Über Vivian Hesselholdts “Vivian”

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Vivian Maier als Romanfigur

Armes Kindermädchen, geniale Fotografin

Christina Hesselholdt erzählt die Geschichte der posthum berühmt gewordenen US-Straßenfotografin Vivian Maier als fiktive Biografie. Hesselholdts herausragende stilistische Gaben und ihre unbefangene Neugier machen “Vivian” zum Lesevergnügen.

Von Thomas Borchert

Berlin (dpa) – Die Vorlage zu diesem wilden literarischen Stoff ist bekannt: Als Vivian Maier 2009 arm und vereinsamt stirbt, hat sie 40 Jahre Arbeit als Kindermädchen hinter sich. Es folgt posthumer Ruhm als geniale Straßenfotografin von 150 000 zu Lebzeiten nie öffentlich gezeigten und größtenteils nicht mal entwickelten Bildern. Maier hatte auf Streifzügen unentwegt Fremde fotografiert. Filmrollen und Negative sammelte sie genauso besessen und achtlos zugleich wie alle ausgelesenen Zeitungen ihrer Brötchengeber. Nach der Zufallsentdeckung sind Vivian Maiers Fotoarbeiten heute in Ausstellungen, Büchern und zuhauf auch im Netz zu sehen.

Eine rätselhafte Frau, deren Lebensweg Christina Hesselholdt zu ihrem zweiten auf Deutsch erschienen Roman nach “Gefährten” (2018) animiert hat. Pflückte die Dänin hier für die sechsstimmig erzählte Beziehungsgeschichte zwischen sechs Freunden munter aus der eigenen Biografie und erfand munter dazu, wendet Hesselholdt in “Vivian” den Blick nach außen. “Wir öffnen den Mund und heraus kommen – wir selbst. Das ermüdete mich und trieb mich, zumindest für eine gewisse Zeit, in die Arme der stummen Fotografien”, lässt sie die Erzählerstimme ihr Interesse an diesem Stoff begründen.

Wie in den “Gefährten” erzählen wechselnde Stimmen in meist kurzen Abschnitten. Was der tatsächlichen Biografie entspricht und was Hesselholdt erfunden hat, bleibt ungeklärt. Neben der ausdrücklich als Erzähler (für Gender-Puristen: Es kann auch eine Erzählerin sein) ausgewiesenen Stimme und der Hauptperson selbst kommen die vom Kindermädchen eher lieblos betreute Ellen und deren Eltern zu Wort, später auch eine fotografische Lehrmeisterin aus jungen Jahren.

Vivian tritt am Ende mit dem Erzähler in einen respektlosen Dialog ein, nachdem er ihr in den Mund gelegt hat: “Mein Bruder ist ein Junkie, mein Vater ein gewalttätiger Säufer, meine Mutter ist stinkend faul und schnorrt sich bei anderen durch, wann immer sich die Gelegenheit bietet, und noch dazu können sie einander nicht ausstehen.” Die so Zitierte kommentiert unbeeindruckt: “Die Leute lieben Rätsel, das Unabgeschlossene und das Unerklärliche sind wahnsinnig anziehend.”

Hesselholdt (Jahrgang 1962) sieht das wohl auch so. Sie jongliert durch ihr Stimmen-Arrangement mit stilistisch herausragenden Schreibertalent und vermag vordergründig Alltägliches oder Widersprüchliches genau wie Ungeheuerliches entspannt, witzig und charmant, ohne Theaterdonner in originelle Sätze fassen. Mit Vergnügen liest man sie oft zweimal. Ursel Allenstein hat das wie schon bei den “Gefährten” elegant ins Deutsche gebracht.

Hesselholdt kombiniert Sprachwitz mit unbefangener Neugier für ihre Personen. Vivian Maier bleibt für sie mit abstoßenden Zügen wie dem Zwangsfüttern widerborstiger Kinder und pathologischen wie ihrer Sammelmanie eine konstant interessante Figur. Hat sie doch ohne jedes Interesse an Aufmerksamkeit oder das Lob anderer, die harten Währungen der Facebook-Welt, ein fantastisches Lebenswerk geschaffen. Dass Sex in ihren 83 Lebensjahren nicht vorkommt, kommentiert Vivian nüchtern: “Weil ich für immer unberührt sein werde, brauche ich meine Zeit nicht mit Nebensächlichkeiten wie Frisuren oder Kleidung zu verschwenden, ich bin hier um zu sehen.”

Am Ende bleibt das Gefühl, den Weg einer weiter Fremden verfolgt zu haben. Das mag auch der Preis sein für die hochgradig unterhaltsame, aber eben auch stark fragmentierte Erzählweise und viel Meta-Ironie oder -Selbstironie der Erzählerstimme. “Jeder, den man lange genug anstarrt, wird einem irgendwann befremdlich erscheinen”, befindet er gegen Ende, als es für Vivian ans Sterben geht.

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