunberg hat Kritik von Fridays for Future Deutschland und von Bündnis 90/Grüne wegen „Einseitigkeit“ ihrer Kommentare zum Krieg in Gaza rundheraus zurückgewiesen. „Es geht darum, dass Israel Hunger als Waffe anwendet und dass Israel einen Völkermord begeht,“ wiederholte sie in einem TV-Interview vor dem Osterwochenende. Und: „Wofür steht eine Bewegung für Klimagerechtigkeit, die sich nicht distanzieren kann, wenn ein Völkermord begangen wird und Zehntausende Menschen sterben?“

Thunberg reagierte auf Einspieler mit Distanzierungen der Grünen-Vorsitzenden Ricarda Lang und von der deutschen Klimaschutzaktivistin Carla Reemtsma für Fridays for Future Deutschland mit einem vielleicht milden, vielleicht sarkastischen oder einfach nur unsicheren Lächeln, aber zumeist mit unbewegter Miene. Reemtsma: „Greta Thunberg verletzt mit ihren Aussagen gerade ganz, ganz viele Menschen, weil jüdisches Leid nicht sichtbar gemacht wird in dem, was sie sagt.“ Von Lang kam der Vorwurf, Thunberg „missbrauche“ das „richtige Anliegen Klimaschutz für eine einseitige Position zum Israel-Palästina-Konflikt“.

Greta Thunberg will für „für grundlegende Menschenrechte“ kämpfen

Dazu sagte die weltbekannte Schwedin: „Zunächst mal waren wir vom ersten Tag an klar darin, dass es natürlich um alle betroffenen Menschen der Zivilbevölkerung geht. Aber auch, dass wir uns gegen alle Formen von Diskriminierung inklusive Islamophobie und Antisemitismus stellen.“ Nur gehe es in diesem Fall nicht darum, sondern um Hunger als Waffe und einen Völkermord durch Israel. Auf die Frage, ob folglich der deutsche Teil der von Thunberg initiierten Fridays for Future und die Grünen als Berliner Regierungspartei „falsch liegen“, antwortete Thunberg: „Ich meine nicht, dass es der Bewegung für Klimagerechtigkeit schaden kann, für grundlegende Menschenrechte aufzustehen.“

Greta Thunberg wegen Blockade im Fokus

Auslöser und eigentliches Hauptthema des Interviews war Thunbergs Mitwirkung an einer gesetzeswidrigen Blockade des Haupteingangs vor dem Reichstag in Stockholm. Dies hatte in der schwedischen Öffentlichkeit wesentlich größere Aufmerksamkeit ausgelöst als ihre Gaza-Solidarität mit Posts und Demo-Auftritten. Auch in Schweden greifen Klimagruppen zunehmend zu militanteren Aktionsformen wie Straßenblockaden oder einer Blockade des alljährlichen Wasa-Skilanglaufs mit Zehntausenden auf der Loipe. Darüber wird heftig gestritten.

Hintergrund ist die Klimapolitik der derzeitigen rechten schwedischen Regierung, die nach den Wahlen 2022 mit den Versprechen billigeren Benzins, des Stopps von Windkraft-Projekten und des massiven Ausbaus der Atomkraft an die Macht gekommen war. Diese Woche erst erklärte der „Klimapolitische Rat“ als staatlich bestelltes Expertengremium in seinem Jahresgutachten, dass mit der jetzt geführten Klimapolitik in Schweden die CO2-Emissionen weiter steigen und Verantwortung „in die nächste Mandatsperiode verschoben wird“. Unter keinen Umständen seien so die nationalen wie die EU-Klimaziele zu erreichen.

Greta Thunberg klagt: „Keiner hört auf uns, egal was wir tun“

Thunberg verteidigte im Interview auf Sveriges Television militante Aktionsformen als legitim, wenn „die Politik ihre Macht zur Aufrechterhaltung dieses destruktiven Systems anwendet“, wie sie sagt. Die Klimabewegung habe seit vielen Jahren alle nur erdenklichen Aktionen unternommen. Aber: „Für uns junge Menschen ist ausgesprochen frustrierend, dass all dies geschieht und wir nichts machen können. Denn keiner hört auf uns, egal was wir tun.“

Daheim war Thunberg nach ihren zunächst einsamen freitäglichen Schulstreiks zu nationaler Popularität gelangt. Dass sie dann vom Papst über Angela Merkel bis Barack Obama für schöne Fotos und Klimaschutz-Appelle hofiert wurde, brachte ihr in Schweden Kultstatus ein auf einer Stufe mit Ingmar Bergman, Abba und dem Königspaar. Der bröckelt nun im Kielwasser des Klima-Rollbacks von rechts. (Thomas Borchert)

Wehrpflicht für Frauen in Dänemark

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Dänemark: Regierung kündigt Wehrpflicht für Frauen an

Dänemark führt die Wehrpflicht auch für Frauen ein und weitet die Dauer für alle von bisher vier auf elf Monate aus. Ministerpräsidentin Mette Frederiksen hat diese Veränderungen zusammen mit weiteren massiven Aufrüstungsbeschlüssen ihrer Regierung verkündet. So sollen im vergangenen Jahr beschlossene Zusatzausgaben für das Militär noch mal um 40,5 Milliarden Kronen (5,4 Milliarden Euro) bis 2028 angehoben werden. Das skandinavische Land soll jetzt schon in diesem Jahr 2,4 Prozent des Bruttoinlandsproduktes für die Verteidigung erreichen. 2023 hatte die Regierung zwei Prozent bei Gesamtausgaben von 155 Milliarden angepeilt.

Die sozialdemokratische Regierungschefin sagte zur Begründung: „Jetzt geht es um Waffen und Aufrüstung. Nicht, um weit weg von uns selbst die Demokratie aufzubauen, sondern um unsere eigene Demokratie auf unserem eigenen Kontinent zu verteidigen.“ Eine Anspielung auf die Beteiligung ihres Landes am katastrophal verlorenen Krieg in Afghanistan. Frederiksen hat seit ihrem Antritt 2019 die vor allem von Ex-Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen als dänischem Regierungschef betriebene Politik fortgesetzt und ihr Land als militärisch besonders eifriges Nato-Mitglied sowie als US-Verbündeten profiliert.

Dazu gehörten in den letzten Monaten immer wieder auch Ankündigungen in düsterer Tonlage etwa zur Bewahrung des hohen Lebensstandards in Dänemark: Dass es nun „nicht mehr um Wohlfahrt, sondern um Sicherheit“ gehe, dass „Freiheit ihren Preis hat“ und dass „man Kriege nicht mit Worten gewinnt“. Zur jetzt verkündeten massiven Steigerung der Militärausgaben sagte Frederiksen: „Ich glaube, es wird weiter Bedarf an noch mehr Investitionen in Verteidigung und Sicherheit geben.“ Kompromisslos tritt sie auch für wesentlich mehr Militärhilfe an die Ukraine ein.

Stimmen aus der Opposition vermuten, dass die 46- Jährige sich für einen internationalen Top-Posten in Stellung bringen will. In Kopenhagen gilt als ausgemacht, dass Frederiksen gern die Nachfolge von Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg übernehmen würde. Seit klar war, dass sie vor allem gegen den niederländischen Noch-Premier Mark Rutte wohl keine Chancen hat, soll sie ihr Augenmerk auf die Neubesetzung der Brüsseler Ratspräsidentschaft nach der Europawahl im Juni gerichtet haben. Frederiksen widerspricht dem nur in moderater Form. Von der dänischen Öffentlichkeit werden die Aufrüstungspläne ganz überwiegend zustimmend aufgenommen.

Das gilt auch für die Einführung der Frauen-Wehrpflicht bei annähernder Verdreifachung der Dauer, von der offenbar niemand so richtig grundlegende Veränderungen erwartet. Bisher galt sie auch für die Männer Grunde nur auf dem Papier, weil die Armee in der Regel genügend Freiwillige unter den Wehrpflichtigen finden konnte. Dass deren Anteil nun von 4700 auf 5000 unter Dänemarks Soldaten (und den Berufssoldatinnen) ansteigen soll, klingt nicht unbedingt nach einer revolutionären Umwälzung. In ersten Reaktionen wird vor allem die Finanzierung durch Staatsverschuldung und die konkrete Umsetzung all der gewaltigen Beschaffungspläne für das Militär infrage gestellt. Es hat als „kaputtgesparte“ und durch Inkompetenz und Nepotismus an der Spitze schwer geplagte Einrichtung einen miserablen Ruf. Kommentar Seite 11

Dänemark: Wehrpflicht ohne Protest

15.03.2023

Von: Thomas Borchert

In Dänemark militarisieren sich Politik und Diskurs. Die neue Wehrpflicht für Frauen ist ein Baustein – und ein Zeichen für die Ambitionen der Premierministerin Frederiksen. Der Kommentar.

Wehrpflicht für Frauen gibt es in acht Staaten der Welt, darunter Nordkorea, Israel und Eritrea. Dänemarks Premierministerin Mette Frederiksen verweist bei ihrer Initiative dafür lieber auf Norwegen und Schweden, wo Frauen längst eingezogen werden können und niemand das grundsätzlich in Frage stellt.

Wer für die Wehrpflicht ist, kann gerade im feministisch meistens vorneweg eilenden Skandinavien nur schwer Argumente gegen Gleichstellung bei Einberufungen argumentieren. Hinzu kommt im Königreich Dänemark, dass die Wehrpflicht meistens ein Papiertiger auch für Männer gewesen ist, weil die Armee ihren Bedarf überwiegend aus Freiwilligen gedeckt hat. Auch deshalb fällt der Widerspruch gegen die Frauen-Wehrpflicht hier markant schwächer aus, als das etwa bei einem Anlauf aus Berlin zu erwarten wäre.

Frederiksens Initiative ist einer von vielen Bausteinen bei der Militarisierung von Politik und Diskurs. Dass die Sozialdemokratin ihre Rhetorik dafür wohl auch zur eigenen Profilierung für einen Top-Posten in Brüssel gezielt schärft, hinterlässt einen schalen Geschmack.

Sipri: Rüstung geht weltweit steil nach oben

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Rüstungskäufe legen weltweit zu: Wer am meisten profitiert

11.03.2024

Von: Thomas Borchert

Laut dem Stockholmer Sipri-Institut profitieren die USA am meisten im weltweiten Waffenhandel. Russlands Exporte sind auch wegen mangelnder Qualität rückläufig.

Stockholm – Neue Rüstungsrekorde mit immer steileren Kurven nach oben bringen die Erhebungen des Stockholmer Friedensforschungsinsituts Sipri. So haben die Staaten in Europa ihre Importe von 2019 bis 2023 gegenüber den voraufgegangenen fünf Jahren mit plus 94 Prozent fast verdoppelt. Den mit Abstand größten Anteil an den Importen hatte dabei die Ukraine. Bei der voraufgegangenen Erhebung hatte Sipri für Europa schon eine Steigerung um 20 Prozent ermittelt. Mit den neuen Zahlen lag der Kontinent immer noch weit unter den Rüstungseinfuhren in anderen Regionen der Welt wie Asien, Nahost und den Pazifik-Ländern.

Eindeutig am kräftigsten profitiert von diesem Megatrend die Rüstungsindustrie der USA. Sie konnte die Exporte seit 2019 um 17 Prozent steigern und hat ihren Weltmarktanteil als Waffenlieferant von 32 auf 42 Prozent gesteigert. Ebenfalls stark ins Auge fallen bei den Sipri-Zahlen die Exporterfolge der französischen Rüstungsindustrie mit einem Zuwachs um 47 Prozent. Damit hat Frankreich erstmals den seit Jahrzehnten von Russland gehaltenen zweiten Platz auf der Weltrangliste mit einem Weltmarktanteil von elf Prozent mit hauchdünnem Abstand übernommen. Der russische Anteil hat sich gegenüber 2014 bis 2018 bei 21 Prozent knapp halbiert.

Deutsche Rüstungsverkäufe leicht gesunken

Leicht gesunken ist der deutsche Weltmarktanteil von 6,3 auf 5,6 Prozent. Zum Rückgang der deutschen Rüstungsexporte 2019 bis 2023 um 14 Prozent sagte der zuständige Sipri-Experte Pieter Wezeman der Frankfurter Rundschau: „Man muss bedenken, dass der nach einem vorher kräftigen Wachstum entstanden ist.“ Nicht berücksichtigt seien in den Zahlen der Sipri-Forscherinnen und -Forscher auch die sehr erheblichen deutschen Munitions-Lieferungen in die Ukraine, da man nur größere Waffensysteme erhebe.

Wezeman bezifferte den Anteil der Ukraine an sämtlichen europäischen Einfuhren solcher Systeme mit 23 Prozent. Er sagte weiter: „Das zeigt, wie wichtig das Land hier ist, aber auch, wie substanziell im restlichen Europa aufgerüstet worden ist.“ Vor allem in den letzten beiden Jahren hätten „praktisch alle europäischen Staaten viele zusätzliche Waffensysteme oft auch bei ausländischen Produzenten bestellt“.

Russlands Handelspartner für Rüstungsindustrie wenden sich ab – zu geringe Qualität?

Die russischen Ausfuhren gingen im letzten Fünfjahres-Zeitraum um 53 Prozent zurück. Zu den Gründen dafür meint Wezeman: „Vor allem Indien wendet sich anderen Versorgern zu. Seit Jahrzehnten war das Land der wichtigste Abnehmer russischer Rüstung und ist nach wie vor weltweit größter Rüstungsimporteur.“ Jetzt blicke man neben mehr Eigenproduktion nach Frankreich, Israel und den USA. Auf die Frage nach politischen, technischen oder wirtschaftlichen Gründen sagte Wezeman: „Es ist eine Kombination.“

Neben Enttäuschung über geringere technische Qualität russischer Produkte gehe es Indien „auch um die USA als Sicherheitspartner“ bei den eigenen Konflikten mit China. Insgesamt fiel die Zahl der Abnehmerländer für russische Rüstung von 31 im Jahr 2019 auf zuletzt zwölf. Vermutlich auch als Folge des eigenen Angriffskrieges gegen die Ukraine sank der Rüstungsexport allein von 2022 auf 2023 um die Hälfte.

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China bleibt als Rüstungsexporteur mit einem Weltmarktanteil von 5,8 Prozent und einem Rückgang in den letzten fünf Jahren um 5,3 Prozent nach wie vor auch weit hinter Russland zurück. Die zunehmenden Spannungen in Asien mit Blick auf China und Nordkorea haben in Japan zur Steigerung der Militäreinfuhren um 155 Prozent geführt. Im Pazifik-Raum (Ozeanien) hat Australien ebenfalls als Reaktion auf Pekings Politik 2023 allein sechs Atom-U-Boote in Großbritannien und den USA bestellt.

USA bleiben bei Rüstungsexperten weiterhin an der Spitze

Asien und Ozeanien zusammen sind die Region mit dem höchsten Anteil an Rüstungsimporten, 37 Prozent, gefolgt vom Nahen Osten mit 30 Prozent und Europa mit 21 Prozent. Umgekehrt standen die USA und Westeuropa 2019 bis 2023 für 72 Prozent aller Rüstungsexporte und konnten ihren Weltmarktanteil damit um zehn Prozentpunkte steigern.

Nichts mehr wie zuvor – ein außenpolitischer Rückblick

Eine zentrale Rolle spielte dabei die weltweite Nachfrage nach neuen Kampfflugzeugen. Die USA verkauften insgesamt 420, davon 249 der hypermodernen F-35, die ein Viertel der Rüstungsexporte ausmachten. Wie krass der Aufrüstungswille sich weltweit ausbreitet, zeigt eine Tabelle der Auftragsbücher im neuen Sipri-Bericht: Danach sind in den USA derzeit 1071 neue Kampfflugzeuge bestellt. Frankreich hat laut dem Stockholmer Institut mit 223 georderten Kampfflugzeugen vom Typ Rafale ebenfalls einen „relativ hohen Auftragsbestand“. Aus China seien 94 und aus Russland 78 Kampfjets geordert worden.

Dänemarks Regiering will assistierten Selbstmord legalisieen

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Heftige Diskussion über Sterbehilfe in Dänemark

  1. März 2024

Von Thomas Borchert

In Dänemark, wo bislang auch der in Deutschland erlaubte „assistierte Suizid“ verboten ist, nimmt eine Debatte über Sterbehilfe Fahrt auf – ausgelöst vom Fall eines prominenten Paares.

In Dänemark ist verboten, was man dort aktive Sterbehilfe nennt und hierzulande auch assistierten Suizid, der unter bestimmten Bedingungen erlaubt ist. Dass sie für die Legalisierung in ihrem Land eintritt, hatte Ministerpräsidentin Mette Frederiksen beim sommerlichen „Volkstreffen“ auf der Insel Bornholm verkündet und damit einen mittleren Orkan ausgelöst. Die 46-Jährige nahm auf der Rednertribüne vor der glitzernden Ostsee-Kulisse ein bisschen Anlauf: Sie wisse schon, dass das eine „ganz schwere Debatte“ sei. Um sich dann ohne Wenn und Aber für die Freigabe von Sterbehilfe auszusprechen. Umfragen bringen stets klare Mehrheiten dafür.

„Viel deutet darauf hin, dass es vielen von euch genauso geht,“ ruft sie denn auch ins Publikum, das mit atemloser Stille reagiert. Ihr Outing macht die Sterbehilfe im Land der „Hygge“ mit dem glücklichsten Volk der Welt zum Topthema. „Sie hat die Büchse der Pandora geöffnet“, kommentiert TV2. Frederiksen kündigt eine staatliche „Kommission für einen würdigeren Tod“ an. Sie erzählt von ihrer früh gestorbenen Mutter nach mehreren Jahren mit Krebs: „Wenn ich so viel Rückfälle über so viele Jahre gehabt hätte, hätte ich mir bestimmt einen anderen und friedvolleren Abschied gewünscht.“ Ob die Mutter sich auch aktive Sterbehilfe gewünscht hat, bleibt ungenannt.

Dass er auch Prostatakrebs hat, wird nur am Rande erwähnt

Im Herbst meldet sich als Kronzeuge in Echtzeit der Filmproduzent Ebbe Preisler, 81, mit seiner Ehefrau Mariann Preisler, 80, zu Wort. „Wir wollen sehr gerne sterben“ ist ihr Essay in Dänemarks größter Zeitung „Politiken“ überschrieben. Nur der Ehemann kann ihn verfasst haben, weil die Kunsthandwerkerin Mariann nach 26 Jahren mit Parkinson auch dement ist und kaum noch sprechen kann. Die Schmerzen seien nunmehr unerträglich, was alles zusammen Marianns Wunsch nach dem möglichst schnellen Ende des Lebens unabweisbar macht, liest man in dem langen Text. Ebbe Preisler begründet seinen Drang zum gemeinsamen Tod anders: „Mein Problem ist, dass es mir an Lebenslust fehlt.“ Ihn plage „Unbehagen darüber, was der Mensch dem Menschen antut, und dem Planeten sowieso“, er habe das „ehrlich gesagt satt“.

Dass er auch Prostatakrebs hat, wird nur am Rande erwähnt. Einfach gemeinsam Suizid zu begehen, sei leider nicht möglich, weil „die Kinder und Enkel das nicht akzeptieren würden“. Und: „Die Gesellschaft huldigt einem Dogma, wonach alle so lange wie möglich leben müssen, ob sie nun Lust dazu haben oder nicht.“

Im Herbst auch veröffentlicht der Ethikrat, ein Moral-Wegweiser für das Parlament und staatliche Stellen mit hoher Autorität, seine fast einstimmige Stellungnahme gegen jede Form aktiver Sterbehilfe. Er begründet das unter anderem damit, dass „selbst Menschen nach lang anhaltendem Todeswunsch Stunden mit Ambivalenz und Zweifel erleben“. Und: „Das Einzige, was das Leben von und die Achtung vor denen schützt, die in der Gesellschaft am verletzlichsten sind, ist ein ausnahmsloses Verbot (aktiver Sterbehilfe).“

Der Ehemann hat der Schlafenden eine tödliche Dosis Morphin injiziert

Als Stimme für die „Verletzlichsten“ sprechen sich sämtliche Organisationen von Menschen mit Handicaps gegen die Zulassung aus. „Es ist zweifellos billiger, uns einen würdigeren Tod anzubieten als ein würdigeres Leben,“ schreibt die körperlich schwerbehinderte Ditte Guldbrand Christensen von der Gruppe „Noch nicht tot“.

Zu Weihnachten tot ist Mariann Preisler. Der Ehemann hat der Schlafenden am zweiten Feiertag um 22 Uhr in ihrem Kopenhagener „Pflegeheim Königin Anne-Marie“ eine tödliche Dosis Morphin injiziert. In der Nacht schluckt er in seiner Wohnung das gleiche Präparat und schickt 51 Mails an die Kinder, andere Angehörige und den Freundeskreis: Er habe seine Frau erlöst und beende nun sein Leben auf dieselbe Art.

Für das Gelingen von Letzterem hätte er besser keine Abschiedsbotschaften verschickt. Tochter Louise liest die Mail nachts um 2.30 Uhr und eilt sofort zur Mutter, die schon tot ist. Sie radelt weiter in die Wohnung des Vaters, wohin auch der Rettungsdienst kommt und dem Bewusstlosen ein Gegengift verabreicht.

Die Staatsanwaltschaft beantragt Untersuchungshaft gegen Ebbe Preisler wegen Verdachts auf Totschlag: „Man kann Mitgefühl haben mit dem Vorgehen des Verdächtigen, aber es ist nach dänischem Recht nun mal verboten.“ Es sei auch nicht von dem milderen Verdacht einer „Mitleidstötung“ auszugehen, weil Mariann Preisler gar nicht mehr in der Lage gewesen sei, einen solchen Wunsch zum Ausdruck zu bringen.

Gegen Preisler, noch im Koma in einem Krankenhausbett, werden in Abwesenheit zwei Wochen Untersuchungshaft verhängt. Beide Kinder und der Bruder stellen sich ohne Zögern und voller Wärme öffentlich hinter seine Handlungsweise. Sohn Jonas sagt einer Reporterin: „Vor allem soll klarwerden, dass das hier kein Totschlag war. Das war eine Liebeserklärung.“

Zu Silvester ist Ebbe Preisler wieder so weit hergestellt, dass er beim zweiten Hafttermin den Hergang erklären kann: „Ich hab Mariann gefragt, ob es heute passieren soll, dass wir beide sterben. Sie nickte und sagte ja.“ Auch hier: Er habe sie „von ihren Leiden erlöst“. Aber Preisler muss für weitere elf Tage ins Vestre-Gefängnis, jeweils 23 der 24 Stunden in Isolationshaft.

Freigelassen wird er anderthalb Stunden vor der Beisetzung seiner Ehefrau. Die Berufungsinstanz sieht den Verdacht auf Totschlag nach wie vor als gegeben an, aber wegen der klaren Sachlage keinen Grund zu Haft. Zwei Kripo-Beamte fahren Preisler zur Trauerfeier in der Lindevang-Kirche, wo er und Mariann sich drei Jahre zuvor an ihrem 50. Hochzeitstag noch einmal das Ja-Wort gegeben hatten. Sie wollten ihre gegenseitige Liebe bekräftigen. Bei der Ankunft zur Beisetzung wird der überlebende Teil des Paares mit herzlichem Applaus empfangen.

„Es ist vollkommen fantastisch, wieder neu geboren zu sein“, sagt er jetzt

Nach dem Verlassen der Kirche steht er den Medien Rede und Antwort. Sein Wunsch zu sterben sei nunmehr Vergangenheit: „Es ist vollkommen fantastisch, wieder neu geboren zu sein.“ Fortan will er sich für die Freigabe der aktiven Sterbehilfe genauso aktiv einsetzen wie für bessere Haftbedingungen im Vestre-Gefängnis. Die seien unzumutbar gewesen. Zwei Wochen später ist seine flammende Anklageschrift genau da zu lesen, wo Preisler ein paar Monate vorher den gemeinsamen Todeswunsch mit Mariann erklärt hatte.

Seine Grundhaltung ist jetzt radikal anders: „Ich will weiterleben und mit allen Kräften einen Sinn in diesem Dasein finden. Ich habe ja auch große Freude am Schreiben.“ Die ganzseitige Reportage von der Trauerfeier in „Politiken“ schließt mit dem Satz: „Danach hakte sich die Schwiegertochter bei Ebbe Preisler ein und führte ihn Richtung Leichenschmaus und Wärme.“ Das Dänische bietet für das wärmende Beisammensein nach einer Beisetzung mit „gravøl“ („Grabesbier“) einen milderen Ausdruck als die deutsche Entsprechung.

Auf Preisler kann ein Urteil wegen Totschlags mit bis zu fünf Jahren Haft zukommen

Beim nun bevorstehenden Gerichtsverfahren kommt auf Preisler entweder ein Urteil wegen Totschlags mit bis zu fünf Jahren Haft oder nach dem Paragraf über „Mitleidstötungen“ eine milde Strafe zu. Für die Initiative von Ministerpräsidentin Mette Frederiksen zur Legalisierung der aktiven Sterbehilfe hat der Fall enorm zusätzliche Zustimmung gebracht. In sozialen und traditionellen Medien hagelt es Fallschilderungen von qualvoll durchlittenen letzten Lebensphasen von Menschen mit Todeswunsch, den die Ärzteschaft nicht erfüllen darf. Die Mehrheit im Parlament ist der Ministerpräsidentin sicher.

Frederiksen kommentiert im Interview: „Ich kann überhaupt kein ethisches Problem darin sehen, dass ein Mensch unter bestimmten Umständen sagt, ich hab jetzt einfach keine Lust mehr, hier zu sein.“ Dänemarks Ärzteverband sieht schon ein Problem: „Aktive Sterbehilfe ist eine Rutschbahn. Was erst gerichtet ist auf mündig sterbende Patienten mit physischen Schmerzen, weitet sich dann aus auf Personen mit ernsten Behinderungen, auf Kinder und Menschen mit psychischen Schmerzen.“

Auch Ebbe Preisler sieht das inzwischen nicht mehr ganz so eindeutig. In seinem vorerst aktuellsten Zeitungsbeitrag schreibt er: „Bei Teilen der sogenannten aktiven Sterbehilfe habe ich genauso starke Bedenken wie andere auch. Aber ich versuche, mir dazu Gedanken zu machen, und die will ich im Lauf der Zeit mit der Öffentlichkeit teilen.“

Was erlaubt ist

In Deutschland sind passive und indirekte Sterbehilfe sowie assistierter Suizid erlaubt. Den Weg frei gemacht hat das Bundesverfassungsgericht 2020 mit seinem Urteil, wonach jeder Mensch selbstbestimmt über den eigenen Tod entscheiden kann. Als legal stuft das Gericht auch die geschäftsmäßige Beihilfe zum Suizid ein. Verboten ist weiter die „Tötung auf Verlangen“ durch eine andere Person. Es gibt auch keinen Rechtsanspruch auf Medizin zur Selbsttötung.

Im Klartext bedeutet dies, dass Ärzte und Ärztinnen Menschen mit Sterbewunsch unter bestimmten Voraussetzungen ein tödlich wirkendes Präparat in die Hand geben oder eine Infusion legen können. Die Medikamente einnehmen oder die Infusion öffnen dürfen nur die Betroffenen selbst.

Seit dem Karlsruher Urteil können sich Volljährige mit ihrem Sterbewunsch an drei private Organisationen wenden, die Sterbebegleitung gegen Bezahlung anbieten. Sie lassen zunächst klären, ob der Todeswunsch in mündiger Weise, aus freiem Willen getroffen und klar begründet sowie nachhaltig ist. Am Ende stellen sie einen persönlich anwesenden Arzt oder eine Ärztin mit der für die Selbsttötung benötigten Medizin.

In Dänemark ist dieser assistierte Suizid, dort als „aktive Sterbehilfe“ bezeichnet, verboten. Erlaubt ist lediglich, was auch in Deutschland als passive oder indirekte Sterbehilfe eingestuft wird und in Krankenhäusern und Hospizen als Palliativmedizin zum Alltag gehört: Die Einstellung lebenserhaltender Maßnahmen und/oder Erhöhung einer Medikamentendosis, die den Sterbeprozess beschleunigen kann.

In den Niederlanden , Belgien und Luxemburg können auch Kinder – mit Zustimmung der Eltern – sowie psychisch Kranke Sterbehilfe in Anspruch nehmen. tob

Wahlvorschau Finnland: Wer wird neuer Präsident?

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Kaum echte Streitthemen in Finnland

Stand: 09.02.2024, 13:39 Uhr

Von: Thomas Borchert

Die Präsidentschaftskandidaten in Finnland zeigen vor der Stichwahl am Sonntag wenig inhaltliche Reibungspunkte.

Am Sonntag wählen Finnlands 4,5 Millionen Stimmberechtigte ihren neuen Präsidenten in wahrlich unruhigen Zeiten. 300 000 von ihnen haben das Land eine Woche vor der Stichwahl zwischen dem konservativen Ex-Premier Alexander Stubb und Ex-Außenminister Pekka Haavisto von den Grünen mit einem politischen Massenstreik tagelang lahmgelegt. Sie wollen radikale Sparpläne der Rechts-Regierung im Sozial- und Gesundheitswesen nicht kampflos hinnehmen. Beunruhigend kämpferische Stimmung herrscht auch beiderseits der 1340 km langen Grenze zum Nachbarn Russland, seit Finnland letztes Jahr als Folge des Überfalls auf die Ukraine der Nato beigetreten ist.

Trotz alledem präsentieren sich die Kandidaten für die Nachfolge von Amtsinhaber Sauli Niinistö im Wahlkampf betont ruhig und mit ausgeprägtem gegenseitigen Respekt. „Es wird auf jeden Fall ein sehr guter Ausgang für unser Land,“ so der 55- jährige Stubb beim TV-“Duell“ und erntet mildes Kopfnicken vom zehn Jahre älteren Haavisto. Zum einen kann er sich das angesichts seines zwar geschrumpften, aber doch einigermaßen sicheren Vorsprungs von 54 gegen 46 Prozent bei aktuellen Umfragen leisten. Den ersten Wahlgang hatte Stubb knapp mit 27,2 Prozent vor Haavisto (25,8 Prozent) gewonnen.

Zum anderen machen beide keinen Hehl daraus, dass sie sich im Wesentlichen einig sind. Haavisto hat sich vom klassischen Grünen längst zu einem auch für die bürgerliche Wählerschaft akzeptierten „Mann der Mitte“ mit honoriger Ausstrahlung gewandelt. Er tritt für den weiteren Ausbau der Atomkraft in Finnland ein und hat als Außenminister mit der letztes Jahr abgewählten Regierungschefin Sanna Marin von den Sozialdemokraten und dem konservativen Niinistö ohne Wenn und Aber den Nato-Beitritt betrieben. Stubb hatte sich nach seinen nur elf Monaten als Premier 2014-2015 aus der finnischen Politik verabschiedet und unter anderem als Vizepräsident der Europäischen Investitionsbank in Luxemburg auf eine internationale Technokraten-Karriere gesetzt. Niinistö (75) darf nach zwölf Jahren mit zwei Amtszeiten nicht mehr kandidieren.

Die Nachfolge-Kandidaten empfehlen mangels zündender Streitthemen, sich zwischen ihren Persönlichkeiten mit „unterschiedlichen Führungseigenschaften“ zu entscheiden. Dabei geht es nicht nur darum, wer die schönere Neujahrsansprache halten kann: Finnlands Präsident hat starke außenpolitische Befugnisse und ist Oberbefehlshaber der Streitkräfte. Bei einer Erhebung des EVA-Institutes wünschten sich 74 Prozent einen „robusten Oberkommandierenden“ als Präsidenten. 64 Prozent hoffen, dass er „in Krisensituationen entschlossen die eigene Macht auch erweitert“.

Umso bizarrer mutet an, welche persönliche Eigenschaft am Sonntag den Ausschlag für den mit einer gebürtigen Britin verheirateten Familienvater Stubb geben könnte. Haavisto lebt in registrierter Partnerschaft mit einem aus Ecuador nach Finnland gekommenen Mann zusammen. „Finnland ist reif für einen homosexuellen Präsidenten,“ sagt Haavisto dazu, kennt aber auch die Umfragen: Ein Drittel der Befragten erklärt, dass die sexuelle Orientierung bei ihrer Entscheidung gegen ihn eine Rolle spiele. Er sei überrascht, dass seine sexuelle Orientierung im aktuellen Wahlgang plötzlich ein größeres Thema wurde, sagte Haavisto weiter. Dafür habe nicht zuletzt der öffentliche Rundfunk gesorgt. Sollte Haavisto sich durchsetzen, wäre er der erste Grüne und der erste offen schwul lebende Präsident Finnlands.

Seit dem ersten Wahlgang haben beide Kandidaten vor allem um die 19 Prozent für den als rechtsradikalen Jussi Halla-aho gebuhlt, der 2008 wegen Hetze gegen den Islam rechtskräftig verurteilt wurde. Das Rekordergebnis für die extremistischen „Wahren Finnen“, die zusammen mit den Konservativen regieren, ist vielleicht das wichtigste Ergebnis der Wahl. Halla-aho es als Reichstagspräsident im letzten Jahr ins zweithöchste Staatsamt geschafft.

Finnlands neuer Präsident wird ein Grüner oder Konservativer

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Finnland: Rechtsextremist scheidet in erster Wahlrunde aus

Ein Grüner und ein Konservativer schaffen es in Finnland in die Stichwahl um das Amt des Staatspräsidenten

Finnlands künftiger Staatspräsident wird wieder ein Konservativer sein oder aber ein Grüner – das ist das Ergebnis der ersten Wahlrunde in dem Land. In der ersten Runde ausgeschieden ist der Kandidat der Rechtsextremisten, die zuletzt beängstigend stark waren.

Der finnische Präsident hat außenpolitische Kompetenzen, außerdem den Oberbefehl über die Streitkräfte. Die Stichwahl bestreiten am Sonntag, 11. Februar, der Ex-Regierungschef Alexander Stubb von der konservativen Sammlungspartei und Ex-Außenminister Pekka Haavisto von den Grünen. Bei der ersten Runde der Direktwahl lag der 55- jährige Stubb mit 27,2 Prozent nur knapp vor dem zehn Jahre älteren Haavisto mit 25,8 Prozent. Er dürfte aber für das Finale ein größeres bürgerliches Stimmenreservoir hinter sich haben.

„Wahrer Finne“ Jussi Hallo-aho scheidet aus

Auf dem dritten Platz landete der rechtskräftig wegen rassistischer Hetze verurteilte Rechtsaußen Jussi Hallo-aho (53) mit 19 Prozent. Er ist seit dem Eintritt seiner Partei „Wahre Finnen“ in eine Koalition mit dem Konservativen Reichstagspräsident und konnte Umfragewerte von knapp unter zehn Prozent in seinem Wahlkampf verdoppeln. Hier trat er gemäßigt auf, während er früher skandinavische Sozialdemokraten schon als „die niedersten Reptile im ganzen Universum“ beschimpft hatte und den Islam als Religion, die „Pädophilie heilig spricht“. Nie zuvor haben die „Wahren Finnen“ bei Präsidentschaftswahlen auch nur annähernd so viele Stimmen bekommen.

Der bisherige Staatspräsident Sauli Niinistö (75), wie Stubb ein Konservativer, durfte nach zwei Amtszeiten über jeweils sechs Jahre nicht wieder kandidieren. Klar im Zentrum des Wahlkampfes standen die dramatischen sicherheitspolitischen Fragestellungen durch Finnlands 1300 Kilometer lange Landgrenze mit Russland. Alle neun Kandidat:innen stellten sich dabei ohne Wenn und Aber hinter den Nato-Beitritt ihres Landes als Konsequenz aus dem russischen Überfall auf die Ukraine.

Hier unterscheiden sich auch Stubb und Haavisto nur in Nuancen. Als Außenminister hat Haavisto seit 2022 unter Führung der im letzten Juni abgelösten sozialdemokratischen Regierungschefin Sanna Marin (38) Finnlands Beitrittsgesuch an die Nato betrieben. Stubb war nach einer kurzen Amtszeit als Ministerpräsident aus der finnischen Innenpolitik weitgehend verschwunden und arbeitete unter anderem als Vizepräsident der Europäischen Investitionsbank in Luxemburg.

Die Direktwahl gilt als ausgeprägte Personen-Entscheidung der 4,5 Millionen Stimmberechtigten. Das zeigte sich in der ersten Runde auch am starken Ergebnis für Haavisto, dessen Partei bei der letzten Parlamentswahl nur auf 11,5 Prozent gekommen war. In der Stichwahl am 11. Februar dürfte auch der private Hintergrund der beiden Kandidaten eine Rolle spielen. Stubb ist verheiratet mit zwei Kindern, während Haavisto in einer registrierten Partnerschaft mit einem Mann lebt. „Finnland ist reif für einen homosexuellen Präsidenten“, sagt der Kandidat dazu.

Mit 4,3 Prozent zu einem Desaster wurde die erste Wahlrunde für die Sozialdemokratie und ihre Kandidatin Jutta Urpilainen (48), seit vier Jahren Mitglied der EU-Kommission. Bei den Parlamentswahlen hatte die Partei 17,7 Prozent der Stimmen geholt. Die dabei als Regierungschefin abgewählte Marin hatte eine Kandidatur für die Präsidentschaft frühzeitig ausgeschlossen.

Über die Handball-Großmacht Dänemark

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Pfannkuchen für den Turniersieg

25.01.2024

Von: Thomas Borchert

Deutschland, Deutschland alles ist vorbei“ sangen hunderttausend Menschen nach dem größten Erfolg der dänischen Sportgeschichte vor Kopenhagens Rathaus selig und ein bisschen hämisch auf Deutsch. Was die Fußballer 1992 hier nach ihrem EM-Sensationssieg gegen den großen Nachbarn und den einzigen Turniersieg überhaupt vom Balkon aus erleben durften, ist für die Kollegen vom Handball schon fast Routine. Auf zwei EM-Titel und drei Weltmeisterschaften folgte jedes Mal das Festritual, zu dem auch das Verdrücken kleiner Rathaus-Pfannkuchen gehört. „Pfui Teufel, widerlich“, fand sie der legendäre Lars Christiansen bei der ersten dieser Feiern 2008.

Dänemarks Handballer sind von Titeln verwöhnt – und spielen gerne in der Bundesliga. am liebsten in Flensburg

Nie aber würde dem längst pensionierte Nationalspieler oder den Fans irgendwelche Häme Richtung Deutschland, Gegner am Freitag (20.30 Uhr/ZDF) im EM-Halbfinale, in den Sinn den kommen. Im Gegenteil. Dass das kleine Dänemark im Handball die sportlich wie auch sonst ungewohnte Rolle einer Großmacht übernommen hat, ist auch der Bundesliga zu verdanken. Fans und Spieler lieben sie. Elf von 19 Spielern im aktuellen dänischen EM-Kader spielen in Deutschland, allein fünf bei der SG Handewitt-Flensburg unweit der Grenze. Christiansen hat hier vor einem stets deutsch-dänisch gemischten Publikum 14 Jahre lang so grandios für Tore und Stimmung gesorgt, dass der Platz vor der Halle hochoffiziell nach ihm benannt ist. Man staunt beim googeln: Es gibt ihn wirklich, den „Lars-Christiansen-Platz“.

Die Glanzzeit des 51-Jährigen steht für den Wiederaufstieg des dänischen Männerhandballs, den die Handballerinnen in Gang gebracht haben. In den 1990er Jahren machten die Frauen im traditionellen Rotweiß mit ihren EM-, WM- und Olympia-Turniererfolgen in Serie Handball zu einem TV-Straßenfeger mit Popstarstatus. Handball war damit „in“, aber ohne die erfolglos, matt und unbeachtet vor sich herspielenden Männer. Zur Wiederbelebung wurde ihnen 2005 der erfolgreiche, aber auch knallharte und mitunter tobsüchtige Frauentrainer Ulrik Wilbek verordnet. Das funktionierte bestens, auch für Wilbek. Nach dem Abschied vom Handball eroberte er für die Rechtsliberalen das Bürgermeisteramt in Viborg und hat nebenbei einen Packen Bücher über erfolgreiche Menschenführung geschrieben.

Hansen oft nur Ersatz

Zwei Bücher gibt es über Mikkel Hansen zu lesen, der als zeitweise bester Handballer der Welt die dänische Erfolgsgeschichte seit fast zwei Jahrzehnten verkörpert wie kein anderer. Der Rolle als „everybody‘s darling“ hat der Hüne mit den langen Haaren und Stirnband sich allerdings verweigert. Man sieht ihn nie in geselligen TV-Sendungen. Eine Woche nach dem letzten WM-Titel meldete er sich stressbedingt krank ab: „Es ist einfach zu viel.“ Als Grund für seine zehn Jahre in Paris bei der PSG gab er stets an, dass er hier unerkannt durch die Stadt laufen konnte. Wobei auch, versteht sich, die Spitzengage von Belang war.

Hansen, der als einer der wenigen dänischen Profis nie in der Bundesliga gespielt hat, steht auch für den Einzug des viel größeren Geldes im eigenen Land. 2010 war er zusammen mit Keeper Niklas Landin dabei, als ein wohl doch leicht größenwahnsinniger Sponsor ein dänisches All-Star-Team unter dem Namen AG Kopenhagen zusammenkaufte. Nach zwei Jahren war die Pleite da, Hansen zog nach Paris. Seit 2023 spielt er im heimischen Aalborg. Dass er bei der EM in Deutschland nur noch auf wenige Einsatzminuten kommt, kommentiert er wie immer ohne Drang, allen zu gefallen: „Da müsst ihr den Trainer fragen. Ich will immer gern spielen.“

Giftmüll-Lawine “Dänemarks größte Umweltkatastrophe”

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Wer zahlt für die Drecklawine?

Stand: 24.01.2024

Von: Thomas Borchert

In Jütland bedroht eine Lagerstätte für belastetes Erdreich der Firma Nordic Waste ein Dorf. Milliardär und Mehrheitseigner Østergaard-Nielsen will nicht für die Schäden einstehen.

Vor Lawinengefahr hat im flachen Dänemark nie ein Schild gewarnt. Wenn jetzt trotzdem ein gigantischer Erdrutsch von Regierungsvertretern zur „vielleicht größten Umweltkatastrophe in unserem Land“ ausgerufen wird, müssen ganz besondere Kräfte im Spiel sein. Als Ministerpräsidentin Mette Frederiksen diese Woche in Gummistiefeln und gelber Weste besichtigte, wie sich mit Benzin, Schwermetallen und anderem verdrecktes Erdreich auf das Dorf Ølst im Osten von Jütland zuwälzt, dachte sie schon an die Rechnung: „Man kann sie absolut bezahlen, wenn man willens ist.“ Wer aber ist „man“? Frederiksen zeigte mit dem Finger ausdrücklich auf die Eigner des Unternehmens Nordic Waste, das hier an einer hügeligen Lehmgrube ihr Geschäft mit der Einlagerung von 3,5 Millionen Kubikmetern belastetem Erdreich gemacht hat. Über die gebe es „nichts Gutes zu sagen“.

Für dänische Verhältnisse vollkommen surrealistisch fallen die Schlagzeilen seit Weihnachten aus, wonach die dreckige Lawine das komplette Dorf Ølst mit den Heimstätten von 400 Menschen unter sich begraben könnte. Mitte dieser Woche gab es die erste Entwarnung vom Katastrophenstab in der Kreisstadt Randers. Das Tempo des Erdrutsches habe man von neun auf zwei Meter pro Tag senken können. Dafür wurden 5000 Lkw-Ladungen des durch den endlosen Regen aufgeweichten Erdreichs unter Hochdruck weggeschafft und anderswo in Jütland neu verklappt.

Auf Steuerkosten, versteht sich, denn Nordic Waste als Betreiber der Anlage gibt es jetzt plötzlich nicht mehr. Als die Verwaltung aus Randers im Angesicht der Mammut-Aufgabe von der Firma die sofortige Bereitstellung von 200 Millionen Kronen (27 Millionen Euro) verlangte, meldete das Unternehmen einfach Konkurs an. Was den Volkszorn noch mehr zum Kochen brachte, weil für den Mehrheitseigner dieser Betrag eigentlich die berühmt-berüchtigten „Peanuts“ aus der Portokasse sein sollten: Torben Østergaard-Nielsen (69) gehört mit seinem Vermögen von geschätzt 42 Milliarden Kronen zu den sechs Reichsten im Königreich Dänemark.

Steinreich geworden ist er als weltweit führender Lieferant von Schiffs-Brennstoff. In die Schlagzeilen geriet der Milliardär schon einmal, weil sein Unternehmen Dan-Bunkering von 2015-2017 Jet-Brennstoff unter Bruch der EU-Sanktionen an Syrien lieferte, während der Diktator Assad dort die eigene Bevölkerung bombardieren ließ. Østergaard-Nielsens Sammlung von 275 Ferraris, Jaguars, Lamborghinis und dergleichen mehr, die man als ebenfalls Reicher oder Reiche diskret leasen kann, soll die größte in ganz Europa sein.

Geld für die Forschung

Die Erdrutsch-Katastrophe im Osten Jütlands, die auch das Richtung Ostsee strömende Flüsschen Alling Å akut bedroht, nennt Østergaard-Nielsens Konzern-Mutter USTC „außergewöhnlich tragisch“ und macht die extremen Niederschläge der letzten Monate verantwortlich: „Sie führten zu dieser Naturkatastrophe von nie gesehenem Ausmaß in Dänemark.“ Zur Erforschung von Klimaveränderungen wolle man 100 Millionen Kronen stiften und natürlich der Einwohnerschaft von Ølst hilfreich unter die Arme greifen.

Auch das kam als Almosen angesichts der langfristig auf 2,2 Milliarden Kronen berechneten Kosten für mindestens fünfjährige Aufräumarbeiten nicht gut an. Einhelliges Fachwissen machte klar, dass das Erdreich sich lange vor dem Einsetzen der tatsächlich gewaltigen Niederschläge in den letzten Monaten in Bewegung gesetzt hatte, ohne das Nordic Waste die geschäftsträchtige Einlagerung von Erdreich gestoppt hätte.

Allerdings hatten die staatlichen Aufsichtsbehörden dies stets genehmigt, obwohl es Warnungen gab. Dementsprechend wächst der öffentliche Druck auf die Politiker:innen aus der Kopenhagener Regierung. Die gibt ihn weiter an Østergaard-Nielsen. Es gebe natürlich keine Verpflichtung zum Schadensersatz mit seinem Gesamtvermögen, räumte Justizminister Hummelgaard ein: „Aber es gibt auch eine soziale Verantwortung für Unternehmen.“ Handfestere Forderungen nach schärferen Regeln gegen Investoren-Flucht allerdings wehrt Premier Frederiksen ab. Dänemarks größte Zeitung „Politiken“ kommentiert: „Nordic Waste setzt das politische System schachmatt. Deshalb spricht die Regierung über Moral statt über Geld.“

Vulkanausbruch in Island trifft eine ganze Stadt

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Die Ohnmacht angesichts der Lava in Island

15.01.2024

Von: Thomas Borchert

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Der Vulkanausbruch auf der Halbinsel Reykjanes zeigt, dass sich die Menschen auf Island gegen die Naturgewalten zu wappnen wissen – ihnen aber trotzdem ausgeliefert sind.

Als der Lavastrom die ersten Häuser seiner Stadt förmlich aufgefressen hatte, sagte Grindavíks Bürgermeister Fannar Jónasson: „Wenn die isländische Natur ihre Macht demonstriert, können wir wenig ausrichten.“ Nach dem Vulkanausbruch am Wochenende müssen die gut 4000 Menschen hier an Islands Südwestspitze befürchten, dass ihre Heimstätten auf Dauer unbewohnbar bleiben. Niemand vermag vorherzusagen, ob, wie, wann und wo der Druck in der Magmakammer unter der Halbinsel Reykjanes wieder so unaufhaltsam wächst, dass sich neue Risse mit unzähmbaren Feuerströmen auftun.

Das zeigte sich auch nach dem Ausbruch nördlich von Grindavík erst im November und dann wieder Mitte Dezember mit zweimaliger Evakuierung der Bevölkerung. Zum Schutz der Stadt wurde ein massiver Erdwall errichtet, und zwar genau dort, wo Islands in aller Welt als besonders sachkundig anerkannte Vulkan-Expertise die Lavaströme vorausberechnet hatte. Die kamen hier auch an, die Wälle hielten, aber „die Natur“ entließ einfach aus einem neuen, so nicht erwarteten 900 Meter langen Riss von Süden her und eben direkt am Stadtrand die brennend fließende Lava.

Hrannar Jón Emilsson, wie alle aus Grindavík evakuiert, fand es am Sonntag „surrealistisch, live im TV mitzuerleben, wie das eigene Haus einfach verschwindet.“ Andere, deren Heimstätten eigentlich verschont blieben, äußerten sich genauso düster über ihre Zukunftsaussichten: Die Infrastruktur sei vermutlich viel zu stark beschädigt, niemand wisse, wie tief die Risse im Untergrund des Stadtgebietes und in den Gebäuden sitzen. Und vor allem wisse niemand, wann und wo der nächste dieser Vulkanausbrüche kommen wird.

Die Behörden sprachen vom „denkbar schlechtesten und so nicht erwarteten Verlauf“, Regierungschefin Katrin Jakobsdóttir gar von einem „schwarzen Tag für Island“. Präsident Gudni Jóhannesson beklagte den „beängstigenden Beginn einer Periode von Unsicherheit“ durch die „lange schlummernden und neu erwachten unterirdischen Vulkankräfte auf Reykjanes“.

Deren Macht zeigt auch der bisher einzige Todesfall. Beim Versuch, einen Erdriss aufzufüllen, fiel vorige Woche ein Arbeiter in eben diesen mehr als zehn Meter mit Wasser gefüllten Riss in zehn Meter Tiefe. Alle Versuche, ihn oder zumindest seinen Leichnam zu bergen, mussten nach mehreren Tagen wegen Instabilität des Erdreiches abgebrochen werden.

Immerhin brachte der Montag die positive Nachricht, dass der akut gefährliche Ausbruch am Südrand von Grindavík seine Aktivität schon wieder eingestellt hat. Vorerst jedenfalls. Die Regierung im knapp 50 Kilometer entfernten Reykjavik beriet gleichzeitig, wie den in alle Winde verstreuten Einwohner:innen geholfen werden könne. Für das kleine Land, in dem insgesamt nur knapp 400 000 Menschen leben, ist die Unterbringung von 4000 plötzlich Obdachlosen alles andere als eine Kleinigkeit.

Bei der Klärung des Wie hilft den Isländer:innen ihre reiche Erfahrung im Umgang mit Naturkastrophen. Seit der Besiedlung der Insel mit dem unwirtlich harten Nordatlantik-Klima vor gut einem Jahrtausend gehören Vulkanausbrüche mit unterschiedlich schlimmen Folgen einfach zum Leben dazu. Zuletzt wurde 1973 auf den Westmännerinseln die Stadt Heimaey durch einen Vulkanausbruch fast vollkommen verschüttet. Die 4500 Einwohner:innen konnten auf Fischerbooten fliehen, ihre Stadt haben sie nach und nach neu aufgebaut.

Dass seitdem keiner der mehr als 30 aktiven Vulkane mehr Menschen bedroht hat, gilt in Island als gute Zeit, für die man wohl dankbar sein müsse. Die Autorin Steinunn Stefánsdóttir meint zu dem in ihrem Land so ausgeprägten Grundgefühl, gegenüber überwältigend starken Naturkräften zwar machtlos zu sein, aber in der Not zusammenzustehen und unverdrossen weiterzumachen: „Es ist in den letzten Jahren noch stärker geworden durch das Erlebnis der Corona-Epidemie, da fühlten wir uns auch vollkommen ohnmächtig.“

Genauso sei es 2008 gewesen, als größenwahnsinnige Bankenchefs das kleine Land in den kollektiven Bankrott geführt hatten. Und ein paar Jahre danach habe alle Welt gestaunt, wie schnell Island auch diese Katastrophe bewältigt hatte.