Etappensieg für Dänen und Grönländer – mehr aber nicht

Posted on

Ein “irrelevanter” Kleinstaat wehrt sich

24.1.2025

Von: Thomas Borchert

Die EU unterstützt Dänemark im Grönland-Streit geschlossen. Doch das Misstrauen gegenüber Donald Trump bleibt weiterhin groß.

Für Dänemark und das von Donald Trump begehrte Grönland ist die Woche eindeutig besser gelaufen als befürchtet. Vom Brüsseler EU-Sondergipfel konnte Regierungschefin Mette Frederiksen die weiterhin klare Unterstützung aller 27 Mitgliedsländer gegen den US-Griff nach der größten Insel der Welt zum Solidaritätsbesuch in der grönländischen Hauptstadt Nuuk mitnehmen. Auch dass Trump seine Invasionsdrohung gegen den Nato-Verbündeten samt bedingungslosem Besitzanspruch in Davos genauso wie die Drohung der Strafzölle zurückgezogen hat, sorgt für ein bisschen Erleichterung.

Mehr aber auch nicht. Die Kommentare fallen in Kopenhagen und in Nuuk einhellig skeptisch aus: Wie lange das Zwischenhoch wohl halten wird? „Wir schlafen jetzt etwas besser, behalten aber die Stiefel an“, sagte die Grönländerin Julie Rademacher bei Danmarks Radio. Sie vergaß nicht den Hinweis, dass ihre Landsleute als geübte Seehundejäger:innen in der Regel gut mit einem Gewehr umgehen können. Sämtliche Munition in Nuuk sei ausverkauft.

Derselbe Sender enthüllte, dass die kurzfristig „zu Übungszwecken“ von Dänemark nach Grönland geschickten Soldaten ausdrücklich den Befehl hatten, bei einem Angriff durch US-Einheiten zurückzuschießen. Sie waren dafür – ungewöhnlich für eine „Übung“ – mit scharfer Munition ausgestattet. So ernst also nahm auch die politische und militärische Führung Dänemarks Trumps Drohung mit einem Überfall. Als Verteidigungsminister Troels Lund Poulsen darauf angesprochen wurde, murmelte er kurz „kein Kommentar“ und verließ fluchtartig das Briefing. Von den Augen abzulesen war seine Angst, diese „Breaking News“ könne Trump zu neuen martialischen Drohungen aus dem Weißen Haus animieren.

Außenminister Lars Løkke Rasmussen hatte mehr „Eis im Magen“, wie man im Dänischen die deutsche Bierruhe ausdrückt. Er wiederholte vor der aufgeregten Medienmeute einfach seinen größten Wunsch in Sachen Grönland: „Wir müssen entdramatisieren und zu einem ruhigen Prozess kommen.“ Der sei nun in Gang, auch mit einem vertraulichen Gespräch in Washington am Vortag: „Exakt, was wir uns gewünscht haben.“

Die Verantwortlichen für den Kleinstaat Dänemark einschließlich Grönland haben wohl vieles richtig gemacht und wurden bisher dafür belohnt. Nach der mysteriösen Einigung zwischen Nato-Generalsekretär Mark Rutte mit Trump auf einen „Rahmen für eine Arktis-Vereinbarung“ konterte Premier Mette Frederiksen, Rutte habe kein Mandat zu Territorialfragen. Unbeirrt bestand sie genau wie der grönländische Regierungschef Jens-Frederik Nielsen auf der „roten Linie“: „Nur das Königreich Dänemark und das mit ihm verbundene Grönland entscheiden darüber. Allein.“

Keine 48 Stunden später schrieb sie zum Gespräch beim britischen Kollegen Keir Starmer dankbar und frei nach den Beatles ins Gästebuch: „We are going to get by with a little help from our Friends.“ Starmer und danach in Brüssel auch sämtliche EU-Regierungsspitzen, einschließlich des Trump-Intimus Viktor Orbán, stellten sich hinter Dänemark und Grönland, verbunden mit der auch von Frederiksen immer wieder betonten Bereitschaft, den USA bei der militärischen Sicherung der Arktis maximal entgegenzukommen.

Dabei weiß sie ganz genau, dass noch so wohlabgewogene Bekundungen nicht das Geringste gegen den trumpschen Drang zu verrückt-aggressiven Posts auf „Truth“ helfen. Und schon gar nicht gegen die vielleicht in Washington längst grundsätzlich beschlossene Inbesitznahme der Arktisinsel als Verwirklichung von „Make America Great Again“ und als Hebel zur Beerdigung der Nato.

Grönland ist für Trump nur eine „riesige Eisfläche“. Sein Finanzminister Scott Bessent befand in Davos mal eben: „Dänemark ist irrelevant.“ Vorerst hat dieser Imperialisten-Ton Dänen und Grönländerinnen trotz tief sitzender Spannungen aus der Kolonialzeit schnell und fest zusammengeschweißt.

Leave a comment