Colum McCann hat sich viel vorgenommen mit “Apeirogon”

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Der Tod zweier Kinder im Nahen Osten

Lesedauer: 8 Min
Colem McCann: «Apeirogon»
Colem McCanns Roman „Der Tod zweier Kinder im Nahen Osten: Trauer als Kraftquelle“. (Foto: Rowohlt Verlag/dpa / DPA)

 

Deutsche Presse-Agentur
Thomas Borchert

Der gewaltsame Tod von Kindern durch Krieg, Bürgerkrieg oder Terror löst als Nachricht vielleicht kurz Betroffenheit aus, bis er bei der nächsten Nachricht auch schon wieder abgehakt ist. Colum McCann liefert mit „Apeirogon“ den über 600 Seiten unerträglich herzzerreißenden und zugleich aufmunternden Gegenentwurf, wenn er von zorniger Trauer des Palästinensers Bassam Aramin und des Israeli Rami Elhanan um ihre beiden ermordeten Töchter und dem daraus folgenden gemeinsamen Einsatz für Frieden und Versöhnung erzählt: „Die Arbeit wurde zu ihrem Hauptberuf: Den Leuten zu erzählen, was ihren Töchtern zugestoßen war.“

Der in New York lebende Ire, mit „Die große Welt“ (2009) über den Hochseilartisten Philippe Petit auch in Deutschland erfolgreich, hat, wie er es selbst ausdrückt, einen „Hybrid-Roman“ geschrieben. Fundament ist die reale, auch in Medien schon ausführlich geschilderte Geschichte vom brüderlich gemeinsamen Handeln der Väter als Reaktion auf den Tod der 13-jährigen Smadar Elhanan 1997 bei einem Selbstmordanschlag in Jerusalem und 2007 der 10-jährigen Abir Aramin durch eine israelische Polizei-Kugel in den Hinterkopf. Darüber legt McCann (mit dem Einverständnis der Väter) Erfundenes und dazu noch einen bunten Ring vordergründig gar nicht oder nur locker mit dieser Tragödie aus dem israelisch-palästinensischen Konflikt verbundener Geschichten.

Erzählt wird hier nicht chronologisch. Zweimal 500 Abschnitte, plus dem 1001. in der Mitte, manche nur einen Satz lang, hin und wieder ein kleines Foto, andere über mehrere Seiten, springen hin und her zwischen den ungleichen Lebensgeschichten der Väter, kommen immer und immer wieder zurück auf den Todestag der beiden Mädchen, und führen immer mal wieder locker assoziierend zu einer Abschweifung. Erzählt Bassam von einer Jugend im besetzten Palästina mit der Steinschleuder als von allen genutzter Waffe der Ohnmächtigen gegen die israelischen Besatzer, beschäftigt sich McCann eine Weile mit der Entwicklung der Steinschleuder in biblischer Zeit bis ins Mittelalter.

Oder die artenreiche Vogelwelt am Himmel über Israel und den besetzten Palästinensergebieten im Westjordanland wird munter und wiederholt vorgestellt, als Metapher für grenzenlose Freiheit, bis McCann auf einmal den 1996 gestorbene französische Präsident François Mitterrand als letzte Mahlzeit vor seinem Tod einen winzigen Singvogel komplett verspeisen und sagen lässt: „Das einzig Interessante ist, zu leben.“ Was den Präsidenten vorher nicht gehindert hat, wie McCann notiert, für den profitablen Verkauf französischer Panzerabwehrraketen nach Syrien zu sorgen, die vielen israelischen Soldaten im Libanon den Tod brachten.

Der Jude Rami und der Palästinenser Bassam sind sich einig, dass die brutale israelische Besatzung das politische Grundübel hinter all der endlosen und sinnlosen Gewalt ist. Ein ungleiches Paar: Bassam hat als Jugendlicher für den Wurf einer verrosteten Handgranate sieben Jahre in israelischer Haft gesessen, wo er dann viel las und begriff, dass es den Holocaust wirklich gegeben hat. Rami, Sohn eines Holocaust-Überlebenden aus Ungarn und verheiratet mit der schon lange vor ihm als linke Friedensaktivistin bekannten Nurit Peled, will eigentlich nur in Ruhe seine Reklamezeichnungen verkaufen, egal ob an Rechte oder Linke. Als zwei Wochen vor ihrem 14. Geburtstag seine und Nurits Tochter bei dem Selbstmordanschlag in Stücke gesprengt wird, will er dann eigentlich nur Rache an Palästinensern. Egal welche.

Bis ihn sein Sohn mitnimmt zu einem Forum für Hinterbliebene, wo er zum ersten Mal begreift, dass es auch trauernde palästinensische Eltern gibt. Bei den „Combatants for Peace“ lernt er den 19 Jahre älteren Bassam kennen. Als dessen Tochter Abir auf genauso schreckliche Weise ihr Leben verliert, sind beide schon Freunde und starten nun sofort ihren gemeinsamen Kreuzzug gegen das Abhaken. In Washington verpasst Bassam dem Senator John Kerry eine verbale Quittung für die US-Militärhilfe an die Besatzungsmacht Israel: „Ich bedaure, Ihnen das sagen zu müssen, Herr Senator, aber Sie haben meine Tochter umgebracht.“

McCann schildert den Weg der beiden nie von ihrer Trauer loskommenden, aber alles andere als darin erstarrenden Väter mit fantastischer Loyalität und großem Erzählergeschick. Noch überwältigender gelingt es ihm, die beiden ermordeten Mädchen für die Leser stets lebendig zu halten. Dass Smadar 1997 ihr Blondie-T-Shirt trägt und Sinead O’Connors Hit „Nothing Compares 2U“ vom Walkman hört, als die drei Jugendlichen Selbstmordattentäter sie, zwei weitere Mädchen, zwei Erwachsene und sich selbst umbringen, ist am Ende des Buches genauso gegenwärtig, beim Lesen unverändert schmerzhaft und nicht hinnehmbar wie am Anfang. Genau wie die Umstände des Todes von Abir 2007, als sie in der Schulpause ein Zuckerarmband am Kiosk gegenüber erstanden hat: Die Ambulanz mit dem schwer verletzten Kind erhält stundenlang von der israelischen Grenzpolizei keine Durchfahrtgenehmigung zum Krankenhaus.

Der Vater wird das Zuckerarmband noch Jahre bei sich tragen und jedes

Mal vorzeigen, wenn er zusammen mit Rami wieder einen Vortrag hält, immer in Sorge, die Wiederholungen könnten diese Trauerarbeit zu einem folgenlosen Ritual erstarren lassen. Bassam sagt: „Ich muss die Kraft meines Schmerzes einsetzen.“ Rami erklärt sich genauso: „Es ist einfach pure Trauer, und deren Macht ist atomar.“

Die Kraft des Schmerzes und der Trauer taucht als Sprachbild in leichten Abwandlungen ständig wieder auf. Zu oft und wie auch manch andere erstaunliche Wiederholungen von Zitaten eine Spur zu aufgetragen. Einige der immer elegant eingestreuten erzählerischen Exkursionen bleiben Zierrat. Als traue McCann seinen Lesern wenig zu. Dabei reicht die Wucht der von ihm so aufmerksam, detailliert und bei allem Schrecken wunderbar fesselnd erzählten Geschichten von Abir und Bassam Aramin und von Smadar und Rami Elhanan vollkommen gegen das schnelle Abhaken aus.

– Colum McCann, Apeirogon. Aus dem Englischen von Volker Oldenburg. Rowohlt, Hamburg, 595 Seiten, 25,00 Euro, ISBN 978-3-498-04533-3.

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