Wie eine Pippi Langstrumpf aus Heidelberg nach Stockholm ausgewandert ist

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Eine wilde Freundin für dunkle Tage

17.12.2025

Von: Thomas Borchert

Marie Walter liebt Pippi Langstrumpf – so sehr, dass sie mit 18 Jahren nach Schweden auswandert. Eine Begegnung zum 80. Geburtstag von Astrid Lindgrens Kinderheldin / Von Thomas Borchert

Die schmucken Kaufhaus-Schaufenster zu Pippis 80. Geburtstag sind Marie Walter wohl weniger wichtig. Umso überzeugter feiert die 24-Jährige aus Heidelberg im vorweihnachtlichen Stockholm die Kinderbuch-Heldin von Astrid Lindgren als Medizin für Einsame: „Mir hat Pippi Langstrumpf gegen die Einsamkeit geholfen. Außerdem weiß ich, dass ich extrem stur sein kann, und Pippi ist auch extrem stur, und trotzdem ist sie ja ein extrem netter Mensch.“

Klar, dass genau 80 Jahre nach Erscheinen des überall auf der Welt geliebten Kinderbuchs – Buchpremiere war am 26. November 1945 – die Lobeshymnen im Geburtsland kein Ende nehmen wollen. Auf Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf als Schutzpatronin berufen sich Schwedens starke Feministinnen genauso wie die immer stärkeren Rechtspopulisten. Die konservative Außenministerin Malmer Stenergaard ermahnte vor der UNO, auch gerade 80 geworden und immer schwächer, die politischen Spitzen der ganzen Welt, dem ausgeprägt antiautoritären Mädchen aus dem Norden nachzueifern: „Lassen Sie uns mit derselben Furchtlosigkeit und Entschlusskraft handeln wie Pippi.“

Das hat Marie Walter getan und legt Wert darauf, dass sie mit konservativen und rechtspopulistischen Pippi-Fans nichts am Hut hat. Mit 18 ist sie wegen ihrer lebenslangen Pippi-Begeisterung nach Schweden gezogen, ohne jemanden zu kennen, ohne Sprachkenntnis, dafür mit einem festen Willen. In Kindertagen hatte die deutsche TV-Serie mit Pippi tiefe Spuren hinterlassen: „Da hab ich gesagt, wenn ich groß bin, will ich in Pippis Land leben.“ Das sagen sicher viele Kinder und kommen dann irgendwann auf andere Gedanken. Marie blieb stur wie das Vorbild, was ihr zum Neuanfang vor allem eins einbrachte: das Gefühl von Einsamkeit.

Die Mutter ihrer Chefin nennt sie Pippi

Zur ersten Station wurde statt der Villa Kunterbunt mit den Spielgefährten Tommy und Annika ein, wie es nun mal ist in Schweden, düsterer Winter als Au-pair im tristen Stockholmer Vorort Nacka. In dieser Zeit, das wissen alle jemals von außen in Pippis Land Gelandeten, sind die Einheimischen noch verschlossener als sowieso schon: „Es war einfach extrem im Winter. Ich bin im Oktober hierhergekommen. Das ist ganz verkehrt, so sagt man.“ Marie erinnert sich an „ewig lange Spaziergänge allein durch Stockholm“: „Mein einziger Wunsch war eine Freundin, ein schwedischer Kontakt.“

Der kam zustande über den ersten Café-Job und die Managerin Lovisa dort mit dem perfekt passenden Nachnamen Lindgren. Was für ein Glück! Diese Lindgren aber erwies sich auch als typisch schwedisch reserviert: „Das erste halbe Jahr dachte ich, Lovisa findet mich nur nervig und mag mich nicht.“ Was tun? Marie sah sich wieder die Pippi-Serie an, jetzt schon in der Originalsprache, und stellte fest, dass die Hauptperson mit ihren neun Jahren ja auch mutterseelenallein gegen Einsamkeit zu kämpfen hat. Ihre Mutter ist tot, der Vater schippert auf fernen Meeren herum. Pippi hat ein Rezept, allein froh zu werden: Sie macht einfach, was sie will, und ist dabei offen und herzlich zu anderen. „Ich hab mir die ganze Zeit selbst zugeredet: Du bist Pippi und kannst machen, was du willst.“

Die Sturheit hatten wir schon. Sie half auch beim Schwedischlernen, weil Marie sich standhaft weigerte, einen einzigen Satz auf Englisch von sich zu geben. Sie half auch beim Durchhalten, bis die Café-Managerin aus heiterem Himmel zur Kellnerin aus Deutschland sagte: „Marie, ich mag dich so, willst du nicht bei mir einziehen?“ Dann tauchte als Co-Chefin im Café noch Lovisas Mutter mit dem Vornamen Annika auf und nannte Marie fortan Pippi. Weil sie doch genauso aussehe.

„Das war ein schöner Augenblick“, erinnert sich Marie und zerstreut vollkommen glaubhaft den Verdacht, dass sich hier jemand eine vorweihnachtlich kitschige Pippi-Geschichte ausgedacht hat: „Lovisa war dann nie zu Hause, ich war allein, und ich hab weiter ziemlich einsam gelebt mit dem Gefühl, dass die Schweden so viel cooler sind als ich.“ Sie habe sich dann einfach durchgebissen.

Die Liebe zu einem Schweden namens Kasper brachte dann, berichtet Marie auch wieder kitschfrei, jede Menge Pippi in ihr Leben. Es gab ein Date mit dem Besuch des Pippi-Musicals, Kasper schenkte ihr ein Pippi-Tattoo auf dem Arm zum Geburtstag. Beide wohnten zusammen, bis plötzlich Schluss war und Marie wieder „in einem trostlosen Studentenwohnheim“ fast von vorn anfangen musste. „Ich hab meinen Laptop aufgeklappt und mir Pippi-Filme angeschaut und gedacht: Ich schaff das, weil Pippi schafft es auch.“

Sie hat in Stockholm ihren Bachelor in Journalistik gemacht. Wenn Marie Walter jetzt für deutsche und schwedische Medien arbeitet, ist aus Schweden eher wenig Frohgemutes zu vermitteln. Künftig sollen auch 13-jährige Kinder ins Gefängnis gesteckt werden, weil Drogen-Banden sie immer häufiger für Mordaufträge einsetzen und die Politik mit Härte punkten will. Pippi selbst würde heute wohl für ihren Spott über die tollpatschigen Polizisten Kling und Klang im Knast landen. Seit dem Sommer ist die „Verunglimpfung“ der Polizei und anderer im Staatsdienst strafbar.

Das alles gehört auch zu Maries Satz: „Pippis Realität ist nicht die Realität Schwedens.“ Als Kompass hält die Kinderbuchheldin mit den Sommersprossen und dem roten Haar trotzdem: „Ihre größte Inspiration ist, dass man nicht cool sein muss. Man kann total nett sein und ganz viel Liebe an seine Mitmenschen geben und dabei trotzdem sein Ding machen.“ Pippi Langstrumpf und Astrid Lindgren sei Dank.

Marie Walter in Stockholm
Von Pippi hat Marie Walter eines gelernt: „Man kann nett sein und trotzdem sein Ding machen.“ © privat

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