Schweden nähert sich dem Beitritt zum Euro

Nach „Euro, nein danke“ – Trump treibt Schweden in die EU-Währung
14.01.25
Von: Thomas Borchert
Die Schweden lehnten die EU-Währung lange ab. Doch nun kippt die Stimmung wegen der geopolitischen Lage. Der Euro-Beitritt könnte schnell kommen.
Zwei Jahrzehnte nach dem „Euro, nein danke“ der schwedischen Bevölkerung mehren sich kräftig die Zeichen für ein „doch lieber ja, bitte“, und das eventuell im Expresstempo. Als Orakel recht behalten würde dann Ex-Regierungschef Göran Persson, der Mitte letzten Jahres vorhergesagt hatte, dass der Übergang zur EU-Währung ganz sicher kommt. Es könne als Folge einer internationalen Krise „schnell gehen oder vielleicht fünf Jahre dauern“, sei aber unter allen Umständen „unausweichlich“: „Wir gehen in den Euro, wenn wir sehen, dass die schwedische Krone in einer offenen, globalen Wirtschaft nicht funktioniert.“
Beim Euro-Referendum 2003, als sich Persson an der Spitze der damals sozialdemokratischen Regierung vornehm neutral zurückhielt, hatten 56 Prozent im größten Land Skandinaviens mit Nein und 42 Prozent mit Ja gestimmt. Wie radikal sich die Welt und das schwedische Selbstverständnis seitdem gewandelt haben, bekundete kurz vor dem Jahreswechsel der Nationalökonom Lars Calmfors als Herausgeber eines Kompendiums über die Vor- und Nachteile der Euro-Einführung. In derselben Rolle bei der Einführung der EU-Währungsunion Ende der 90er Jahre hatte seine klare Empfehlung gegen den Euro enormes Gewicht im öffentlichen Diskurs. Jetzt lautet sein Fazit wieder nüchtern, aber entgegengesetzt: „Die Vorteile sind größer als die Nachteile. Schweden sollte sich deshalb dem Euro anschließen.“
Schweden bald Euro-Land? Empfehlung „zu mehr politischem Zusammenhalt“
Bei Abwägungen über mehr oder weniger fiskal- sowie zinspolitische Unabhängigkeit, die Beteiligung an internationalen Krisenkosten und dergleichen überwiegen für den (emeritierten) Stockholmer Professor weiter die Nachteile beim Euro-Anschluss. Großes Aber: „Mein Hauptmotiv bei der Empfehlung für den Euro ist der Beitrag Schwedens zu mehr politischem Zusammenhalt Europas in einer immer bedrohlicheren geopolitischen Situation.“
Aus dem Wirtschaftslager haben sich praktisch nur Pro-Euro-Stimmen zu Wort gemeldet. Peter Magnus Nilsson, Chef des vom Industrieverband finanzierten Thinktanks Timbro, verweist auf die von der Trump-Administration betriebene „wirtschaftliche Destabilisierung als Grundvoraussetzung auch für Schweden“. Jetzt noch eine frei floatende nationale Währung zu haben, sei „international ungewöhnlich und hochriskant“, die heimische Krone ohnehin seit Jahren schwach und instabil. Der Euro dagegen habe mehrere Krisen stabil überstanden. Frei floatend bedeutet, dass der Wechselkurs durch Angebot und Nachfrage am Devisenmarkt bestimmt wird.
Die zehn Millionen Menschen in Schweden mit Weltunternehmen wie Volvo, Ikea und H&M erleben die neue Euro-Debatte in einer Phase tief sitzender Verunsicherung. Als wichtiger Grund für den jahrelangen Absturz des Kronenkurses (derzeit gerade gestoppt) gelten die Folgen des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine. Die fast chronisch schwache Konjunktur hat zu einer Jugendarbeitslosigkeit von 25 Prozent geführt. Ins Bild passt auch die trostlose Insolvenz des mit Vorschusslorbeeren gestarteten Autobatterie-Herstellers Northvolt.
Die EU würde Schwedens Euro-Beitritt begrüßen – Wahlen könnten Entscheidung bringen
Dass die EU einen Euro-Beitritt Schwedens einhellig und freudiger begrüßen würde als zum Jahreswechsel den bulgarischen, steht außer Frage. Weniger klar ist, wann, wie und von wem im Stockholmer Reichstag der Ruf nach dem Euro umgesetzt wird. Im September wird neu gewählt, bei Umfragen liegt die oppositionelle Sozialdemokratie haushoch vor Premier Ulf Kristerssons konservativer Partei. Die tritt schon lange ohne großes Wenn und Aber für den Wechsel zum Euro ein, hängt aber mit der Minderheitsregierung von den Stimmen der rechtsnationalistischen Schwedendemokraten ab, eingefleischten Euro-Gegnern.
Bedeckt hält sich die Sozialdemokratin Magdalena Andersson, die nach derzeitigem Stand beste Aussichten auf den Wahlsieg hat. Deshalb wohl auch setzt Peter Magnus Nilsson vom ganz und gar nicht sozialdemokratisch tickenden Wirtschafts-Thinktank Timbro auf die Karte Andersson beim erwünschten Eiltempo Richtung Euro: „Schweden ist unter sozialdemokratischer Führung in Krisen der EU und der Nato beigetreten. Genauso kann es mit dem Euro-Beitritt laufen.“ Damit würde Andersson zeigen, dass es „eine Zukunft und eine Welt gibt, die nicht abhängig ist von Trumps täglicher Stimmungslage.“