Islands Frauen haben die politische Spitze jetzt komplett erobert

Island wagt mehr -dóttir
11.01.25
von Thomas Borchert
Frauen übernehmen immer mehr wichtige Posten in Politik, Wirtschaft und Forschung. Der Inselstaat Island rückt vom Patriarchat ab – aber auch nach rechts .
Alle Welt staunt über die rasante Eroberung der Staatsspitze durch Islands Frauen, aber die Hauptperson hält das für nicht der Rede wert. In ihrer Neujahrsansprache erwähnte die frisch ins Amt gekommene Regierungschefin Kristrún Frostadóttir mit keinem Wort, welchen Weltrekord ihre sozialdemokratische Allianz gerade mit zwei natürlich weiblich geführten Koalitionsparteien aufgestellt hatte. Sieben von elf Ministerposten und damit 63,6 Prozent sind von Frauen besetzt. Auch der Vorsitz im Parlament und kurz davor das Amt des Staatsoberhaupts sind von einem Isländer auf eine Isländerin übergegangen.
Die Gender-Perspektive tauchte in der TV-Rede überhaupt nicht auf. Stattdessen erklärte die 36-jährige Neue an der Spitze, wie ihre Regierung Inflation, hohe Zinsen, Wohnungsnot und die schlimmen Folgen der vielen Vulkanausbrüche in letzter Zeit angehen will. Sie kündigte eine Volksabstimmung über einen EU-Beitritt Islands an und erbat ziemlich populistisch „Sparideen“ für die Staatskasse aus der Bevölkerung.
Der Siegeszug der Frauen bot sich als Erfolgsgeschichte so unwiderstehlich an, dass heimische Medien den Spitznamen „Walküre-Regierung“ in ihre Schlagzeilen hievten und der TV-Sender RUV fragte: „Ist Island jetzt Frauenland?“ Auch außerhalb des Kabinetts gibt es Indizien – die Polizei sowie die Generalstaatsanwaltschaft, sechs von sieben isländischen Universitäten und die protestantische Staatskirche werden weiblich geführt.
Die Insel mit harten Klima mitten im Atlantik verfügt (als Nato-Mitglied) über kein eigenes Militär. Das immerhin erspart den männlichen Wikinger-Nachfahren die Demütigung, auf ihrem ureigensten Feld auch noch von den Frauen überholt zu werden. Ausgerechnet als Wächter über das Geld haben sie die Stellung gehalten. Die Nationalbank und zwei der drei größten Geldinstitute werden von Männern gelenkt, obwohl den Bankenkollaps 2008 männliche Zocker mit Kredit-Größenwahn dem Land eingebrockt hatten.
Unter den dafür 41 rechtskräftig Verurteilten sind neben 39 Männern mit der Endung „-son“ (Sohn) aber doch auch zwei Frauen mit „-dóttir“ (Tochter) im Nachnamen. Das erleichtert in Island die Gender-Zuordnung ohne Vornamen enorm und zeigt zugleich, dass noch Luft nach oben ist. Beim Sender RUV meinte auch die Gender-Forscherin Thorgerdur Einarsdóttir von der Uni Reykjavik: „Island ist weit davon entfernt, ein Land in der Hand der Frauen zu sein. Die Männer dominieren die Privatwirtschaft und das Kapital mit den Finanzeinrichtungen.“
Frauen sind hier schon lange unabhängiger
Dass es in der Politik und auch im öffentlichen Dienst so extrem anders läuft, ist nicht einfach vom meistens grauen Himmel gefallen. Eine gefühlte Ewigkeit schon sind die Frauen hier durch eigene Jobs unabhängiger als anderswo. Und selbstbewusster. Aus Protest gegen den Gender-Abstand bei Lohn und Gehalt organisierten Frauen 1975 den ersten landesweiten Streik. 2023 beteiligten sich mehr als 100 000 an einer Neuauflage, das war ein beträchtlicher Anteil der berufstätigen Frauen. Auch die damalige Regierungschefin Katrín Jakobsdóttir von den Links-Grünen blieb der Arbeit fern und schloss sich der Protest-Kundgebung vor dem Parlament „Althing“ an.
Ausgerechnet diese Politikerin, allseits geschätzt für die Führung Islands durch die Corona-Zeit, gehört jetzt zu den abgestürzten Opfern des jüngsten weiblichen Sturmlaufs. Nach sieben Jahren als Chefin einer Koalition mit zwei Rechtsparteien galt sie als klare Favoritin auf das Amt der Staatspräsidentin und verlor gegen die politische Quereinsteigerin Halla Tómasdóttir. Das Volk zog das Modell „erfolgreiche Geschäftsfrau“ der „Integrationsfrau von links“ vor.
Noch viel klarer eine Richtungswahl nach rechts wurde der Urnengang für das Althing ein paar Monate später. Im November sackten Jakobsdóttirs Links-Grüne von 12,5 auf jämmerliche 2,3 Prozent und flogen genauso aus dem Parlament wie die Piratenpartei, auch von einer Frau geführt (mit drei Prozent). Die Linke als Flügel wurde ausradiert. Als Siegerin (mit Verdoppelung auf 20,8 Prozent) tat sich die traditionell rechts ausgerichtete Sozialdemokratie mit der wirtschaftsliberalen Reformpartei und der zugleich stramm nationalistischen wie linkspopulistischen Volkspartei zusammen. Deren Chefin Inga Sæland führt jetzt das Sozial- und Wohnungsressort, Thorgerdur Gunnarsdóttir von der Reformpartei ist Außenministerin.
Das Frauentrio mit Frostadóttir an der Spitze steht also für einen Rechtsruck. Leicht seufzend konstatiert das auch die Journalistin Steinnunn Stefansdóttir und fügt hinzu: „Man kommt nicht drumherum, dass die drei eine positive, frohe Stimmung verbreiten.“ Wie sie einander herzten und in schwesterlicher Eintracht von schönen Stunden auch mit gemeinsamem Gesang bei ihren Koalitionsverhandlungen berichteten, das verbreite einfach Optimismus. Ähnlich kommentierte das im TV die Gender-Professorin Einarsdóttir: „Mit dem neuen Führungsstil wird mehr Demut vor der Macht demonstriert, weg von der patriarchalen Kraftrhetorik, die Islands Politik lange dominiert hat.“